Ist Indien plötzlich ein Hindu-Staat?

Hindu-nationalistischer Einfluss auf den öffentlichen Diskurs in der indischen Demokratie


Hausarbeit, 2019

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.) Einleitung. Antonio Gramscis erweiterter Staatsbegriff und ‚kulturelle Hegemonie’ als alternative Analyseperspektiven

II.) Hindutva und Hindu-Staat - Ideologie und Anfänge des indischen Hindu-Nationalismus

III.) Von Ayodhya bis Gujarat - Schauplätze und Strategien im öffentlichen Diskurs um ‚kulturelle Hegemonie’

IV.) BJP-Wahlsieg 2019: Plötzlicher Umbruch oder Ergebnis eines zivilgesellschaftlichen Prozesses? Alternative Erklärungsansätze

V.) Diskurs um ‚Kulturelle Hegemonie‘ am Beispiel Indiens. Gramscis Relevanz für die politische Kulturforschung

VI.) Literaturverzeichnis

I.) Einleitung. Antonio Gramscis erweiterter Staatsbegriff und ‚kulturelle Hegemonie’ als alternative Analyseperspektiven.

Ausgangspunkt der hiesigen Überlegungen ist, wie schon in der Einleitung angeklungen, eine kritische Betrachtung des vermeintlich plötzlichen Wandels in der indischen Politik, welcher sich zuletzt überaus deutlich im Wahlsieg der hindunationalistischen Partei BJP im Mai 2019 manifestiert hat. Nicht nur in Presse und öffentlicher Meinung demokratischer Länder, sondern auch in Bezug auf politik- und sozialwissenschaftiche Einschätzungen der letzten Jahrzehnte kann von einem diametralen Gegensatz zu den jüngsten Bewertungen und Kommentaren des politischen Alltags gesprochen werden.1 2 Ehemalige Etikettierungen als stabiler Partner und demokratischer Hort Asiens mögen nicht recht zu Hindu-Nationalismus, Angriffen auf Kuhtransporte und rechts-nationalen Protesten passen.3 Zugespitzt formuliert könnte man eine Unterschätzung der politisch rechten Kräfte in der indischen Demokratie feststellen. Selbstverständlich gab und gibt es vereinzelt Expertenstimmen, welche durch langjährige Beobachtung des Hindu-Nationalismus und der Bharatiya Janata Party (BJP) den vermeintlich plötzlichen Wandel in einen gesellschaftlichen wie politischen Zusammenhang einzuordnen wissen.

Aber auch ohne intensive Beschäftigung mit südasiatischer Politik, muss einleuchtend erscheinen, dass sich große demokratische Mehrheiten nicht über Nacht finden lassen. Es drängt sich die Frage auf, wie die BJP und der damit verbundene Hindunationalismus mehrheitsfähig werden konnte. Neben sehr vielen möglichen Faktoren soll hier vorrangig untersucht werden, wie der institutionelle Hindunationalismus zunehmend breite Bevölkerungsteile für sich gewinnen konnte und inwieweit dies in Anbetracht langjähriger Prozesse Erklärungspotenzial für einen im Frühjahr 2019 endgültig angebrochenen politisch-kulturellen „Wechsel“ liefert.

Theoretisch sollen die folgenden Überlegungen an staatstheoretischen Gedanken des Italieners Antonio Gramsci (1891-1937) angebunden werden. Sein erweiterter Staatsbegriff (integraler Staat) und die diesem innewohnende Unterscheidung von Zivilgesellschaft und politischer Gesellschaft liegt den hiesigen Betrachtungen insofern zu Grunde, als jener Theoretiker als erster dezidiert nicht-staatliche, gesellschaftliche Prozesse von Meinungsbildung und deren Folgen für politische Machtverteilung besonders hervorhebt, eine politikwissenschaftliche Relevanz gibt und somit hier als Analyseparameter dienen kann. Staatlichkeit bedeutet für Gramsci nicht nur die institutionelle Herrschaftsausübung eines regierenden Staatsapparates, sondern auch die mit diesem untrennbar verbundene Zivilgesellschaft und die dieser innewohnede Dominanz einer bestimmten oder mehrerer Gruppen.4 Diese Differenzierung kann im methodischen Kontext dazu beitragen Abhängigkeiten, Kausalitäten und wechselseitige Beziehungen zwischen indischem Staat und der sich kulturell-politisch artikulierenden Öffentlichkeit zu untersuchen. Dass die kulturelle Hegemonie einer der umstrittensten Thesen Gramscis ist, darf nicht ignoriert werden. Hier ist eine historische Differenzierung gefragt, welche den im 19. und 20. Jahrhundert allzu präsenten Klassenbegriff als soziologische Konstante nicht einfach für den aktuellen Kontext der Milliardendemokratie Indien gelten lassen darf. Hinsichtlich der theoretischen Anbindung immer die Problematik bedacht werden, dass Gramsci kein einheitliches Werk hinterlassen hat. Seine Gefängnisshefte beinhalten zwar den Großteil seines politiktheoretischen Schaffens, sind aber eher eine heterogene Ansammlung verschiedener Gedankengänge, als ein inhaltlich stringentes theoretisches Werk, weshalb auch der Vorwurf im wissenschafltichen Diskurs besteht, Gramscis Werk in fragmentarischer Nutzung zu miss-brauchen oder gar zu entpolitisieren, wenn man sich seiner marxistischen Absichten vergisst.5

Neben den erweiterten Staatsbegriff ist von besonderem Interesse die Frage nach Hegemonie, welche im Falle Gramscis untrennbar von Ersterem zu betrachten ist. Die funktionale Differenzierung in Zivil- und politischer Gesellschaft ist nämlich wie Gramsci selbst klarstellt methodischer Art, aber „im konkreten historischen Leben sind politische Gesellschaft und Zivilgesellschaft ein und dasselbe.“6 Die sich darin offenbarende Eignung Gramscis insbesondere für eine politische Analyse demokratischer Systeme zeigt sich konkret in einer seiner häufig zitierten Gedanken zur zivilgesellschaftlichen Hegemonie als unabdingbare Voraussetzung für politische Führung, ohne welche wiederum keine politische Herrschaft, also Regierungsausübung möglich sei.7 Übertragen auf den indischen Kontext, könnte man daran anknüpfend also fragen, ob und auf welche Weise ‚Führung‘ - politischer wie kultureller Art - von der nun regierenden BJP innerhalb der Zivilgesellschaft ausging und inwiefern dies in kausalen Zusammenhängen zur demokratischen Mehrheitsbildung, letztlich zur Regierunsübernahme der BJP geführt haben könnte.8

II.) Hindutva und Hindu-Staat - Ideologie und Anfänge des indischen Hindu-Nationalismus.

Mit 37,36 gewonnenen Prozent Stimmenanteil bei den letzten indischen Parlamentswahlen durfte die BJP einen noch deutlicheren Wahlsieg als bei den Wahlen 2014 für sich beanspruchen. Wenn man sich die im Mai erschienen Illustrationen in der Medienberichterstattung vor Augen hält, Modi-Gesichtsmasken und Safran farbene Kleidung tragende Menschenmengen zeigend, scheint dies zwar primär die Intention öffentlichkeitswirksamen Journalismus zu unterstreichen, welcher von einem „Erdrutschsieg“9 in Indien sprach, deutet jedoch die Popularität der indischen BJP sowie der ihres Spitzenkandidaten an. Auch nach Antonio Gramsci, für den „Parteien nicht nur ein mechanischer und passiver Ausdruck der Klassen selbst sind, sondern ausdrücklich auf diese zurückwirken, um sie zu festigen, zu universalisieren“10, gewinnen Parteien im modernen demokratischen Staat eine gesellschaftlich höchst relevante Rolle, insofern sie innerhalb seines theoretischen Werkes als Bindeglied „in ihren Beziehungen zu den gesellschaftlichen Klassen und zum Staat“11 hervortreten und somit genauso wie die ‚öffentliche Meinung‘ bei Gramsci eine Art Übersetzungsfunktion einnehmen.12 Diese zentrale Rolle der demokratischen Partei spiegelt sich auch in Gramscis metaphorischer Anknüpfung an Niccolò Machiavelli wieder, wenn er den ‚Neuen Fürsten‘ nicht personal im Helden oder Monarchen sieht, sondern in der politischen Partei.13 Ohne widerspruchslos eine mögliche Übertragung gramscianischer Ausführungen zu Parteien auf den hiesigen Kontext akzeptieren zu müssen, so bietet es sich nicht grundlos an, bezüglich der BJP-Partei Thesen und damit verbundene Fragestellungen Gramscis aufzugreifen: „Wie wird die Konstitution einer Partei initiiert, wie entwickelt sich ihre organisierte und sie zu gesellschaftlichem Einfluß befähigende Kraft usw. […], aus der ein Kollektivwille mit einem gewissen Grad an Homogenität hervorgeht…“14 ? Trotz der Tatsache, dass man in dieser und ähnliche Weise jegliche parteiliche Institution untersuchen könnte, soll von der Berechtigung ausgegangen werden, besonders bei der BJP-Partei jene Fragen anführen zu dürfen. Schließlich liegt eine Vielzahl an Gründen vor, die 1980 gegründete ‚Bharatiya Janata Party’ als eine Partei mit besonderer religiös-ideologischer Fundierung einzuordnen, welche nicht nur im oberflächlichen Sinn teilweise mit der traditionellen säkularen Demokratiegeschichte in Indien bricht. Allem voran ihre Zugehörigkeit zur sogenannten ‚sangh parivar‘, der institutionalisierten From der ‚hindutva‘; (Hindutum), einem neben dem sichtbaren sozialen Phänomen des Hindunationalismus religiös begründeten Verband verschiedenster Institutionen, hebt sie von anderen demokratischen Parteien stark ab. Durch eben jene Zugehörigkeit zum des in den 1960ern gegründeteten ‚sangh parivar‘ besitzt die BJP-Partei trotz existierender Differenzen zu anderen Organisationen des Sangh Parivars ein ursprünglich stark religöses Profil. Wenngleich sie auch nicht mehr so radikale Inhalte wie ihre Vorgängerpartei ‚Bharatiya Jana Sangh‘ (1951-1977) vertritt, lässt sich nachvollziehen, wo gemeinsame Ursprünge religiös-ideologischer Art der hindutva-Gruppierungen liegen15. Mehrere Wissenschaftler konstatieren nach der Gründung einer hinduistischen Reformbewegung durch Dayananda Sarasvati im 19. Jahrhundert eine sukzessive Entwicklung einer zunächst religiösen, hin zu einer politisch-kulturellen Bewegung.16 Hinzukommende ideologische Tendenzen kann man besonders auf die Zeit vor der sich anbahnenden Unabhängigkeit Indiens Mitte des 20. Jahrhunderts datieren, in der zwei prägende Gestalten in den jeweiligen im Dachverband des „Sangh Parivar“ zusammengefassten Gruppen durch ihre Schriften begonnen haben, bis heute großen Einfluss auszuüben: Neben Vinayak Damodar Savarkar (1883-1966) hat auch Mahadev Sadashivrao Golwalkar (1906-1973), geleitet von der Frage nach der wahren Identität des indischen Volkes und der Hindus, ein Gedankengut hinterlassen, welches, vor dem Hintergrund der aufkeimenden Forderung nach einer Loslösung vom britischen Empire, stark an faschistische Ideen europäischer Nationalisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnert.17 Als Kerninhalt dieser unter britischer Kolonialherrschaft entstandenen Bewegung werden häufig die drei Begriffe ‚Rashtra‘, ‚Jati‘ und ‚Sanskriti‘ (gemeinsames Land, Abstammung, Kultur) angeführt, welche die jeweilige Auffassung von Staat, indischer Identität und Zugehörigkeit zeigen: Inder-Sein im Sinne einer Zugehörigkeit zur Kulturnation Indien, setze voraus, sich als Hindu im kulturellen wie im religiösen Sinne zu bekennen und von Hindu-Indern abzustammen.18 Bezüglich dieser Politisierung von hinduistisch-religöser Identität ist primär historisch auf die Folgen der Unabhängigkeitskämpfe gegen Ende der britischen Kolonialzeit hinzuweisen. Die durch die Forschung europäischer Wissenschaftler und in Europa studierter indischer Eliten begünstigte Herausbildung ersten nationalistischen Gedankengutes integrierte sowohl religiöse, unter ‚Hinduismus‘ zusammengefasste Traditionen, als auch die Sanskrit-Schriftkultur in ein gegeneuropäisches, legendarisches Geschichtsmodell welches im Zuge der Unabhängigkeit und Staatengründung als politisches Programm diente. Der Rückgriff auf die von den Kolonialherren eingeführte ‚divide and rule‘-Politik setzt die aufgrund verschiedener Religions- und Kastenzugehörigkeit entstandenen Konflikte politisierend fort.19 Besonders Diffamierungen fgegenüber Muslimen veranschaulichen die bis heute andauernden Ressentiments und vermeintliche Legitimation, den indischen Staat und dessen Gesellschaft im Rahmen einer ‚Hinduisierung‘ seiner wahren Gestalt zurückzuführen und damit u. a. von den muslimischen ‚Invasoren‘ zu befreien.20 Dass es sich hierbei insgesamt lediglich um postdemokratische oder populistische Antworten auf eine von vermeintlich neoliberalen Eliten geführte Regierung eines pluralistischen Staates handeln könnte und somit primär ein globales, als ein spezifisch indisches Phänomen vorläge, soll hier anschließend an zwei historischen Beispielen widerlegt werden. Exemplarisch dürfen nachfolgende Beispiele nicht nur die tatsächlich antagonistische Situation im gesellschaftlichen Diskurs um kulturelle Deutungshoheit der indischen Nation dokumentieren, sondern aufzeigen, welche übergeordneten Organisations- und Strategiemuster seitens der BJP und des hindutva-Verbands ‚sangh parivar’ hinter dem historischen Tatbestand erkannt werden können.

III.) Von Ayodhya bis Gujarat - Schauplätze und Strategien im öffentlichen Diskurs um ‚kulturelle Hegemonie’.

Hinter den beiden indischen Ortsbezeichnungen stehen zwei für die politische Entwicklung Indiens und den Hindunationalismus höchst brisante Ereignisse die in beiden Fällen gewalttätige Auseinandersetzungen vermeintlich religiöser Art bezeichnen. Einerseits die Zerstörung der Babri-Moschee in Ayodhya durch hindunationalistische Aktivisten im Jahr 1992 und andererseits die in den Medien als ‚Gujarat riots‘ betiteteln Auseinandersetzungen im Bundesstaat Gujarat von 2002. In beiden Fällen entlud sich die Gewalt zwischen vornehmlich hinduistischen und muslimischen Gruppen, welche in beiden Fällen eine Vielzahl an weiteren Gewalttaten mit tausenden Toten und Verletzten zur Folge hatte. Ebenfalls entlud sich in beiden Fällen die Gewalt primär gegen die muslimische Zivilbevölkerung inform von Zerstörung von Moscheen, Wohnhäusern oder Friedhöfen. Außerdem hängen beide Ereignisse hinsichtlich ihres Auslösers eng miteinander zusammen: Im Falle der ‚Gujarat riots‘ steht eine von Muslimen vorgenommene Inbrandsetzung eines Zuges mit hinduistischen Pilgern allen weiteren Geschehnissen voran, wobei sich jene Pilger auf der Rückkehr aus Ayodhya befanden, eben jener verhältnismäßig kleinen indischen Stadt, in welcher es zehn Jahre zuvor zur Zerstörung einer Moschee kam, welche aufgrund ihres Standortes von sehr hoher Bedeutung ist. Hinduistischer Interpretation nach stünde die 1528 von einem muslimischen Großmogul errichtete Babri-Moschee auf jenem Platz, an dem zuvor ein - durch die muslimischen ‚Invasoren‘ zerstörter - Tempel gestanden habe, welcher den Geburtsort des Gottes Ram markiert haben solle.21 Dass diese hinduistische Gottheit (bzw. Inkarnation einer Gottheit) im Rahmen des Vishnuismus - einer tendenziös monotheistischen Hauptströmung des Hinduismus - von höchster gesellschaftlicher und politischer Bedeutung ist, zeigt nicht nur die unter Indologen und Kulturwissenschaftlern viel beachtete Verfilmung des Heldenepos ‚Ramayana‘, sondern auch der öffentlich ausgetragene Ram-Kult auf hindunationalistischen Prozessionen und Kundgebungen.22 Über die heroisierende Verehrung des Ram-Gottes hinaus geht eine seitens der Organisationen des sangh parivar massenwirksam inszenierte Kultvererhung einher, die ab dem Jahr 1983 mit der ‚Ektatmata Yajna‘ beginnend, die Zerstörung des Ayodhya-Moschee regelrecht ankündigte und innerhalb der Vielzahl hindunationalistischer Forderungen die des Wiederaufbaus des Ram-Tempels an selber Stelle der Moschee in Ayodhya, zu einer der politisch meist rezipiertesten Kernforderungen des Hindunationalismus und der hindutva-Bewegung machte.23 Neben der genannten mehrwöchigen Pilgerreise (‚Ektatmata Yajna’) folgen bis sich in die 1990er Jahre erstreckende medienwirksame Aktionen wie der Weihe- und Transportkampagne von Ziegelsteinen zur Wiedererrichtung des Ram-Tempels (‚Ram Shila Puja‘) oder der unter Federführung der BJP organisierte Wagenprozession durch mehrere indische Bundesstaaten (‚Ram rath yatra‘).24 Spätestens hierbei zeigte sich nicht nur das diskursbestimmende und öffentlichkeitswirksame Potenzial hindunationalistischen Gedankengutes, sondern auch, dass die von den sangh parivar-Institutionen vorgetragenen Forderungen und deren basierende Ideologie eines homogenen indischen Hindu-Staates, in massiven Widerspruch zur laizistisch-freiheitlichen Verfassung der seit 1947 bestehenden indischen Demokratie stehen. Aufgrund der von der groß angelegten Wagenprozession ausgehenden Auseinandersetzungen mit muslimischen Bevölkerungsgruppen in den jeweiligen Bundesstaaten, kam es vor Erreichen des Zielpunktes Ayodhya zum Einschreiten des indischen Staates: Der damalige BJP-Parteivorsitzende Lal Krishna Advani wird in seiner Rolle als Frontfigur und Anführer der Wagenprozession und der mit dieser verbundenen Massendemonstration hindunationalistischer Aktivisten, im Bundesstaat Bihar im Oktober 1990 von den dortigen Exekutivkräften in Arrest gesetzt, was jedoch nicht den eigentlich damit bezweckten Halt der Prozession und Unruhen mit sich brachte.25 Auch wenn dieses singulare Ereignis keinerlei Repräsentativität und Erklärungspotenzial für den aktuellen Ausgangspunkt der hiesigen Ausführungen zu haben scheint, lässt sich jenes Delikt doch vielfältigerweise als stellvertretender Tatbestand interpretieren: L. K. Advani steht nicht nur für die massenwirksame Instrumentalisierung (‚Safranisierung‘) hinduistischer Symbolik für den politischen Diskurs - hier am Beispiel der kultischen Verehrung einer Gottheit bei einer Wagenprozession - sondern auch für die BJP-typischen Erscheinungen einzelner Parteimänner als Führungsführungen, wie sie der Religionswissenschatler und Indien-Experte Hans-Joachim Klimkeit typologisiert hat.26 Des Weiteren steht Advani biographisch für die Nähe der allermeisten BJP-Funktionäre zur 1925 gegründeten und ebenfalls dem ‚sangh parivar‘ zugehörigen Organisation des ‚Rashtriya Swayamsevak Sangh‘ (RSS), welche durch die landesweite Führung von Schulen, Krankenhäusern, Zeitungen und Gerwerkschaftsverbänden nicht nur in Gramscis Sinne, obwohl privat institutionalisiert, dennoch politisch aktiv ist, sondern auch maßgeblich in fähig ist, die Zivilbevölkerung zu mobilisieren. Neben diesen paramilitärischen, lokal rekrutierten RSS-Freiwilligen stellen die sogenannten ‚kar sevaks‘ die zweite maßgeblich an der Tempelzerstörung in Ayodhya beteiligte Gruppierung dar, welche ihrerseits auf die Organisation des ‚Vishwa Hindu Parishad’ (VHP) zurückgeht.27 Diese dritte der drei größten Hindutva-Institutionen stellt das dezidiert religiöse Fundament dar, auf welchem Hindunationalisten bis heute Forderungen wie nach einem Konversionsverbot, einem einheitlichen - und damit Muslime benachteiligenden - Zivilrecht oder einem allgemeinen Schlachtungsverbotes von denen im Hinduismus heilig geltenden Kühen aufstellen.28 Im Falle der ‚Gujarat Riots‘ von 2002 kann ebenfalls der nicht zu leugnende Anteil an Mobilisierungskraft nachvollzogen werden, welcher seitens BJP, RSS und VHP beispielsweise für Großdemonstrationen und gewerkschaftlich organisierte Genralstreiks sorgt.29 Ob es dabei tatsächlich zur Verteilung von Waffen durch die hindutva-Organisationen kam, es mangels sicherer Angaben nicht vollständig überprüfbar. Nicht von der Hand gewiesen werden kann aber die Tatsache, dass eine Mitverantwortung für die vornehmlich muslimischen Tote, Verletzte und Geflüchtete im Anschluss an die in der Stadt Godhra begonnenen Massenunruhen bei der vom sangh parivar ausgeübten Einflussnahme der Zivilbevölkerung liegt.30 Dass die BJP politisches Kapital aus diesen öffentlichen Auseinandersetzungen schlagen kann und dementsprechend als damalige bundesstaatliche Regierungspartei Gujarats paradoxerweise auch nicht in Besorgnis gerät, zeigt nicht nur der im Dezember 2002 errungene Wahlerfolg der BJP, sondern auch eine Aussage des in Gujarat dreizehn Jahre lang amtierenden Chief Ministers Narendra Modi:„ ...riots resulting from the natural and justified anger of the people ... Every action has an equal and opposite reaction.“31. Die BJP-Parteiführung charakterisierte dieselben Ereignisse in Gujarat als „reaction to grave historical wrong and the idea is not to hurt the sentiments of anyone. Indian Muslims should not identify themselves with the excesses of invaders just because they happened to be Muslims.“32. Die Systematik mit der sowohl die Wir-Die-Dichotomisierung zwischen Hindus und Nicht-Hindus bzw. Muslimen, als auch die anachronistisch konstruierte Synthese von indischer Religion, Politik und Geschichtsschreibung von den jeweiligen sangh pariva-Organisationen propagiert und im Fall der BJP für politische Zwecke instrumentalisiert wird, zeigt nicht nur hindu-fundamentalistische Aktionsmuster bei den genannten konkreten Konflikten, sondern darf als Sinnbild für die langfristig einwirkende Gestaltung des sowohl gesellschaftlichen als auch politischen Diskurses in Indien durch die zunehmend an Relevanz gewinnende BJP und ihrer Schwesterinstitutionen betrachtet werden.

[...]


1 „Das politische System Indiens hat in den vergangenen sechs Jahrzehnten in einer Art und Weise stabilisert, die mit einer nationalen Intergration Hand in Hand ging, die allen Versuchungen autoritärer Herrschaft widerstanden hat und die auch zahlreiche gewaltsame Konflikte im Inneren sowie kriegerische Auseinandersetzungen nach außen zu begrenzen vermochte.“ S. 92 in: Reifeldt, Helmut: Weltmacht trotz Armut. Indien gibt es nur im Plural, in: Bücher über Indien, KAS-Auslandsinformation, 2/07.

2 „Es ist eine Überraschung auch im Kreise von den sogenannten Experten. Sogenannte Experten muss ich sagen, denn offenbar sind sie doch nicht so die großen Experten, wenn sie sich in einer Analyse oder einer Voranalyse so täuschen.“, kommentiert Dr. Ronald Meinardus, Leiter des Regionalbüro Südasien der Naumann-Stiftung in Neu-Delhi im Rahmen eines Interviews mit dem Deutschlandfunk, abgerufen am 25.09.19 unter: https://www.deutschlandfunk.de/indien-nach-diesem-wahlkampf-tief-gespalten.799.de.html?dram:article_id=449686.

3 Jafflerot, Christophe: India’s Democracy at 70: Toward a Hindu State?, in: Journal of Democracy, Vol. 28, Number 3, July 2017, S. 52-63, S. 54.

4 Becker, F.; Candeias, M.; Niggemann, J.; Steckner, A. (Hrsg.): Gramsci lesen. Einstieg in die Gefängnishefte, Argument Verlag, 5. Auflage, 2019, S. 32: „…und das staatliche Leben wird als ein ständiges Sich-Bilden und Überwunden-Werden instabiler Gleichgewichte zwischen den Interessen der grundlegenden Gruppe und denen der untergeordneten Gruppen aufgefaßt.“.

5 „Es ist wie mit den Muscheln am Strand“, oder: „reducing him to Gramsci lite“, aus: Barfuss, Thomas; Jehle, Peter: Antonio Gramsci zur Einführung, Junius, 2014, S. 30; „Aus dem Steinbruch Gramsci lassen sich passende Zitate und begriffliche Werkzeuge für fast jedes politisch-theoretische Interesse herausbrechen.“, oder: „Entpolitisierung zu einem pflegeleichten Gramsci-Jargon.“, aus: Heise, Mikiya; von Fromberg, Daniel: ‚Die Machtfrage stellen’. Zur politischen Theorie Antonio Gramscis, in: Merkens, Andreas; Rego Diaz, Victor: Mit Gramsci arbeiten. Texte zur politisch-praktischen Aneignung Antonio Gramscis, Argument Verlag, 2007, S. 110-125, S. 110f.

6 s. Barfuss; Jehle, ebd., S. 73.

7 „Es kann und muß eine politische Hegemonie auch vor dem Regierungsantritt geben“, aus Barfuss; Jehle, ebd., S. 21.

8 Diese mit Gramsci angeführte Fragestellung auch bei der Soziologin Himani Bannerji, in: Making India hindu and male. Cultural nationalism and the emergence of the ethnic citizen in contemporary India, SAGE Publications, 2006, abgerufen am 25.09.19 unter: https://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/1468796806068325.

9 Padma Rao schreibt von einem „Erdrutschsieg für Indiens umstrittenen Saubermann“, in der WELT, 23.05.19, abgerufen am 25.09.19 unter: https://www.welt.de/politik/ausland/article194060165/Indien-Erdrutschsieg-fuer-umstrittenen-Saubermann-Narendra-Modi.html.

10 Barfuss; Jehle, ebd., S. 242.

11 ebd.

12 s. ebd., S. 78: „Was ‚öffentliche Meinung‘ genannt wird, ist aufs engste mit der politischen Hegemonie verknüpft, es ist nämlich der Berührungspunkt zwischen der ‚Zivilgesellschaft‘ und der ‚politischen Gesellschaft‘…“.

13 s. ebd., S. 253.

14 ebd. S. 247-248.

15 Der paramilitärische „Rashtriya Swayamsevak Sangh“ wurde von der BBC treffend als „größtes Freiwilligenkorps der Welt“ bezeichnet; die „Bharatiya Janata Party“ stellt als weltweit mitgliederstärkste Partei die aktuelle Regierung Indiens; der „Vishva Hindu Parishad“ ist einer der zum „Sangh Parivar“ dezidiert religiösen Organisationen. Weitere wichtige Organisationen sind beispielsweise: Bharatiya Mazdoor Sangh (Gewerkschaft), Kisan sabha (Agrarunion), Vidya Bharati (Bildungswerk), Akhil Bharatiya Vidyarthi Parishad (Studentenorganisation), Vanvasi Kalyan Ashram (Stammes- Wohlfahrt-Organisation).

16 s. Klein, Wassilios: Die Hindutva-Bewegung und ihre Auswirkungen auf das indische Christentum, in: Vashalomidze/Greisinger (Hrsg.): Der Christliche Orient und seine Umwelt, Harrassowitz, 2007, S. 362; s. Klimkeit, Hans-Joachim: Der politische Hinduismus. Indische Denker zwischen religiöser Reform und politischem Erwachen, Harrassowitz, 1981, S. 302.

17 s. Klein, ebd., S. 362.; „‚Germany has also shown how well nigh impossible it is for races and cultures, having differences going to the root, to be assimilated into one united whole, a good lesson for us in Hindustan to learn and profit by.‘ – M. S. Golwalkar“.

18 s. Jürgenmeyer, Clemens: Die indische Union als Hindu-Nation? - Der Hindu-Nationalismus als Faktor indischer Politik, in: Skoda, Uwe; Voll, Klaus (Hrsg.): Der Hindu-Nationalismus in Indien. Aufstieg - Konsolidierung - Niedergang?, Weißensee Verlag, 2005, S. 29-64, S. 53.

19 s. Kakar, Sudhir; Katharina: Die Inder. Porträt einer Gesellschaft, Beck, 2006, S. 150.

20 „What has happened at Ram Janmasthan is the reaction to grave historical wrong and the idea is not to hurt the sentiments of anyone. Indian Muslims should not identify themselves with the excesses of invaders, just because they happened to be Muslims“, in BJP Political Resolutions, 1980-1999, abgerufen am 25.09.19 unter: https://shodhganga.inflibnet.ac.in/bitstream/10603/29092/9/09_chapter%203.pdf.

21 s. Gottschlich, Pierre: Hindu-Nationalismus. Indien auf dem Weg in einen Hindu-Staat?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 68. Jahrgang, 48/2018, S. 34-39, S. 36.

22 s. Stietencron, Heinrich von: Die Suche nach nationaler Identität im Indien des 19. Jahrhunderts und 20. Jahrhunderts, in: Reinhard, W. (Hrsg.): Die fundamentalistische Revolution, 1995, S. 111-132.

23 s. Kakar, ebd., S. 136f.

24 s. Jürgenmeyer, ebd., S. 54.

25 Advani bekleidete von 2002-2004 das Staatsamt des stellvertretenden Ministerpräsidenten Indiens.

26 s. Klimkeit, ebd., S. 305-307.

27 s. Gottschlich, ebd., S. 36.

28 s. Wolf, Siegfried O.; Schultens, René: Hindu-Nationalismus - (k)ein Ende in Sicht!. Gefährdet der Hindu-Nationalismus die indische Demokratie?, in: Der Bürger im Staat, 59/2009, S. 170.

29 s. ebd., S. 168f.

30 Schätzungen gehen von über 2.000 Toten aus; s.: Gottschlich, Pierre: Hindu-Nationalismus und geschlossene Identität, in: Bizeul, Lutz-Auras, Rohgalf (Hrsg.): Offene oder geschlossene Kollektividentität. Von der Entstehung einer neuen politischen Konfliktlinie, Springer 2019, S. 417-440, S. 428.

31 s. Shinde, Prem K.: Dalits and human rights, Vol.1, Isha Books, 2005, S. 147.

32 s. Wolf; Schultens, ebd., S. 169.

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Details

Titel
Ist Indien plötzlich ein Hindu-Staat?
Untertitel
Hindu-nationalistischer Einfluss auf den öffentlichen Diskurs in der indischen Demokratie
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Politik und Soziologie)
Veranstaltung
Proseminar Politische Kulturforschung - Politische Kulturforschung - Theoretische Grundlagen, Forschungsansätze, Praxisbeispiele
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
22
Katalognummer
V539262
ISBN (eBook)
9783346145222
ISBN (Buch)
9783346145239
Sprache
Deutsch
Schlagworte
indien, hindu-staat, hindu-nationalistischer, einfluss, diskurs, demokratie
Arbeit zitieren
Henning Bokel (Autor), 2019, Ist Indien plötzlich ein Hindu-Staat?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539262

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