Im Rahmen dieser Arbeit soll die Frage untersucht werden, warum das Chun-Regime die Aufstände in Gwangju brutal niederschlug. Dabei wird zunächst untersucht, warum das Militär geschlossen hinter dem Chun-Regime stand. Dabei wird in Anlehnung an das Modell von Terence Lee zur Erklärung von Militärreaktionen auf Massenproteste argumentiert, dass das Chun-Regime das südkoreanische Militär über einen power-sharing-Mechanismus kontrollierte, der ein Überlaufen von Militärs unwahrscheinlich machte, die Hanahoe. Mit Blick auf andere Proteste unter Chun, insbesondere 1987, die letztlich zum Regimewechsel führten, wird jedoch argumentiert, dass power-sharing allein nicht ausreichend ist, um die konkrete Form der Niederschlagung zu erklären. Vielmehr war die Zusammensetzung der Gwangju-Proteste und eine mögliche Bedrohung durch die Demokratische Volksrepublik Korea (im folgenden Nordkorea) ein weiterer Faktor für den konkreten Outcome.
Nach Darlegung der Kernannahmen Lees wird die Methodik erläutert. Anschließend folgt eine Darstellung der Gwangju-Proteste bevor der power sharing-Mechanismus der Hanahoe dargelegt wird. Danach wird analysiert, warum die Charakteristika des Gwangju-Aufstands ebenfalls als notwendige Bedingungen erachtet werden.
Südkorea gilt als Musterbeispiel einer weitgehend gelungenen Demokratisierung im Rahmen der sogenannten Dritten Welle der Demokratisierung. Kehrseite dieser wirtschaftlichen Entwicklung war ein oft autoritärer bis autokratischer Charakter der südkoreanischen Regime. Zwischen 1945 und 1987 entwickelte sich das Land unter Präsident Park Chung-hee zunehmend zur vom Militär geführten Entwicklungsdiktatur. Nach der Ermordung Parks 1979 putschte ein Teil des südkoreanischen Militärs unter Führung des Generalmajors Chun Doo-hwan gegen die demokratische Übergangsregierung unter Choe Kyu-ha. In der Folge brachen erneut landesweite Proteste aus. Besonders heftig waren die Proteste im Mai 1980 in der Stadt Gwangju in der südwestlichen Jeollanam-Provinz aus. Das Chun-Regime entsandte Militär und ließ die anfangs friedlichen Proteste blutig niederschlagen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. FORSCHUNGSDESIGN
2.1 METHODIK
2.2 THEORETISCHES MODELL NACH LEE (2015)
2.3 FALLAUSWAHL
3. EMPIRISCHE ANALYSE
3.1 DIE GWANGJU-PROTESTE 1980
3.2 POWER-SHARING: DIE HANAHOE
3.3 DIE CHARAKTERISTIKA DES GWANGJU-AUFSTANDS
4. FAZIT
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die gewaltsame Reaktion des südkoreanischen Chun-Regimes auf die Massenproteste in Gwangju im Jahr 1980 unter Anwendung des Modells von Terence Lee zu erklären. Dabei wird untersucht, inwiefern ein innerhalb des Militärs etablierter Power-Sharing-Mechanismus (die Hanahoe) die Koalitionstreue der Sicherheitskräfte sicherte und ob zusätzliche Faktoren, wie die soziale Zusammensetzung der Protestierenden und die Wahrnehmung einer nordkoreanischen Bedrohung, die Intensität der Niederschlagung beeinflussten.
- Analyse zivil-militärischer Beziehungen in autokratischen Regimen.
- Untersuchung des Hanahoe-Netzwerks als institutioneller Power-Sharing-Mechanismus.
- Prozessanalyse der Ereignisse in Gwangju von Mai 1980.
- Bewertung der Rolle von Legitimitätskrisen und externen Bedrohungsszenarien bei der Militärreaktion.
- Reflexion über die Grenzen theoretischer Erklärungsmodelle bei komplexen historischen Ereignissen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Power-sharing: Die Hanahoe
Das Chun-Regime kann zwischen 1979 und 1981 als Militärregime mit hohem Grad an Personalismus gesehen werden (vgl. Geddes et al. 2014, Magaloni et al. 2013). Entscheidend ist daher, ob es dem Regime gelingt, power-sharing institutions im Militär zu etablieren (Lee 2015: 41). Im folgenden Kapitel wird untersucht, ob die Hanahoe dem Chun-Regime dabei half, ein Überlaufen des Militärs zur Opposition zu verhindern und die Proteste niederzuschlagen.
Die Hanahoe-Gruppierung (deutsch in etwa: Einigkeit) war ein inoffizielles Netzwerk innerhalb des südkoreanischen Militärs. Park Chung-hee hatte als Teil seiner coup-proofing Strategie seinen Neffen Kim Jong-pil zum ersten Direktor der neugegründeten Korean Central Intelligence Agency (KCIA) ernannt (Oh 1999: 76 f.). Nach der Machtübernahme Park Chung-hees am 16. Mai 1961 entstand die sog. Seven Star Association (Chilsongwoe), eine private Organisation innerhalb des südkoreanischen Militärs unter Führung Chun Doo-hwans. Im März 1964 nannte sich die Gruppe in Hanahoe um, da alle ihre Gründungsmitglieder Absolventen des ersten Vier-Jahres-Kurses der koreanischen Militärakademie waren. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten neben dem späteren Präsidenten Roh Tae-woo, Kim Bok-dong, Chong Ho-yong, Choi Song-taek, Kwon Ik-hyon, Son Yong-kil, No Chong-ki, Pak Kap-ryong und Nam Chung-su (Oh 1999: 76 f.). Durch die vorsichtige Rekrutierung neuer Mitglieder entwickelte sie ein Patronage-Netzwerk mit klientelistischen Merkmalen innerhalb des Militärs. Roh Tae-woo folgte Chun fünf Mal auf dessen Posten (Oh 1999: 78). Park blieb dabei zunächst der Patron des Netzwerks (Oh 1999: 77). Nach der Ermordung Parks fungierte die Gruppe als parallele Kommandostruktur im Militär (Nahm & Hoare 2004: 198). Das Hanahoe-Netzwerk ermöglichte Chun auch, seinen Putsch am 12. Dezember 1979 durchzuführen und das südkoreanische Militär umgehend von Oppositionellen zu säubern (Moon & Rhyu 2011: 253).
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Das Kapitel führt in die politische Geschichte Südkoreas nach 1945 ein und skizziert die Entwicklung unter autoritären Regimen bis hin zum Ausbruch der Gwangju-Proteste 1980.
2. FORSCHUNGSDESIGN: Hier werden das methodische Vorgehen (Prozess- und Kongruenzanalyse) sowie das theoretische Erklärungsmodell von Terence Lee zur Rolle von Institutionen in Militärregimen vorgestellt.
3. EMPIRISCHE ANALYSE: Dieses Kapitel detailliert den Ablauf der Proteste in Gwangju, die interne Struktur des Hanahoe-Netzwerks und die sozialen sowie regionalen Faktoren, die zur Eskalation beigetragen haben.
4. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die Hanahoe zwar die Kohärenz des Militärs sicherte, aber die extreme Brutalität in Gwangju zusätzliche kontextuelle Faktoren erforderte.
Schlüsselwörter
Südkorea, Gwangju-Aufstand, Chun Doo-hwan, Hanahoe, Militärregime, Demokratisierung, Power-Sharing, Prozessanalyse, Politische Gewalt, Zivil-militärische Beziehungen, autoritäre Herrschaft, Repression, Massenproteste, Südkoreanisches Militär, Legitimitätskrise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht die Gründe für die ungewöhnlich brutale Niederschlagung der Massenproteste in Gwangju im Mai 1980 durch das südkoreanische Militär unter der Führung von Chun Doo-hwan.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die zivil-militärischen Beziehungen in Südkorea, die Entstehung autoritärer Machtstrukturen, die Rolle von informellen Netzwerken im Militär sowie die Dynamik von Massenprotesten.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Studie?
Die Arbeit fragt danach, warum das Chun-Regime die Aufstände in Gwangju brutal niederschlug und warum das Militär geschlossen hinter diesem Regime stand.
Welche wissenschaftliche Methodik kommt zum Einsatz?
Es wird eine kombinierte Prozess- und Kongruenzanalyse als qualitative Einzelfallstudie angewandt, wobei die Arbeit primär auf einer Literaturanalyse basiert.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert das theoretische Modell von Terence Lee, rekonstruiert den Verlauf der Gwangju-Proteste und untersucht das Hanahoe-Netzwerk als maßgeblichen Power-Sharing-Mechanismus innerhalb der Armee.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Hanahoe, Power-Sharing, Militärregime, Gwangju-Aufstand, autoritäre Stabilität und zivil-militärische Kooperation.
Welche Rolle spielte das Hanahoe-Netzwerk bei den Ereignissen von 1980?
Die Hanahoe fungierte als parallele Kommandostruktur und informelles Patronage-Netzwerk, das dem Chun-Regime half, das Militär zu kontrollieren und Loyalität gegenüber dem Putscharakter der Regierung zu garantieren.
Inwiefern beeinflussten soziale Faktoren die Heftigkeit der Militärreaktion?
Die soziale Distanz zwischen den vornehmlich aus der Gyeongsang-Provinz stammenden Soldaten und der Bevölkerung der Region Gwangju/Jeollanam wurde vom Regime genutzt, um die Protestierenden als kommunistische Randalierer zu diffamieren und die Hemmschwelle für Gewalt zu senken.
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- Julian Klose (Author), 2019, Die Demokratiebewegung in Südkorea und der Gwangju-Aufstand. Die Militärreaktion auf die Proteste in Gwangju von 1980, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539326