Eine Analyse zu Georg Heyms Novelle "Der Dieb"


Seminararbeit, 2004

16 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Darstellungsweise
1.1 Aufbau
1.2 Erzählsituation
1.3 Distanz zum Erzählten
1.3.1 Erzählweise
1.3.2 Erzählperspektive
1.3.3 Zeitstruktur

2 Dargestellte Welt
2.1 Figuration
2.1.1 Zeitstruktur
2.2 Raumstruktur
2.2.1 Raumorganisation der dargestellten Welt
2.2.2 Räumliche Bewegungen
2.3 Ereignisstruktur

3 Anhang
3.1 Schema zur Raumorganisation

4 Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur

1 Darstellungsweise

1.1 Aufbau

Georg Heyms Novelle Der Dieb lässt sich in folgende Abschnitte einteilen. Einer Exposition, dem Beginn der eigentlichen Handlung, der Steigerung und Entwicklung der Handlung auf einen Höhepunkt hin, einer Wende und einem katastrophalen Schluss, der mit dem Tod des Helden endet.

Zu Beginn des Textes befindet sich der Protagonist in seiner Pariser Dachstube und spricht zu Gott. Er ist kurz davor sich auf den Weg in den Louvre zu machen, um das Bild der Mona Lisa Gioconda zu stehlen. (S.119)

Danach wird erzählt, wie und warum es zum Entschluss des Diebstahls gekommen ist (S.119-134). Zunächst wird jedoch der Dieb, die Hauptfigur der Erzählung vorgestellt. (S.119-121)

Die eigentliche Handlung beginnt mit den Visionen des Protagonisten von Gott und dem Engel des Herrn. Durch sie kommt er zu der Erkenntnis, dass das Weib die Wurzel alles Bösen sein muss. So steht es schon in der Offenbarung des Johannes. Gott habe Christus verlassen, weil dieser am Weibe vorbeigegangen sei. Er sieht sich nun von Gott als Erlöser der Menschheit berufen. (S.122-125)

Seine Mission besteht nun darin, die Welt vom Weiblichen zu befreien. Im Gesicht der Mona Lisa liegt für ihn nun das ursprünglich Weibliche und Teuflische verborgen. Er begegnet ihr im Louvre, wagt sich ehrfürchtig und langsam an sie heran, bis er sie zum imaginären Kampf herausfordert. In ihr erkennt er teuflisches Verderben, aber zugleich etwas Schönes. Er empfindet Hass und zugleich Mitleid. (S. 122-136)

Nach langem „Kräftemessen“, Triumphen, aber auch Schwächen strebt die Handlung allmählich auf ihren Höhepunkt zu. Der Kampf endet siegreich und die Mona Lisa wird aus dem Louvre gestohlen. (S. 136-145)

Das Bild wird nach Florenz verschleppt. An dieser Stelle kommt es zu einer Wende der Erzählung. Denn obwohl die Mona Lisa schon drei Jahre lang im Besitz des Diebes ist, gelingt es diesem nicht das Bild zu zerstören. Es siegt die Macht des Weibes:

Der Dieb verliebt sich in die Mona Lisa und wird ihr gänzlich verfallen. Für sie sagt er seiner Mission ab. (S. 145-150)

Doch der Mona Lisa bleibt ihr boshaftes, teuflisches Lächeln. Diesen Spott kann er nicht ertragen und er nimmt Rache, indem er das Bild verstümmelt und vernichtet. An der Zerstörung seiner „Geliebten“ geht der Dieb selbst zugrunde. (S. 150-156)

1.2 Erzählsituation

In Georg Heyms Der Dieb liegt eine auktoriale Erzählsituation vor. Der Erzähler tritt an einigen Stellen durch Werten und Kommentieren, v. a. am Ende der Erzählung in Erscheinung: [der] Verrückte[…] (S.131, Z. 15); der Irre (S. 136, Z. 27). Ebenso kommentiert der Erzähler auf S.147: […] dort in dem Winkel hat er dann immer gesessen, […] wie ein geprügelter Hund, […] (Z. 15ff).

Hier steht der Erzähler außerhalb der dargestellten Welt und wählt die Rolle des Beobachters und ist übergeordnete Sprecherinstanz: Wie ein Satan sprang er gegen das Bild vor, drei Sätze vor und drei Sätze zurück, seine Arme ruderten in der Luft, seine gekrümmten Hände standen wie ein paar Schnäbel über seinem Kopfe, und seine langen und verwüsteten Haare tanzten auf seinen dünnen Schultern. (S. 149, Z. 17ff).

Jedoch ist nicht immer die Distanz zum dargestellten Geschehen vorhanden. Es liegt eine reduzierte auktoriale Erzählsituation und somit eine Annäherung an eine personale Erzählform vor. Durch Erzählen aus der Perspektive des Protagonisten, Wiedergabe und Darstellung der Gedanken und der Wahrnehmung der Hauptfigur, mittels erlebter Rede wird erreicht, dass der Erzähler völlig hinter dem erzählten Geschehen zurücktreten kann.

1.3 Distanz zum Erzählten

1.3.1 Erzählweise

Die Erzählung beginnt mit dem kommentarlosen Zitat des Monologes der Hauptfigur, nämlich dem Gebet des Diebes an Gott, das er vor der Tat spricht. Eine ebenso direkte Wiedergabe der Figurenrede lässt sich auch auf S. 123f finden, als der Dieb laut Verse aus der Bibel vorliest:

Und er las laut bei Markus […]: „ Und um die neunte Stunde rief Jesus laut und sprach: […]“ (S. 123, Z. 6ff); „Das Tier, das gewesen ist, und nicht ist, wiewohl es doch ist.“ (S. 124f, Z. 27f).

Durch die direkte Rede der Figur tritt die Präsenz des Erzählers in einzelnen Passagen zurück: „So“, dachte er endlich, „du willst nicht, na, ich werde dir schon auf die Beine helfen. Du denkst wohl, ich bin dein Idiot. Na, ich werde dir die Sache schon beibringen.“ (S.150, Z. 1ff). Es entsteht der Eindruck der unmittelbaren Nähe zum Geschehen.

Eine scheinbare Abwesenheit des Erzählers liegt auch dann vor, wenn die Wahrnehmungsperspektive einer am Geschehen beteiligten Figur im Vordergrund steht. Die Wahrnehmung des Protagonisten wird hier bildhaft und detailreich erzählt: Die Abendsonne warf eine feurige Fackel herein, und die tiefen lombardischen Farben des Bildnisses belebten sich in Purpur, das Gewand rauschte und flammte auf, das rote Licht ging über ihr Gesicht herauf […] (S. 140, Z. 17).

Die Gedanken und Wahrnehmungen der Hauptfigur werden in Form der erlebten Rede dargestellt: Und nun mußte sie untergehen. Ja sie musste, […] Ja, Teufel, sie war sehr schön. Es half nichts, ihre Stunde hatte geschlagen. (S. 141, Z. 5ff). Die Distanz zum Denken und Fühlen der Figur ist somit gering.

Am Ende des Textes, als der Dachboden zu brennen anfängt, bekommt der Leser keinen Einblick mehr in Wahrnehmungen und Gedanken der Hauptfigur. Es liegt berichtendes Erzählen vor: Das halbe Dach krachte zusammen, und die Leute waren schon am Ersticken. Sie versuchten noch einmal, ihn herauszuziehen, aber der Alte ließ das Bild mit einer Hand los, […] (S. 155, Z. 7).

Die Reaktionen und Aktionen der Menschen auf der Strasse, die das Feuer mitbekommen, werden im Präsens beschrieben: Die Straße wird voll Menschen, […] alles starrt herauf […]. Man schafft ein paar Verwundete und Tote fort. (S. 153f, Z. 27ff).Dadurch wirkt die Handlung dynamisch und hektisch. Der Leser scheint aufgrund des Tempuswechsels direkt am Geschehen beteiligt zu sein. Hier liegt der Fokus auf den Geschehnissen, die sich außerhalb des Versteckes des Diebes ereignen.

1.3.2 Erzählperspektive

Die Darstellung des Geschehens erfolgt vorwiegend aus dem Blickwinkel der Hauptfigur. Die Erzählperspektive ist die Innenperspektive. Der Text informiert über psychische Prozesse, Wahrnehmungen und Gefühle eines Irren: […] und er sah den ganzen Himmel mit Dämonen erfüllt, Hundert und aber Hundert reitend auf roten Wolken, […] (S. 135, Z. 20).

Die Wahnvorstellungen, wie der imaginäre Kampf zwischen Dieb und der Mona Lisa Gioconda, sowie die Schilderung seiner Gefühle, die zwischen Angst und Ehrfurcht und zwischen Hass und Liebe stehen, geben dem Leser Einblicke in die innere Verfassung des Protagonisten.

Erst am Schluss der Erzählung wird kurz aus der Sicht anderer auftretender Personen berichtet. Es wird beschrieben, wie die beiden Feuerwehrmänner den Alten aus dem brennenden Haus zu retten versuchen: Da fiel das Entsetzen über die beiden anderen, [...] (S. 155, Z. 14) ; […] und als sie wieder an ihm vorüberflogen, hörten sie noch in ihre Verzweiflung hinein sein lautes Gelächter hinter sich her. (S. 155, Z. 23ff). Jedoch werden hier keine inneren, psychischen Vorgänge erzählt, noch gewinnt der Leser einen tieferen Einblick in Denken und Fühlen der Personen, es wird eher neutral und über sinnlich Wahrnehmbares berichtet.

1.3.3 Zeitstruktur

Am Anfang des Textes spricht der Dieb mit Gott. Anschließend nimmt das Paket, in das er, wie man an einer anderen Textstelle erfährt, später die Mona Lisa einpacken wird und verlässt seine Dachstube. Dies geschieht vor dem Diebstahl der Mona Lisa aus dem Louvre. Hier wird also ein in der Zukunft liegendes Geschehen vorwegnehmend erzählt. Der Leser begegnet gleich zu Beginn des Textes den Gedanken der Hauptfigur und erfährt, dass es einen göttlichen Auftrag auszuführen gilt. Die Erzählzeit entspricht der erzählten Zeit. (S. 119)

Anschließend werden folgende Geschehenselemente in chronologischer Reihenfolge und zeitraffend vermittelt. Die Erzählzeit ist kürzer als die erzählte Zeit:

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Eine Analyse zu Georg Heyms Novelle "Der Dieb"
Hochschule
Universität Passau
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V53944
ISBN (eBook)
9783638492553
ISBN (Buch)
9783638939843
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Analyse, Georg, Heyms, Novelle, Dieb
Arbeit zitieren
Julia Dittlmann (Autor), 2004, Eine Analyse zu Georg Heyms Novelle "Der Dieb", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53944

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Eine Analyse zu Georg Heyms Novelle "Der Dieb"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden