Qualitatives und quantitatives Interview in der Sozialforschung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen der qualitativen und quantitativen Sozialforschung
2.1 Theoretische Grundlagen der qualitativen Methoden
2.2 Theoretische Grundlagen der quantitativen Methoden
2.3 Qualitative versus quantitative Sozialforschung?

3 Das Interview
3.1 Interview als soziale Situation
3.1.1 Besonderheiten der Kommunikation in einer Interviewsituation
3.1.2 Rollenbeziehungen in einer Interviewsituation
3.1.3 Fehlerquellen des Interviewers
3.2 Formen der Interviewführung
3.2.1 Besonderheiten des qualitativen Interviews
3.2.2 Besonderheiten des quantitativen Interviews

4 Auswertung und Vergleichbarkeit der Daten

5 Schlussfolgerung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Wissenschaften zeichnen sich durch ihr spezifisch methodisches Vorgehen aus, das ein wissenschaftliches Handeln von einem nicht wissenschaftlichen Handeln deutlich unterscheidet. Dementsprechend entwickelten sich in der sozial-wissenschaftlichen Praxis Methoden, die gesellschaftliches Geschehen in seinem Ablauf erklären und verstehen sollten. Aber eine Forschungswissenschaft als ein einheitliches und unbestrittenes System der Erkenntnis gibt es zur Zeit nicht. Vielmehr existieren höchst unterschiedliche Richtungen wie analytisch-nomologische, hermeneutisch-dialektische oder dialektisch-materialistische Schulen. Dazu ist eine Aussage von T.W.Adorno ganz passend formuliert:

"Die unter dem Namen Soziologie als akademische Disziplin zusammengefaßten Verfahrungs-weisen sind mit einander verbunden nur in einem höchst abstrakten Sinn: dadurch, daß sie allesamt in irgendeiner Weise Gesellschaftliches behandeln. Weder aber ist ihr Gegenstand einheitlich noch ihre Methode. Manche gelten der gesellschaftlichen Totalität und ihren Bewegungsgesetzen, andere, in pointiertem Gegensatz dazu, einzelnen sozialen Phänomenen, welche auf einen Begriff der Gesellschaft zu beziehen als spekulativ verfemt wird".[1]

Weitgehend haben sich in der sozialwissenschaftlichen Praxis zwei Richtungen der Sozialforschung entwickelt: die quantitative Forschung, die man üblicherweise mit analytisch-nomologischer Wissenschaft gleichsetzt, und die qualitative Forschung von interpretativem Wissenschaftsparadigma. Die quantitativ-empiriche Forschung bemüht sich im wesentlichen durch eine Fragestellung ein komplexes System von Hypothesen auszuarbeiten, die bei der Überprüfung widerlegt oder bestätigt werden sollen. Die Merkmale dieser Untersuchung sollen möglich quantitativ (numerisch) aufgefaßt und dann statistisch ausgewertet werden. Bei der qualitativ-empirischen Forschung geht es nicht um die Ermittlung von kausalen Zusammenhängen oder des Mittelwertes, sondern eher um die Beschreibung von Weltsicht und Erfahrungen der Handelnden.

In den Sozialwissenschaften führte man über längere Zeit kontroverse Diskussionen über die "richtigen" Forschungsmethoden. Daher waren am Anfang die qualitativen Ansätze in der Erziehungswissenschaft "durch eine Konfrontationshaltung zu den quantitativen Methoden bestimmt".[2] Heutzutage gibt es eine zunehmende Tendenz beide Richtungen nicht mehr als Gegensätze zu betrachten, sondern eher von einer "guten" oder einer "schlechten" Forschung zu sprechen.

Trotz allen Annäherungsprozessen weisen die beiden Konzepte wesentliche Unter-schiede auf. Anhand der diversen Interviewtechniken, die sich auf qualitativen und quantitativen Methoden orientieren, werden weiterhin in dieser Arbeit die Unterschiede aber auch die Gemeinsamkeiten näher erläutert.

Um die Besonderheiten des qualitativen und quantitativen Interviews besser zu verstehen, werden in der Arbeit zunächst die theoretischen Grundlagen beider Richtungen dargestellt.

2 Theoretischen Grundlagen der qualitativen und quantitativen Sozialforschung

2.1 Theoretische Grundlagen der qualitativen Methoden

Die qualitative Sozialforschung versteht sich als eine Alternative und/oder eine Ergänzung zu quantitativen Methoden. Im wesentlichen hat sie sich damit begnügt, die Einzelfälle geschichtlichen Geschehens zu analysieren und sie miteinander zu vergleichen. Das qualitative Konzept wird teils als geschichtliches und kulturelles Model, teils unmittelbar interaktiv gefaßt und ist sich keineswegs bezüglich des Erkenntnisziels wissenschaftlicher Methoden einig. Sie fungiert als Sammelbegriff, in dem sich oft unterschiedliche Grundlagen theoretischer Positionen und Verfahren der empirischen Forschung zueinander zuordnen lassen. Dazu gehören unter anderen die Ethnomethodologie, Ansätze der Kritischen Theorie, Symbolischer Interaktionismus usw.

Die Vertreter einer "interaktionistischen" oder "interpretativen" Sozialwissenschaft (Symbolischer Interaktionismus) gehen davon aus, daß der Mensch nicht nur in einer natürlichen, sondern zugleich in einer symbolisch vermittelten bzw. sinnhaft struk-turierten Umwelt lebt. Die Menschen handeln aufgrund von Bedeutungen, die ausschließlich in sozialen Interaktionen und nur in aktiven Auseinandersetzungen mit den Dingen des Handels entstehen. Das heißt, jede Person interpretiert die soziale Wirklichkeit aufgrund des vorhandenen Wissens aus ihrer eigenen Perspektive und dementsprechend reagiert. Die soziale Realität wird durch Interaktion der Akteure ständig neu geschaffen und definiert. Daher werden die subjektiven Deutungen für entscheidend gehalten und somit muß der Forscher auch die subjektiven Deutungen der sozialen Tatbestände durch die Akteure erfassen, um die erhobenen Daten verstehen zu können.[3]

Einer der zentralen Prinzipien der qualitativen Forschung ist das Prinzip der Offenheit des Forschungsprozesses. Es besagt, daß der Forscher möglich wenig Vorentscheidungen zu dem untersuchenden Thema treffen darf. Denn während des Arbeitsprozesses können neue Aspekte auftauchen, die den Forschungsablauf, die angewendete Methode oder sogar die Forschungsfrage umstrukturieren können. Die Vorannahmen über den Untersuchungsgegenstand aber auch die Forschungs-ergebnisse sollen nur vorläufigen Charakter haben, da die soziale Umwelt im ständigen Wandel begriffen ist.

Der qualitativen Forschung geht es nicht um die kausale Erklärung gesell-schaftlicher Zusammenhänge, sondern mehr um das Verstehen und Beschreiben der "wirklichen" Welt. Bei der Datenauswertung ist es entscheidend den subjektiven Sinn des Handelnden nachvollziehen zu können, und es anhand der Typologien und Modelle systematisch zu erfassen.

Von Seiten der Kritiker wird darauf hingewiesen, daß qualitative Methoden und forschungsverfahren nicht genügend gültige und vergleichbare Ergebnisse hervorbringen. Das seien lediglich Studien von Einzelfällen, aus denen keine generalisierten Aussagen geworden werden könnten, und die Ergebnisse der Studie repräsentieren unkontrollierbare und subjektive Deutungen des Forschers unkontrollierbare und subjektive Deutungen des Forschers. Diese Annahme wird

dadurch argumentiert, daß das Sammeln von Daten in der qualitativen Forschung sehr ähnlich einer Alltagssituation ist. Dabei wird außer Acht gelassen, daß diese Studien jedoch viel arbeitsaufwendiger sind.[4]

2.2 Theoretische Grundlagen der quantitativen Methoden

Für den Ansatz einer standardisiert-quantitativen empirischen Sozialforschung gilt in der Theorie des "Kritischen Rationalismus" ausformulierte Variante der Forschungs-logik als die vorherrschende Leitmethodologie. Die Hauptvertreter dieses Ansatzes sind K. R. Popper und in Deutschland H. Albert.

Die quantitative Sozialforschung versteht sich als analytisch-nomologische bzw. deduktiv-nomologische Wissenschaft. Ihre Anhänger gehen von einer strukturierten und regelhaften Welt aus. Dementsprechend sollte man am Anfang der Forschung generelle Vermutungen (Hypothesen) über die Gesetzmäßigkeiten der tatsächlichen Welt aufstellen und sie weiter durch eine empirische Vorgehensweise kritisch überprüfen. Der "analytisch-nomologische" Charakter solcher Aussagen besteht im idealen Falle darin, daß sie in ihrem Geltungsanspruch weder räumlich noch zeitlich relativiert sein sollten und weisen ihre rein logischen Struktur auf.[5]

Karl Popper unterscheidet in seiner Erkenntnistheorie zwei Grundprobleme, die sich einerseits als Induktions- und anderseits als Abgrenzungsproblem folgendermaßen formulieren lassen:

Als Induktionsproblem bezeichnet er die Frage nach allgemeinen Sätzen der empirischen Wissenschaft: ob die Wirklichkeitsaussagen, die sich auf Erfahrung gründen, allgemeingültig sein können, wie z. B. die Naturgesetze. Daher sollten die Methoden der Naturwissenschaft als Vorbild genommen werden. Beobachten kann man aber nur bestimmte Einzelvorgänge und immer nur eine beschränkte Anzahl von ihnen. Daher kann man immer nur singuläre Sätze durch Beobachtung unmittelbar überprüfen. Das Problem bei den nomologischen Aussagen besteht jedoch darin, daß nur bei einer einzigen konträren Beobachtung die ganze Theorie /Hypothese zurückgewiesen sein soll. Anderseits gibt es solche nomologischen Gesetze für die Sozialwissenschaften derzeit nicht. So wurde ein Ersatz dafür gefunden, in dem man zunächst Aussagen mittlerer Reichweite (Aussagen mit eingeschränkten Randbedingungen) formuliert. Nach den Forderungen des Kritischen Rationalismus soll die Wissenschaft aber die Gewinnung von den Aussagen, die Geltung unabhängig von Zeit und Raum beanspruchen, anstreben.

Unter Abgrenzungsproblem versteht man die Frage: Wie kann man entscheiden, ob es sich um einen wissenschaftlichen Satz oder nur um eine metaphysische Behauptung handelt. Daher gilt in der quantitativen Sozialforschung die Falsifizierbarkeit als Abgrenzungskriterium. Durch dieses Kriterium werden falsifizierbare Sätze als empirisch-wissenschaftlich erklärt. Mit anderen Worten: die wissenschaftlichen Aussagen müssen an der Realität, für die sie gelten sollen, scheitern können. Somit hat die kritische Einstellung eine besondere Bedeutung, die dadurch charakterisiert ist, dass versucht wird, die Theorien nicht zu verifizieren, sondern zu falzifizieren. Die einzigen Verivikationen, die Gewicht haben, sind ernste Falsifikationsversuche, die nicht zu ihrem Ziel (Falsifikation) geführt haben, sondern zu einer Verifikation. Aber es ist immer möglich, daß bei der nächsten Überprüfung derselben Theorie die Falsifikation als Ergebnis erreicht wird. So durch ständigen Versuch und Irrtum und durch Ausschalten der falschen Aussagen tastet sich die Wissenschaft an die Wahrheit. Über die Wahrheit oder Falschheit einer empirischen Aussage entscheidet somit allein die Konfrontation mit der Realität.

[...]


[1] Adorno, T.W. S.81

[2] Terhart, E. S.32

[3] vgl. Terhart, S.38

[4] vgl. Oswald, H. S. 71

[5] vgl. Kromrey, H. S. 33

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Qualitatives und quantitatives Interview in der Sozialforschung
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Erziehungswissenschaftliche Institut)
Veranstaltung
Empirische Studien auf der Basis der qualitativen Methode zu verschiedenen Forschungsbereichen in Psychologie und Pädagogik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V53814
ISBN (eBook)
9783638491570
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In den Sozialwissenschaften führte man über längere Zeit kontroverse Diskussionen über die "richtigen" Forschungsmethoden. Daher waren am Anfang die qualitativen Ansätze in der Erziehungswissenschaft "durch eine Konfrontationshaltung zu den quantitativen Methoden bestimmt". Heutzutage gibt es eine zunehmende Tendenz beide Richtungen nicht mehr als Gegensätze zu betrachten, sondern eher von einer "guten" oder einer "schlechten" Forschung zu sprechen. Trotz allen Annäherungsprozessen weisen...
Schlagworte
Qualitatives, Interview, Sozialforschung, Empirische, Studien, Basis, Methode, Forschungsbereichen, Psychologie, Pädagogik
Arbeit zitieren
Maritana Larbi (Autor), 2005, Qualitatives und quantitatives Interview in der Sozialforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53814

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