Dokumentarfilm und Mockumentary. Die Musikbands "Spinal Tap" und "Fraktus"


Hausarbeit, 2016

23 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Inhalte
2.1 This is Spinal Tap
2.2 Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte

3. Abgrenzung von Dokumentarfilm und Mockumentary
3.1 Documentary: Konstruktion von Glaubwürdigkeit, Objektivität und Realität
3.2 Mockumentary: Imitation und Dekonstruktion von Documentary
3.3 Inszenierung, Wirklichkeitsabbildung und Realität

4 Filmanalysen der Doc-/Mockumentary-Inszenierung
4.1 SpinalTap
4.2 Fraktus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gemeinhin zeigen Musikdokumentarfilme die Geschichte von populären Bands, die bereits einen Legendenstatus inne haben. Dieses Dokumentar-Genre befasst sich mit der Entstehung popkultureller Mythen jeweiliger Musikszenen sowie musikkultureller Phänomene. Zwar können auch Misserfolge und Tiefen einer Band- oder Musikerge­schichte porträtiert werden, wie beispielsweise bei Metallica's Some Kind of Monster (2004); jedoch tragen auch diese festgehaltenen Phasen einer Bandgeschichte glei­chermaßen einer Dekonstruktion und einer Bildung eines Legendenstatus bei.

Auch die beiden Bands Spinal Tap und Fraktus haben zumindest einen Kultstatus inne. Diesen verdanken sie allerdings nicht ihrem musikalischem Schaffen, dem mit ei­ner etwaigen Dokumentation ein Merkmal gesetzt wurde, sondern die Popularität verdanken sie der Dokumentation selbst. Dabei handelt es sich um die Mockumentari­es This is Spinal Tap (1984) und Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikgeschichte (2012), also fiktionale Dokumentarfilme. Entsprechend entstammen auch beide ge­nannten Bands der Fiktion. Die Musikgruppen bestritten jedoch anschließend kom­merzielle Touren und traten somit in das reale Musikgeschäft und das popkulturelle Realzeitgeschehen ein.

Daraus ergibt sich die Frage, inwiefern sich am Beispiel dieser beiden Bands unter­schiedlicher Musikgenres eine Inszenierung des Fiktiven und die Realität einander be­dingen (können). Dabei ist interessant, ob es sich bei den Filmen um Parodien des Do­kumentargenres handelt, oder um Persiflagen der Musikstile und der jeweiligen Szene und Subkultur. Wie beeinflussen sich jeweils diese real existierenden Szenen und die fiktiven Filmelemente gegen- und wechselseitig?

Neben der Kenntnis der Inhalte, ist für die Besprechung der beiden parodierenden Filme unerlässlich, die jeweiligen Stilmittel des Dokumentarfilmgenres, die persifliert werden, zu erkennen und zu analysieren. Dafür findet eine Abgrenzung im Sinne von Jane Roscoe, Craig Hight und Maren Sextro zwischen Documentary und Mockumenta­ry statt, um zu klären, ob oder inwiefern gängige Stilmittel für die Parodie bzw. Kritik eingesetzt und gebrochen werden müssen.

Daraus soll unter Berücksichtigung der jeweiligen Epoche der Entstehung unter­sucht und verglichen werden, wie die Fiktion als Realität inszeniert wird - oder sofort eindeutig als fiktiv erkennbar ist. Darauf folgend soll sich auch ergeben, wie der Doku­Charakter einem Humor-Aspekt der Filme zugute kommt. Und was hat es zu bedeu­ten, dass Musikgrößen wie Ozzy Osbourne und The Edge von U2 die gezeigten Inhalte für wahr halten?1

2. Inhalte

Für eine Analyse der Stilmittel des Dokumentarfilms, die zu Zwecken der Parodie eingesetzt werden, ist es notwendig, Kenntnis über den Inhalt der fiktiven Bandhisto­rien zu haben, bei dem diese Stilmittel angewandt werden.

2.1. Spinal Tap

In This is Spinal Tap blickt der Werbefilmregisseur Marti DiBergi - gespielt von Rob Reiner, der mit der Komödie sein Regie-Debüt feiert - auf die 17-jährige Bandge­schichte von Spinal Tap und begleitet die Metal-Band, deren Erfolg schwindet, auf ih­rer Comeback-Tour durch die USA zu deren bereits vor der Veröffentlichung umstritte­nem Album Smell the Giove. Der Fokus der Rockumentary, wie DiBergi sein Werk be­zeichnet, liegt auf den drei permanenten Mitgliedern der Band: David St. Hubbins (Sänger und Rhythmus-Gitarrist), Nigel Tufnel (Lead-Gitarrist) und Derek Smalls (Bas­sist). Viv Savage begleitet die Band musikalisch am Keyboard. Zahlreiche Schlagzeuger sind bizarren Unfällen zum Opfer gefallen.

Unterbrochen wird die Tourgeschichte von Rückblenden, die den Werdegang von Spinal Tap von einem Beatles-Sound (The Thamesmen) über die Flower Power-Ära zu ihrer sexistischen Ausprägung des Hard Rock führen. Mit Einzelinterviews wird außer­dem das persönliche Innenleben und somit das Zusammenspiel der Bandmitglieder näher gebracht.

Die musikalisch begabte aber geistig eher kindlich gebliebene Band ist Kritik durch­aus gewöhnt, wie zum Beispiel durch äußerst negative Rezensionen der Presse über ihre Alben. Dass der alternden Band jedoch nun auch der kommerzielle Misserfolg an­steht, ist neu. So werden diverse Konzerte aufgrund schleppend laufender Ticketver­käufe abgesagt. Zudem weigern sich die Verkaufsstellen, das neu erscheinende Album Smell the Giove, welches ein misogynistisches Plattencover trägt, zum Erwerb anzu­bieten. Die Plattenfirma Polymer Records entscheidet, das Album schließlich mit ei­nem komplett schwarzen Plattencover zu vertreiben. Das Interesse an der Neuveröf­fentlichung und an Signierstunden mit der Band bleibt aus.

David St. Hubbins' Freundin Jeanine stößt zur Tour dazu und bringt sogleich über ihn ihren Einfluss auf die Performance und das Auftreten der Band ein, was zu weite­ren Spannungen innerhalb des Bandgefüges und zwischen Tufnel und St. Hubbins, die seit Kindheitstagen befreundet sind, führt. Als Show-Element soll das Stonehenge Mo­nument in das nächste Konzert integriert werden, um die Fans mit einem Klassiker ih­res Repertoires für sich zu gewinnen. Die Bestellung der Requisite resultiert jedoch in einem lediglich 18 Zoll anstatt 18 Fuß großen Nachbau und somit im Gelächter des Publikums. Der Manager der Band, Ian Faith, wird dafür verantwortlich gemacht. Er verlässt als erster Spinal Tap, nach dem nächsten durch technische Probleme miss­glückten Auftritt folgt ihm auch Nigel Tufnel. Die Tour wird mit einem eingeschränkten Repertoire fortgeführt und trifft weiterhin auf Ablehnung des Publikums.

St. Hubbins und Smalls haben sich bereits mit dem Gedanken an ein Ende der Kar­riere von Spinal Tap vertraut gemacht, jedoch kehrt am letzten Tourtag kurz vor dem finalen Konzert Tufnel zurück. Er berichtet, dass ihr aktuelles Album in Japan sehr be­liebt und somit eine Tour dort möglich sei. Nach anfänglichem Skeptizismus lädt David seinen Jugendfreund ein, auch auf die Bühne zu kommen, um gemeinsam die US-Tour zu einem würdigen Abschluss zu bringen und die Band wieder zu vereinigen.

Mit Ian Faith als wieder eingesetzten Manager spielt Spinal Tap eine erfolgreiche Tour durch Japan, wenngleich der Schlagzeuger Mick Shrimpton unerklärlicher- und sympomatischerweise während eines Konzerts auf der Bühne explodiert.2

2.1.Fraktus

Genau wie This is Spinal Tap befasst sich Fraktus - Das letzte Kapitel der Musikge­schichte mit dem schwindenden Ruhm und der geringeren Popularität einer alternden Musikgruppe. Der Musikproduzent Roger Dettner sucht die verstreuten Mitglieder des Techno-Trios, um ein Comeback zu initiieren. Hervorgegangen aus der Gruppe

Freakazze fanden sich in Brunsbüttel in Schleswig-Holstein Dickie Schubert, Bernd Wand und Torsten Bage und gründeten in den frühen 1980erJahren Fraktus.

Mit diversen Testimonials wird den drei Männern die Rolle der Techno-Pioniere zu­geschrieben, die noch vor Kraftwerk das Genre als solches geprägt haben sollen. Kon­flikte innerhalb des Bandgefüges führen zu Neuveröffentlichungen, die vor allem von der Fanbasis als zu glatt und kommerzialisiert kritisiert werden. Mitschnitte des letz­ten Konzerts in dem ebenfalls fiktiven Veranstaltungsort Turbine in Hamburg zeigen, wie während der Veranstaltung ein Feuer ausbricht, das den Veranstaltungsort bis auf die Grundmauern nieder brennen lässt.

Roger Dettner macht Dickie Schubert in seinem Internetcafe ausfindig. Bernd Wand arbeitet im elterlichen Optikerbetrieb, Torsten Bage ist als Produzent von Party-Hits auf Ibiza kommerziell erfolgreich. Es gelingt Dettner, die drei Charakter davon zu über­zeugen, Fraktus neu aufleben zu lassen.

Aufnahmeversuche in einem Tonstudio, das zeitgleich auch Swinger-Club ist, schei­tern jedoch, genau so wie ein Auftritt auf dem METTZ-Festival, kläglich. Produzent und Manager Dettner randaliert nach den diversen Misserfolgen betrunken in der Ham­burger Innenstadt. Auch die Hilfe von Musikproduzenten Alex Christensen ist nicht vielversprechend und fällt zum missfallen der Bandmitglieder aus.

Die Originalinstrumente, die im Feuer in der Turbine verloren gegangen zu sein schienen, wurden ausfindig gemacht. Dettner und Fraktus beschaffen sich diese ana­logen, selbst entworfenen Musikinstrumente auf illegale Weise wieder, indem sie in ein Lagerhaus einbrechen. Ein letzter Auftritt an der Stelle, an der sich die Turbine be­fand und nun ein Parkhaus steht, wird geplant - zur Überraschung der Band mit Erfolg und zahlreichen Zuschauern, woraufhin sogleich eine ausgedehnte Comeback-Tour angekündigt wird.

3. Abgrenzung von Dokumentarfilm und Mockumentary

Um hinter die Spielweisen der Mockumentary zu blicken, ist es nötig, die grundle­genden Konventionen des Dokumentarfilms als solche erkennen zu können. Für ein Verständnis und den Genuss der beiden Filme ist nämlich nicht nur eine Kenntnis der parodierten Musikgenres notwendig bzw. hilfreich, sondern auch ein Wissen um die filmischen Praktiken, die eingesetzt werden. Die These lautet nämlich, dass mit Mockumentaries nicht nur Filme über das spezifische Thema gemacht werden, son­dern auch über das Genre des Dokumentarfilms als solches.

Eine Schwierigkeit von Mockumentaries ist nämlich der Versuch, zunächst dem be­handelten Thema und somit dem Film eine Glaubwürdigkeit zukommen zu lassen, die einem Wahrheitsanspruch von Dokumentarfilmen gleicht und demzufolge einen „nai- ve[n] Realismus- und Authentizitätsanspruch"3 für sich einfordert.

Im Zuge einer Abgrenzung der beiden Genres ergeben sich vier Kategorien zur Un­terscheidung. Folgen Form und Inhalt einem dokumentarischen Schema, ergibt sich auch eine Dokumentation. Folgt die Form den Dokumentationsregeln, ist der Inhalt je­doch fiktional, so sei dies als Mockumentary einzuordnen. Bei fiktionaler Form und dokumentarischem Inhalt sei vom Dokudrama zu sprechen. Bei der letzten Kategorie seien Form und Inhalt fiktiven Ursprungs.4 Der Fokus soll in dieser Arbeit eindeutig auf den beiden erstgenannten, Documentary und Mockumentary, liegen.

3.1 Documentary: Konstruktion von Glaubwürdigkeit, Objektivität und Realität

Es muss zwischen den Ansätzen unterschieden werden, Dokumentationen als reine Aufzeichnung5 oder als Interpretation6 einer Realität zu betrachten. Nach Bill Nichols gibt es drei miteinander verknüpfte Kernaspekte, die Dokumentarfilme gemeinsam haben und somit das Genre als solches konstituieren. Ähnlich wie Jane Roscoe und Craig Hight stellt Nichols ein Selbstverständnis der Produzenten von Dokumentarfil­men fest, nach dem Wahrheit, Neutralität und Objektivität als Leitmotive für die Pro­duktion von Dokumentationen gelten.7 Darüber hinaus folgen Dokumentarfilme be­stimmten „Codes und Konventionen"8, die mit unterschiedlichen Gestaltungsmitteln eine Realität konstruieren. Diese Gestaltungsmittel verändern sich im Laufe der Ge­schichte des Mediums, lösen einander ab oder vermischen sich miteinander. Dahinter verbergen sich Entscheidungen, mit einem Reporter durch das Thema zu führen oder einen auktorialen Sprecher aus dem Off einzusetzen, welche Montagetechnik einge­setzt wird, ob bestimmte Szenen inszeniert werden und inwiefern insgesamt Einfluss auf die Handlung und die Geschehnisse genommen werden soll. Dafür nennt Bill Ni­chols verschiedene, dem Publikum mittlerweile bekannte Darstellungsformen bzw. Modi, auf die in den noch folgenden Filmanalysen exemplarisch genauer eingegangen werden soll.9 Zuschauer verbinden aufgrund ihrer Seherfahrungen „vor allem diejeni­gen filmischen Mittel mit Dokumentarfilm, die bereits häufig in Dokumentarfilmen verwendet worden sind."10 Entsprechend habe das Publikum auch die Erwartungshal­tung, durch reale Ereignisse mit wahren Fakten, die allgemeingültig seien, konfrontiert zu werden.11 „Dokumentarfilm arbeitet und basiert also darauf, dass die Zuschauer das Gezeigte mit dem Realen assoziieren, in Verbindung bringen und als tatsächlich Gegeben annehmen."12 Auch durch die Technik der Kamera, mit Bezugnahme auf die Gebrüder Lumière (1895: Arbeiter verlassen die Lumière-Werke und Die Ankunfteines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat), werde dem Dokumentargenre zugesprochen, wirklichkeitsgetreue Aufnahmen zu produzieren und somit objektiv zu sein.13 „Das (Ab-)Bild wird quasi mit dem Abgebildeten gleichgesetzt und daher nicht nur als (Ab-)Bild, sondern als das Abgebildete selbst verstanden."14 Diese Abbildung einer Realität beziehe sich entsprechend neben dem Inhalt auch auf die Form.15

3.2 Mockumentary: Imitation und Dekonstruktion von Documentary

Mockumentaries übernehmen weitgehend formale Aspekte des Dokumentarfilms und imitieren diese für ihren jeweiligen Zweck, was oftmals die satirische Darstellung einer Thematik sei.16 Von Bedeutung für diese Arbeit ist insbesondere der Aspekt, dass gerade das Genre selbst Ziel von Persiflagen und Parodien in Mockumentaries ist. Während also die dokumentarfilmischen Formalia übernommen werden, haben sie je­doch „erdachte Personen, Schauplätze oder Ereignisse zum Inhalt."17 Diese Dichoto­mie hat die Frage zur Folge, in welche Richtung des fiktionalen oder des nicht-fiktiona­len Mockumentaries also eher tendieren.

[...]


1 Vgl. http://www.imdb.com/title/tt0088258/trivia

2 Vgl. zu Hüningen; Kiesel 2010, S. 35

3 Sextro 2009, S. 4

4 Vgl. Rhodes; Springer 2006, S.4

5 Vgl. Monaco 2012, S. 550

6 Rotha 1951, S. 30

7 Vgl. Sextro 2009, S. 18 f.

8 Ebd., S. 20

9 Vgl. ebd., S. 20 ff.

10 Ebd., S. 31

11 Vgl. Roseo; Hight, 2001, S. 21

12 Sextro 2009, S. 30

13 Vgl. Sextro 2009., S. 35

14 Ebd., S. 39

15 Vgl. Sextro 2009, S. 41

16 Vgl. ebd.,S.8

17 Ebd., S. 10

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Dokumentarfilm und Mockumentary. Die Musikbands "Spinal Tap" und "Fraktus"
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V539250
ISBN (eBook)
9783346151001
ISBN (Buch)
9783346151018
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dokumentarfilm, mockumentary, musikbands, spinal, fraktus
Arbeit zitieren
Alexander Heeger (Autor:in), 2016, Dokumentarfilm und Mockumentary. Die Musikbands "Spinal Tap" und "Fraktus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539250

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