Lug und Trug im Nibelungenlied im Zusammenhang mit der Untergangsproblematik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

35 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Lug und Trug im Nibelungenlied
1 . Begriffserklärung: Lug’ und Trug’
2 . Isenstein: Wettkampfbetrug und Standestäuschung
3 . Brautnachtbetrug
4 . Hagens List
5 . Kriemhilds List

III. Schluss

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Nibelungenlied ist um 1200 entstanden, soviel weiß man mit Sicherheit, doch der Dichter ist nicht bekannt und bis heute ein großes Rätsel für alle Gelehrten und Interessierten. Er verfasste sein Epos ,,zur Zeit des staufischen Kaisertums; zur klassischen Zeit des Minnesangs und der ritterlichen Epen; zur Glanzzeit der höfischen Etikette, zu einer Zeit aber auch, die bestimmt war von Mord, Verrat und Ränkespiel.’’[1]

Genau diese zuletzt genannten Eigenschaften jener Zeit, und vor allem das Ränkespiel, sind charakteristisch für den Untergang der Nibelungen.

Die Hauptthemen dieser Arbeit sind aber Lügen und Betrugshandlungen.

Es soll dargestellt werden, dass alle Lügen aufeinander aufgebaut sind und dass durch vorherige Lügen Nachfolgende notwendig waren, um diese zu vertuschen. Diese Verkettung von Lügen ist maßgeblich für den Handlungsverlauf im Nibelungenlied und deshalb hauptsächlich verantwortlich für den Untergang der Nibelungen.

Zuerst werden beide Begriffe ( Lüge und Betrug) semantisch erläutert. Danach werden die ,,wichtigsten’’ Lügen und daraus resultierenden Ereignisse aufgezeigt. Die Gründe dieser Betrugshandlungen sind immerzu die gleichen: Es geht um Neid und Machtgier (Gunther und Hagen), Missgunst und Misstrauen (Prünhilt) und natürlich um Liebe und Rache (Sîvrit und Kriemhilt).

Abschießend soll besonders die Figur des Hagen im Zusammenhang mit dem Untergangsgeschehen untersucht werden, um seine Gründe für den Mord an Sîvrit gesondert aufzuzeigen.

II. Lug und Trug im Nibelungenlied

1 . Begriffserklärung: Lug’ und Trug’

Wie in der Einleitung bereits beschrieben, sind die Handlungen im Nibelungenlied geprägt von Lüge und Betrug. Als Oberbegriff für diese Aktionen kann man die Täuschung nennen, die Lüge, Betrug oder die mittelhochdeutsche ,, list ’’ in sich trägt. Allerdings weist dieser Begriff, welcher im Nibelungenlied oftmals eine Täuschungshandlung beschreibt, ein breites semantisches Spektrum auf. Im Mittelhochdeutschen Wörterbuch von Matthias Lexer werden einige davon genannt. Es kann u.a. angewendet werden für ,,Weisheit, Klugheit, Schlauheit; weise, kluge, schlaue Absicht od. Handlung (âne list: aufrichtig, wahrhaftig); Wissenschaft, Kunst, Zauberkunst.[2] Wie man aber an den Bedeutungsformen Schlauheit und Weisheit erkennen kann, muss es sich bei dem Gebrauch von list nicht gezwungener Maßen um eine Täuschung handeln. Jedoch bedeutet âne list wahrhaftig, worauf schließen lässt, dass die Gegenbedeutung unaufrichtig oder unwahr ist. Genau diese Form ist für diese Arbeit von Bedeutung.

In ihrem Forschungsbericht ,,Verschiedene Täuschungshandlungen im Nibelungenlied’’ beschreibt Bettina Geier zwei verschiedene Formen der Täuschung.[3]

1.) die nonverbale Täuschung, die sich aus vier unterschiedlichen Aktionen zusammen setzt:

a) Einsatz von magischen Gegenständen
b) Einsatz von Kleidung
c) Einsatz von Memorialzeichen
d) Einsatz von Gestik

2.) die verbale Täuschung, die in zwei Handlungen aufgespaltet ist:

a) Einsatz von Schweigen
b) Einsatz von Sprache

1.) Nonverbale Täuschungshandlungen

a) Der Einsatz von magischen Gegenständen ist im Nibelungenlied zwar nur wenig vorhanden, aber keinesfalls unwichtig, da es sich hierbei um die ,,kräfteverleihende und unsichtbarmachende Tarnkappe’’ sowie um ,,Siegfrieds Hornhaut, die ihn (fast) unverwundbar macht’’[4] handelt. Beide übernehmen im Nibelungenlied eine wichtige Funktion im Zusammenhang mit der Untergangsproblematik.
Interessant an diesen Gegenständen ist, dass sie völlig unscheinbar sind und ,,jeder scheinbar alltägliche und vertraute Gegenstand sich als magischer entpuppen kann’’(ebd.).

b) Kleidung spielte im Mittelalter und somit auch im NL eine wichtige Rolle. Sie wurde zur Demonstration von Macht und Reichtum eingesetzt und hatte daher eine ,,soziale Verweisfunktion’’. Damit verbunden war eine ,,Signalfunktion’’(a.a.O.). Durch sie konnte man anhand der Kleidung auf den Rang eines Fremden schließen. Diese Tatsache steht im NL im Gegensatz zu Sîvrits Kleidung bei der Standestäuschung. Prunkvoll gekleidet stellt er Gunthers Vasall dar und bringt damit die höfischen Regeln in Unordnung. Diese Signalfunktion löste im Mittelalter durch ,,Kategorisierung’’[5] bestimmte zeremonielle Handlungen aus, wie z.B. das entsprechende Begrüßungsverhalten. Obwohl persönliche Individualität nicht wichtig und teilweise sogar unangebracht war, da das Ziel des mittelalterlichen Menschen aus ,,gesellschaftlicher Integration’’ (ebd.) bestand, war Kleidung gleichzeitig auch ein Mittel zur Selbstdarstellung, für die allerdings ein bewertendes Publikum vorhanden sein musste. Ein idealer Anlass dafür war, so Bettina Geier, das höfische Fest.

Kleidung ließ jedoch nicht nur auf gesellschaftliche Hintergründe schließen. Geier gibt an, dass zum Beispiel ,,prächtige Kleidung als Garant und Signum innerer Tugend und anderer moralischer Qualitäten’’ galt und unangemessene Kleidung auf ,,einen moralischen Defekt oder eine geistige Fehlhaltung verweist’’ (a.a.O.). Ein Beispiel dafür ist Sîvrit, der immer prächtig und standesgemäß gekleidet ist und auch bei seinen Untertanen stets darauf achtet.

Und helfet mir der reise in Búrgonden lant,

daz ich und mîne Recken haben sölch gewant,

daz alsô stolze helde mit êren mugen tragen.

Des will ich iu genâde mit triuwen waerlîchen sagen. [6]

Durch diese Kleidung erkennt Hagen Sîvrit bei dessen Ankunft in Worms. Er schließt durch die Pracht und den Reichtum auf dessen Herkunft, allerdings im Zusammenhang mit seinem Wissen über Sîvrits Jugendtaten.

sîn ouge er dô wenken zuo den gesten lie.

Wol behágte im ir geverte und ouch ir gewant: (V.84,2-3)

Alsô sprach dô Hagene: ’’ich will des wol verjehen,

swie ich Sîvriden nimmer habe gesehen,

sô will ich wol gelouben, swie ez dar umbe stât,

daz ez sî der recke, der dort sô hêrlîchen gât. (V.86)

Auf Hagen trifft diese Kleidungstheorie jedoch nicht hundertprozentig zu. Seine Kleidung und sein Auftreten werden ähnlich dem Sîvrits beschrieben und auch charakterlich gesehen kann man ihn mit diesem vergleichen. Wie man im weiteren Geschehen erkennen kann, sind beide absolut fähig einen Betrug zu planen und auszuführen. Sie unterscheiden sich jedoch anhand der Skrupellosigkeit, die zweifellos ein Merkmal Hagens ist und wohl auch als ein moralischer Defekt angesehen werden dürfte.

c) Bettina Geier beschreibt Memorialzeichen als ,,symbolisch hoch besetzte Zeichen’’[7], die zwar ,,wenig eigene Informationen transportieren’’, allerdings eine ,,assoziative Funktion’’ besitzen. Im Nibelungenlied sind dies der Ring und der Gürtel, die Sîvrit in der Hochzeitsnacht Prünhilt entwendet. Geier bezeichnet diese Gegenstände als ,,Fatalrequisiten’’ (ebd.) und weist auf die Definition der Gegenstände im Sachwörterbuch der Mediävistik (1992) hin. Hier wird der Gürtel als Symbol der Kraft, Herrschaft, Würde und auch als Symbol der Jungfräulichkeit bezeichnet. Der Ring hat eine sakrale Bedeutung und erfüllt die Funktion eines ,,archaischen Treuezeichens zwischen Braut und Bräutigam’’ (a.a.O.). Für den Verlauf und die Untergangsthematik haben beide eine immense Bedeutung.

d) Mimik und Gestik besaßen im Mittelalter eine hohe Relevanz, da es ,,im höchsten Maß von der audiovisuellen Repräsentation geprägt’’[8] war. Gerade im NL, indem meist durch verbale Handlungen getäuscht wird, darf man die Wichtigkeit von Kommunikation und Wahrnehmung durch Mimik und Gestik nicht unterschätzen.

Im Sachwörterbuch der Mediävistik wird hingewiesen, dass Gestik oder die Gebärde schwer zu erfassen sind, ,,da mehrere Aspekte menschl. [...] Ausdrucksverhaltens abgedeckt werden, etwa physiolog. Symptome (z.B. Erröten, Erblassen), ...’’[9] etc..

Dazu gehören auch zeremonielle Gebärden, wie Bewegungen, Haltungen und Handlungen. Die Begrüßung, auf die auch im Nibelungenlied großer Wert gelegt wird, ist eine dieser zeremoniellen Handlungen.

Der wirt und sîne recken enpfienen sô den gast,

daz in an ir zühten vil wênec iht gebrast.

Des begund’ in nîgen der waetlîche man,

daz si in heten grüezen sô rehte scôné getân. (V.105)

Eine wichtige Rolle spielt Gestik auch bei der audiovisuellen Standesrepräsentation, da hier die Sprache nicht so sehr eine Rolle spielt. Bettina Geier gibt an, dass die verschiedenen Gesten im Mittelalter ,,nie zufällig, sondern immer bewusste Status- und Verhaltensdemonstrationen’’(S. 40) sind. Dabei unterscheidet sie zwei Grundaussagen: ,,Das Äußere ist das Abbild des Inneren’’ und ,,das Äußere ist das Gegenbild des Inneren.’’(ebd.) Dadurch lässt die Verlässlichkeit auf die Gestik und Mimik natürlich nach, da man, wie Bettina Geier hier aufführt, auch ohne zu sprechen lügen kann: nonverbal.

[...]


[1] Hansen, Walter: ,,Die Spur des Sängers. Das Nibelungenlied und sein Dichter’’. Bergisch Gladbach 1987. S.13

[2] Lexer, Matthias: ,,Mittelhochdeutsches Wörterbuch’’, 3.Auflage, Leipzig 1885, Begriffsdefinition list

[3] Geier, Bettina: ,,Täuschungshandlungen im Nibelungenlied’’. Göppingen 1999, S. 34

[4] Geier, Bettina: ,,Täuschungshandlungen...’’. S.34

[5] Geier, Bettina: ,,Täuschungshandlungen...’’. S.35

[6],,Das Nibelungenlied’’. Nach dem Text von Karl Bartsch u. Helmut de Boor. Übersetzung und Kommentar von Siegfried Grosse. Stuttgart 1997. S.24

[7] Geier, Bettina: ,,Täuschungshandlungen...’’. S.36

[8] ebd.

[9] Geier, Bettina: ,, Täuschungshandlungen...’’. S.37

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Lug und Trug im Nibelungenlied im Zusammenhang mit der Untergangsproblematik
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Lug und Trug in der mittelhochdeutschen Literatur
Note
1,8
Autor
Jahr
2002
Seiten
35
Katalognummer
V53888
ISBN (eBook)
9783638492171
Dateigröße
577 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trug, Nibelungenlied, Zusammenhang, Untergangsproblematik, Trug, Literatur
Arbeit zitieren
Stefanie Hanten (Autor), 2002, Lug und Trug im Nibelungenlied im Zusammenhang mit der Untergangsproblematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53888

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