Stressbewältigung des Schiedsrichters im Sportspiel Handball


Examensarbeit, 2006
132 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Einleitung

3 Stress- ein universal interpretierbarer Begriff
3.1 Stress- Was ist das bzw. wie funktioniert das überhaupt?
3.1.1 Distress und Eustress
3.1.2 Stressoren
3.1.3 Antistressoren

4 Stressbewältigung- Coping
4.1 Transaktionale Stresstheorie nach Lazarus
4.1.1 Primäre Einschätzung und Neueinschätzung
4.1.2 Sekundäre Einschätzung
4.2 Bewältigungsstrategien
4.2.1 Informationssuche
4.2.2 Direkte Aktionen
4.2.3 Aktionshemmung
4.2.4 Intrapsychische Bewältigungsformen
4.2.5 Beeinflussende Faktoren der Bewältigungsformen
4.3 Fazit bezüglich Stress respektive Stressbewältigung

5 Körpersprache
5.1 „Haltung einnehmen“ (Körperausdruck)
5.2 „Nie aus den Augen verlieren“ (Blickkontakt)
5.3 „Der Ton macht die Musik“ (Stimme)
5.4 Fazit zur Körpersprache

6 Empirische Studie
6.1 Der Fragebogen: Herkunft und Separation
6.1.1 Der FragebogenBOSSS
6.1.2 Der FragebogenREKIF-BSR
6.1.3 Der FragebogenBewältigungstechniken (Teipel et. al)
6.2 Untersuchungsplan und Untersuchungsablauf
6.3 Probanden
6.4 Hypothesenäußerungen
6.4.1 Hypothesenkomplex 1 (Stressempfinden)
6.4.2 Hypothesenkomplex 2 (REKIF)
6.4.3 Hypothesenkomplex 3( REKIF und Stress)
6.5 Resultate zum Hypothesenkomplex 1 (Stressempfinden)
6.5.1 Top 5 der Stresssituationen (Kaderintern)
6.5.2 Emotionale Beanspruchung im Durchschnitt
6.5.3 Beanspruchungsgrad in verschiedenen Bereichen
6.6 Resultate zum Hypothesenkomplex 2 (REKIF)
6.6.1 REKIF bezüglich der Kaderzugehörigkeit
6.6.2 REKIF nach umstrittenen Foulpfiffen
6.6.3 REKIF nach „Gekreische“ der Zuschauer
6.6.4 REKIF nach schwierigen Foulpfiffen (Vergleich Kollege)
6.6.5 REKIF „strittige Entscheidungen“ – „Profi- Amateur“
6.7 Resultate zum Hypothesenkomplex 3 (REKIF und Stress)
6.7.1 REKIF und Stress in speziellen Spielsituationen
6.8 Bewältigungstechniken in spezifischen Situationen
6.8.1 „Profis“ und „Amateure“ im Vergleich
6.8.2 Vergleich in Bezug auf Höhe der Fachkompetenz
6.8.3 Fazit zu Bewältigungstechniken

7 Tipps für Nachwuchsschiedsrichter
7.1 „Die Pfeife als Instrument betrachten!“
7.2 „Richtige Zeichengebung hilft weiter!“
7.3 „Vertraue deinem Kollegen!“
7.4 „Ja wo laufen sie denn?“
7.4 Stressbewältigung und deren negativen Folgen

8 Zusammenfassung

9 Fazit

10 Literaturverzeichnis

11 Anhang
11.1 Fragebogen
11.2 Tabelle 1
11.3 Tabelle 2
11.4 Tabelle 3
11.5 Erklärung

1 Vorwort

Ein sinngemäßes Zitat eröffnet meine Examensarbeit, mit dem ich in meiner bisherigen Schiedsrichterlaufbahn schon desöfteren konfrontiert worden bin:

Wieso tust du dir das an? Hast du nicht genug Stress in deinem Privat- oder Berufsleben? Also ich könnte das nicht tun. Egal wie man entscheidet, es ist doch eh immer falsch, oder etwa nicht? Andauernd diesem Druck ausgeliefert sein, bei fast jedem Pfiff ein Aufschrei, sei es von einem Spieler respektive Trainer oder von den Zuschauern. Da muss man doch schon gute Nerven haben und einiges aushalten können, oder?

Solche Fragen bzw. Aussagen bekomme ich, speziell als junger Schiedsrichter[1], fast jedes Wochenende zu hören. Viele Zuschauer, aber auch Spieler und Trainer, können es teilweise nicht verstehen, dass es ein paar handballverrückte (im positiven Sinne) Menschen gibt, welche gerne auf freiwilliger Basis in die Rolle des neutralen Spielleiters in diesem soziologischen System schlüpfen. Zu meinen Lieblingsstandardantworten gehören mittlerweile schon solche Floskeln wie: „Einer muss es ja machen.“, „Man kann es ja nicht immer jedem recht machen.“ oder „Die Schuld muss einer übernehmen, dafür sind dann wir zuständig.“. Als Schiedsrichter lernt man sehr schnell, was es heißt, im „Brennpunkt“ des Interesses zu stehen. Spieler können noch so viele „Freie“ verwerfen, unnötige Fouls oder sonstige technische Fehler begehen, die Schuld wird größtenteils während, sogar teilweise nach dem Spiel, dem Schiedsrichter zugewiesen. Im Fernsehen werden strittige oder falsche Entscheidungen zwei oder drei Mal wiederholt, aber jeder Fehlwurf oder Fehlpass nicht. Solche technischen Maßnahmen sind wahrhaftig keine Unterstützung für den Spielleiter. Ein Spieler meinte mal nach dem Spiel im Foyer zu mir:

„Ihr ward absolut nicht Schuld an unserer Niederlage, aber es ist doch immer leichter, den Schuldigen außerhalb der eigenen Reihen zu suchen und ausfindig zu machen. Wenn mich jemand nachher fragen sollte, weshalb wir verloren haben, dann ist es doch schon fast selbstverständlich, dass ich sage, die Schiris waren Schuld. Da brauche ich nicht zu erklären, dass wir zigmal verworfen haben oder etliche Fehler begangen haben und diese detailliert aufführen. Ein simpler Satz und die Sache ist erledigt. Und während des Spiels geht man eh lieber auf die Schiedsrichter los, als auf seine eigenen Mitspieler, das ist doch auch logisch. Aber nach dem Spiel ist meist alles wieder vergessen, oder?“.

Ich möchte nicht behaupten, dass alle Spieler so denken oder handeln, aber die Schuld bei den Unparteiischen suchen ist nun mal der trivialste Ausweg. Es vergeht fast kein Wochenende, an dem Spieler, Trainer oder Zuschauer ihren Unmut über die Schiedsrichter kundtun. Wie oft muss man sich (selbstverständlich auch desöfteren zu Recht, denn auch Schiedsrichter machen Fehler, wir sind ja keine Maschinen mit digitalisierten Augen oder sonstigen technischen Sensoren bzw. Rezeptoren) noch in der Kabine von Mannschaftsverantwortlichen „die ein oder andere strittige Szene“ anhören? Pure Ausführung der Regelkenntnis ist noch nicht einmal die „halbe Miete“, die einen guten vom schlechten Schiedsrichter unterscheidet, es sind mehrere Faktoren (Abb.1), welche die „Spreu vom Weizen trennen“. Seit ich die „Seiten gewechselt“ habe (vom Spieler zum Schiedsrichter), frage ich mich immer wieder, wie denn meine Schiedsrichterkollegen, speziell Nachwuchs- und Bundesligaschiedsrichter (hierbei explizit die Differenz der Stressbeurteilung und –bewältigung), solche Stresssituationen meistern. Ich habe mich erst mit 20 Jahren entschieden, den Spielleiterposten zu übernehmen, daher kann ich nicht beurteilen, was Stress für einen Neulingsschiedsrichter im Teenageralter ist. Wie erfährt dieser Stress? Was ist überhaupt Stress für einen (jungen, unerfahrenen bzw. älteren, erfahrenen) Schiedsrichter? Wie geht ein Nachwuchsschiedsrichter respektive höherklassiger Schiedsrichter mit stressigen Situationen um? Existieren hierfür etwaige „Stressbewältigungsstrategien“? Welche Stress-bewältigungsmöglichkeiten bzw. sogar Stresspräventions-möglichkeiten kann man jungen Unparteiischen vermitteln? Welche Tipps sind die relevanten Ingredienzien, um aus einem hoffnungsvollen Nachwuchs-schiedsrichter, einen potentiellen bundesligatauglichen Teamschiedsrichter zu formen?

Gewiss waren es nicht nur solche Fragen, welche mich zu diesem Thema für meine Examensarbeit geführt hatten, sondern auch meine eigene Entwicklung als „Pfeife“. Zwischenzeitlich schätze ich Situationen völlig anders ein, wie ich dies noch vor 3 bis 4 Jahren getan hatte, und definiere meine Prioritäten bezüglich Stressbewältigung vollkommen neu. Ein aus meiner Perspektive zudem entscheidender Aspekt der Stressbewältigung findet sich in der Mimik und Gestik des Schiedsrichters wieder. Souveränes Repräsentieren (Regeltechnik und Zeichengebung), freundliches, aber doch bestimmtes Auftreten (Vertreter und Vollstrecker des Regelwerkes) und ein „guter Draht“ zu Spielern und Trainern (soziales „Fingerspitzengefühl“) sind Faktoren, die gute von schlechten Schiedsrichtern differenzieren. In einer Stresssituation die richtige Körpersprache ins Spiel integrieren, kann dem Unparteiischen helfen, Stress zu bewältigen, wenn nicht sogar präventiven Wert aufweisen. Welch große Relevanz die Körpersprache beim Kontakt mit anderen haben und wie man sie zielgerecht einsetzen kann, möchte ich deshalb am Rande dieser Examensarbeit erwähnen. Zugegebenermaßen ist eine Assoziation von Körpersprache und Stress (ohne experimentell-wissenschaftlich fundierten Beleg), projiziert auf die Stresspräventionsebene und Stressbewältigungsebene des Schiedsrichters im Sportspiel Handball, eine sehr schwammige Sache, aber durch diese Ratschläge erhoffe ich mir eine –auch wenn manch Experte dies als eventuell sehr provokante und utopische Art explizieren möchte- sinnvolle Konfrontation der Nachwuchsschiedsrichter mit diesem so bemerkenswerten Hilfsmittel.

Die Menschen fangen erst mit Fehlern an, bevor sie sich bessern können (chinesisches Sprichwort). Diese chinesische Erkenntnis sollte für jeden Nachwuchsschiedsrichter Validität aufweisen, denn durch Fehlentscheidungen, die meistens unmittelbar zu Stress führen, werden unsere Jungschiedsrichter lernen und ihre Lehren ziehen. Stress vor, während und nach dem Spiel bewältigen, wird dann auch für diese junge Elite keine allzu große Aufgabe mehr präsentieren und aufgrund dieser Stressbewältigungsressourcen, können sie ihre Konzentration auf die wesentlichen Dinge des Handballspiels richten.

Falls jedoch ein (oder auch mal mehrere) Fauxpas nach dieser Lehrzeit den Unparteiischen unterlaufen sollte, bitte ich jeden Spieler, Trainer oder Zuschauer zu bedenken, dass die „Männer in schwarz“ nicht einfach ausgewechselt werden können, wie dies bei Spielern der Fall ist. Die neutralen Spielleiter müssen den 60- minütigen „Dauerstress“ bewältigen und können nicht einfach die Spielfläche verlassen, um von der Ersatzbank das weitere Spiel zu verfolgen!

Bevor ich nun zum einleitenden Teil meiner Examensarbeit komme, möchte ich noch an dieser Stelle ein paar dankende Worte an die Menschen richten, welche mich in meinem Wirken unterstützt und gefördert haben:

Anfangen möchte ich mit Herrn Prof. Dr. Steiner, dem Betreuer dieser Examensarbeit, meinem Schiedsrichterkollegen Steffen Ziegler, welcher mir bei der Eingabe der Fragebögen geholfen hat, Melanie Krebs, die mehrere Stunde für meine „SPSS- Hilflosigkeit“ opferte, meinem Bruder Stefan Schwarzwälder und meinem Kommilitonen Manuel Holler, die als Korrekturleser fungierten, dem Philippka- Sportverlag in Person von Frau Christiane Späte, sowie meinen befragten Schiedsrichterkollegen, ohne die diese empirische Examensarbeit nie zustande gekommen wäre, da kein Datenmaterial zur Verfügung gestanden hätte.

Vielen, vielen recht herzlichen Dank!

Karlsruhe, im Frühjahr 2006 Tobias Schwarzwälder

2 Einleitung

Das 21. Jahrhundert, ein Jahrtausend der (noch kommenden?) Superlative. Die Entwicklung in allen Bereichen, sei es Biologie, Ökogeologie, Chemie, Physik, Technologie, u.v.m. ist noch lange nicht an seinem Stagnationspunkt angelangt. Die Menschheit will immer weiter forschen, erkunden, entdecken und wissen. Jedes noch so kleine Molekül muss im wahrsten Sinne des Wortes obduziert werden. Es werden immer wieder neue Projekte ins Leben gerufen, immer wieder neue technische „Wunder“ (aktuelles Beispiel: Chipball oder Torkamera für die Fußball- WM 2006 in Deutschland) entdeckt und entwickelt, die dem Menschen das Leben erleichtern sollen und zugleich dies auch größtenteils realisieren. Jedoch muss auch die Frage gestattet sein, ob diese technischen „Hilfen“ auch wahrhaftig diese Bezeichnung verdient haben, denn „es ist nicht alles Gold, was glänzt“, wie wir sicherlich alle von einem populären Sprichwort wissen.

Sie, liebe Leserinnen und Leser, fragen sich bestimmt, und das an dieser Stelle noch zu Recht, was ich mit diesem einleitenden Abschnitt erreichen möchte und wo denn überhaupt Kongruenz zu dem Titel dieser Examensarbeit existieren sollte. Aber wenn sie mal hinterfragen, wem die Technologisierung im Spitzensport beispielsweise Vorteile erbracht und wer eher Nachteile erlangt hat, dann werden auch sie den Bogen, welchen ich hiermit zum Thema „Stressbewältigung des Schiedsrichters im Sportspiel Handball“ versuche zu spannen, erkennen.

In Anbetracht dessen, dass diese technologische Evolution (Zig-Kameras und Kameraperspektiven) den deutschen Handball wieder für Medien (siehe DSF), Zuschauer (siehe Zuschauerrekorde, Bsp. Köln Arena und Arena auf Schalke, cirka 31.000 Zuschauer) und Sponsoren (siehe Sponsoreninteresse) attraktiver machte, sind die Gewinner dieser Technologisierung ad hoc ausgemacht. Dennoch profitieren nicht alle Beteiligten an dieser Entwicklung. Das Sportspiel Handball hat eine so positiv-rapide Entwicklung in den letzten 10 Jahren erfahren, dass die Sportspielleiter hierdurch immer mehr unter Druck geraten. Jede strittige Situation- wer hochklassigen Handball schon gesehen hat oder selber spielt weiß, dass in der Bundesliga fast 50-60% der Situationen schwer zu entscheiden sind- kann und wird auch im Fernsehen desöfteren aus differenzierten Kameraperspektiven, in slowmotion, usw. wiederholt. Die selbsternannten Experten (Bob Hanning u.a.) ziehen dann ein Fazit, nachdem sie diese Situation 2-3-mal in der Wiederholung gesehen haben, und können folgerichtig entscheiden. Diese Auswahlkriterien hat ein Schiedsrichter nicht. Beispielsweise beim Bundesligaspitzenspiel TBV Lemgo gegen den THW Kiel in der Arena auf Schalke, konnten die Zuschauer sogar noch die Aktionen als Wiederholung auf einer riesigen Anzeigetafel betrachten. Die Konsequenzen für die Unparteiischen aufgrund dieser Technikmodernisierung sind, wie es Neß und Brand (2005, S.2) konsequent bescheinigen, folgende:

- nicht der Schiedsrichter hat die beste Perspektive, sondern die Zuschauer
- hieraus resultiert, dass jeder eventuelle Fehlentscheidungen sehen und zensieren kann
- der Zuschauer wird die Unparteiischen noch mehr unter die Lupe nehmen und auf weitere (Fehl-)Entscheidungen warten und diesen kritisieren

Erwartungsgemäß werden die Zuschauer ihren Unmut durch Pfiffe, Beleidigungen und Drohungen kundtun. Spieler und Trainer werden lamentieren und sich beschweren, egal ob eine Entscheidung richtig oder falsch getroffen wurde. Und nun sind wir an dem Punkt angelangt, über den diese Examensarbeit handelt, ermittelt und Hilfeleistung erbringen möchte, denn Schiedsrichter werden aufgrund der Technisierung und der ihnen entgegenkommenden Aggressionen „puren Stress“ erfahren. Aber nicht nur diese externen Stressoren sind es, die vom Spielgeschehen ablenken, sondern auch interne Faktoren (beispielsweise Gedanken über entschiedene Situationen machen), welche die Konzentration auf andere Bereiche lenkt, daher steht im Fokus des Interesses die Bewältigung solcher Stresssituationen.

Jedoch ist der Begriff Stress so multilateral definier- und interpretierbar, da jeder Mensch Stress anders empfindet und hierauf reagiert. Gleichermaßen findet diese subjektive Stressbewertung respektive –bewältigung bei Schiedsrichtern statt. Ein junger Nachwuchsschiedsrichter, ohne jegliche Erfahrung, beurteilt Stresssituationen voraussichtlich vollkommen anders, wie dies ein erfahrener und höherklassiger Schiedsrichter zensiert. Zweifelsohne spielen hierbei mehrere Faktoren eine relevante Rolle, wie z.B. demographische Daten, Stressbewältigungsstrategien, Kaderzugehörigkeit oder einfach nur der Erfahrungsschatz. Und genau an diesem Punkt möchte ich meine Examensarbeit ansetzen. Inwiefern existieren Differenzen bezüglich des Stressempfindens und der Häufigkeit vergangenheitsbezogener interferierender Kognitionen bei Schiedsrichtern? Welche signifikanten Faktoren sind die Basis für eine gute Stressbewältigung? Gibt es spezielle Stressbewältigungsstrategien, die reliabel sind? Wie bewältigen Schiedsrichter (von Kreisklasse bis Bundesliga) Stress vor, während und nach dem Spiel? Kann man Rückschlüsse ziehen, und wenn ja, wie kann man diese in Verbindung mit der Förderung der Nachwuchsschiedsrichter setzen?

Bevor ich jedoch meine Hypothesen verifizieren bzw. falsifizieren kann, möchte ich dieser Examensarbeit noch einen kleinen theoretischen Teil vorschalten, indem der Stressbegriff, die transaktionale Stresstheorie, Stressbewältigung und Körpersprache (Mimik, Gestik und Körperhaltung) ihren Platz Inne haben.

In Kapitel 3 eruiere ich explizit den Begriff Stress, denn dieser alltäglich benutze Begriff hat eine so gigantische- ich möchte schon fast sagen Tortur- Entwicklung erfahren, dass es verschiedene Definitionen von Stress respektive Belastung gibt, sodass man „vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen kann“. Im allgemeinen Sprachgebrauch weiß zwar der Ottonormalverbraucher, was mit Stress und seinen Konsequenzen gemeint ist, jedoch wissen viele nicht, dass es außer dem negativen Distress, ebenso den positiven Eustress gibt. Daher erscheint es mir plausibel, diese beiden Begrifflichkeiten zu definieren und zu interpretieren. Stressoren, und deren Antagonisten, die Antistressoren, werden ebenso erörtert, da diese Reize letztendlich der Kern allen Übels sind.

Kapitel 4 trägt den Titel Stressbewältigung respektive Coping. Es behandelt die Frage, weshalb trotz der gleichen belastenden Widrigkeiten in vergleichbaren Situationen, Menschen auf Influenzfaktoren so differenziert reagieren, dass die Frage gestellt werden muss, welche Aspekte in der Stressbewältigung involviert sind. Zudem wird darauf hingewiesen, dass mit dem Begriff Stressbewältigung nicht unmittelbar eine Stressreduzierung impliziert wird, da in der psychologischen Forschung Bewältigung mit Begrifflichkeiten, wie beispielsweise Toleranz, substituiert werden kann (siehe Abbildung 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 (Nitsch, 1981, S.107)

Im folgenden Unterkapitel wird die Stresstheorie nach Lazarus (transaktionale Stresstheorie) eruiert, da diese essentiell für den weiteren Verlauf ist. Hier findet die Unterteilung in primäre, sekundäre Einschätzung und Neueinschätzung statt. Anschließend werden Stressbewältigungsstrategien definiert und interpretiert, da diese bei der Einordnung und Kategorisierung der einzelnen Bewältigungsakte helfen. Zu guter Letzt findet eine Behandlung der Bewältigungsformen statt, sowie ein kurzer Verweis auf einflussnehmende Faktoren dieser Copingstrategien.

Das fünfte Kapitel beschäftigt sich explizit mit der Körpersprache. Diese nonverbale Art der Kommunikation beinhaltet Mimik, Gestik, Stimme und Körperhaltung. Ich habe diese Form der Menschenkenntnis in meine Examensarbeit integriert, da für Schiedsrichter eine harmonisch- fungierende Körpersprache präventive Wirkung offenbart, und ihre getroffenen Entscheidungen zudem „visuell“ untermalen, vermag. Zugleich kann auch der Spielleiter bei Fehlentscheidungen „ruhig und souverän wirken, ganz gleich, wie sehr er innerlich in Panik ist.“ (Hartley, 2005, S.21).

Kapitel 6 stellt den empirischen Teil dieser Examensarbeit dar. Im ersten Unterkapitel wird der Fragebogen vorgestellt, seine Herkunft und Separation erläutert. Die Sequenz wird durch den Untersuchungsplan und Untersuchungsablauf fortgeführt. Anschließend werden die Daten bezüglich der Probanden analysiert. Das vierte Unterkapitel präsentiert die Hypothesenkomplexe. Die Unterkapitel fünf, sechs und sieben verifizieren bzw. falsifizieren die einzelnen Hypothesen. Das letzte Unterkapitel zeigt eine deskriptive Analyse der Bewältigungstechniken.

Das siebte Kapitel dient als kleine Nachschlagfibel für Nachwuchsschiedsrichter. Hier werden nützliche Tipps vorgestellt, die das Schiedsen simplifizieren sollen. Das erste Unterkapitel beschäftigt sich mit der „Pfeife als Instrument“. Diese soll als Hilfsmittel angesehen werden und ihre Einsatzmöglichkeiten offenbaren. In den folgenden drei Kapiteln werden weitere essentielle Ratschläge erteilt, durch die eine stressfreiere Spielleiterrolle eingenommen werden kann. Das vierte Unterkapitel beschäftigt sich mit den negativen Aspekten der Stressbewältigung, die entstehen können, wenn zu lange aufgabenirrelevante Kognitionen ablaufen.

In Kapitel 8 wird ein Resümee, das sich auf die ganze Examensarbeit bezieht, gezogen. Das neunte Kapitel dient als Fazit und Schlusswort, hier wird noch einmal kurz Stellung bezogen.

3 Stress- ein universal interpretierbarer Begriff

Stress, wer kennt das/ ihn nicht? Jeden hat er bestimmt schon mal heimgesucht und schier zur Verzweiflung gebracht. Egal welches Geschlecht, Alter oder Berufsgruppe, Stress ist omnipräsent. Sogar schon Kinder hört man sagen, dass sie Stress hatten oder ein stressiger Tag mal wieder hinter ihnen liegt. Es ist schon fast erschreckend mit welcher Arglist dieser Begriff in unserer Gesellschaft sesshaft wurde. Allerdings muss man hier schon beginnen zu differenzieren, denn wir sprechen zwar alle von Stress, und denken auch, dass wir damit dasselbe meinen, doch weit gefehlt. Bekanntermaßen existieren mehrere Definitionen und Interpretationen dieses so vielseitig zu verwendenden Begriffes. Denn Stress impliziert für den Großteil der Menschen eine Art Überforderung, doch auch der Antagonist, die Unterforderung, bedeutet für uns Stress. Unterforderung hemmt die Konzentration, nimmt die Aufmerksamkeit auf das Relevante, lässt den „Schlendrian einkehren“. Ein freundlicheres Synonym für Unterforderung kann auch Routine lauten. Dieser Begriff mag zwar anfangs positiv klingen, denn Routine bedeutet im allgemeinen Sprachgebrauch „fehlerfrei“ oder „Ablauf ohne Komplikationen“, doch hier gilt es anzusetzen. Die Folgen von Routine sind, dass keine Herausforderungen mehr existieren und „die routiniert verrichtete Anforderung eigentlich gar keine wäre, und Langeweile, Monotonie und sogar Sättigung“ (Eberspächer, 1998, S.25) sich einstellen. In Bezug auf die positive Beleuchtung des Begriffs Routine muss folgende Information essentiell erwähnt werden: Routine/ Erfahrung lässt die Menschen Belastungen ökonomischer bewältigen, denn der Erfahrungsschatz bzw. „individuelle Bewältigungsstil“ (vgl. Scherer, 1985, S.14) ermöglicht dem Individuum in stressreichen Situationen spezielle Bewältigungsstrategien anzuwenden, aufgrund derer ein stabiles Stressbewältigungskonstrukt konzipiert wird.

Anhand eines simplen Beispieles möchte ich versuchen zu repräsentieren, wie komplex und subjektiv doch dieses Wort Stress und dessen Bewältigung eingesetzt und empfunden werden kann.

Spieler A von Mannschaft blau attackiert Spieler B von Mannschaft rot nicht regelkonform bei einer klaren Torgelegenheit. Die Minimalkonsequenz müsste ein Siebenmeter sein, bei richtiger Bewertung sogar noch eine progressive Bestrafung, doch Schiedsrichter Mustermann ist völlig perplex und ahndet dieses Foulspiel nicht. Die Spieler, Trainer und Zuschauer der Mannschaft rot „brüllen und pfeifen“. Diese Reaktionen scheinen ihm jedoch nichts auszumachen. Er bleibt ruhig und gelassen. Andere Schiedsrichter würden in dieser Situation Stress erleben (Adrenalinanstieg, Schweißausbrüche, vermindertes Selbstvertrauen, Unsicherheit in den nächsten Aktionen). Den Unparteiischen bleiben nach Brand (2002) ad hoc nun folgende vier Bewältigungsstrategien, die aus Abbildung 2 ersichtlich werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 (Der Handball- Schiedsrichter, 2005 (5), S.8)

Ich hoffe, durch das oben erwähnte plakative Beispiel, meine Intension insofern realisiert zu haben, damit der Leser dieser Examensarbeit registrieren konnte, dass einerseits verschiedene Beurteilungstypen bezüglich des Stresses existieren und andererseits zugleich mehrere unterschiedliche Bewältigungsstrategien dominieren.

Zudem sieht die psychologische Stressforschung in der Entstehung von Stress diesubjektive Wahrnehmung und Bewertung(Ausführlicheres in Kapitel 4) der Person- Umwelt- Konstellation als relevante Basis an (Lazarus, 1966). Vorab möchte ich an dieser Stelle eine kleine „Stress- Ablauf- Beschreibung“ geben, deren essentielle Ingredienzien in den nachfolgenden Kapiteln näher eruiert werden. Zur visuellen Unterlegung bzw. Hilfestellung betrachte man Abbildung 3.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 (Nitsch, 1981, S.89)

Die Grundlage der psychologischen Stressforschung bildet der Ablauf vonStressreiz- Stress- Stressreaktion- Stressfolgen. DieStressreaktionmodifiziert denStresszustand. Die daraus resultierendenStressfolgen(sekundäre Person- und Umweltveränderungen) wiederum können sich zu neuenStressreizenentwickeln. Die intervenierenden subjektiven Bewertungsprozesse beeinflussen entscheidend den Übergang von Station zu Station der Stresssequenz. Die Wertigkeit eines stressauslösenden Reizes hängt von den Interpretationsmustern des Subjekts ab, sprich von Subjektivität und Bewertung. Ein diskussions- oder kommentierwilliger Trainer mag auf Schiedsrichter A belastend wirken, aber auf Schiedsrichter B unweigerlich keinen Stressanstieg verzeichnen. Oder eine ausverkaufte Halle kann bei manchen Unparteiischen eine Stresssituation auslösen, bei anderen Spielleitern dagegen fast ein „Flowerlebnis“ bzw. einen Konzentrationsanstieg und Freude über diese Atmosphäre erzeugen. Anhand dieser Beispiele möchte ich verdeutlichen, dass objektiv gleiche Reize zu individuell differenzierten Stresszuständen führen können. Stressreaktionen werden ebenso psychisch vermittelt, d.h., dass die Schwere oder die Dauer der Belastung das anschließende Handeln revolutioniert. Die Stressfolgen sind abhängig von der subjektiven Einschätzung des Effekts der jeweiligen Reaktion (vgl. Nitsch, 1981, S.88). Die subjektiven Bewertungsprozesse dienen jedoch nicht nur als Vermittler im System der Stresssequenz, sondern haben auch mögliche Konditionen, welche die temporären Abfolgestrukturen annullieren können. Dies kann einerseits anhand von gedanklichen Antizipationen zukünftiger Ereignisse passieren, andererseits durch die Vergegenwärtigung vergangener Erlebnisse ermöglicht werden. Daraus resultieren Beurteilungen der Stressreize mit Antizipationen darauf folgender Stresszuständen. Diese wiederum sind abhängig von den vorweggenommenen Optionen ihrer Bewältigung, und in Bezug auf die Auswahl- und Bewertungsmöglichkeiten von Stressreaktionen, sind Antizipationen ihrer eventuellen Konsequenzen integriert. Doch die Prägnanz der „Psycho- Logik“ wird aufgrund eines weiteren Umstandes noch extremer, denn Stress kann erlebt werden und hierdurch eine entsprechende Reaktion folgen, ohne dass ein konkreter Stressreiz überhaupt auftrat. Schon die Registrierung eines Ankündigungssignals, welches mit dem eigentlichen Stressor assoziiert wird, kann antizipatorischen Stress und dessen Folgeerscheinungen bewirken (vgl. Nitsch, 1981, S.90). Folgend ein Beispiel, das diesen „verlagerten Stress“ verdeutlichen soll.

Der Trainer von Mannschaft A beschwert sich stetig über Entscheidungen der Schiedsrichter. Doch bei der soeben abgelaufenen Situation kritisiert er nur das Abwehrverhalten seiner Spielerin, nicht die Unparteiischen. Da Schiedsrichter A allerdings diesen „Aufschrei“ des Trainers mit Kritik an seiner Person assoziiert (Konsequenz: Stress), wie es ansonsten der Fall war, bestraft er ihn progressiv, obwohl Trainer A keine Beanstandung an der getroffenen Entscheidung der Spielleiter zu bemängeln hatte.

Im nachfolgenden Unterkapitel werde ich zuallererst Stress explizit definieren, sowie den positiven (genannt Eustress) und negativen (genannt Distress) Stressbegriff eruieren. Anschließend erfolgt noch die Erläuterung von Stressoren.

3.1 Stress- Was ist das bzw. wie funktioniert das überhaupt?

Es existieren etliche Definitionen, sei es biologischer, sozialer, physikalischer oder psychologischer Art, nur um einige hier aufzulisten. Allerdings besteht eine „Urdefinition“ von Stress, die auf den Physiologen und „Vater der Stressforschung“ Hans Selye zurückzuführen ist. „Das Wort Stress in meinem Sinne bezeichnet die Summe aller unspezifischen Wirkungen von Faktoren […], die den Körper beeinflussen können.“ (Selye, 1957, S.57) bzw. die populärere Definition, die fast jeder Wissenschaftler zitiert, lautet: „Stress ist die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Anforderung, die an ihn gestellt wird.“ (Selye, 1983). Beim Taxieren seiner Stressorwirkung ist es irrelevant, ob die auf das Subjekt beeinflussende Situation, in der es sich befindet, als angenehm oder unangenehm empfunden wird. Die Relevanz besteht lediglich in der Intensität der Forderung nach einer Umstellung oder Adaptation. Bevor Selye jedoch den Stressbegriff definierte, sortierte er zuerst die irreführenden Diagnosen aus (vgl. Lüder, 1998, S. 120).

Um dieses diffizile Stressgebiet nicht vollkommen erläutern zu müssen, werde ich hier aus Simplifikations- und Zeitgründen nur drei von den neun „Stress- Nicht- Definitionen“ in meiner Arbeit integrieren.

Diese drei ausgewählten, irreführenden Feststellungen sind nach Selye (1957, S.70f.):

- Stress ist nicht nur nervöse Anspannung, denn Stressreaktionen können auch bei Tieren auftreten, welche überhaupt kein Nervensystem besitzen
- Stress ist nicht nur das unspezifische Resultat einer Schädigung, denn ein passionierter Kuss kann ebenso Stress erzeugen, allerdings ohne Schaden anzurichten
- Nicht Stress ruft eine Alarmreaktion hervor, sondern der Stressor ist der ausschlaggebende Aspekt

Aufgrund der verschiedenen Forschungsgebiete (Medizin, Physik, Psychologie, Biologie, u.v.m.) resultieren, trotz dieser Eingrenzung des Stressbegriffs von Selye (biologische Perspektive), Definitionsprobleme, wie ich oben schon erwähnt hatte. Hierfür verantwortlich ist der Ansatzpunkt der Stressdefinition, welcher von Wissenschaft zu Wissenschaft unterschiedlicher nicht sein könnte. Jedoch existiert in allgemeinster Sicht eine Basis in Bezug auf Stress, denn diese assoziiert die Adaptation von Lebewesen an ihre jeweilige Umwelt.

Streß ist mit Situationen verbunden, in denen sich ein Anpassungsproblem stellt, man also einen erreichten, aber gefährdeten Anpassungszustand verteidigen, sich an neue oder veränderte Umweltgegebenheiten anpassen, gegen Widerstände sein eigenes Leben gestalten muß.

(Nitsch, 1981, S.40)

Auch mit diesem Zitat ist leider noch nicht wirklich geklärt, was speziell an diesem Adaptationsgeschehen und der hierin integrierten Organismus- Umwelt- Beziehung (Abb.4) als Stress zu titulieren sei.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 (Nitsch, 1981, S.41)

Die über Jahrzehnte andauernde Stressforschung hat diesbezüglich mannigfache Akzente gesetzt. Die primäre Abgrenzung der Definitionsansätze resultiert aus einer Vierteilung der Akzentuierung:

a) Einwirkungen aus der Umwelt (Stress als Reizvariable)
b) bestimmtgeartetes Organismus- Umwelt- Verhältnis (Stress als Beziehungsphänomen)
c) darauf bezogene organismische Antwortverhalten (Stress als Reaktionsvariable)
d) zwischen Reizen und Reaktionen vermittelnden Prozesse (Stress als intervenierende Variable)

(vgl. Nitsch, 1981, S.41.)

Neben diesen vier Definitionen, welche reiz-, beziehungs-, reaktions- und zustandsorientiert sind, lassen sich noch weitere Definitionsansätze danach spezifizieren, ob Stress nur extreme und negative (schädigende) Reize/ Beziehungen/ Reaktionen/ Zustände tituliert oder noch weiter gefasst werden kann. Denn ein altes Sprichwort besagt „Wer rastet, der rostet“. Hiermit ist gemeint, dass Stress auch eine positive Komponente beinhaltet. Ein gewisses Maß an Stress ist lebensnotwendig, fördert die Weiterentwicklung und ist für Bestleistungen unerlässlich. Denn Stress ist positiv, jedoch nicht im Übermaße. Die beiden diesbezüglichen Fachbegriffe (Eustress und Distress) werde ich im folgenden Unterkapitel näher erläutern.

Eine dritte Differenzierung der Definitionsansätze leitet sich von der so genannten Analyseebene ab, auf welcher Stress privilegiert erforscht wird. Es handelt sich um den Betrachtungsschwerpunkt, der entweder auf dem Organismus, der Persönlichkeit oder dem sozialen System liegt. Je nachdem, welche Perspektive in Betracht gezogen wird, subsumiert man den Stressbegriff biologisch, psychologisch oder sozialpsychologisch-soziologisch (Abb.5). Mit diesem Stressbegriffstrias sind auch schon die wesentlichen Entwicklungslinien der Stressforschung analysiert (vgl. Nitsch, 1981, S.49f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 (Nitsch, 1981, S.53)

3.1.1 Distress und Eustress

Distress und Eustress sind die beiden Bezeichnungen für die negative und positive Auswirkung von Stress.

Der negative Stress hat seine Vorsilbe aus dem Griechischen erhalten, denn 'dys' bedeutet schlecht, fehlerhaft. Distress heißt im übertragenen Sinne quälen oder foltern und lässt somit zugleich auf einen schädlichen und prinzipiell unangenehmen Stress schließen. Distress ist ein mehr oder minder subjektives Gefühl, denn der Mensch selbst entscheidet, ob und wie er auf diesen reagiert. Hier existieren Automatismen, die abhängig von Wohlbefinden, Erziehung, Umwelt und genetischen Merkmalen sind. Aufgrund dessen kann nicht allein nach der objektiven Stärke eines Stressors (nähere Definition im folgenden Unterkapitel) zwischen Distress und Eustress differenziert werden, denn positiver bzw. negativer Stress ist lediglich durch die Konsequenzen zu unterteilen. Falls diese negativer Art sind und somit gesundheitsgefährdend, spricht man von Distress (vgl. Lüder, 1998, S.34).

Der positive Stress hat seine Vorsilbe ebenso aus dem Griechischen erhalten, denn 'eu' bedeutet gut. Schon Hans Selye machte die Feststellung, dass ein gewisses Maß an Stress die Würze des Lebens sei. Eustress hilft dem Menschen, er spornt ihn an, hilft ihm dabei Befriedigung und Selbstzufriedenheit zu erreichen. Die positive Reaktion auf Stressoren, eine Art Aufputschmittel, das mit der Erwartung von Erfolg und steigendem Selbstbewusstsein zusammenhängt, sowie Freude und Begeisterung auslöst, wird dem Eustress zugeschrieben. Nicht nur zuviel Distress, auch zu wenig Eustress, kann zu Schädigungen führen (Abb.6), denn „Die absolute Abwesenheit von Stress bedeutet Tod“ (Selye) (vgl. Lüder, 1998, S.42).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 (Lüder, 1998, S.43)

3.1.2 Stressoren

Bisher habe ich sie, liebe Leserinnen und Leser, beim Begriff Stressor immer vertrösten müssen und versprochen, dass dieser Begriff irgendwann mal näher eruiert wird, und nun ist es endlich soweit.

Mit Stressoren sind Reize bzw. Belastungen gemeint, welche für Stress im Körper verantwortlich sind. Hierin involviert ist all das, was auf den Organismus Einwirkungen vorweist, sei es äußere Belastung oder ein von innen eintreffender Reiz (durch Imagination). Stressoren sind nicht nur negative Reize, sondern auch positive Resultate (z.B. Freude). Es findet eine Differenzierung in äußere und innere Stressoren statt. Mit äußeren Stressoren sind die Faktoren gemeint, die von außen auf uns einwirken können, wie z.B. Raumklima oder eine schwierige soziale Umwelt. Mit inneren Stressoren sind funktionale Einschränkungen, wie z.B. Behinderung oder Krankheit, gemeint. Die Stärke der Einwirkung eines Stressors, sowie seine Wirkung, ist abhängig von:

- Intensität und Art (vom Stressor selbst also)
- persönlichen Konstellationen (Anlagen, Stressempfindlichkeit)
- subjektiven Beurteilung

Menschen können größte Belastungen/ Stress ertragen, sofern sie diese mit Freude ertragen (Eustress). Wenn sie diese auch noch als Herausforderung betrachten und meistern bzw. ihr ganzes „Herzblut“ opfern und währenddessen in einen tranceähnlichen Zustand geraten, nennt man das im Fachjargon „Flowerlebnis“ (nachCsikszentmihalyi). Stehen dagegen Widerwillen und Abneigung bezüglich der Aufgabe im Vordergrund, führt selbst eine objektiv geringere Belastung sehr rapide zu einer Überbeanspruchung (Distress).

Stressoren, die von außen auf den Organismus wirken, können in 4 Bereiche gegliedert werden:

- physisch
- psychisch
- mental
- sozial

Stressoren, die von innen auf den Organismus einwirken, nennt man endogene Stressoren. Der Übergang ist meist fließend, eine geistige (mentale) Belastung wird häufig als psychischer Stressor wirksam. Die Konsequenz ist, dass von psycho-mentalen oder psycho-sozialen Stressoren die Rede ist (vgl. Lüder, 1998, S.127). In dieser Stressorengruppe sind u.a. Über- und Unterforderung, Entscheidungszwang, Angst, fehlende soziale Unterstützung oder soziale Isolierung integriert.

3.1.3 Antistressoren

Mit der Einführung von Antistressoren (vgl. Vester, 1976) öffnete sich eine relevante Möglichkeit der Stresskontrolle. Zu ihnen kann man alle Influenzen zählen, welche positive Erfahrungen oder Erwartungen als Resultat aufweisen und folglich ein entsprechendes positives Selbst- und Umweltmodell konzipieren bzw. stabilisieren. Das Erleben von Freundschaft und sozialer Anerkennung befindet sich auf derselben Ebene wie die Vermittlung der Überzeugung, dass die erbrachten Mühen, welche das Subjekt auf sich genommen hatte und die Opfer, die eventuell erbracht wurden, „über die Bewältigung der konkreten Anforderungen hinaus einen übergeordneten persönlichen und sozialen Sinn besitzen.“ (Nitsch, 1981, S.566).

In Bezug auf soziale Anerkennung kann man als Beispiel aufführen, dass nach dem Spiel die Spieler und Trainer den beiden Unparteiischen die Hand schütteln und lobend deren Leistung anerkennen. Diese kleine Geste präsentiert folgerichtig den Respekt gegenüber den Spielleitern, die zwar die Rolle des „Regelpolizist“ einnahmen, aber dennoch als humanes Individuum zu schätzen gelten. Ihre erbrachte Leistung hat somit zu einem gelungenen Spiel beigetragen und den persönlichen Sinn und Zweck vollends verifiziert.

4 Stressbewältigung- Coping

Bis hierher habe ich hoffentlich eine („stressfreie“) gute Basis in Bezug auf Stress kreiert, die für die Leserinnen und Leser nun komplementiert werden soll. Der Virus Stress bzw. eher seine Stressoren müssen schließlich bekämpft respektive bewältigt werden. Aber wie oder wer die Stressoren bezwingt, das wurde bis jetzt noch nicht präsentiert.

Trotz der gleichen „stressigen“ Widrigkeiten in vergleichbaren Situationen, reagieren Menschen auf Influenzfaktoren so differenziert, dass die Frage gestellt werden muss, welche Aspekte in der Stressbewältigung involviert sind. Die subjektive Bewertung und seine Bewältigungsformen spielen in diesem Genre die alles entscheidende Rolle, denn Stress ist „das Ergebnis dessen, wie eine Person ihre Beziehung zu ihrer Umwelt bewertet oder konstruiert.“ (Lazarus, 1995, S.201). Welche Stressbewältigungsstrategien und -formen existieren? Liegen unterschiedliche Bewertungsformen vor? Inwiefern kann man diese kategorisieren? Diese Fragen und deren Antworten stehen im kommenden Kapitel im Fokus des Interesses.

Zuallererst müssen aber auch in diesem Kapitel wieder einige Begrifflichkeiten definiert und interpretiert werden, da diese teilweise revolutioniert wurden bzw. ansonsten die Option des Missverstehens bestünde.

Es erscheint mir, aufgrund der existierenden differenzierten Stresstheorien und –modelle, äußerst relevant zu sein, die wohl populärste und nuancierteste Stresstheorie (nach Lazarus, 1966) kurz vorzustellen, da diese elementar für den weiteren Verlauf dieses Kapitels ist.

Danach respektive währenddessen werden Begrifflichkeiten, wie Bewältigungsstrategie, Bewältigungsform, Bewältigungsprozess, u.e.m. eruiert, die zum Verständnis der Stressbewältigung und als Assoziationsglied zur empirischen Studie fungieren sollen.

Abschließend sei noch zu erwähnen, dass im allgemeinen Sprachgebrauch die Begrifflichkeitbewältigensynonym für „meistern“ oder „etwas bezwingen“ verwendet wird, im psychologischen Sprachgebrauch jedoch nicht unbedingt eine „Bekämpfung“ der Situation impliziert wird, dabewältigenauch „sich mit etwas abfinden“ oder „es ertragen“ tituliert werden kann. Experten bzw. Psychologen benutzen auch synonym für Stressbewältigung das Wortcopingund definieren diesen Begriff wie folgt: „Constantly changing cognitive and behavioral efforts to manage specific external and/or internal demands that are appraised as taxing or exceeding the resources of the person.“ (Lazarus& Folkman, 1984, S.141). Diese Art derBewältigunggilt es nun aufzuzeigen.

[...]


[1]Synonym hierfür werden auch die Begriffe Spielleiter, Unparteiischer oder „Mann in schwarz“ verwendet. Zudem sind mit diesen Begriffen immer beide Schiedsrichter gemeint, da das Handballspiel im Team geleitet wird. Aus Gründen der simpleren Lesbarkeit wird nachfolgend im Allgemeinen nur die maskuline Form gewählt.

Ende der Leseprobe aus 132 Seiten

Details

Titel
Stressbewältigung des Schiedsrichters im Sportspiel Handball
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Sport und Sportwissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
132
Katalognummer
V53802
ISBN (eBook)
9783638491488
ISBN (Buch)
9783638000185
Dateigröße
2055 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Stressbewältigung des Schiedsrichters im Sportspiel Handball. Eine empirische Arbeit, die anfangs hermeneutische Aspekte integriert hat und Tipps und Tricks für Handballschiedsrichter beinhaltet. Zudem wurde eine Assoziation zur Körpersprache kreiert.
Schlagworte
Stressbewältigung, Schiedsrichters, Sportspiel, Handball
Arbeit zitieren
Tobias Schwarzwälder (Autor), 2006, Stressbewältigung des Schiedsrichters im Sportspiel Handball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53802

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