Diachrone Untersuchung zur La voz pasiva in den Grammatiken der Real Academia Española von 1931, 1973 und 2009


Bachelorarbeit, 2012

36 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick über die Real Academia Española (RAE)

3. Forschungsstand zur voz pasiva

4. Gram ática de la lengua española (1931)
4.1. Das Passiv mit dem Auxiliar ser
4.2 Das Passiv mit dem Pronomen se

5. Esbozo de una nueva gram ática de la lengua española (1973)
5.1. Das periphrastische Passiv mit ser
5.2. Das periphrastische Passiv mit estar
5.3. Das pronominale Passiv mit se

6. Nueva gram ática de la lengua española (2009)
6.1. La pasiva per ífrastica
6.2. Estar + participio – Zustandspassiv?
6.3. La pasiva refleja

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Gramática es el arte de hablar y escribir correctamente. Propónese por tanto, enseñar a conocer el valor y oficio de las palabras, el modo de formar con ellas oraciones y el de pronunciarlas y escribirlas“ (Real Academia Española 1931, 7)

Dieses Zitat stammt aus der Gram ática de la lengua española von 1931, der vorerst letzten offiziellen Grammatik der Real Academia Española (RAE) des 20. Jahrhunderts. Es umreißt treffenderweise, worin der Sinngehalt eines grammatischen Nachschlagewerks besteht. Es ist als Wegweiser zu verstehen, der für die korrekte Verwendung bzw. Regelung einer Sprache zuständig ist. Dabei stellt sich der Gebrauch manch eines grammatischen Phänomens als besonders schwierig heraus, wie beispielsweise die des spanischen Passivs, la voz pasiva, mit der sich die vorliegende Arbeit beschäftigt. Zum spanischen Passiv wurden bis in die gegenwärtige Zeit zahlreiche Schriften veröffentlicht, die sich insbesondere mit der syntaktisch-semantischen Funktion des Passivs beschäftigen sowie mit deren Verwendung im aktuellen Sprachgebrauch. Dabei ist der fehlende Konsens darüber, welche Konstruktionen als passivisch gelten bzw. aus welchen Elementen diese zu bestehen hat, ein wesentliches Merkmal für die Sprachforschung zum spanischen Passiv.

Die vorliegende Arbeit geht Fragen zur Anwendung der voz pasiva und deren Bewertung durch die Real Academia Espa ñola nach. Als Forschungsgegenstand gelten dabei die Gramática de la lengua española (1931), Esbozo de una nueva gramática de la lengua española (1973) sowie Nueva gramática de la lengua española (2009). Die Wahl fiel auf die Grammatik der RAE, da diese im Allgemeinen als offizielles Nachschlagewerk zur Regelung des Spanischen gilt und durch ihre normative Wertigkeit geeignet ist, Aufschluss über das spanische Passiv zu geben. Bereits die aufgezählten Titel lassen erkennen, dass die Sprachakademie einem Wandlungsprozess unterlegen war, welcher seinen Anfang durch die ersten Reformen in der Grammatik von 1931 nahm und in der von 2009 seinen derzeitigen Abschluss fand. Der Schwerpunkt dieser Arbeit wird durch die Frage gebildet, ob sich im Zuge der Reformen auch die Methodik zur Erforschung des Passivs verändert hat und ob dementsprechend auch eine Weiterentwicklung vorhandener Theorien oder gar neue Forschungsansätze zu verzeichnen sind.

Die Arbeit ist in sechs große Kapitel gegliedert, wobei die Kapitel vier bis sechs mitsamt ihren Unterkapiteln den Hauptteil bilden. Der Fokus des zweiten Kapitels liegt zunächst auf die Betrachtung zur Entstehung der RAE sowie auf ihren derzeitigen Tätigkeiten. Danach folgt ein umfassender Überblick zum Forschungsstand der v oz pasiva, wobei anhand einer kleinen Auswahl an Publikationen unterschiedliche Theorien umrissen werden. Der Hauptteil, welcher in den obengenannten Grammatiken untergliedert ist, analysiert die Methodik der RAE zur Betrachtung folgender Parameter: ser + participio, estar + participio sowie das reflexive Passiv mit dem Pronomen se. Der Blickpunkt liegt dabei auf der Verwendung etwaiger Fachtermini und jeweiligen Voraussetzungen zur Bildung des Passivs. Ebenso werden Fragen bezüglich diverser Konstruktionen, die als passivisch gelten, spezifischen Restriktionen, denen das Passiv unterliegt sowie Passivkonstruktionen, die die Angabe eines Agens erfordern bzw. dulden, geklärt.

2. Überblick über die Real Academia Española (RAE)

Da es sich bei der Real Academia Espa ñola (RAE) um eine komplexe Institution handelt, ist es an dieser Stelle nicht möglich alle Bereiche, deren Mitglieder und einzelne Funktionen zu betrachten. Ziel dieses Kapitels ist es daher, einen Überblick über die Sprachakademie sowie ihre Entstehung, ihre Aufgaben und Zielsetzungen zu geben. Zugleich gilt es dabei zu verdeutlichen, welchen Stellenwert die Akademie und deren Publikationen in der spanischsprachigen Gesellschaft haben. Über die RAE gibt es nur wenige Arbeiten, die sich mit den Aufgaben und Zielsetzungen der Sprachinstitution beschäftigen oder über aktuelle Projekte informieren. Daher erwies sich bei der Recherche die Internetpräsenz der Akademie als hilfreiche Quelle. Aus diesem Grund wurde an einigen Stellen, an denen die Literatur nicht ausreichend oder auch veraltet erschien, auf Informationen der offiziellen Homepage www.rae.es der Real Academia Espa ñola zurückgegriffen.

Zunächst ein historischer Abriss: Die RAE wurde 1713 nach dem Vorbild der Académie Française, durch die Initiative von Juan Manuel Fernández Pacheco y Zúñiga, Herzog von Escalona und Marqués de Villena, gegründet (vgl. Arbués Villa 1990, 76) und am 3. Oktober 1714 durch el rey Felipe V. offiziell anerkannt (vgl. Arbués Villa 1990, 79). Der Beweggrund dazu bestand darin, die spanische Sprache vor anderen sprachlichen Einflüssen zu bewahren. Eine besondere „Bedrohung“ stellte zu diesem Zeitpunkt der sukzessive Einfluss des Französischen dar (vgl. Arbués Villa 1990, 79)1. 1726 veröffentlichte die Akademie, getreu nach dem Lemma „Limpia, fija y da esplendor“ (vgl. Lebsanft 1997, 109) ihr erstes Werk, das Diccionario de la lengua castellana, welches bis 1739 in insgesamt sechs Bänden erschienen ist. Nur zwei Jahre darauf folgte die Ortografía española und 1771 die Gramática de la lengua castellana (vgl. Zamora Vicente 1999, 369). Diese Publikationen, die seit ihrer ersten Veröffentlichung immer wieder überarbeitet wurden, bilden seit jeher die Grundlage für die Arbeit der königlichen Sprachakademie. Damals wie heute reglementiert die RAE, die aktuell unter der Leitung von D. José Manuel Blecua (RAE www. A) steht, ihre Arbeit und Zielsetzungen durch Statuten, die zuletzt 1993 überarbeitet wurden (vgl. Lebsanft 1997, 109). Der erste Artikel fasst die Aufgaben der RAE wie folgt zusammen:

„La Academia es una institución con personalidad jurídica propia que tiene como misión principal velar por que los cambios que experimente la Lengua Española en su constante adaptación a las necesidades de sus hablantes no quiebren la esencial unidad que mantiene en todo el ámbito hispánico. Debe cuidar igualmente de que esta evolución conserve el genio propio de la lengua, tal como ha ido consolidándose con el correr de los siglos, así como de establecer y difundir los criterios de propiedad y corrección, y de contribuir a su esplendor.“ (Noticias Juridicas 2012, www. G)

Grundsteinlegung bildete dafür die um 1960 gegründete Asociación de Academias de la Lengua Española (ASALE), welche mit der RAE insgesamt zweiundzwanzig Akademien umfasst, einundzwanzig davon aus Lateinamerika und den Philippinen (vgl. Lebsanft 1997, 131; dazu auch RAE www. B). Dieser Verbund von Sprachakademien entwickelte „[...] una política lingüística que implica la colaboración de todas ellas, en pie de igualdad y como ejercicio de una responsabilidad común, en las obras que sustentan y deben expresar la unidad de nuestro idioma en su rica variedad: el Diccionario, la Gramática y la Ortografía“ (RAE www. C).

Ziel ist es daher, die sprachliche Einheit trotz Unterschiedlichkeiten (la unidad en la diversidad) herzustellen (RAE www. C). Da die RAE sich als Organ betrachtet, das für die Regulierung der Norm zuständig ist, liegt ihnen viel daran, dies nicht nur für das Spanisch der Iberischen Halbinsel zu tun, sondern auch für das Lateinamerikas und anderen spanischsprachigen Regionen. Somit liegt mittlerweile der Schwerpunkt in der Forschung der Akademie darin, diastratische und diatopische Varietäten aufzunehmen, die die „gesamte“ spanische Sprache betreffen, denn stilistische Merkmale eines Madrider Kaufmanns stimmen nicht zwangsweise mit denen eines Kaufmanns aus Kolumbien überein (vgl. Muro 1990, 34). Die ersten Ergebnisse der política lingüística panhispánica sind in der Ortografía von 1999 zu finden, in der erstmals die zweiundzwanzig Akademien als Co-Autoren auftauchen. Das Diccionario de la lengua española (DRAE) von 2001 steht ebenso unter der neuen Sprachpolitik, kann es erstmals 28.000 marcas americanas, also lateinamerikanische Sprachbesonderheiten, aufzeigen (RAE www. D). Gleiches gilt für die im Jahr 2009 publizierte Nueva gramática de la lengua española, darauf wird jedoch im sechsten Kapitel gesondert Bezug genommen.

Die RAE hat es seit ihrer Gründung geschafft, sich zu einer festen Größe zu etablieren. Bereits im Jahr 1857 wurde die Gramática de la Academia Española im „[...] ley de 9 de septiembre [...] en su artículo 88“ zum einzigen obligatorischen Text für die öffentliche Schulbildung erklärt (RAE 1931, 5), so dass die Akademie bis heute für ihre Werke normative Wertigkeit in Anspruch nimmt. Jedoch ist die Existenz der RAE nicht vollkommen kritiklos geblieben. So wurde ihre Arbeit durchaus in der Öffentlichkeit in Frage gestellt und deren Sinn hinterfragt. Franz Lebsanft weist in seiner Monographie zur spanischen Sprachkultur darauf hin, dass die RAE insbesondere Kritik mit dem um 1978 veröffentlichten Diccionario histórico de la lengua española hinnehmen musste. Kritikpunkt war unter anderem, dass das Werk trotz jahrzehntelanger Bearbeitung nicht vollständig sei und Kritikern zufolge wichtige Eintragungen bzw. umfangreichere Betrachtungen zu einzelnen Lexemen gänzlich fehlen würden. Ebenso scharf kritisiert wurde der Esbozo de una nueva gramática de la lengua española von 1973, welcher aufgrund seines unvollständigen Charakters den Unmut vieler Linguisten auf sich zog (vgl. Lebsanft 1997, 110). Des Weiteren beleuchtet Lebsanft die öffentlich geführte Diskussion bezüglich des globalen Aufgabenfeldes der RAE, die die Gesellschaft, Linguisten und auch Akademiker zur Disposition stellen. Kern der Debatten ist, ob die RAE sich um die Pflege der Sprache und um die der Rede kümmern sollte. Eine Seite plädiert dafür, die Akademie solle sich allein um die Pflege der Sprache kümmern, da sich nach deren Meinung die Kompetenz darauf zu beschränken habe, all jenes zu kodifizieren, was die Gesellschaft als guten Sprachgebrauch bewertet. Die andere Seite setzt sich dafür ein, dass die Akademie ebenso dazu verpflichtet sei, sich der Pflege der Rede zu widmen, wobei sie als Orientierungshilfe fungieren solle, indem sie den in der Rede unsicheren Gebrauch bewertet und gegebenenfalls eingreift, mit dem Ziel die besseren sprachlichen Mittel festzusetzen (Lebsanft 1997, 135). In den Grammatiken wird allgemein hin das Ziel der normativen Wertigkeit verfolgt, was sich in den folgenden Ausführungen deutlich zeigen wird. Trotz öffentlicher Kritiken und Diskussionen seitens der Gesellschaft, werden die Grammatiken und Wörterbücher als offizielle Nachschlagewerke zur Regulierung des Spanischen anerkannt. Des Weiteren ist die RAE sehr darum bemüht, in zeitgemäßer Form die bewusste Wahrnehmung der spanischen Sprache, ihre Geschichte und Vielseitigkeit zu fördern, wie das aktuelle Projekt „Quijote“, welches als Lesung im Internet veröffentlicht wurde, zeigt (vgl. RAE www. E).

3. Forschungsstand zur voz pasiva

Zielsetzung dieses Kapitels ist es, einen Überblick über die Forschung zur voz pasiva zu geben. Angesichts des immensen Umfangs an Forschungsliteratur zum Passiv soll an dieser Stelle lediglich auf eine kleine Auswahl an Publikationen eingegangen werden, die die unterschiedlichen Sichtweisen auf dieses Phänomen widerspiegeln. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass nicht nur die Terminologie für die Beschreibung des reflexiven Passivs, auch als voz mediana (z.B. Hamplová 1970, 7) bezeichnet, variiert, sondern, dass es zugleich zahlreiche Theorien darüber gibt, welche Konstruktionen passivischen Inhalt haben oder aufgrund ihrer syntaktischen Relationen nicht als Passive gelten können. Charakteristisch für die Forschung zur spanischen Passivdiathese sind eine Vielzahl an empirischen Studien im Bezug zur Häufigkeit von Passivkonstruktionen und deren Verwendung im Sprachgebrauch2.

José Joaquin Montes weist in seiner Publikation zur „La actual crisis de la voz pasiva en español“ (2002) auf die jahrelang anhaltende Diskussion über die Frage nach der Existenz des spanischen Passivs hin und beleuchtet dabei unterschiedlichste Theorien. Zum einen wird die Ansicht vertreten, dass das Passiv als stark kontextabhängig gilt und aus diesem Grund tendenziell „[...] construcciones de particpio o construcciones resultativas“ gleichen würde (Trujillo (1988) Sobre las construcciones pasivas, 247. Zit. n. nach Montes (2002, 106)). Zum anderen gilt, dass im Spanischen die Möglichkeit besteht, mittels unterschiedlichster grammatischer Konstruktionen, Passive zu bilden und das „[...] these different structures also correspond to things that are not passives, but active sentences, copular sentences, or reflexive sentences“ (Silva-Corvalán (1978) The application of a universal definition of passive to certain grammatical constructions in Spanisch, 299. Zit n.

Montes (2002, 106)). José Joaquin Montes akzeptiert hingegen die Existenz der voz pasiva und widmet sich daher dem zunehmenden Einfluss des Englischen, den er als Gefahr für das Passiv sieht. Anhand unterschiedlicher Analysen von Kommunikationsmedien und literarischen Texten, kommt er (2002, 119) zu dem Entschluss, dass durch fehlerhafte Translationen vom Englischen ins Spanische, die englische Passivkonstruktion auf die des Spanischen projiziert wird und es dadurch zu einer Zweckentfremdung der ursprünglichen Passivbildung und dessen Gebrauch kommt.

Emilio Alarcos Llorach ist höchstwahrscheinlich der bekannteste Vertreter, der die Exis-tenz der voz pasiva nicht anerkennt. In seinen Estudios de gramática funcional del español aus dem Jahr 1970 negiert er die Existenz der Diathese im spanischen Sprachsystem und daraus folglich jegliche Passivkonstruktion und wirft zugleich die These auf, dass es sich bei Passivsätzen letztendlich um Attributsätze handelt. Um diese Theorie zu stützen, stellt er zunächst Untersuchungen an, die beweisen sollen, dass es kein Flexionsmorphem der Diathese im Spanischen gibt. Er stellt fest, dass in dem Satz:

(1) La noticia es difundida.

weder das Auxiliar ser noch -id als Derivativ des Partizips oder auch als Markierer akti-vischen Inhalts für die tiempos compuestos, welches seiner Ansicht nach nicht zu den fundamentalen Morphemen (wie ein Flexionsmorphem) gehört, sondern zu den sogenannten morfema convertido, Träger passivischen Inhalts sind (1970, 92ff). Er stellt damit die Frage in den Raum, welchen Unterschied es zwischen Passivsätzen und den oraciones nominales gibt und beantwortet diese mit dem für ihn eindeutigen Ergebnis: „Ninguna [diferencia] en cuanto a la expresión“ (1970, 93). Das gleiche gilt auch für das Reflexivpassiv, welches ebenso wenig ein diathetisches Flexionsmorphem aufweist (1970, 93). Letztendlich schlussfolgert er anhand seiner Untersuchung:

„[...] la diferencia entre los gastos son reducidos (=“se reducen los gastos“) y los gastos son reducibles (=“se pueden reducir“) reside en el nivel de la estructura de cada uno de los dos sintagmas reducidos y reducibles; pero la relación de éstos con el núcleo son y el sujeto los gastos es idéntica en ambos ejemplos: son atributos. [...] Como estructuras oracionales nos encontramos siempre una sola: la de tipo atributivo“(1970, 132).

Konstanze Jungbluth hingegen sieht in ihrem Aufsatz „La voz pasiva en la lengua castellana“ (2006) ein Kontinuum zwischen den lateinischen, griechischen und spanischen Sprachsystemen. Sie geht davon aus, dass das Spanische ebenso drei Paradigmen der Genera aufweist wie das Griechische, jedoch mit dem Unterschied, dass es kein Flexionsmorphem gibt (vgl. dazu Alarcos Llorach 1970, 92), das als Träger passivischen Inhalts gelten kann. Diese Paradigmen sind: La voz activa, la voz media (auch als pasiva refleja bezeichnet) und la voz pasiva. Zum letzten Paradigma zählt sie die Konstruktionen ser + participio als voz pasiva de acción sowie estar + participio als perífrasis verbal pasiva (2006, 58). Zugleich vertritt sie die Theorie, dass das Passiv im Spanischen weitaus seltener verwendet wird als im Englischen. Den Grund dafür sieht sie darin, dass die Anordnung der Lexeme im Gegensatz zum Englischen deutlich freier sei (2006, 60). Jungbluth geht davon aus, dass „[...] esta libertad permite poner en posición inicial partes de la oración, por motivos de cohesión o de énfasis o por otros motivos expresivos, sin la necesidad de tranformar la oración en la voz pasiva“ (2006, 60). Anhand einer von ihr durchgeführten empirischen Analyse schlussfolgert sie, dass entgegen der allgemeinen Annahme Passivkonstruktionen würden fast ausschließlich in juristischen Texten vorkommen, diese durchaus in appellativen Texten wie in Gebrauchsanweisungen für Elektrogeräte oder in Beschreibungen und Anleitungen für Medikamente zu finden seien (2006, 67).

Karl-Hermann Körner wiederum widmet sich in seinem Aufsatz „Der Agensausdruck beim Reflexivpassiv im Spanischen aus syntaxtypologischer Perspektive“ dem se -Passiv und der Frage nach einer möglichen Verbindung mit einem expliziten Agensausdruck (1989, 149). Dabei geht er von unterschiedlichen Theorien bekannter Linguisten aus, wie die von Nelson Cartagena, der ausschließlich se -Passive mit einem por -Syntagma als „echtes“ Passiv anerkennt, da dieses den rhematischen Satzteil ausmache (1989, 154). Überdies zieht er für seine Untersuchungen auch die Theorie des nachträglichen Einfalls in Betracht. Diese besagt, dass die als unpersönlich geplante Äußerung um die Komponente des Urhebers der Handlung im Nachhinein bereichert wird, wobei er dieses Phänomen jedoch als wenig haltbar erachtet. Körner selbst vertritt die Ansicht, dass Agensbezeichnungen durchaus beim Reflexivpassiv vorkommen, wenn auch in wenigen Fällen (1989, 153). Darüber hinaus stellt er die These auf, dass neben den bereits erwähnten Präpositionen por und de eine weitere, nämlich con im Zusammenhang der passivischen se -Konstruktion verwendet würde (1989, 152). Dabei weigert er sich, eine syntaktisch scharfe Abgrenzung zwischen Agens und Adverbialsyntagmen vorzunehmen, da seiner Auffassung nach im Spanischen die „[...] Kategorie Subjekt [...] im Normalsatz, d.h. im Aktivsatz - eine syntaktisch weniger eindeutig [...] abgrenzbare Kategorie ist“ (1989, 158). Daher bewertet er die Präposition con ebenso als Agensausdruck bzw. sieht sie als agensähnliches Syntagma an. Demnach erkennt er den aus Samuel Gili Gayas Curso superior de sintaxis española entnommenen Satz:

(2) La pared se hundió con el peso de la techadumbre.

(81961, § 104, Zit. n. Körner (1989, 158)) als eine reflexive Passivkonstruktion an.

Im Gegenzug dazu beschäftigt sich Barbara Wehr in ihrem Aufsatz „Zur Beschreibung der SE-Konstruktionen im Romanischen“ (1998) mit der Frage, ob diese ähnlich dem Französischen als dritte Diathese gelten kann. Als Grundvoraussetzung gilt für sie die „[...] Implikation eines menschlichen nicht-spezifischen Agens“ (1998, 139) wie por todos oder por los esclavos (1998, 139). Würde der Agens, so ihre Argumentation, ausgelassen werden bzw. kein fester Bestandteil der se -Konstruktion sein, wie von einigen Forschern vermutet, würde die Theorie, die se -Konstruktion sei eine „Dritte Diathese“ hinfällig werden. Da Wehr jedoch auf keinerlei Belege gestoßen sei, welche die Agensauslassung belegen würde, schlussfolgert sie daraus, dass ihre These Bestand habe (1998, 140).

Weiterhin ist interessant, dass es im Bezug auf die Agensangabe wenig Einigkeit herrscht, wie bei den Darlegungen von Körner bereits angedeutet wurde. Cartagena spricht von einer fakultativen Agensangabe bei der Passivkonstruktion mit dem Verb ser. Beim Zustandspassiv estar + participio geht er davon aus, dass in der Regel kein Agens ange-geben wird, jedoch beim se -Passiv dieses, wie bereits erwähnt, wesentlich sei (1989, 359; vgl. dazu Körner 1989, 154). Das Ziel der nun folgenden Ausführungen ist es zu zeigen, wie die Real Academia Española in ihren Grammatiken von 1931, 1973 und 2009 das spanische Passiv kategorisiert, in den Sprachgebrauch einordnet und welche Regelungen sie zur Verwendung der jeweiligen Konstruktion sowie zur Agensangabe trifft.

[...]


1 Dazu gehören u.a.: Sylva Hamplová, die in ihrem Werk „Algunos Problemas de la voz perifrástica pasiva y las perífrasis factitivas en español“ u.a. eine umfangreiche Auswertung zur Frequenz der Passivkonstruktionen mit ser + participio, estar + particpio in ihren unterschiedlichen tiempos y modos verbales (1970, 51) durchführte sowie Karin Schmitz, die in Passivierung und Unakkusativität in den romanischen Sprachen Spanisch, Italienisch und Französisch. Eine Untersuchung aus synchroner und diachroner Perspektive“ u.a. die Häufigkeit der Passivkonstruktionen mit ser und estar und dem reflexiven Passiv und deren Verwendung im historischen und aktuellen Sprachgebrauch nachgeht (Schmitz 2012).

2 Gemäß dieser Aufgabenstellung ist zu erkennen, dass sich die Akademiker dazu ver-pflichtet sehen, sich nicht nur der Sprachpflege zu widmen, sondern darüber hinaus sich insbesondere für die Spracheinheit einzusetzen (vgl. Lebsanft 1997, 110). Wichtige Zum Zeitpunkt der Gründung der RAE hatte Frankreich durch die intensive Expansionspolitik König Ludwigs XIV. die Hegemonialstellung in Europa inne und löste somit die Vormachtstellung Spaniens ab (vgl. Ploetz 1998, 684). Die politischen Umstände beeinflussten dementsprechend auch die europäischen Sprachverhältnisse, da nun zunehmend die französische Sprache an diversen Königshäusern Einzug fand.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Diachrone Untersuchung zur La voz pasiva in den Grammatiken der Real Academia Española von 1931, 1973 und 2009
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
36
Katalognummer
V539101
ISBN (eBook)
9783346182821
ISBN (Buch)
9783346182838
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rae, voz passiva, diachron, Grammatik, grammática, Real academia española
Arbeit zitieren
Sandra Mende (Autor), 2012, Diachrone Untersuchung zur La voz pasiva in den Grammatiken der Real Academia Española von 1931, 1973 und 2009, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539101

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