Menschen mit chronischen Erkrankungen haben eine Vielzahl von Erschwernissen im Leben zu bewältigen. Die Diagnosestellung löst Reaktionen auf der psychischen und emotionalen Ebene aus. Betroffene müssen Wege finden, eine neue Balance herzustellen. Nicht nur die Funktionseinschränkungen des Körpers stellen eine Herausforderung dar, auch die Reaktionen des sozialen Umfeldes müssen für die Betroffenen bewältigt werden.
Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft e. V. (in der Arbeit DMSG genannt) bietet Betroffenen Unterstützung an. Neben psycho-sozialem Beratungsangebot werden Seminare rund um das Thema Multiple Sklerose organisiert und Selbsthilfegruppen initiiert bzw. unterstützt. Im Rahmen der Mitarbeit in der Beratungsstelle ist festzustellen, dass es einigen Betroffenen scheinbar gut gelingt, ein zufriedenes Leben mit der Erkrankung zu führen. Andere hingegen leben eher zurückgezogen und nehmen wenig am gesellschaftlichen Leben teil.
Die DMSG hat mit dem Angebot einer Gruppenreise nach Teneriffa für Multiple Sklerose Betroffene eine Möglichkeit geschaffen, sich unter dem Schutz der Gruppe und der Gruppenleitung ein Urlaubsvergnügen zu verschaffen. Durch den Kontakt mit anderen Betroffnen ergibt sich die Chance, eingetretene soziale Isolationen zu durchbrechen. Gerade der Kontakt mit anderen Menschen kann ein wichtiger Baustein sein, den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern bzw. diese zu bewältigen. Angestrebt wurde die einzelnen Teilnehmer in Kontakt zu bringen, sie zu stärken und ihnen durch die Gruppenreise Möglichkeiten zu eröffnen, Phasen der Krisenbewältigung zu durchlaufen bzw. zu stabilisieren. Diese Aspekte wollte ich als Gruppenleiterin genauer während der Reise betrachten, um Erkenntnisse für die Erarbeitung eines Konzeptes für weitere Gruppenfahrten mit chronisch Kranken zu erlangen. Für den Ablauf der Gruppenreise wurde im Vorfeld kein Konzept erarbeitet, denn die Reise war als einmaliges Angebot geplant. Aufgrund der Rückmeldungen der Teilnehmer halte jedoch für wichtig aus dieser eher zufällig geglückten Reise einen Konzeptentwurf zu formulieren, der für zukünftige Angebote dieser Art als Ausgangsbasis dienen kann. Das Ergebnis meiner Auseinandersetzung wird in dieser Hausarbeit dargestellt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Multiple Sklerose und Bewältigungsstrategien
2.1 Multiple Sklerose
2.1.1 Prävalenz und Krankheitsbild
2.1.2 Diagnostik, Verlauf und Prognose
2.1.3 Ursache und Therapie
2.2 Krankheitsbewältigung
2.2.1 Die Krankheit als Krisenereignis
2.2.2 Prozessbegleitung der einzelnen Phasen
3 Reisen mit Behinderung
3.1 Begriffsklärung Behinderung
3.1.1 Behinderungen bei Multiple Sklerose-Erkrankten
3.1.2 Psycho-soziale Folgen der Behinderungen
3.2 Bedeutung des Reisens
4 Konzept des Gruppenangebotes auf Teneriffa für MS-Erkrankte
4.1 Organisatorische Rahmenbedingungen
4.2 Inhaltliche Rahmenbedingungen
4.2.1 Prinzipien des Gruppenangebotes auf Teneriffa
4.2.2 Ziele der Gruppenangebote
4.3 Umsetzung und Methode
4.4 Ergebnisse
4.4.1 Evaluation der Gruppenangebote
4.4.2 Analyse der Persönlichkeitsentwicklung im Sinne des Stufenmodells nach SCHUCHARDT
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, wie sozialpädagogisch geleitete Gruppenreisen als unterstützende Maßnahme zur Krankheitsbewältigung für Menschen mit Multipler Sklerose dienen können. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf das Potenzial, durch soziale Interaktion innerhalb einer Gruppe die Isolation zu durchbrechen und die Krisenverarbeitung zu fördern, illustriert am Beispiel einer Teneriffareise.
- Grundlagen der Multiplen Sklerose und Bewältigungsstrategien (Coping)
- Sozialpädagogische Bedeutung von Reisen für Menschen mit Behinderungen
- Entwicklung und Anwendung eines Gruppenkonzepts für MS-Erkrankte
- Analyse der Persönlichkeitsentwicklung basierend auf dem Modell nach SCHUCHARDT
- Evaluation von Gruppenangeboten hinsichtlich ihrer stabilisierenden Wirkung
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Die Krankheit als Krisenereignis
SCHUCHARDT analysierte mehr als 6000 krisenhafte Lebensgeschichten aus verschiedenen Ländern. Als Krisen werden dabei kritische Lebensereignisse (z. B. Trennung, Einsamkeit), langfristige Krankheiten (z. B. MS, Krebs) und Beeinträchtigungen / Behinderungen (z. B. Körperbehinderungen, Sinnesbehinderungen) bezeichnet. Bei der Auswertung dieser Autobiografien erkannte sie, dass der Mechanismus der Verarbeitung extrem schwerer Situationen in bestimmten Spiralphasen verläuft, die ein Mensch zur erfolgreichen Bewältigung zu durchleben hat. Die Wissenschaftlerin stellte weiterhin fest, „… dass auch die Reihenfolge dieser Spiralphasen meist dieselbe war; sie alle wirken allerdings über unterschiedlich lange Zeiträume, lösen einander oft ab, existieren aber auch neben- und miteinander.“ Sie entwickelte daraus das Modell der 8 Spiralphasen. Es scheint ein Zusammenhang zwischen lückenlosem vollständigem Phasenverlauf und der Tendenz zur sozialen Integration und lückenhaftem unvollständigem Phasenverlauf und der Tendenz zur sozialen Isolation zu bestehen.
Hieraus können sich Ansatzpunkte für die Soziale Arbeit mit betroffenen Menschen erschließen. Gruppenangebote wie z. B die Teneriffareise durchbrechen eine eingetretene soziale Isolation. Nach dem Modell von SCHUCHARDT werden somit den Teilnehmenden durch Interaktionen innerhalb der Gruppe Möglichkeiten eröffnet, weitere Schritte der Bewältigungsarbeit zu gehen und eine neue Phase zu erreichen oder den Verarbeitungsprozess abzuschließen, indem die Phase der Solidarität erreicht wird, die eine aktive, am gesellschaftlichen Leben uneingeschränkte Teilnahme ermöglicht. Diese Optionen werden im Verlauf der Ausarbeitung ausführlicher diskutiert (siehe 4.4 Ergebnisse, S. 25). Hierbei fließen die Beobachtungen und Erkenntnisse aus der bereits stattgefunden Reise nach Teneriffa im September 2004 ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Herausforderungen der Krankheitsbewältigung bei Multipler Sklerose ein und erläutert die Zielsetzung der Gruppenreisen als Unterstützungsangebot.
2 Multiple Sklerose und Bewältigungsstrategien: Dieses Kapitel gibt einen medizinischen Überblick über die Multiple Sklerose und erörtert theoretische Ansätze zur Bewältigung chronischer Krankheitskrisen.
3 Reisen mit Behinderung: Hier wird die soziologische Bedeutung des Reisens für Menschen mit Behinderungen analysiert und eine interaktionistische Sichtweise auf den Behindertenbegriff dargelegt.
4 Konzept des Gruppenangebotes auf Teneriffa für MS-Erkrankte: Dieses Kapitel stellt das spezifische Gruppenkonzept der Teneriffareise vor, beschreibt die methodische Umsetzung und evaluiert die Ergebnisse hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung der Teilnehmer.
5 Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die positiven Effekte der Gruppenreise zusammen und diskutiert den sozialpädagogischen Anspruch bei der Gestaltung zukünftiger Angebote.
Schlüsselwörter
Multiple Sklerose, Krankheitsbewältigung, Coping, Soziale Arbeit, Gruppenreise, Teneriffa, Behinderung, Krisenverarbeitung, Erika Schuchardt, Soziale Isolation, Soziale Integration, Gruppenleitung, Selbsthilfe, psychosoziale Belastung, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Möglichkeiten, wie sozialpädagogisch begleitete Gruppenreisen für Menschen mit Multipler Sklerose zur Unterstützung der Krankheitsbewältigung eingesetzt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die medizinischen und psychosozialen Aspekte der Multiplen Sklerose, die Soziologie der Behinderung sowie die Anwendung von Gruppenkonzepten in der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Nutzen des Gruppenangebots auf Teneriffa für den individuellen Bewältigungsprozess der Teilnehmer zu evaluieren und Ansätze für ein tragfähiges Konzept für zukünftige Gruppenreisen zu formulieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden Beobachtungen der Gruppenleiterin sowie die Auswertung von schriftlichen Teilnehmerbefragungen (Fragebögen) herangezogen, um die Ergebnisse qualitativ zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der Krankheitsbewältigung, die Einordnung des Reisens mit Behinderung sowie die konkrete Darstellung und Evaluation des Gruppenangebotes auf Teneriffa.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Multiple Sklerose, Krankheitsbewältigung, Soziale Arbeit, Gruppenreise, Krisenverarbeitung nach Schuchardt und Soziale Integration.
Wie unterscheidet sich die im Text verwendete Sichtweise auf Behinderung von einer defektorientierten Sichtweise?
Die Arbeit legt eine interaktionistische Sichtweise nach Cloerkes zugrunde, bei der nicht der individuelle "Defekt" im Fokus steht, sondern die soziale Bewertung der Andersartigkeit durch die Umwelt.
Welche Bedeutung hat das Modell der 8 Spiralphasen nach Schuchardt für die Arbeit?
Das Modell dient als theoretischer Rahmen, um die unterschiedlichen Phasen der Krisenverarbeitung der Teilnehmer zu verstehen und einzuordnen, wie die Gruppenreise unterstützend bei der Stabilisierung oder beim Phasenwechsel wirken kann.
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- Diplom Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin Linda Jean Groer (Author), 2005, Unterstützung der Krankheitsbewältigung bei Multipler Sklerose durch sozialpädagogisch geleitete Gruppenreisen am Beispiel einer Teneriffareise, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53845