Der Verlust der Alltagsstruktur. Die Bedeutung von Struktur in Wolfgang Herrndorfs Werk "Arbeit und Struktur"


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DER STRUKTURBEGRIFF UND UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DEN MENSCHEN

3. DER AUFBAU DES WERKS

4. DIE STRUKTUR IN HERRNDORFS ALLTAG
4.1 ARBEIT
4.2 KRANKHEIT
4.3 FREUNDE UND EHEFRAU
4.4 LITERATUR
4.5 TRÄUME
4.6 FREITOD
4.7 SPORT
4.8 ZWISCHENBILANZ

5. HERRNDORFS VERLUST SEINER STRUKTUR

6. WIDERSPRUCH UND GRENZEN ÄUSSERER UND

INNERER STRUKTUR

7. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

„Ordnung ist das halbe Leben". Dieses deutsche Sprichwort ist altbekannt, doch denken viele bei dem Begriff „Ordnung" nur an eine aufgeräumte Küche oder einen gut sortierten Schreibtisch. Der Begriff Ordnung ist mit dem Wort Struktur eng verwandt1 und denkt man an Struktur, entwickelt man vielleicht ein anderes Verständnis dieses Sprichwortes. Struktur kann sowohl äußerlich als auch innerlich stattfinden. Ist die innere Struktur durch eine Krankheit oder einen Schicksalsschlag aus dem Gleichgewicht gebracht, ist es schwer, die äußere Struktur aufrechtzuerhalten. Wolfgang Herrndorf hat dies versucht. Ein bösartiger und terminaler Gehirntumor, ein „zu hundert Prozent tödlich[es]"2 Glioblastom, lässt ihn sein Leben neu strukturieren und gibt ihm allerhand Motivation, seinen Alltag sinnvoll und gewinnbringend zu gestalten. Er startet ein Internettagebuch, welches er erst ausschließlich als Informationsquelle für seine Freunde schreibt und nach einigen Monaten als Blog veröffentlicht. Er nennt ihn „Arbeit und Struktur" und dokumentiert so sein Sterben. Der Blog ist eine Art Medizin für ihn. Der Titel lässt den Leser wissen, dass die Arbeit sein Leben strukturiert und ihm so aus der Depression und Verzweiflung heraushelfen kann. So zumindest beschreibt es ZEIT­Literaturchef Ijoma Mangold in einem Interview vier Monate nach Herrndorfs Tod.3 In meiner Arbeit werde ich versuchen die Frage zu beantworten, ob und wie Herrndorf es schafft, trotz seiner Krankheit Struktur zu bewahren.

Dazu werde ich zunächst den Strukturbegriff erläutern und die Bedeutung von Struktur für den Menschen herausarbeiten.

Danach werde ich in einem kurzen Abschnitt auf die formale Struktur des Werks eingehen und in einem nächsten Kapitel die inhaltlich dargestellte Struktur und somit Wolfgang Herrndorfs Alltagsstruktur untersuchen. In diesem Kapitel werde ich die auftretenden Themenfelder Arbeit, Krankheit, Freunde und Ehefrau, Literatur, Träume, Freitod und Sport und in sieben Abschnitte unterteilen und eine zusammenfassende Zwischenbilanz verfassen.

Danach werde ich den Verlust von Wolfgang Herrndorfs Alltagsstruktur, resultierend aus der fortscheitenden Krankheit, untersuchen und außerdem den Widerspruch innerer und äußerer Struktur Herrndorfs analysieren. Unter der inneren Struktur verstehe ich in der vorliegenden Arbeit die physische und psychische Verfassung des Autors in Bezug auf seine Fähigkeiten zum Erhalt einer äußeren Struktur. Diese beschreibt das strukturelle Bild, welches der Leser durch Herrndorfs Werk vorgestellt bekommt.

Anschließend werde ich in einem Fazit die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassen und eine Schlussfolgerung formulieren.

Für die Untersuchung der Struktur in Wolfgang Herrndorfs Werk „Arbeit und Struktur" werde ich sehr nah am Text arbeiten und durch Sekundärliteratur Thesen unterlegen und vertiefen.

2. DER STRUKTURBEGRIFF UND SEINE BEDEUTUNG FÜR DEN MENSCHEN

Der Begriff „Struktur" lässt sich von dem lateinischen Wort „structura" (Zusammenfügung, Ordnung, Bau) herleiten. Der Wortstamm ist „struere" (lat.), was aneinanderfügen, schichten, ordnen bedeutet. Allgemein meint Struktur den „inneren Aufbau von Phänomenen, das Verhältnis der Bestandteile zueinander besonders im Hinblick auf Stabilität."4

In der vorliegenden Arbeit wird Struktur aus soziologischer Sicht verstanden. In der Soziologie wird Struktur als Bezeichnung für die Menge aller Faktoren benutzt, die das soziale Denken und Handeln beeinflussen und in einer bestimmten Regelmäßigkeit und Anordnung auftreten. Der Begriff bezeichnet aber ebenso den Rahmen, innerhalb dessen Absichten und Auswirkungen sozialen Handelns bestimmt werden können. Struktur kann also als Verhaltensmuster, welches in der Psyche des Individuums verankert ist, verstanden werden, oder aber als Regelwerk sozialer Handlungen, das sich aus Normen und Werten der Gesellschaft entwickelt hat.5

Sobald der Mensch in das soziale System eintritt, kann er sich den „angenommenen Prinzipien der Weltkontinuität und Handlungswiederholbarkeit"6 nicht mehr entziehen. Mit den Grundlagen dieser Prinzipien überspannt er seine Umwelt „mit einem Netz von sinnhaften Typisierungen"7, die nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch das Handeln einer Person beeinflussen. Um überhaupt handeln zu können, braucht der Mensch dieses Wissen.8

Ohne die lebensweltliche Voraussetzung einer , Weltstruktur', die in Verstehensprozessen erarbeitet und routinisiert aufrechterhalten wird, können die Menschen sich nicht mit ihrer natürlichen und sozialen Welt auseinandersetzen, ohne sie wären sie nicht handlungsfähig.9

Auch die Ziele und Pläne eines Menschen sind von den Normen der Gesellschaft beeinflusst. Die Durchführung dieser Pläne ist durch Sorge und Hoffnung motiviert.10

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Struktur der Stabilität, Handlungsfähigkeit und Zielorientierung zugrunde liegt, die für ein soziales Leben nötig sind.

3. DER AUFBAU DES WERKS

Wolfgang Herrndorf beginnt seinen Blog mit einer Kindheitserinnerung. „Dämmerung" nennt er das im Buch einseitige Kapitel, mit dem er „Arbeit und Struktur" beginnt11.Die Beiträge des Blogs sind genauso im Buch abgedruckt, wie sie im Blog gepostet wurden, also in chronologischer Reihenfolge beginnend mit dem ersten Post am 08.03.2010 um 13 Uhr.12 Nach ca. 90 Seiten lassen sich zehn Rückblenden finden. Es sind Anekdoten aus den ersten Tagen nach der Diagnose bis zum Beginn des Blogs. Am 20.08.2013 ist der letzte Beitrag Herrndorfs abgedruckt. „Almut"13 bezieht sich auf die deutsche Musikerin und Autorin Almut Klotz, die fünf Tage zuvor an Krebs starb.

Auf den letzten Seiten des Buches sieht man Fragmente, die teilweise mit unsicheren oder keinen Daten versehen sind14. Das Nachwort ist von Kathrin Passig, selbst Schriftstellerin und gute Freundin Herrndorfs, und dem Lektor Marcus Gärtner geschrieben15.

Herrndorf macht sich selber keine für den Leser ersichtlichen Vorgaben, in welcher Regelmäßigkeit er Beiträge verfassen möchte. Anfangs schreibt er oft mehrmals täglich16 ; zum Ende hin jedoch immer weniger und teilweise mehrere Tage gar nicht17.

Immer wieder tauchen private Aufnahmen von Herrndorf auf, die im Buch schwarz-weiß und im Internet-Blog in Farbe erschienen sind. Es sind meistens Selbstportraits; Bilder von ihm mit18 und auch ohne Haare19, aber auch andere Bilder wie eins von seiner Narbe nach der OP oder von der Psychiatrie, in die er eingewiesen wurde.20

Die Länge und Form seiner Beiträge sind unregelmäßig. Herrndorf zitiert und kommentiert, führt Listen und schreibt Gedichte. Die Art des Beitrags scheint sich für Herrndorf spontan und ohne ein sich wiederholendes Muster zu ergeben.

4. DIE STRUKTUR IN HERRNDORFS ALLTAG

„Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur."21

Wolfgang Herrndorf nimmt sich nach der Diagnose bewusst vor, durch Arbeit Struktur in seinen Alltag zu geben. Dieses Vorhaben fundiert sich nach einem Telefonat mit einem Betroffenen, der seit 13 Jahren mit dem gleichen Befund lebt, in seinem Bewusstsein. Herrndorf schreibt täglich in seinem Blog, manchmal auch mehrmals am Tag. Doch nicht nur die Arbeit ist ein immer wiederkehrendes Motiv in seinem Blog. Themen wie seine Freunde, seine Krankheit und seine Hobbies wie Lesen und Sport treten immer wieder hervor und geben so die persönliche Alltagsstruktur Herrndorfs an sein Werk weiter.

4.1 ARBEIT

Besonders viel Struktur bringt ihm seine Arbeit. Herrndorf setzt sich Ziele und verwirklicht diese. Er nimmt sich vor, seinen Jugendroman, „Tschick", alsbald fertig zu stellen: „Die letzten Tage den Jugendroman gesichtet und umgebaut, Übersicht erstellt, einzelne Kapitel überarbeitet, neue entworfen. Jetzt von Anfang an: jeden Tag mindestens ein Kapitel. In spätestens 52 Tagen ist es fertig. Heute: Kapitel 1."22

Herrndorf arbeitet schnell. Innerhalb weniger Monate stellt er „Tschick" fertig und beginnt gleich darauf seinen nächsten Roman. Währenddessen auftretende „Motivationsproblem[e}"23 aufgrund der ungewiss wenigen Zeit, die ihm noch bleibt, halten nicht mehr als vier Monate an.

[...]


1 Vgl. Kapitel 2.

2 Wolfgang Herrndorf: „Arbeit und Struktur", S. 106.

3 https://www.youtube.com/watch?v=3IkFHeQYMI

4 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie S. 350f.

5 Vgl. Brockhaus Enzyklopädie S. 350f.

6 Reckwitz S. 9.

7 Ebd. S. 9.

8 Vgl. Ebd. S. 10.

9 Ebd. S. 10.

10 Alfred Schütz, Thomas Luckmann: „Strukturen der Lebenswelt", S. 48.

11 Vgl. Herrndorf S. 7.

12 Vgl. Ebd. S. 9.

13 Ebd. S. 425.

14 Vgl. Ebd. S. 428.

15 Vgl. Ebd. S. 443

16 Vgl. Ebd. S. 15ff.

17 Vgl. Ebd. S. 408

18 Vgl. Ebd. S. 159

19 Vgl. Ebd. S. 70

20 Vgl. Ebd. S. 13

21 Herrndorf S. 114.

22 Ebd. S. 35.

23 Ebd. S. 83.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Verlust der Alltagsstruktur. Die Bedeutung von Struktur in Wolfgang Herrndorfs Werk "Arbeit und Struktur"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik, Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Abteilung für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
ICH-Texturen, Ich-Konjunkturen. Autobiografisches Schreiben in der Gegenwartsliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V539076
ISBN (eBook)
9783346141439
ISBN (Buch)
9783346141446
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wolfgang Herrndorf, Arbeit und Struktur, Tschick, Struktur, Herrndorf, Autobiografie, Suizid, Internetblog, Blog, Krankheit, Glioblastom, Alltagsstruktur, Verlust
Arbeit zitieren
Pauline Antonia Richter (Autor), 2017, Der Verlust der Alltagsstruktur. Die Bedeutung von Struktur in Wolfgang Herrndorfs Werk "Arbeit und Struktur", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539076

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