Analyse der Äquivalenzebenen der Übersetzung von potentieller Literatur. George Perecs "La disparition"


Bachelorarbeit, 2011

37 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

0.Einleitung

1.La disparition von George Perec
1.1 Was ist Literatur
1.2 Was ist potentielle Literatur
1.3 Besonderheiten in Perecs La disparition und dessen Übersetzung

2.Übersetzungtheorien
2.1 Definition Übersetzung
2.1.1 Übersetzung vs. Bearbeitung
2.1.2 Interlinearversion
2.2 Allgemeine Translationstheorie
2.3 Skopostheorie
2.4 These der Unübersetzbarkeit

3. Übersetzungsmethoden
3.1 Übersetzungsmethode nach Nida/Taber
3.2 Wörtlich vs. Nichtwörtlich
3.3 Die stylistique comparée

4. Äquivalenz
4.1 Adäquatheit und Äquivalenz
4.2 Äquivalenzforderungen
4.3 Hierarchie
4.4 Äquivalenzebenen

5. Anwendung auf La disparition
5.1 Beispiel 1
5.2 Beispiel 2
5.3 Beispiel 3
5.4 Beispiel 4
5.5 Beispiel 5
5.6 Beispiel 6
5.7 Kreativität beim Übersetzen

6. Schlussbemerkung

0.Einleitung

In der folgenden Arbeit sollen die Äquivalenzebenen der Übersetzung von George Perecs La disparition analysiert werden, um so zu untersuchen, ob sich aus potentieller Literatur und ihrer Übersetzung für den Übersetzer besondere Schwierigkeiten ergeben und welche. Dazu sollen zunächst die Begriffe Literatur und potentielle Literatur erklärt und definiert werden. Anschließend sollen einige Überlegungen darüber angestellt werden, welche spezifischen Problemstellungen sich bei der Übersetzung des Leipogramms La disparition ergeben könnten. Dazu soll vor Allem das Nachwort des Übersetzers untersucht werden, um die tatsächlichen Schwierigkeiten benennen zu können. Darüber hinaus sollen grundsätzliche theoretische Fragestellungen aus dem Bereich der Übersetzungswissenschaft aufgegriffen und dargestellt werden. Besonderes Augenmerk soll dabei auf verschiedene Übersetzungstheorien und -methoden gelegt werden, um dem Leser so ein Grundverständnis zu vermitteln und ihm den Begriff der übersetzerischen Äquivalenz zugänglich zu machen. Dabei soll vor allem auf gängige Begriffe wie die Skopostheorie, die These der Unübersetzbarkeit und wörtliche und nicht-wörtliche Übersetzung eingegangen werden. Diese Begriffe dienen einerseits zum Verständnis der Begriffsbasis, andererseits dazu die später diskutierten Beispiele und die vom Übersetzer gewählte Weise, diese zu übersetzen, besser nachvollziehen zu können. Um auf den Begriff der Äquivalenzebenen einzugehen, sollen zunächst die Begriffe Adäquatheit und Äquivalenz voneinander abgegrenzt werden. Dann soll auf die Wichtigkeit von Äquivalenzforderungen und deren Hierarchisierung eingegangen, um dann auf die Äquivalenzebenen einzugehen. Diese sollen dann an Beispielen aus dem Ausgangstext und seiner Übersetzung analysiert werden, um die Frage nach Äquivalenz zwischen dem AT und ZT zu klären. Um Wiederholungen und inhaltliche Überschneidungen zu vermeiden, wird sich auf eine geringe Anzahl aussagekräftiger Beispiele beschränkt, die zeigen sollen, welche Äquivalenzebenen zurückgestellt werden (müssen), um Äquivalenz auf der Ebene der Form, die für das Leipogramm und seine Übersetzung notwendig ist, beibehalten zu können. Letztendlich soll doe Vorgehensweise des Übersetzers in einem Fazit zusammengefasst und kritisch betrachtet werden.

1. La disparition von George Perec

Im Roman La disparition des französischen Autors George Perec findet der Leser nicht ein einziges Mal den Buchstaben e. Der Autor lässt diesen Buchstaben allerdings nicht einfach aus. Er ist darauf bedacht, nur Wörter zu benutzen, die kein e beinhalten. Das heißt, dass Wörter wie le, fenêtre, avec oder beaucoup überhaupt nicht benutzt, sondern entweder durch Synonyme oder Umschreibungen ersetzt werden.

Da sich durch eine solche Einschränkung besondere und nicht alltägliche Probleme für den Übersetzer ergeben, soll im Folgenden darauf eingegangen werden, welche Übersetzungstheorien und -methoden es im Allgemeinen gibt und welche sich speziell auf das Literaturübersetzen und besonders auf das Übersetzen potentieller Literatur, wie den Roman von Perec, beziehen und wodruch Äquivalenz beim Übersetzen erreicht werden kann. Dazu soll zunächst definiert werden, was Literatur einerseits ist und was unter potentieller Literatur andererseits verstanden wird.

1.1 Was ist Literatur?

Diese Frage mag unangemessen scheinen, ist aber bei näherer Betrachtung unumgänglich bei der Analyse eines literarischen Werks und dessen Übersetzung. Klinkert erkennt:

„Jeder weiß, was Literatur ist. Oder doch zumindest jeder, der sich entschlossen hat, Litera-turwissenschaft zu studieren […]. Ein auch nur flüchtiges Studium der einschlägigen Untersuchungen […] zeigt indes, daß diese Frage schon viele gestellt haben, und die vielfältigen und häufig einander widersprechenden Antworten,die gegeben wurden, weisen darauf hin, daß hier ein Problem vorliegt, an dem man sich nicht vorbeimogeln kann.“1

Der Begriff Literatur ist also nicht ganz einfach zu definieren. Neben den klaren Unterscheidungen zwischen Gedichten, Romanen und Fabeln auf der einen und Gebrauchsanweisungen, Rezepten und Briefen auf der anderen Seite, gibt es schließlich auch noch schriftliche Texte, die nicht ganz so eindeutig zugeordnet werden können.2 Ganz eindeutig sind Gedichte, Romane und Fabeln der allgemeinen Auffassung nach literarische Werke. Wieso zählen sie aber, im Gegensatz zu den Letztgenannten, zur Literatur? Klinkert erklärt:

„Im engeren Sinne bezeichnet Literatur jedoch nur einen Ausschnitt aus der Gesamtheit aller geschriebenen Texte, nämlich diejenigen, denen bestimmte Eigenschaften (etwa Fiktionalität, künstlerische Formung, Unterhaltsamkeit) zuge- schrieben werden und von denen einige Teil einer kulturellen Überlieferung wer- den können. In diesem Zusammenhang bezeichnet Literatur dann auch die Bedingungen der Herstellung (Produktion) und der Aufnahme (Rezeption) der betref- fenden Texte, meint also das gesamte ,literarische Leben'“3

Dies beinhaltet dann also auch die Übersetzung der zur Literatur zählenden Texte. Helmlés Übersetzung des Romans ist also ebenso ein literarisches Werk wie das Original von Perec.

1.2 Was ist potentielle Literatur?

Nachdem also jetzt eine Vorstellung davon vermittelt wurde, was Literatur überhaupt ist, soll nun noch geklärt werden, was unter potentieller Literatur verstanden wird. Perecs Roman ist von Bedeutung für die potentielle Literatur und muss demnach vor diesem Hintergrund gelesen und analysiert werden. Damit dies allerdings möglich ist, kann nicht davon abgesehen werden, eine Definition von potentieller Literatur zu geben und ein Grundverständnis über deren Hintergründe zu vermitteln.

Der Begriff potentielle Literatur umfasst Werke, die auf gewisse Weise Einschränkungen aufweisen. Der Autor zwingt sich selbst beim Verfassen gewisse Regeln einzuhalten. Potentielle Literatur wird deshalb auch als „littérature à contraintes“ bezeichnet. Diese Art zu schreiben findet viele Anhänger. Autoren, wie George Perec gehören zum OuLiPo, dem Ouvroir de littérature potentielle. Zu dessen Entstehung:

“In November 1960, the writer Raymond Queneau joined forces with the mathematician Francois Le Lionnais to form the Séminaire de littérature expérimentale (Seminar for Experimental Literature, abbreviated to Sélitex), a group that the following month was renamed the Ouvroir de littérature potentielle.”4

Durch diese selbst auferlegten Regeln und Einschränkungen wollen die Autoren des OuLiPo zeigen, wie wichtig es ist, den Schreibprozess zu kontrollieren, indem sie schon dagewesene Schreibformen neu interpretieren oder ganz neue literarische Werke anhand von Regeln und Zwängen erschaffen.5 Um diese Art zu schreiben noch besser zu verstehen, soll hier ein Auszug aus Perecs Buch angeführt werden, in dem der Autor, immer noch ohne ein e zu verwenden, beschreibt, aus welchem Grund und mit welchem Ziel er sich selbst diese Einschränkung auferlegt hat, bevor er den Roman begann:

„Puis, plus tard, s'assurant dans son propos, il donna à sa narration un tour symbo- lisant qui, suivant d'abord pas à pas la filiation du roman puis pour finir la consti- tuant, divulgait, sans jamais la trahir tout à fait, la Loi qui l'inspirait, Loi dont il ti- rait, parfois non sans mauvais goût, mais parfois aussi non sans humour, non sans brio, un filon fort productif, stimulant au plus haut point l'innovation.”6

Eugen Helmlé, der deutsche Übersetzer, erklärt im Nachwort seiner deutschen Übersetzung, welche Auswirkungen die Einschränkungen in Perecs Roman auf den möglichen Schreibstil und dadurch auf die Gesamtheit des Werks, also auch auf die Rezeption, haben:

„Der Zwang, ohne diesen in fast allen europäischen Sprachen häufigsten Buchsta-ben auskommen zu müssen, läßt die Aussage- und Erzählmöglichkeit so stark zu-sammenschrumpfen, daß an die Stelle einer Welt des Überflusses und der literari-schen Ausschmückung eine Welt der Kargheit und der sprachlichen Enthaltsamkeit tritt. Was der Autor an Menschen, Dingen Ereignissen, Zuständen, Verwicklungen vorführt, sind immer nur durch die Methode bedingte Ausschnitte des Seins, und die durch diese Sprache beschworene Realität erscheint als ein Zerrbild möglicher Wirklichkeiten.7

Autoren des OuLiPo machen es sich demnach zur Aufgabe, die geltenden Regeln des Schreibens zu umgehen, indem gezielt Grenzen gesetzt werden, die Ausschweifungen und detaillierte Beschreibungen nicht zulassen und somit im Grunde einen gegenteiligen Effekt erzielen, der in anderen literarischen Werken so nicht zu finden ist.

1.3 Besonderheiten in Perecs La disparition und dessen Übersetzung

Perecs La Disparition ist ein „leipogrammatischer Roman“8. Die Bezeichnung Leipogramm umfasst literarische Werke, bei denen bestimmte Buchstaben ausgelassen werden.9 Dabei gibt es verschiedene Arten von Leipogrammen: jene, bei denen Werke unterteilt wurden, um pro Kapitel je einen Buchstaben des Alphabets auszulassen, jene, die auf die Verwendung des Buchstaben r verzichten und schließlich jene, zu denen auch der Gegenstand der vorliegenden Arbeit gezählt werden kann: die vokalischen Leipogramme.10 Ein Beispiel für die erste Art von Leipogrammen nennt Gutknecht:

„Als früher Meister dieses Genres gilt der aus Ägypten stammende griechische Epiker Triphiodoros, der im 5. Jahrhundert eine „Odyssee“ geschrieben hat, in deren 24 Gesängen er jeweils einen bestimmten (und überdies jedesmal einen anderen) Buchstaben des griechischen Alphabets bewußt gemieden hat.“11

Die zweite Art des Leipogramms wird unter anderem von Wilherlm Burmann vertreten, der 130 Gedichte ohne r schrieb.12 Wie bereits erwähnt gehört Perecs Roman zu der letztgenannten Art der Leipogramme, da hier ausschließlich Wörter, die kein e enthalten verwendet wurden. Diese Einschränkung ist dabei ganz und gar nicht willkürlich: Das e ist der im Französischen meistgenutzte Buchstabe, wodurch die Einschränkung, die Perec sich dadurch selbst gegeben hat, dementsprechend groß ist.13 Auch die deutsche Übersetzung wurde angefertigt, ohne Wörter, die ein e enthalten, zu verwenden. Der Übersetzer hat sich damit ebenso eingeschränkt, wie schon der Autor, denn auch im Deutschen ist das e der am häufigsten verwendete Buchstabe. Auch in den anderen Sprachen, in die der Roman übersetzt wurde, hat der Übersetzer jeweils den am häufigsten verwendeten Buchstaben ausgelassen. So ist das im Englischen beispielsweise ebenfalls das e, im Spanischen hingegen das a.14

Für den Übersetzer ergeben sich in diesem Fall Schwierigkeiten, die über die grundsätzlichen Probleme bei der Übersetzung von Literatur hinausgehen. Unter anderem liegen diese Schwierigkeiten in der Tatsache begründet, dass der Übersetzer sich an die gleichen Zwänge und Einschränkungen halten muss, an die sich auch der Autor gehalten hat. Helmlé bemerkt dazu:

„Zu den Zwängen, die das Schreiben erschweren, gehört zum Beispiel, daß bestimmte Dinge nicht mehr gesagt, bestimmte Sachverhalte nicht mehr beschrieben, bestimmte Gegenstände nicht mehr genannt werden können. […] Bei der Übersetzung lipogrammatischer Texte sind zunächst einmal die gleichen Schwierigkeiten zu überwinden, doch jenes Korsett, das sich beim Schreiben des Originaltextes als Halt und Hilfe erwies, wird für den Übersetzer zur Zwangsjacke.“15

Die Einschränkungen werden also für den Übersetzer tatsächlich zu einer Schwierigkeit und verursachen Probleme, die nicht nur in der Literaturübersetzung begründet sind. Welche Probleme das sind und in welchem Maße diese sich bei der Übersetzung von potentieller Literatur noch gravierender abzeichnen, soll im Folgenden noch etwas genauer beleuchtet werden. Schon vorab kann allerdings angemerkt werden, dass die im Original verwendeten französischen Wörter, die kein e enthalten, nicht zwangsläufig auch im Deutschen diese Bedingung erfüllen. So kann der Autor mit dem Subjektpronomen il arbeiten, der deutsche Übersetzer allerdings muss sich für das Wort er eine e-freie Alternative einfallen lassen. Daher soll im Folgenden analysiert werden, welche Alternativen der Übersetzer verwendet und in wie fern es sich trotz alternierender Lexik bei der deutschen Fassung noch um eine Übersetzung handelt.

2. Übersetzungstheorien

Über die Jahre, in denen die Übersetzungswissenschaft nun bereits existiert, wurden eine Vielzahl von Übersetzungstheorien aufgestellt, von denen einige im Folgenden kurz benannt und erläutert werden sollen. Bei diesen Theorien wird einerseits Wert auf die Art, wie übersetzt wird – also beispielsweise, ob wörtlich oder nicht-wörtlich übersetzt wird – gelegt, andererseits auch auf den Zweck, den die Übersetzung hat. Keine der im Folgenden genannten Theorien soll als richtig oder falsch dargestellt werden. In ihrer Gesamtheit können sie alle dazu beitragen, das Verständnis bezüglich eines Übersetzungsprozesses zu erleichtern und übersetzungsrelevante Fragen zu beantworten. Die Auflistung einzelner Theorien soll hier lediglich einen Überblick geben und dabei helfen, die Schwierigkeiten zu erkennen, mit denen ein Übersetzer während des Übersetzungsprozesses konfrontiert wird. Darüber hinaus kann eine grundlegende Theoriekenntnis bei der Analyse der Übersetzung von Perecs Roman hilfreich sein.

Um über Übersetzungstheorien diskutieren zu können, muss zunächst einmal der Begriff Übersetzen definiert werden. Was genau ist eine Übersetzung, was macht eine Übersetzung aus und in wie fern unterscheidet sie sich von anderen Transferprozessen, wie beispielsweise der Bearbeitung.

2.1 Definition Übersetzung

Das Übersetzen gilt als das zweitälteste Gewerbe der Welt. Dennoch scheint noch immer nicht eindeutig greifbar zu sein, was genau eine Übersetzung oder das Übersetzen denn ist. Die Literatur zur Übersetzungswissenschaft und zu den Übersetzungstheorien weist sich in ihrer Genauigkeit unterscheidende Darstellungen auf und niemand vermag, wie es scheint, eine Definition allgemeingültig zu erfassen. Vermeer definiert: „bei einer translation wird ein text [als teil eines ''weltkontinuums'' aus einer sprache A in eine sprache Z übertragen [so daß ein neuer text Z' in einer kultur z entsteht]“16 Wills geht noch über diese Definition hinaus und ergänzt sie um einige grundlegend wichtige Attribute der Übersetzung bzw. des Übersetzens:

„Übersetzen ist eine sowohl auf den Ausgangstext (AT) als auch auf den Zieltext(ZT)-Leser/ die ZT-Leserschaft gerichtete, situativ eingebundene Tätigkeit, die funktionsbestimmt ist, bewußt, planmäßig und kontrollierbar abläuft und den Zweck hat, Verständigung zwischen den Angehörigen verschiedener Sprach-, Kommunikations- und Kulturgemeinschaften zu ermöglichen.“17

Grundlegend wichtig sind die genannten Attribute, weil sie gegenüber der Definition von Vermeer sowohl die Kontext- und Situationsrelevanz („situativ eingebunden“) als auch die Relevanz des Zwecks, oder Skopos, auf die an späterer Stelle noch eingegangen werden soll, berücksichtigen. Albrecht führt eine Reihe verschiedener Definitionen an und erkennt, dass „man in der reichen Literatur zur Übersetzungsforschung verhältnismäßig selten auf formal korrekte Definitionen des Begriffs „Übersetzung“ stößt.18

Da eine Definition des Begriffs Übersetzung also nicht exakt zu erfassen scheint, soll mittels Abgrenzung von Übersetzungen und anderen Transferprozessen versucht werden, das Verständnis des Begriffs zu erleichtern.

2.1.1 Übersetzung vs. Bearbeitung

Einer dieser anderen Transferprozesse ist die Bearbeitung, die im Gegensatz zur Übersetzung eine größere Distanz zum Ausgangstext aufweist, also freier ist. Im Folgenden soll noch genauer auf den Begriff frei bzw. nichtwörtlich eingegangen werden und er wird daher an dieser Stelle nicht näher beleuchtet.

Grundsätzlich ist der Begriff Bearbeitung ähnlich schwer zu fassen, wie der Begriff Übersetzung. Allein die große Anzahl an Synonymen zeigt, dass die Wissenschaftler sich uneinig darüber sind, was eine Bearbeitung genau ausmacht.19 Der wohl größte Unterschied zwischen einer Bearbeitung und einer Übersetzung liegt wahrscheinlich darin, dass die Bearbeitung unter Umständen auch als ein eigenständiges Werk betrachtet werden könnte. Im Gegensatz zur Übersetzung ist die Bearbeitung nicht eindeutig nur einem Originaltext zuzuordnen. Bearbeitungen müssen also nicht zwangsläufig inhaltliche und strukturelle Gleichwertigkeit aufweisen, so wie es eine Übersetzung im Normalfall sollte. Übersetzungen können also grundsätzlich einen Rückbezug auf den Ausgangstext ermöglichen, da sie in ihrer Form und in ihrem Inhalt diesem sehr nahe sind. Bearbeitungen weisen diese Kriterien nicht unbedingt auf; sie sind in ihrer Form und in ihrem Inhalt freier und machen sich den Originaltext nur zu Nutzen, in dem er als vage Vorlage dient.20 Dabei soll aber immer „mindestens ein komplexes, individuelles Textmerkmal […] des Prätextes erhalten“21 bleiben.

Bearbeitungen nehmen unterschiedliche Formen an. Sie lassen sich in drei Hauptklassen einteilen, die alle nochmals eine Vielzahl an Unterkategorien haben. Um nur kurz auf diese Klassifizierung einzugehen, sollen vor allem die drei Hauptklassen genannt und beschrieben werden, die Unterkategorien seien dabei von geringerer Bedeutung; es geht um einen Überblick.

Die erste Klasse ist die augmentative Bearbeitung, in der es sich der Bearbeitende zur Aufgabe macht, den Originaltext in bestimmter Weise zu verbessern. Dies kann verschiedene Punkte des Originals betreffen, wie beispielsweise den Stil, den Ausdruck, den Inhalt etc.22 Die adaptierende Bearbeitung bildet die zweite Klasse und beschreibt solche Texte, die verändert werden, um an eine Zielgruppe, einen kulturellen Standard oder zeitgenössisch angepasst werden.23 Die dritte Klasse ist die der diminutiven Bearbeitung, bei der vor allem sprachliche Phänomene verändert werden. Dies ist beispielsweise das hinzufügen von Alltags- oder vulgärer Sprache oder ein Verkürzen des Originals.24

Durch diese Abgrenzung der Übersetzung zur Bearbeitung kann also die Definition einer Übersetzung klarer werden. In der Übersetzung muss im Gegensatz zur Bearbeitung mehr Wert auf Gemeinsamkeiten gelegt werden; die Übersetzung entspricht im Grunde eher dem Ausgangstext als es die Bearbeitung tut.

2.1.2 Interlinearversion

Die Interlinearversion soll hier als eine weitere Transfermöglichkeit eines Textes in eine Zielsprache gesehen werden. Sie stellt einen Gegensatz zur Bearbeitung dar, da sie gar nicht frei ist, sondern sich absolut an den vorgegebenen Ausgangstext hält. Dennoch stellt auch sie nicht wirklich eine Übersetzung gemäß dem grundsätzlichen Verständnis des Begriffes dar. Zwar schreibt Sonderegger:

„Die Interlinearversion bleibt die erste und älteste Stufe in der Geschichte der deutschen Übersetzung, der erste Wegbereiter für einen zusammenhängenden, volkssprachlichen Übersetzungstext, die erste tragfähige Brücke vom Lateinischen zum Deutschen.“25

Dennoch kann die Interlinearversion nicht mit einer Übersetzung nach heutigem Verständnis gleichgesetzt werden. Was ist also dann eine Interlinearversion und warum unterscheidet sie sich von Übersetzungen? Bei Interlinearübersetzungen wird der Ausgangstext Wort-für-Wort übersetzt und direkt zwischen die Zeilen in den Ausgangstext geschrieben. Dabei wird selten Rücksicht auf die Regeln der Zielsprache genommen; der Versuch einen in der Zielsprache idiomatischen Text zu verfassen ist also keinesfalls das Ziel.26 Genau darum geht es aber bei der Übersetzung: Der Zieltext soll in gewissem Maße an die Zielsprache angepasst werden und den kulturellen Gegebenheiten der Zielkultur entsprechen. In wieweit dies bei der Übersetzung überhaupt möglich und nötig ist, hängt nicht nur von der Textart sondern auch von der Übersetzungssituation ab und soll an späterer Stelle noch näher betrachtet werden.

2.2 Allgemeine Translationstheorie

Nachdem also bereits eine allgemeine Definition des Begriffs Übersetzung gegeben wurde, können nun verschiedene Übersetzungstheorien vorgestellt werden, die die Definition des Begriffs noch vervollständigen werden.

Die allgemeine Translationstheorie beschäftigt sich vor allem mit dem Handlungsakt beim Übersetzen. Die Tatsache, dass Übersetzen eine bewusste Handlung voraussetzt, schließt ein, dass es sich nicht nur um einen reinen Transferprozess handeln kann. Übersetzen ist mehr als das.27 Dennoch ist das Übersetzen nicht nur reines handeln. Die allgemeine Translationstheorie kann sich demnach nicht allein mit der Frage nach der Handlung beschäftigen; sie muss darüber hinaus gehen und fragen „ob, was und wie weitergehandelt wird“28, da „immer schon ein Ausgangstext als ''Primärhandlung'' vorhanden ist.“29 Es geht also nicht darum, ein Wort durch das Äquivalent in der Zielsprache auszutauschen, um so eine Übersetzung anzufertigen. Es geht darüber hinaus um syntaktische und semantische Zusammenhänge, die beachtet werden müssen, um eine gelungene Übersetzung zu erhalten. Diese Zusammenhänge sind vor allem von der Kultur geprägt, in der der Autor des Ausgangstextes aufgewachsen ist. Diese müssen in die Zielsprache übertragen werden und dort ebenso 'funktionieren', wie die Zusammenhänge im Ausgangstext.30

2.3 Skopostheorie

Auch die von Reiß und Vermeer aufgestellte Skopostheorie basiert auf der allgemeinen Translationstheorie. Reiß und Vermeer gehen mit der Skopostheorie allerdings noch einen Schritt weiter und argumentieren, dass nicht nur Ausgangs- und Zielkultur Einfluss auf das Übersetzen nehmen, sondern auch der Zweck der Übersetzung eine wichtige Rolle spielt.31 Die Wichtigkeit des 'wie wird übersetzt?' rückt hierbei in den Hintergrund; die Frage nach dem Zweck der Übersetzung ist demnach von größerer Bedeutung: „Weil der Skopos alles regiert, ist es wichtiger, daß ein gegebener Translationszweck erreicht, als daß eine Translation in bestimmter Weise durchgeführt wird.“32 Demnach können also verschiedene Übersetzungen desselben Werks auf ganz unterschiedliche Weise übersetzt werden. Die Art zu übersetzen hängt dabei vom jeweiligen Skopos ab. Je nachdem, welchen Zweck die Übersetzungen erfüllen sollen, müssen sie entweder wortgetreu, inhaltsgetreu oder stilgetreu übersetzt werden.33 Selbstverständlich gilt nicht immer ein Skopos für ein gesamtes Werk, sondern es besteht unter Umständen die Möglichkeit, dass der Skopos von Kapitel zu Kapitel variiert oder von Abschnitt zu Abschnitt, denn „für Textteile kann es unterschiedliche Skopoi geben.“34

2.4 These der Unübersetzbarkeit

Die These der Unübersetzbarkeit stützt sich auf die Verschiedenheit zweier Sprachen zueinander. Sie ist auch als „Sapir/Whorf-Hypothese“ oder unter dem Namen „linguistisches Relativitätsprinzip“ bekannt.35 Die Begründer dieser These sind B.L. Whorf und dessen Lehrer, E. Sapir. Sie argumentieren, dass durch die Unterschiede in den Strukturen und Grammatiken zweier Sprachen, die Sprecher eben dieser Sprachen auch eine unterschiedliche Wahrnehmung ihrer Umgebung haben. Unsere Wahrnehmung sei von unserer Muttersprache geprägt, und „keine zwei Sprachen und keine zwei Kulturen seien ähnlich genug, um dieselbe Wirklichkeit abzubilden.“36 Daraus folgt also, dass alle Sprachen grundsätzlich nicht übersetzt werden können, also unübersetzbar seien, denn: „Jede Übersetzung würde die sprachlichen Inhalte einer Muttersprache in solche einer anderen Muttersprache transponieren, die beide ja unterschiedliche geistige Zwischenwelten darstellen.“37 Auch Albrecht setzt sich mit der Frage nach grundsätzlicher Übersetzbarkeit bzw. Unübersetzbarkeit auseinander und kommt zu dem Schluss, dass es drei verschiedene Gründe gibt, die die Übersetzung unmöglich machen. Als ersten Punkt nennt er die fehlende Objektivität, die es dem Übersetzer erlauben würde, die Bedeutung eines Textes zu verstehen.38 Bei genauerer Betrachtung wird klar, dass diese These sich auch im Übersetzeralltag bewahrheitet: Die genaue Bedeutung eines Textes ist nicht eindeutig und ganz klar zu erfassen. Möglicher Beweis dafür ist die Tatsache, dass ein Ausgangstext oftmals mehrfach übersetzt wird und seine Übersetzungen sich zumeist in vielen Punkten unterscheiden. Jeder Leser, demnach also auch jeder Übersetzer, interpretiert und versteht einen Text auf seine Weise. Eine objektive Einschätzung ist also, wie Albrecht treffend argumentiert, kaum möglich.

[...]


1 Klinkert, 2008: 20

2 vgl. ebd.

3 ebd. : 22f

4 James, 2009 : 14

5 vgl. ebd. : 14f

6 Perec, 1969 : 311

7 Perec, 1986 : 340

8 ebd. : 340

9 vgl. ebd. : 340

10 vgl. ebd. : 341f

11 Gutknecht, 1995 : 156f

12 vgl. ebd : 157

13 vgl. Perec, 1986 : 340

14 vgl. ebd. : 342

15 Perec, 1986 : 347

16 Vermeer, 1983 : 48

17 Wilss, 1996 : 3

18 Albrecht, 2005 : 23

19 vgl. Lederer, 1990 : 217

20 vgl. Schreiber, 1993 : 102

21 ebd. : 104

22 vgl. ebd : 263ff

23 vgl. ebd. : 279f

24 vgl. ebd. : 294f

25 Sonderegger, 1974 : 126

26 vgl. ebd. : 123

27 vgl. Stolze, 1994 : 191

28 Reiß/Vermeer, 1984 : 95

29 ebd. , 1984 : 95

30 vgl. Stolze, 1994 : 190

31 vgl. ebd. , 1994: 192

32 ebd., 1994 : 192

33 vgl. Reiß/Vermeer, 1984 : 101

34 ebd. 1984 : 103

35 Stolze, 1994 : 34

36 ebd., 1994 : 34

37 ebd., 1994 : 34

38 vgl. Albrecht, 2005 : 2

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Analyse der Äquivalenzebenen der Übersetzung von potentieller Literatur. George Perecs "La disparition"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Übersetzen und Dolmetschen)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V539147
ISBN (eBook)
9783346150929
ISBN (Buch)
9783346150936
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Übersetzungswissenschaft, potentielle Literatur, Übersetzungstheorie, Übersetzungsmethoden, Äquivalenzebenen, Translationstheorie, Kreativität beim Übersetzen, Interlinearversion, Literaturübersetzung, Äquivalenzforderungen, Adäquatheit, George Perec, Skopostheorie, These der Unübersetzbarkeit
Arbeit zitieren
Katharina Gausling (Autor), 2011, Analyse der Äquivalenzebenen der Übersetzung von potentieller Literatur. George Perecs "La disparition", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539147

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