Die Ackerreformen der Gracchen und deren Motive


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

11 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

Während Tiberius Sempronius und Gaius Sempronius Gracchus und ihre Reformen zu ihren Lebzeiten und auch noch bis in die Spätantike als sozial eingestellte Revolutionäre angesehen wurden, so kommen in der neuzeitlichen Geschichtsschreibung erhebliche Zweifel an den Motiven der Gracchen auf. 1

Im Generellen ist schon die Ausgangslage der Krise in der römischen Republik und die damit einhergehende angestrebte Ackerreform der Gracchen umstritten. Geht man nach neueren Althistorikern, wie zum Beispiel Klaus Bringmann, so hängen das Ende des 2. punischen Krieges und die Militär- und Agrarkrisen nicht unmittelbar miteinander zusammen. Viel mehr wäre die Urbanisierung, also die Ausbreitung städtischer Lebensformen, zu einem Soldatenmangel geführt.2 Bringmann schreibt, dass viele Bauern ihren Hof aufgegeben hötten, weil sie in der Stadt Rom auf ein besseres Leben hofften und daraus der Soldatenmangel resultiere. Zeitgenössische Autoren, wie Sallust beschrieben die entstehende Krise hingegen so, dass das römische Heer im Generellen aus Kleinbauern bestünde, die sich auch noch selbst ausrüsten müssten. Aufgrund dieses Einzugs zum Krieg, wären die Felder vernachlässigt worden und zudem hätten reiche Großgrundbesitzer das Land vereinnahmt. Nach Ende des Krieges wären die Bauern deshalb in die Stadt gezogen, da sie von dem Erfolg des Krieges kaum, bis gar nicht profitierten. Bei Sallust wird allerdings erst der 3. punische Krieg und die Zerstörung Kathargos um 146 v. Chr. als Wendepunkt benannt. 3

Nach dem ersten punischen Krieg, der im Vergleich zu den anderen zwei punischen Kriegen, mehr auf der See geführt wurde und 23 Jahre dauerte, war der zweite punische Krieg mit 17 Jahren Dauer ebenso eine große Belastung für die Gesellschaft. Da im zweiten punischen Krieg, wie oben beschrieben, selbst ausgerüstete Bauern zum Einsatz kamen, war die Dauer des Krieges (im Vergleich zum drei Jahre andauernden dritten punischen Krieg) recht lang. Zudem kamen über 50.000 römische Soldaten in der Schlacht von Cannae (216 v. Chr.) ums Leben, was einen herben Rückschlag für das römische Heer bedeutete und weitaus größere politische und militärische Folgen für die römische Republik hatte. 4

Jochen Bleicken geht z. B. davon aus, dass die Gracchischen Brüder nicht die Größe und den Blick auf das Ganze gehabt hätten und im Generellen „die Größe Roms und den Ruhm der Stadt in Frage (hätten) stellen“ müssen.5

Doch im Generellen stellt sich die Frage, aus welchem Grund die beiden Gracchischen Brüder ihre Reform vorantrieben und was ihre Motive waren. Waren die Gracchen wirklich frühe soziale Revolutionäre oder was steckt hinter den angestrebten Agrarreformen?

2. Die Vorgeschichte der Ackerreform

Schon zu Zeiten der Ständekämpfe zwischen den Patriziern und den Plebejern, die 367 v. Chr. mit den Leges Liciniae Sextiae endeten 6, war das Bestreben, der vermeintlich unterlegenen Plebejer nach Mitbestimmung und Gleichheit erkennbar. So war es auch in Bezug auf Ackerreformen kein Wunder, dass in den Leges Licinae Sextiae die Lex de modo agrorum enthalten war, die besagte, dass niemand mehr als 500 iugera7 Land besitzen dürfe. Ansonsten erfolge eine Geldstrafe.8 9

Tiberius Sempronius Gracchus, selbst 162 v. Chr. auf die Welt gekommen, stammte aus der römisch-plebejischen Familie der Gracchen, die der Nobilität angehörten.10 Als Nobilität lässt sich die Führungsschicht in der späten römischen Republik bezeichnen, die durch das Inne haben von politischen Ämtern zu Bekanntheit kam.

Schon in frühem Alter, mit 15 Jahren, begleitete Tiberius Sempronius den damaligen Konsul Publius Cornelius Scipio Aemilianus Africanus minor Numantinus, auch bekannt als „der jüngere Scipio“, in den dritten punischen Krieg. Zudem folgte er nach dem Ende des dritten punischen Kriegs dem römischen Konsul Gaius Hostillius Mancinus nach „Hispania citerior“, was auf Deutsch übersetzt so viel heißt, wie „das näherliegende Hispanien“ und eine Bezeichnung für Osten der iberischen Halbinsel war. Zu diesem Zeitraum hatte Tiberius Sempronius das Amt des Quästors inne, in das er zuvor gewählt wurde.11 12

Vor Ort erlebte Tiberius Sempronius schließlich die Aufgabe des römischen Heers vor Numantia und war zudem an der Formulierung des Kapitulationsvertrages erheblich beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt geriet er das erste Mal in Konflikte und Streit mit Teilen der Politik und Teilen des Senats, da der Senat zuvor die Bestätigung des ausgehandelten Vertrags ablehnte. 12 Jochen Bleicken nahm sogar an, dass diese Ablehnung durch den Senat ihm vorgekommen sein müsse, wie „das Ende aller politischer Ambitionen, denn als bloßer Bruch“.13 Was Tiberius Sempronius also nun brauchte, war ein politisches Vorhaben von besonderer Größe, um seine Glaubwürdigkeit wiederherzustellen und vor Allem wieder zu Zustimmung zu gelangen. In seiner Zeit als Quästor, so erzählte es sein Bruder Gaius Sempronius Gracchus später,14 war Tiberius Sempronius durch Etrurien (heutiges Mittelitalien) gereist und wurde dort auf die Agrarprobleme aufmerksam (z. B. verödetes Land und Sklaverei). D. Brendan Nagle geht hingegen davon aus, dass dies nicht mehr als eine Behauptung mit populistischen Absichten gewesen wäre („for the development of a good propaganda point“15 ). Nagles Behauptungen zu Folge, die sich auf archäologische Forschungen stützen, hätte Tiberius Sempronius auf seiner Reise eine intakte Infrastruktur vorfinden müssen, sodass diese Behauptung in Nachbetrachtung deutlich an Wahrheitswert verliert.16

Bereits 140 v. Chr. versuchte Gaius Laelius im Senat eine Ackerreform durchzusetzen, jedoch scheiterte er am Widerstand seiner senatorischen Standesgenossen.17

3. Der Weg zum Volkstribunat und das Volkstribunat im Jahre 133 v. Chr.

Nach seiner Rückkehr nach Rom schloss sich Tiberius Sempronius dem Reformkreis um den „princeps senatus“ (ein sehr angesehenes Mitglied des Senats) Appius Claudius Pulcher an. Unter anderem gehörtem diesem Reformkreis auch sehr angesehene Mitglieder der römischen Nobilität an, wie z. B. Publius Mucius Scaevola oder auch Publius Licinius Crassus Dives Mucanius. Alvin Bernstein sieht diese drei Mitglieder des Reformkreises, dessen Ziel die Neuverteilung des ager publicus (Land in Besitz des Staats) war, als Drahtzieher der ganzen Pläne, die Tiberius Sempronius nur für ihre Pläne begeistern konnten.18 Plutarch, als zeitgenössische Quelle hingegen, bezeichnet Scaevola und Crassus Dives Mucanius lediglich als Personen, bei denen Tiberius Sempronius Rat suchte.19 David Stockton stützt diese These, in dem er Tiberius Sempronius als „vorausschauenden Politiker“ bezeichnet, der durch dieses Rat suchen Zustimmung in Teilen der Nobilität erhalten wollte.20

Im Jahr 133 v. Chr. schaffte es eben jener Reformkreis, dass mehrere Mitglieder in angesehene Ämter gewählt wurden. So wurde Tiberius Sempronius zum Volkstribunat gewählt. Für die angestrebte Agrarreform nahm man sich vor, den Weg über das concilium plebis (die Versammlung der Plebejer unter Ausschluss der Patrizier) zu nehmen. Unüblich war jedoch, dass hier der Senat komplett übergangen wurde. Normalerweise wurden etwaige Beschlüsse vorher im Senat beschlossen und dann erst dem Volk zur Abstimmung vorgelegt. Jedoch ist auch zu erwähnen, dass die Empfehlungen des Senats für die Volksversammlungen, also auch das concilium plebis, nicht verbindlich waren und es möglich war, sich darüber hinweg zu setzen.21

Die vorgelegte Agrarreform namens lex Sempronia agraria sah eine neue Verteilung des ager publicus vor. So dürfe jeder nur noch maximal 500 iugera des ager publicus besitzen. Zudem war es den Neubauern, die von der Umverteilung profitierten, untersagt das Land zu verkaufen, um damit den Wiederkauf durch Großgrundbesitzer zu verhindern. Allerdings änderten die Reformer um Tiberius Sempronius das Gesetz noch vor der Ratifizierung dahin gehend, dass es den ersten beiden Söhnen der Landbesitzer gestattet war noch weitere 250 iugera Land pro Person zu besitzen dürfen. Dies machte pro Familie dann maximal 1000 iugera. 22

Als der Gesetzesvorschlag im Senat besprochen wurde, kam wie zu erwarten ein Veto eines Volkstribuns. Marcus Octavius war ursprünglich ein Freund von Tiberius Sempronius. Doch als Letzterer seine Ackerreform vortrug, legte Marcus Octavius trotz der Freundschaft zu Tiberius Sempronius sein Veto ein, da er selbst betroffen war und zudem weitere Großgrundbesitzer ihn dazu bewegten. Später versuchte Tiberius Sempronius Marcus Octavius zur Rücknahme des Vetos zu überreden, jedoch scheiterte er daran. Daraufhin ließ Tiberius Sempronius Marcus Octavius, mit Hilfe der Volksversammlung, aus dem Amt entfernen, da er entgegen der Interessen der römischen Bevölkerung gehandelt habe. Dazu veränderte Tiberius Sempronius, Plutarch zu Folge, die Gesetze „zu Gunsten der Menge und zur Verschärfung gegenüber der Unrecht schaffenden“. 23

Diese Absetzung von Marcus Octavius war damit der erste Bruch mit der römischen Verfassung, da Tiberius Sempronius hier ganz eindeutig das Vetorecht aushebelte. Hätte Tiberius Sempronius jedoch seine Reformen nicht durchsetzen können, so wäre seine politische Karriere aufgrund von mangelnder Glaubwürdigkeit endgültig vorbei gewesen.

Doch nach der Absetzung von Marcus Octavius durch das concilium plebis hatte Tiberius Sempronius kurzzeitig Erfolg und konnte damit die lex Sempronia agraria durchsetzen. Daraufhin wurde eine Ackerkommission um Tiberius Sempronius erschaffen. Neben dem Gracchischen Reformer war ebenso der wohlhabende Appius Claudius Pulcher Mitglied. Auch Tiberius Sempronius jüngerer Bruder Gaius Sempronius wurde später Teil der neu erschaffenen Ackerkommission.24

[...]


1 Pöhlmann, Robert von, Geschichte der sozialen Frage: Antiker Kommunismus und Sozialismus, Berliner Ausgabe 2014, 3. Auflage, S. 479

2 Bringmann, Klaus: Die Agrarreform des Tiberius Gracchus. Legende und Wirklichkeit (= Frankfurter historische Vorträge. Bd. 10). Stuttgart 1985, S. 11-12

3 Aus: Stockton, David L., From the Gracchi to Sulla: sources for Roman history, 133-80 B.C., London, 1981, S. 13 - Sallust, Jugurthine War, 41.2-42.1

4 Gehrke, Hans-Joachim und Helmuth Schneider, Geschichte der Antike: Ein Studienbuch, Stuttgart 2013, S. 298 f.

5 Bleicken, Jochen: Überlegungen zum Volkstribunat des Tiberius Sempronius Gracchus, in: Historische Zeitschrift, Band 247, 1988, S. 265

6 Gehrke, Hans-Joachim und Helmuth Schneider, Geschichte der Antike: Ein Studienbuch, Stuttgart 2013, S. 292

7 Anmerkung: iugera war eine damalige Flächenmaßeinheit (1 iugera = ca. 1 Morgen). Nach aktuellen Umrechnungen entsprechen 500 iugera ca. 126ha

8 Cato, Marcus Porcius, Vom Landbau/Fragmente, Herausgeber: v. Schönberger, Otto, Düsseldorf, Zürich 2000, S. 198 f.

9 Bleicken, Jochen: Geschichte der Römischen Republik, 6. Auflage, München 2004, S. 20-28.

10 Aus: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft Band II A,2, Stuttgart 1923, Spalte 1409-1426. Münzer, Friedrich: Sempronius (Gracchus)

11 Plutarch, Lives - Volume X: Tiberius Gracchus 1-5, Herausgeber: Perrin, Bernadotte, Loeb Classical Library 102, USA 1921

12 Plutarch, Lives - Volume X: Tiberius Gracchus 5-7, Herausgeber: Perrin, Bernadotte, Loeb Classical Library 102, USA 1921

13 Bleicken, Jochen: Überlegungen zum Volkstribunat des Tiberius Sempronius Gracchus, in: Historische Zeitschrift, Band 247, 1988, S. 273

14 Plutarch, Lives - Volume X: Tiberius Gracchus 8, Herausgeber: Perrin, Bernadotte, Loeb Classical Library 102, USA 1921

15 Nagle, D. Brendan. “The Etruscan Journey of Tiberius Gracchus.”, in: Historia: Zeitschrift Für Alte Geschichte, Ausgabe des 4. Quartals 1976, 1976, S. 489

16 Nagle, D. Brendan. “The Etruscan Journey of Tiberius Gracchus.”, in: Historia: Zeitschrift Für Alte Geschichte, Ausgabe des 4. Quartals 1976, 1976, S. 487-488

17 Broughton, T. Robert S.: The Magistrates Of The Roman Republic. Band 3: Supplement (= Philological Monographs. Bd. 15, Teil 3). Scholars Press, Atlanta 1986, S. 116.

18 Bernstein, Alvin: Tiberius Sempronius Gracchus. Tradition and apostasy, Ithaca 1978, S. 119.

19 Plutarch, Lives - Volume X: Tiberius Gracchus 9, Herausgeber: Perrin, Bernadotte, Loeb Classical Library 102, USA 1921

20 Stockton, David: The Gracchi, Oxford 1979, S. 40

21 Onken, Björn: Kurshefte Geschichte: Krisen der römischen Republik. Schülerbuch, Cornelsen Verlag, Berlin 2012, S. 42 ff.

22 Appian: Roman History. The Civil Wars, 8. - 9. , übersetzt von Horace White, veröffentlicht in Loeb Classical Library 4, Cambridge 1913

23 Plutarch, Lives - Volume X: Tiberius Gracchus 10, Herausgeber: Perrin, Bernadotte, Loeb Classical Library 102, USA 1921

24 Onken, Björn: Kurshefte Geschichte: Krisen der römischen Republik. Schülerbuch, Cornelsen Verlag, Berlin 2012, S. 42 ff.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die Ackerreformen der Gracchen und deren Motive
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V538249
ISBN (eBook)
9783346136046
ISBN (Buch)
9783346136053
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ackerreformen, gracchen, motive
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Die Ackerreformen der Gracchen und deren Motive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538249

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