Die Poetik Aristoteles und mögliche Spannungsverhältnisse zur heutigen Auffassung im Vergleich zu Geöfert . Das Tragische allgemein und in "Antigone"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000
26 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Vorgeschichte zur Poetik

2.Die Theorie des Aristoteles

3.Die Tragödientheorie
3.1.Die Wirkungen der Tragödie
3.2.Handlungsaufbau der Tragödien
3.3.Realität/Wirklichkeitsbezug der Handlung
3.4.Handlungstypen der Tragödie
3.5.Der tragische Held

4.Die griechische Tragödie
4.1.Der Handlungsaufbau des Dramas
4.2.Das Tragische an Antigone

Literaturverzeichnis

1. Vorgeschichte zur Poetik

Die Poetik befaßt sich im allgemeinen mit dichtungstheoretischen Reflexionen eines Dichtwerks, seinem möglichen Sinn, seinem Zweck, mit der Begründung seiner Form und Gattung und mit der poetischen Verfahrensweise, der Technik. Als Lehre von der Dichtung bzw. von der Dichtkunst wird der Begriff Poetik verstanden.

Die Grundlage des Poetikverständnisses wird durch die berühmte Schrift des Aristoteles (384-322 v.Chr.) "Über die Poetik" gebildet. Im 4.Jh. v.Chr. als wissenschaftliche Lehrschrift verfaßt, liegt uns heute nur noch ein lückenhafter und durch die Überlieferung unvollständiger Text über die Postulierung der Dichtkunst vor. Noch bis in das 19.Jh. hinein waren Autoren und Literaturtheoretiker bestrebt, ihre Werke und Poetiken mit der Autorität des Aristoteles zu legitimieren, indem sie nachwiesen, daß ihre Werke sich nach den überlieferten Schriften aus der vorhellenistischen Zeit analysieren lassen und mit den geforderten Kriterien übereinstimmen.

Aristoteles war Schüler Platons und beschäftigte sich damit, die zu seiner Zeit überholten Auffassungen und noch nicht niedergeschriebenen Details der Dichtkunst in ein geschlossenes System, mit genauen Gliederungen und Definitionen zu überführen. Platon (427-347 v.Chr.) selbst hatte keine systematische Lehre zur Poetik geschaffen, sondern nur vereinzelte Aufführungen in einigen Dialogen verfaßt und dennoch bilden seine Erläuterungen eine wichtige Basis für Aristoteles Poetik. Die widersprüchlichen Gedanken Platons poetologischer Äußerungen begünstigen ebenfalls den Schaffensprozeß des Werkes über die Dichtkunst und obwohl Aristoteles seinen Lehrer nicht einmal namentlich erwähnt, ist die Lehrschrift mit platonischen Motiven durchtränkt.

Die aristotelische Dichtkunst bildete sich aber nicht nur aus dem Umgang mit Platon heraus, sondern ging auch auf Fragen und Problemstellungen außerhalb der Akademie ein. Besonders drei bekannte Themen waren Grundlage der älteren Tradition. An erster Stelle pflegte man über das Wesen und die Quellen der dichterischen Erfindung nachzudenken, um Bezug zur homerischen Inspiration und Technik zu bekommen. Zweitens wurde der Wirklichkeitsbezug in der Dichtung problematisiert und genauen Analysen unterzogen. Der Vordenker Sokrates und die Sophisten diskutierten das Verhalten der Dichtung zur Natur und zur Wahrheit, um somit eine Allgemeingültigkeit für die Dichtung daraus abzuleiten. Als Drittes standen die Wirkungen und die Wirkungszwecke im Interesse der Untersuchung, wobei man sich von der Antithese "Vergnügen-Belehrung" leiten ließ.

Unter allen Positionen, die vor der Niederschrift die Grundlage der Dichtung bildeten, war Platons Auffassung vom Nachahmen des Wirklichen der wichtigste Gedanke und Ansatzpunkt für Aristoteles und seine Poetikanalyse. Allerdings läßt sich die aristotelische Poetik von der Lehre Platons eindeutig unterscheiden, indem Aristoteles die Verurteilung der Kunst nicht hinnahm. Weiter bestimmten die drei bekannten Themen der Dichtkunst nicht das Hauptfundament der Poetik, sondern leiteten weitere Beziehungen aus dem Verständnis dieser Grundlagen ab. Wichtig für die Dichter der damaligen Zeit war der Götterglaube, der sich in der Poetik wiederspiegelte. Aristoteles spricht vom göttlichen Ursprung der Dichtung, der seine lehrbare Dichtkunst bei der Veröffentlichung hinderlich gewesen war, denn die eigentlichen Grundlagen bildeten sich aus dem Enthusiasmus, der dichterischen Inspiration und den erlernbaren, allgemeingültigen Regeln (Techne) heraus. Das Schaffen des Dichters begründete sich aus der Verzückung, dem Wahnsinn, dem Rausch und aus dem Heraustreten aus sich selbst, der Extase.

Durch die Vorarbeiten Sokrates wurde die Kunst des Definierens und des induktiven Beweises entdeckt, die sich nun Aristoteles zu nutzen machte, um seine Poetik fundamentiert postulieren zu können. Er verwendete nun neue Poetikbegriffe, die ich etwas später noch näher erläutern möchte, um eine qualitative und quantitative Einteilung in die Kunst der Dichtung vorzunehmen. Die Schwierigkeiten lagen jedoch darin, daß Modelle für die Kunst nicht exakt oder falsch sein könnten, sondern daß der Beruf des Dichters in den Lebensformen einen geringen Status aufweist und im Schatten der Philosophen wenig Akzeptanz findet. So schreibt Platon über den Dichterberuf:

"[...], Dichter aber solle heißen, wer nichts Besseres vorweisen könne als das in langer Mühe vollendete Werk."1

und kritisiert damit die Bedeutungslosigkeit der Poetiker in Griechenland.

Trotz dieser äußerlich widrigen Umstände war es nun Aristoteles Aufgabe ein kompaktes und den dichterischen Anforderungen genügendes Regelwerk zu verfassen.

2. Die Theorien des Aristoteles

Die Dichtkunst und ihre Abhandlungen in "Aristoteles Poetik" wird durch ineinandergeschachtelte Einteilungen, Definitionen und Beschreibungen in der antiken Schrift manifestiert und empirisch begründet dargestellt. Das in 26 Kapiteln verfaßte Werk erfuhr eine Haupteinteilung in drei poetische Gattungen. Es sind die Tragödie, das Epos und die Komödie in ihren Charakteristika vom allgemeinen zum speziellen in der Bedeutung für die Dichtkunst beschrieben. Aus diesem Werk sind einige Teile der Komödiendarstellung in der Überlieferung des Literaturmaterials verloren gegangen und müssen mittels anderer Schriften rekonstruiert werden. Die Tragödientheorie, auf die ich meine Aufmerksamkeit richten möchte, wird als erstes dargelegt. Nachdem Aristoteles allgemeine Gedanken zur Dichtkunst (1.-6. Kapitel) geäußert hat beginnt, die Gattungsdetermination mit der Tragödie. Das Epos unterscheidet sich wie die Komödie nur durch kleine äußerliche bzw. der Poetika innewohnende Einzelheiten von der Tragödie. So gibt es für das Epos kein einheitliches Versmaß und keine umgrenzte dargestellte Zeit. In der Komödie werden lediglich "niedrige Menschen" nachgeahmt, und es erfolgt die Konzentration auf ein lächerliches, oft belustigendes Handlungsschema, welches bei den Rezipienten Heiterkeit verursachen soll.

Die Dramentheorie des Aristoteles bezieht sich unter Beachtung der geringfügigen Unterschiede zum größten Teil auf die Darstellung der Tragödie, und obwohl viele Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten das Erfassen des Textes erschweren, sind eindeutig die Strukturen in der Lehrschrift erkennbar.

Die Kapitel 1 bis 3 geben eine Art systematische Grundlegung mit den Kriterien der Gattung der Poesie . Aristoteles leitet dort die Existenz der Poesie aus der Natur des Menschen ab und weist der Poetik somit einen großen ästhetischen Wert zu. Weiterhin gibt er eine zeitliche Einteilung und Abfolge nach dem Erscheinen der einzelnen Gattungen an. In den Kapiteln 6 bis 22 erfährt der Leser Abhandlungen über die Tragödie, wobei es einige Unterteilungen in diesem Abschnitt gibt. So beschäftigt sich der Autor gesondert mit den Elementen der Tragödientheorie, wie z.B. mit dem Handlungsaufbau (Kap. 7.-14.), den Charakteren (Kap.15.), der Melodik, der Inszenierung und den sprachlichen Normen.

Aristoteles dringt somit von außen, vom Handlungsrahmen und seinen allgemeinsten Merkmalen, ins Zentrum der Sache, zum tragischen Helden vor. Obwohl die Poetik offensichtlich nicht einem größeren Publikum unterbreitet werden sollte, steht ihre Allgemeingültigkeit für die Analyse der Dramen fest. Mit Querverweisen zur Rhetorik wird eine enge Beziehung zur Poetik deutlich gemacht, um gleichzeitig die philosophischen Einflüsse dieser Zeit mit der Dramentheorie in Verbindung zu bringen. Aristoteles beschreibt das Drama als Hauptrichtung der Poetik, die eine Schöpfung Athens war, denn auch im 4. Jh. v.Chr., als die Tragödie sich über die griechische Welt verbreitete, lag Athen im Zentrum der dramatischen Kunst.

Im allgemeinen Teil der Poetik spricht Aristoteles über eine systematische (Kap. 1-3) und eine anthropologisch-entwicklungstheoretische Grundlegung des Phänomens der Dichtkunst. Er beginnt mit der Einordnung der Gattungen und bezeichnet als gemeinsames Kennzeichen dieser Genre die Nachahmung (Mimesis). Dabei werden verschiedene Mittel der Nachahmung erläutert. Ein Drama sollte demnach mit geformter Sprache, einem durch zeitlichem Regelmaß gegliederten Ablaufs und durch wechselnde Tonhöhen (Melodie) gekennzeichnet sein. Für das Versmaß gebraucht Aristoteles den Begriff Metron, der den Rhythmus und den Logos (Inhalt) zusammenfaßt.

Die Grundkonzeption, die Nachahmung erfährt im zweiten Kapitel eine Determination, den Aristoteles definiert die Handlung des Nachahmens indem er sagt:

"Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen

fast stets unter eine dieser beiden Kategorien[...]."2

Daraus ergibt sich ein enger Bezug zu möglichen Handlungen und bereits geschehenen Handlungen, der den Rezipienten direkt oder durch die Handlungskopie indirekt anspricht und ihn damit in die entsprechenden Situationen versetzt, wobei auch geistige Identifikation gemeint ist.

Im zweiten Kapitel wird die bildende Kunst herangezogen, um mit der Poesie, die durch die verwendete Sprache, den Rhythmus und der Melodie definiert ist, ein geistiges und handlungsorientiertes Vergleichsobjekt zu haben. Sicherlich benutzt Aristoteles dieses Motiv, um die gleichen Schemata aufzudecken, um aber auch Anerkennung und Akzeptanz zu erlangen, denn die Künste waren verbreitet mit großem Interesse und Wohlwollen verfolgt und praktiziert worden.

Aristoteles befaßt sich ab dem dritten Kapitel nur noch mit der Dichtung und rückt nun das Handeln in den Mittelpunkt seiner Arbeit.

" Es gebe, bemerkte er gute und schlechte Handlungen; er will also nur solche Handlungen dargestellt wissen, die in ethischer Hinsicht von Belang sind."3

Damit präzisiert Aristoteles das Handeln als Gegenstand poetischer Nachahmung, denn wer nachahme, der ahme handelnde Personen nach. Gemeint ist in diesem Zusammenhang allerdings keine wirkliche Reproduktion des Geschehenen, sondern eine mögliche Identifikation mit dem Handlungsschema und der im Drama handelnden Person. Manfred Fuhrmann, der sich speziell mit der Theorie des Aristoteles beschäftigte, beschreibt die Nachahmung als menschlichen Trieb, den es auszuleben gilt:

"[...]daß dem Menschen sowohl das Nachahmen selbst als auch die Freude an Nachahmungen angeboren sei."4

Darin verdeutlicht sich, daß durch diesen Effekt des Kopierens von Handlungen das Interesse bei dem Publikum geweckt wird. Weiter erfährt man in der Poetik, daß der angeborene Sinn für Melodie und Rhythmus als Lehre von der Lust in die Darstellung mit einzugehen hat. Daraus ergibt sich eine Plurimedialität des Dramas, d.h. daß die Darstellungsform dieser Gattung aus produktions- und rezeptionsästhetischer Sicht betrachtet werden muß. Die Schaffung eines dramatischen Werkes und die Rezeption des selben soll im gleichem Maße Vergnügen bereiten und den Intellekt eines jeden Menschen ansprechen aber auch fordern.

[...]


1 Fuhrmann,Manfred:Dichtungstheorie der Antike.Wissenschaftl Buchgesell.Darmstadt,1992.S.80

2 Aristoteles: Poetik.Philipp Reclam jun. Stuttgart.1982, H.7828,S.7

3 Fuhrmann,Manfred:Dichtungstheorie der Antike.Wissenschaftl Buchgesell.Darmstadt,1992.S.18

4 Ebd. S.19

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Poetik Aristoteles und mögliche Spannungsverhältnisse zur heutigen Auffassung im Vergleich zu Geöfert . Das Tragische allgemein und in "Antigone"
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Geschichte der Tragödie
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
26
Katalognummer
V5388
ISBN (eBook)
9783638132763
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit soll einen Einblick in die Traditionelle Theorie der Dramen geben. Daneben werden neuere Auffassungen nach Gelfert vergleichend dargestellt. Am Ende wird diese Dramentheorie beispielhaft an Sophokles Antigone verdeutlicht.
Schlagworte
Drama, Gelfert, Aristoteles, Antigone, das Tragische, Poetik, Tragödie, tragischer Held, griechische Tragödie, Handlungsaufbau Drama, Dramentheorien, Kreon, Fuhrmann, Ausschlu
Arbeit zitieren
Jan Kirchenberg (Autor), 2000, Die Poetik Aristoteles und mögliche Spannungsverhältnisse zur heutigen Auffassung im Vergleich zu Geöfert . Das Tragische allgemein und in "Antigone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/5388

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