Verliert ein sozial isolierter Mensch das Bewusstsein für seine eigene Existenz? Diese Frage stellt sich auch Marlen Haushofer in ihrem wohl bekanntesten Roman "Die Wand" (1963). Nach erstmaligen Lesen scheint sich dies nicht eindeutig bestätigen zu lassen, denn bis Ende des Romans, nach zweieinhalb Jahren im abgeschotteten, nicht sozialisierten und menschenleeren Raum, existiert und schreibt Haushofers Protagonistin immer noch. Dies führt zu der Frage, was geschieht denn dann mit der Ich-Erzählerin, abgekapselt von jeglicher zwischenmenschlicher Kommunikation? Bleibt sie unverändert, wandelt sich ihr Wesen oder löst sich ihr Existenzbewusstsein möglicherweise doch zunehmend auf? Die vorliegende Arbeit will sowohl den Prozess der Identitätsauflösung als auch die Entwicklung einer potenziellen Identitätserneuerung auf verschiedenen Ebenen untersuchen. Als Leitfaden der Untersuchung sollen folgende Forschungsfragen dienen: Gelingt es der Ich-Erzählerin, in der neuen Welt eine neue und stabile Identität auszubilden? Welche Faktoren tragen zum Gelingen oder Misslingen einer positiven Entwicklung bei?
Um diese Frage angemessen beantworten zu können, wird zunächst die Rezeptionsgeschichte des Romans aufgegriffen. Als theoretische Grundlage dient ein kurzer Umriss des zeitgenössischen Identitätsbegriffs sowie Lotmans strukturalistisch-semiotisches Raummodell, das in aller Kürze skizziert wird. Mit Rückblick auf diese theoretische Basis wird zunächst der Prozess der Identitätsauflösung untersucht. Im Anschluss wird gezeigt, welche identitätsstiftenden Begebenheiten die Handlung begleiten und somit eine gänzliche Auflösung des Ichs verhindern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rezeptionsgeschichte
3. Identität, Raum und Ereignis
4. Die Wand als Identitätsexperiment
4.1 Identitätsauflösung
4.1.1 Die psychische Veränderung
4.1.2 Die physische Veränderung
4.2 Identitätserneuerung
4.2.1 Familiäre Fürsorge
4.2.2 Die Funktion des Schreibens
4.2.3 Die Bedeutung der Zeit
4.2.4 Die Bedeutung des Raumes
5. Fazit: Die Jagdhütte als Brücke zwischen Natur und Kultur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Marlen Haushofers Roman Die Wand unter dem Aspekt des Identitätsexperiments in einer extremen Isolationssituation. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob es der Ich-Erzählerin in der neuen, von der Zivilisation abgeschotteten Welt gelingt, eine neue und stabile Identität auszubilden, und welche Faktoren dabei für das Gelingen oder Misslingen der Entwicklung entscheidend sind.
- Analyse der Identitätsauflösung durch den Verlust gesellschaftlicher Bezüge.
- Untersuchung von Identitätserneuerungsprozessen im isolierten Raum.
- Raumsemiotische Betrachtung nach Lotman (Innen- vs. Außenraum).
- Die Rolle der Fürsorge, des Schreibens und der Zeitwahrnehmung für das Ich.
- Die Jagdhütte als symbolische Brücke zwischen Natur und Kultur.
Auszug aus dem Buch
Die Funktion des Schreibens
Das Schreiben nimmt in dem Roman eine entscheidende Rolle ein, denn der gesamte Roman fußt auf dem schriftlichen Bericht seiner Protagonistin. Insgesamt bezieht sie sich auf eine erzählte Zeit von zwei Jahren in Isolation, die sie rückblickend aus der Erinnerung und mithilfe von Kalendernotizen verfasst. Der Roman basiert demnach nicht auf Handlungen und Dialogen, sondern auf Monologen und Reflexionen.
An verschiedenen Stellen weist die Protagonistin darauf hin, dass sie einen Bericht anfertigt – eine Textsorte, die sich durch Objektivität und Exaktheit auszeichnet. Das trifft allerdings nur in Teilen auf das Geschriebene zu, denn immer wieder schweift ihr Bericht ab, die Verfasserin kommentiert und stellt selbst fest: „Mit diesen Ängsten muss ich Tag und Nacht leben; auch wenn ich mich dagegen wehre, fließen sie immer wieder störend in meinen Bericht.“ An anderer Stelle schreibt sie: „Das gehört eigentlich nicht in meinen Bericht. Es läßt sich eben nicht vermeiden, daß ich manchmal nachdenke über Dinge, die für mich gar nicht von Bedeutung sind.“ Neben diesen reflektierenden Kommentaren fallen außerdem Vor- und Rückgriffe auf Histoire-Ebene auf, sodass beispielsweise der Tod des Hundes Luchs und damit auch das katastrophale Ende des Romans bereits sehr früh angedeutet wird: „Seit Luchs Tod ist“.
Der Ursprung ihres Berichts liegt genau darin: dem Tod von Luchs und Stier – einem Ereignis, das in ihrer neugeschaffenen Welt eine Unordnung geschaffen hat, die es zu sortieren gilt. Die Protagonistin versucht das Geschehene zu verstehen und zu verarbeiten:
Ich verstehe nicht, was geschehen war. Noch heute frage ich mich, warum der fremde Mann Stier und Luchs getötet hat. […] Ich möchte wissen, warum der fremde Mann meine Tiere getötet hat. Ich werde es nie erfahren, und vielleicht ist es auch besser so.
Als im November der Winter hereinbrach, beschloss ich diesen Bericht zu schreiben. Es war ein letzter Versuch.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Endzeitthematik des Romans und Definition der Forschungsfragen hinsichtlich der Identitätsentwicklung der Protagonistin.
2. Rezeptionsgeschichte: Einordnung des Werkes in den literaturwissenschaftlichen Kontext, inklusive zivilisationskritischer Ansätze und Vergleiche mit der Robinsonade.
3. Identität, Raum und Ereignis: Theoretische Grundlegung durch Identitätskonzepte nach Mead sowie Raumtheorien und Ereignissemantik nach Lotman.
4. Die Wand als Identitätsexperiment: Analyse der Transformation der Ich-Erzählerin, unterteilt in die Phasen der Auflösung ihrer alten Identität und der Erneuerung durch neue Lebensbedingungen.
5. Fazit: Die Jagdhütte als Brücke zwischen Natur und Kultur: Zusammenfassung der Ergebnisse und Beantwortung der Forschungsfrage, wonach das Schreiben und die Verantwortung für die Tiere zur Identitätsstabilisierung beitragen.
Schlüsselwörter
Identität, Marlen Haushofer, Die Wand, Isolation, Endzeitexperiment, Raumsemiotik, Robinsonade, Identitätsauflösung, Identitätserneuerung, Ich-Erzählerin, Zivilisationskritik, Natur-Kultur-Dualismus, Schreiben, Weiblichkeit, Fürsorge
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert Marlen Haushofers Roman Die Wand als ein psychologisches und räumliches Experiment, bei dem eine Frau durch eine unsichtbare Barriere von der Zivilisation abgeschnitten wird und sich in der Isolation neu definieren muss.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Hauptthemen sind die Dekonstruktion von Identität unter extremen Bedingungen, die Bedeutung von Raum und Zeit für die menschliche Wahrnehmung sowie das Verhältnis von Natur und Kultur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist zu ergründen, ob die Ich-Erzählerin trotz der Isolation in der Lage ist, eine stabile neue Identität zu entwickeln, und welche Faktoren (wie z. B. die Fürsorge für Tiere) ihr dabei helfen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die vor allem auf das strukturalistisch-semiotische Raummodell von Jurij M. Lotman und identitätstheoretische Ansätze von George Herbert Mead zurückgreift.
Was steht im Hauptteil der Untersuchung im Fokus?
Der Hauptteil gliedert sich in die Prozesse der Identitätsauflösung (psychisch/physisch) und der Identitätserneuerung, wobei insbesondere die Kategorien „familiäre Fürsorge“, „Schreiben“, „Zeit“ und „Raum“ untersucht werden.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Identitätswandel, Isolation, Autarkie, Raumkonstellation und das Spannungsfeld zwischen der alten bürgerlichen Welt und der neuen, naturgegebenen Existenz.
Warum spielt das Schreiben für die Protagonistin eine so wichtige Rolle?
Das Schreiben dient der Protagonistin als „selbstverordnete Therapie“. Es hilft ihr, Ordnung in ihrer isolierten Welt zu stiften, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten und ihr Ich durch die Reflexion gegen die drohende Entmenschlichung zu bewahren.
Welche Rolle nimmt die Jagdhütte im Kontext der Arbeit ein?
Die Jagdhütte fungiert als zentraler Handlungsort und symbolische Brücke zwischen der bürgerlichen Vergangenheit und der ungezähmten Natur, an dem die Protagonistin ihr neues, stabiles Selbstbild festigen kann.
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- Sophie Hohmann (Author), 2019, Identität zwischen Kultur und Natur. Marlen Haushofers "Die Wand" als Endzeitexperiment, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538138