Das Bretonische als Kontaktsprache des Französischen. Eine Betrachtung aus der synchronischen Perspektive


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sprachliche Einordnung und Sprachgebiet

3. Geschichtlicher Hintergrund und Sprechergruppe

4. Das Bretonische heute
a. Soziolinguistische und soziologische Faktoren
b. Sprachpolitische und sprachpflegerische Situation

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Bei der Betrachtung des Französischen als indoeuropäische Sprache, ergeben sich viele Sprachkontaktsituationen zu mehreren Einzelsprachen sowie sprachlichen Varietäten, sowohl in diachroner als auch in synchroner Perspektive. Zum einen können diese auf kollektiver, also innerhalb einer Sprechergemeinschaft, aber auch auf individueller Ebene, das heißt bei einzelnen Sprachbenutzern aufeinandertreffen. Das Bretonische soll diesbezüglich als Beispiel für Kontaktsprachen des Französischen in synchroner Perspektive vorgestellt werden. Dabei stellen sich die folgenden Fragen:

Zu welcher Sprachgruppe gehört die bretonische Sprache und wo wird sie gesprochen? Wie ist sie entstanden, hat sie sich entwickelt und von welcher Sprechergruppe wird sie benutzt? Aber auch: Wie stellt sich die heutige Situation in unter anderem sprachpolitischer Sicht dar? Abschließend werden wir das Dargestellte kurz zusammenfassen.

2. Sprachliche Einordnung und Sprachgebiet

Das Bretonische, in der Sprache selbst brezoneg oder anders geschrieben brezhoneg genannt, zählt zu den indogermanischen und damit auch zu den keltischen Sprachen, genauer gesagt zum brythonischen Zweig dieser und weist damit eine enge Verwandtschaft zum Walisischen und besonders dem Kornischen auf. Da alle anderen keltischen Sprachen nur auf den britischen Inseln verbreitet sind, ist das Bretonische die einzige moderne keltische Sprache, die auf dem europäischen Festland gesprochen wird. Dennoch gehört es linguistisch zu den „inselkeltischen Sprachen“, da das „Festlandkeltisch“ zu Beginn der Besiedlung der Bretagne durch brythonisch sprechende Kelten im 5. Jahrhundert bereits ausgestorben war.1 Hierbei ist zu beachten, dass trotz der „über tausend Jahre währende[n] Trennung zwischen dem Walisischen und Bretonischen“2 große Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Sprachen erhalten geblieben sind. So ähneln sich zum Beispiel die Wörter bret. mer’h3 und wal. merch4 für Mädchen sehr, wobei keine Ähnlichkeit zu fr. fille zu erkennen ist. Laut dem bretonischen Journalisten und Schriftsteller Fañch Broudic handelt es sich desweiteren um eine „langue territorialisée“5, also eine gebietsgebundene Sprache, da sie größtenteils im westlichen Teil der historischen Bretagne beziehungsweise in der Basse-Bretagne gesprochen wird, wobei die Ostbretagne weitgehend frankophon ist. 90% der Sprecher leben in der Basse Bretagne, wobei die restlichen 10% der Sprecher sich auf die Haute Bretagne und die angrenzenden Departements wie La Mayenne, die Häfen wie Le Havre oder die Pariser Region verteilen.6

Im Laufe der Jahre gab es insgesamt fünf unterschiedliche Grenzeinteilungen des bretonischen Sprachraums, wobei die letzten drei sich nur geringfügig unterscheiden. Im 9. Jahrhundert, also zu Beginn der keltischen Besiedlung, verlief die westliche Grenze, auch „ligne Loth“ genannt, in einer S-förmigen Kurve von der Bucht des Mont-St-Michel im Norden bis zur Loire-Mündung bei Donges im Süden.7

Ab dem 16. Jahrhundert verschob sich dann die sprachliche Grenze des Bretonischen weiter nach Westen, wie sich anhand der Karte (Abbildung 1) erkennen lässt. Gemäß Broudic war diese Grenze nie dauerhaft und hat sich immer weiter nach Westen verlagert, egal ob vor oder nach der Grenzeinteilung von Paul Sébillot aus dem Jahre 1886, welche auch „limite ne varietur “ genannt wird.8 Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass in der Hauptstadt der Bretagne (Roazhon im Bretonischen) zu keinem Zeitpunkt Bretonisch gesprochen wurde (siehe Abb.1).

Die heutige linguistische Grenze des bretonischen Sprachraums verläuft zunehmend fließend, was vor allem durch dessen Verkleinerung auf den Süden der Bretagne sowie auf äußere Einflüsse und gesellschaftliche Veränderungen zurückgeführt werden kann.9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 La Frontière linguistique du breton et les dialectes. Carte de synthèse, extraite de l'Atlas d'histoire de Bretagne (Éd. Skol Vreizh) – Linguistische Grenze des Bretonischen und seine Dialekte.

Wie auf der Karte zu erkennen ist, sind vier Hauptdialekte bekannt, was ein weiterer Beweis dafür ist, dass es sich um eine eigenständige Sprache und keinen Dialekt oder keine Varietät des Französischen handelt: Gwenedeg oder Vannetais im Französischen , Kerneveg, französisch Cournoullais genannt, Leoneg oder Léonais und Tregerieg beziehungsweise Trégorrois. Dabei weisen die drei westlichen und nördlichen Dialekte (Kerneveg, Leoneg, Tregerieg) untereinander größere Ähnlichkeiten auf und unterscheiden sich deutlich zum Dialekt der Region um Vannes (Gwenedeg), weshalb dieser erst 1941 in die 1908 etablierten gemeinsamen Orthographieregeln der anderen mit einbezogen wurde.10 Gemäß Kurt C. Duwe verdankt diesem Umsatnd „u.a. das ‚zh‘ wie in Breizh seine Existenz“11. Allerdings gibt es nach Broudic noch einen kleineren Dialekt, den Dialekt der Region um Plouha, im Französischen Goëlo genannt (siehe Abb.1).

3. Geschichtlicher Hintergrund und Sprechergruppe

Als Beginn der Geschichte der bretonischen Sprache wird die Besiedlung der Amorikanischen Halbinsel (die heutige Bretagne) durch die Kelten im 9. Jahrhundert nach Chr. und deren damit verbundene Ausbreitung angesehen. Unter Nominoe breiteten sie sich bis in die Regionen um Rennes und Nantes aus, wo das Gallische langsam ausstarb.12 Aus diesem Jahrhundert stammt auch das älteste Manuskript in bretonischer Sprache, welches somit fast ein Jahrhundert älter ist als das älteste uns bekannte französische Dokument.13 Es fällt in die Periode des Altbretonischen, die bis zum Jahr 1000 andauerte. Während der Periode des Mittelbretonischen (bis zum 17.Jhd.), die in die Epoche des Mittelalters fällt, wurde mit dem Catholicon von Jehan Lagadeuc „das erste[s] Bretonisch-Französisch-Lateinische Wörterbuch“14 veröffentlicht. Zu dieser Zeit war es jedoch nicht die einzige Sprache im Herzogtum der Bretagne, im Gegenteil, es waren drei Sprachen vertreten: Das Bretonische, das Französische und das Lateinische.15 Als letzte Periode in der sprachlichen Entwicklung der bretonischen Sprache folgt die des Modernen Bretonisch.

Weitere wichtige Daten für die Geschichte der bretonischen Sprache sind die Angliederung an Frankreich unter François I. im Jahre 1532 und das Edikt von Villers-Cotterêts im Jahre 1539, welches das Französische als einzige Urkunden- und Verwaltungssprache erklärte und somit das Bretonische unterdrückte.16 Bis zur französischen Revolution im Jahre 1789 bildete sich ein eigenes bretonisches Parlament, was die freie Entscheidung über Steuern oder Armeerekrutierung der Bretonen garantierte. Jedoch bestätigte der Anspruch der Gleichheit der mit der französischen Revolution durchgesetzt wurde das Französisch der Pariser Provinz als offizielle Sprache, Regionalsprachen wie das Bretonische fanden keine Beachtung. Jedoch dominierte die bretonische Sprache vor allem in den Bereichen Landwirtschaft und Religion.17

Auch die folgende Hinweistafel in einem bretonischen Rathaus macht die Verneinung des Bretonischen im täglichen Leben deutlich: "Il est interdit de parler breton et de cracher par terre." ("Es ist verboten Bretonisch zu sprechen und auf den Boden zu spucken.")18. Wie bereits erwähnt, wurden die drei Dialekte Kerneveg, Leoneg und Tregerieg erst 1908 in einer einheitlichen Orthographie normiert, welche erst 1941 auf den Dialekt von Gwenedeg übertragen wurde. Auch die zwei Weltkriege stellen markante Punkte in der bretonischen Geschichte dar: So sprachen zu Beginn des Ersten Weltkriegs 90% der Bevölkerung der Bretagne Bretonisch, zum Ende des Zweiten Weltkriegs sank dieser Anteil jedoch auf 75%. Diese Entwicklung ist vor allem darauf zurückzuführen, dass das Bretonische während des zweiten Weltkriegs sein großes Ansehen verlor.19

Was seinen Status im Erziehungsbereich betrifft, lässt sich sagen, dass erst das Gesetz Deixonne im Jahr 1951 den Unterricht des Bretonischen als Fremdsprache zuließ.20 Erst mehr als 20 Jahre später wurde dann der erste bretonische DIWAN21 -Kindergarten mit anfangs nur sechs Kindern eröffnet.22 In den folgenden Jahren folgten drei weiterführende Schulen und die Einführung des allgemeinen bretonischen Schulabschlusses sowie das Lehramtsdiplom für die Sekundarstufe.23

Kommen wir nun zur Größe und Zusammensetzung der Sprechergruppe. Hinsichtlich der Sprecheranzahl fällt auf, dass die aktuellsten Zahlen diesbezüglich aus dem Jahre 2007 aus einer Studie vom Institut TMO Régions stammen. Dort werden 172 000 Sprecher in der Basse-Bretagne und 22 500 in der Haute-Bretagne gelistet, dazu kommen zusätzlich 12 000 Schüler in bilingualen Bildungsgängen. Man geht folglich von 206 000 Sprechern in den fünf Departements der Bretagne aus.24 Laut einer im Jahre 1999 veröffentlichten Studie des nationalen Statistikinstituts INSEE, kommen dazu noch 30 000 Sprecher, die außerhalb der Bretagne wohnen.25 Dabei muss man beachten, dass die Sprecheranzahl im Hauptsprachraum der Basse-Bretagne im Zeitraum von 1997-2007 um insgesamt 30% von 246 000 auf rund 172 000, obwohl in diesem Zeitraum die Bevölkerung der Region gewachsen ist.26

[...]


1 Duwe, Kurt C. (o.J.).

2 Duwe, Kurt C. (o.J.).

3 https://glosbe.com/fr/br/fille

4 http://www.freelang.com/enligne/gallois.php?lg=fr

5 Broudic, Fañch (2013), S.439.

6 Ebenda.

7 Broudic, Fañch (2013), S. 440.

8 Broudic, Fañch (2013), S.439.

9 Ebenda.

10 Duwe, Kurt C. (o.J.).

11 Ebenda.

12 Cf. Kervarker-Seite [http://www.kervarker.org/de/whatisbreton_02_noid.html]

13 Cf. Ebenda.

14 Ebenda.

15 Cf. Broudic, Fañch (2013), S.443.

16 Broudic, Fañch (2013), S.443.

17 Duwe, Kurt C. (o.J.).

18 Ebenda.

19 Ebenda.

20 Ebenda.

21 Bretonischer Verein, 1977 gegründet; Ziel: Gründung von bretonischen Bildungseinrichtungen.

22 Cf. Kervarker-Seite [http://www.kervarker.org/de/whatisbreton_02_noid.html]

23 Ebenda.

24 Broudic, Fañch (2009).

25 Ebenda.

26 Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Das Bretonische als Kontaktsprache des Französischen. Eine Betrachtung aus der synchronischen Perspektive
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Institut für romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Proseminar Sprachkontakt/ le francais au contact des langues
Note
2,0
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V539153
ISBN (eBook)
9783346177650
ISBN (Buch)
9783346177667
Sprache
Deutsch
Schlagworte
betrachtung, bretonische, eine, französischen, kontaktsprache, perspektive
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Das Bretonische als Kontaktsprache des Französischen. Eine Betrachtung aus der synchronischen Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539153

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