Die Zukunft des Museums und der musealen Gestaltung in Deutschland. Die Digitalisierung des musealen Raumes


Essay, 2017

8 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Die Zukunft des Museums und der musealen Gestaltung in Deutschland: Die Digitalisierung des musealen Raumes

Die Museumskonzepte – und damit auch die gesamte Museumslandschaft Deutschlands – sind seit Jahren einem großen Wandel ausgesetzt. Die Veränderungen weg von verstaubten Ansammlungen in veralteten Vitrinen hin zu multimedialen und interaktiven Museumskonzepten, die Tausende Besucher anlocken, nahmen in Deutschland und Europa ab den 1990er Jahren ihren Lauf. Diese Neuorientierung ist nicht nur auf die rasante Entwicklung der damit in Verbindung stehenden technischen Mittel zurückzuführen. Das generelle Überangebot an Freizeitmöglichkeiten, die Einsparungen im Kultursektor sowie die damit verbundenen, über Jahre hinweg sich vermindernden Besucherzahlen sorgten in der Museumsbranche für ein Umdenken. Dieses Umdenken und die damit einhergehende Umstrukturierung des klassischen Museums zeigt bereits heute große Erfolge. Diese sind vor allem anhand der entsprechenden Zahlen ersichtlich. Doch bleibt die Frage: Wie soll es in dieser Hinsicht in der Museumsbranche weitergehen? Dieses Essay soll den Fragen nachgehen, in welche Richtung sich dieser Wandel in den nächsten Jahren entwickeln wird und wie das Museum der Zukunft vorstellbar ist. Wie wird beispielsweise die Digitalisierung des musealen Raumes die Museumskonzeption und das Museum verändern? Wird das klassische Museum aussterben, da das Internet eine nie dagewesene Bilderflut ermöglicht und das Studium am Original somit obsolet gemacht wird? Dieses Thema stellt in der wissenschaftlichen Fachliteratur der Museumsbranche ein hochaktuelles Sujet dar und wurde folglich bereits in mehreren Abhandlungen wie ‚Kunstvermittlung 2.0: Neue Medien und ihre Potenziale‘ von Andrea Hausmann und Linda Frenzel sowie in einigen Artikeln der Zeitschrift für Kulturmanagement behandelt.

Die rund 7000 Museen in Deutschland mit ihren über 114, 5 Millionen Besuchern pro Jahr zeugen wohl von einem enormen Kulturdurst der hiesigen Bevölkerung, aber auch der Touristen. Der Museumsbauboom, der das Land seit den 1980er Jahren in Beschlag nimmt, setzt sich stetig fort und ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. Ganz im Gegenteil, die Besucherzahlen steigen seit Jahren regelmäßig um ein bis zwei Prozent jährlich an (http://www.smb.museum/fileadmin/website/Institute/Institut_fuer_Museumsforschung/Publikationen/Materialien/mat70.pdf). Mittlerweile existiert für jedes mehr oder weniger wissenschaftliche Randgebiet ein eigenes Museum in jeglicher Qualität und Größenordnung. Das Spektrum reicht dabei von renommierten Galerien alter Meister bis hin zu kleinen Raritätenmuseen für Handtaschen oder Nachttöpfe. Doch in welche Richtung werden sich diese Museen nun weiterentwickeln? Festzuhalten ist, dass bereits heute die Besucher eines Museums nicht mehr frontal über ein Exponat belehrt werden und die Ausstellung in passiver Form als reiner Zuhörer wahrnehmen möchten. Der Besuch einer Ausstellung mit klassischer Führung durch ellenlange Korridore lockt heutzutage insbesondere die junge Generation nicht mehr ins Museum. Somit muss in der Museumsbranche ein Umdenken stattfinden. Diesem veralteten, über Jahrzehnte hinweg verwendeten Modell muss ein neues entgegengesetzt werden. Der Museumsbesucher des 21. Jhd. möchte an einer Ausstellung teilhaben und mitdiskutieren. Er möchte Kunst nicht mehr nur auf rein visueller Basis erleben. Vielmehr möchte er mit ihr arbeiten und in dreidimensionalem Maße umgehen. Der Wandel des Museums vom Ehrfurcht einflößenden sakralen Tempel hin zum medial-interaktiven Raum, in dem der Besucher zum Mitmachen animiert wird, steht gerade erst an seinem Anfang. Meiner Meinung nach liegt die Zukunft des Museums auch in seiner digitalisierten Form. Das moderne Museum muss sich zu einer interaktiven Erlebniswelt umwandeln, die Verbindungen mit sozialen Medien pflegt. Es muss zum Anfassen und Mitmachen einladen, nach außen hin polarisieren und durch soziale Medien den Menschen ins Gedächtnis gerufen werden. Ganz konkret soll anhand elektronischer Hilfsmittel wie Bildschirme oder Touchscreens dem Besucher die Möglichkeit geben werden, sich interaktiv am Museumsbesuch zu beteiligen und sich somit mit den Exponaten direkter zu beschäftigen. Das Wichtigste dabei ist, dem Besucher die Möglichkeit zu geben mitzumachen. Die – bereits begonnene – Digitalisierung des Museumsraumes wird sich mit ziemlicher Sicherheit auch in Zukunft nicht ändern. Der Technikfortschritt und die damit verbundene Digitalisierung, die längst sämtliche menschliche Lebensbereiche durchdrungen hat, werden folglich auch weiterhin vor den Museen nicht haltmachen. Wenn hier von interaktiver Erlebniswelt gesprochen wird, dann soll betont werden, dass sich dieses Model offensichtlich nicht ausschließlich in einem klassischen Museumsraum abspielen wird. Eine solche interaktive Erlebniswelt kann – und wird dies auch in Zukunft – dem Besucher die Möglichkeit geben, sich von zu Hause aus oder unterwegs mit Kunst auseinanderzusetzen. Einige Museen gehen bereits erste Schritte in die richtige Richtung. Als besonders gelungenes Beispiel muss der virtuelle Rundgang des Städel Museums in Frankfurt Erwähnung finden (https://onlinekursmoderne.staedelmuseum.de/login). Das Städel Museum ermöglicht jedem Besucher einen virtuellen Rundgang durch einen Teil seiner Ausstellung mit den bedeutendsten Kunstwerken. Hier kann der virtuelle Besucher das Exponat in hochauflösender Qualität und inklusive aller Randinformationen online studieren. Neben den klassischen Erklärungen wird die Möglichkeit geboten, sich per Audiodateien und Videos mit den einzelnen Exponaten auseinanderzusetzen. So werden Hintergründe erklärt oder die Restaurierung eines Kunstwerkes gezeigt. Ziel ist es, an einem zukünftigen Zeitpunkt zu sämtlichen Exponaten derartige Informationen in Verbindung mit Audio- und Videodateien bereitstellen zu können. Der Zugriff auf diese Informationen ist auch unterwegs auf einem Tablet möglich. Das bedeutet, dass die Sammlung des Städel Museums somit für jeden zu jeder Zeit online einsehbar ist. Durch das immer größer werdende Freizeitangebot in der Gesellschaft muss das Museum auf digitale Maßnahmen zurückgreifen, um seine Attraktivität nicht zu verlieren. Es muss die Möglichkeiten, die die Nutzung des Internets und der virtuellen Realität bieten, nutzen. Wenn es also ‚die Nutzung dieses Nutzens‘ in Zukunft verpasst, verfehlt es den Sprung in die Moderne und bleibt obsolet zurück. Meiner Meinung nach soll das Museum der Zukunft dem Besucher erlauben, sämtliche Informationen zu Exponaten digital und global zu jederzeit mit jedem technischen Hilfsmittel wie PC oder Handy aufzurufen und zu studieren. Es soll ihm ermöglichen, diese Werke durch das Internet kennenzulernen, mit anderen Kunstwerken zu vergleichen und sich zusätzlich mit anderen Menschen über soziale Netzwerke darüber auszutauschen (vgl. Hausmann, Frenzel 2014, S. 134). Wenn Museen sich diesem technischen Fortschritt verschließen, weil beispielsweise die Ansicht vertreten wird, dass das auszustellende Exponat einmalig ist und es ausschließlich direkt vor Ort im Original zu begutachtet sei, dann sperren Museen die Zukunft aus ihren Räumlichkeiten und ihrer Philosophie aus. Der internationale Wissensaustausch, den eine vollständige Digitalisierung von Museen möglich machen würde, könnte der Museumskonzeption vollkommen neue Türen öffnen und somit ein neues Kapitel in der Museumskunde aufschlagen. Dient das eigentlich immer unzugängliche Depot als Beispiel, würde die Digitalisierung nicht nur dem Besucher eine neue Welt öffnen, sondern auch den Museen untereinander und somit der Forschung. Basierend auf einem zu jeder Zeit einsehbaren Depot eines Museums, könnte sich nämlich auch die Forschung mit Exponaten auf ganz andere, bis dato unbekannte Art und Weise auseinandersetzen als zuvor. Objekte, die somit normalerweise im Depot lägen, da sie zu fragil oder für die breite Masse an Besuchern nicht wichtig genug sind, um in einer eigenen Ausstellung präsentiert zu werden, wären somit online studier- und einsehbar. Darüber hinaus hätte die generelle Digitalisierung von Kunst- und Museumsobjekten einen ganz pragmatischen Nutzen. Dadurch, dass diese Objekte online ‚katalogisiert‘ sind, könnten sie im Falle ihrer Zerstörung dennoch eingesehen werden. Dank solcher Maßnahmen hätte die vollständige Vernichtung von Kunstobjekten während des Arabischen Frühlings, bei dem Vormarsch des IS oder im Zuge anderer Kriegsfälle, wie dies beispielsweise im Irak der Fall war, verhindert werden können. Auch wenn die Objekte im Original zerstört sind, könnte somit immerhin etwas Kulturgut gerettet werden. Dennoch: Wird eine Sammlung digitalisiert, dann kann und wird die digitalisierte Version keinesfalls das Original ersetzen. Sie kann höchstens dazu beitragen, dem Besucher einen anderen Blickwinkel und eine andere Art des Umgangs mit dem Exponat zugänglich zu machen, was ihm bei der reinen Betrachtung des Originals verwehrt bleibt. Das digitalisierte Pendant der Sammlung kann darüber hinaus auch für Forschungszwecke oder einen internationalen Wissensaustausch mit anderen Bildungsinstitutionen verwendet werden. Dennoch ist festzuhalten, dass sich auch in Zukunft der Besucher eines Museums nicht damit zufriedengeben wird, sich die betreffenden Exponate ausschließlich online von zu Hause aus anzusehen, ohne den tatsächlichen Gang ins Museums zu wagen. Dies steht meiner Meinung nach gleich mit mehreren Dingen in Zusammenhang. Die inkorrekte Aussage, dass ein Kunstwerk immer und zu allen Zeiten reproduzierbar war und ist, trifft auch beim Thema Digitalisierung nicht zu und das wird auch in Zukunft so bleiben. Das Originalkunstwerk, vor allem in der Malerei und Bildhauerei, ist digital schlichtweg nicht reproduzierbar. Die Feinheiten, die das Original erkennen lässt, können durch keine noch so exakte Fotografie oder digitale Reproduktion erreicht werden. Allein diese Tatsache macht das Aussterben des Museums als räumliche Institution auch in Zukunft vollkommen unmöglich. Menschen benutzen digitale Medien, um sich vor- oder ihren Museumsbesuch nachzubereiten, den tatsächlichen Gang ins Museums können digitale Medien allerdings niemals ersetzen. Auch wenn sich das Freizeitverhalten der Menschen in den vergangenen Jahrzehnten massiv geändert hat, ist der Besuch eines Museums für viele Menschen im Wesentlichen nach wie vor Teil der klassischen Bildung. Museen, die ihre Sammlungen online gestellt haben oder verschiedene Virtual-Reality-Rundgänge im Internet anbieten, verzeichnen aufgrund dessen keinesfalls rückläufige Zahlen. Eher ist das Gegenteil der Fall. So verzeichnet das oben genannte Städel Museum in Frankfurt seit der Einführung dieser beiden Multimediamodelle einen Zuwachs an Besuchern (https://www.heise.de/newsticker/meldung/Digitalisierung-Museen-sind-bereit-zu-teilen-3609717.html). Schon heute sollte eigentlich keines der großen Museen mehr auf die Digitalisierung und Bereitstellung seines Inventares im Internet verzichten. Wie erwähnt, sieht die Realität allerdings noch anders aus. Dies liegt vor allem an einigen Schwierigkeiten, mit denen sich Museen in Hinblick auf das Thema Digitalisierung auseinandersetzen müssen. Ein großes Problem, auf das eine geplante Digitalisierung stößt, betrifft selbstverständlich die Finanzierung derselben. Bekanntlich verfügen in Deutschland nur wenige Museen über das nötige Eigenkapital oder sind durch Spenden so flüssig, um diese Art der Digitalisierung auf einen Schlag finanzieren zu können. Der Kultursektor ist seit jeher der erste, bei dem eingespart wird. Der Bund beteiligt sich an der Förderung von Kulturausgaben mit lapidaren 1,3 Milliarden Euro, die Länder mit ca. 4,1 Milliarden Euro und die Kommunen mit 4,5 Milliarden Euro. Nach der Aufteilung dieses Geldes im restlichen Kultursektor müssen die deutschen Museen insgesamt mit lediglich 306,5 Millionen Euro haushalten (https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/BildungForschungKultur/Kultur/Kulturfinanzbericht1023002169004.pdf?__blob=publicationFile).

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Die Zukunft des Museums und der musealen Gestaltung in Deutschland. Die Digitalisierung des musealen Raumes
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
8
Katalognummer
V538714
ISBN (eBook)
9783346135230
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zukunft, museums, gestaltung, deutschland, digitalisierung, raumes
Arbeit zitieren
Philipp Weitzel (Autor:in), 2017, Die Zukunft des Museums und der musealen Gestaltung in Deutschland. Die Digitalisierung des musealen Raumes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538714

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