Kriterien totalitärer politischer Systeme


Hausarbeit, 2004

17 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriterien totalitärer politischer Systeme
2.1 Theoretische Vorüberlegungen
2.2 Der klassische Totalitarismuskriterienkatalog
2.3 Kritik an und Weiterentwicklung von Friedrichs und Brzezinskis Totalitarismuskonzeption

3. Das Fallbeispiel „Sowjetunion“

4. Zusammenfassung

5. Literatur

1. Einleitung

Die Totalitarismus-Theorien gehören zu den wichtigsten inhaltlichen Kategorien des Feldes „Analyse und Vergleich politischer Systeme“ in der Politikwissenschaft.[1] Die Diskussion um die Kriterien totalitärer politischer Systeme hat die Wissenschaftler seit Begründung dieser Theorie beschäftigt. Zunächst eine „oberflächliche“ Annäherung aus dem Duden an den Begriff „totalitär“ und seine Bedeutung in Bezug auf ein politisches System: Die Gesamtheit umfassend, ganzheitlich; und im Sinne des Staat: alles erfassend und seiner Kontrolle unterwerfend.[2]

Im Falle der Totalitarismus-Konzeption sahen sich die Politikwissenschaftler in den 30er Jahren mit einem neuen politischen Phänomen konfrontiert: Das faschistische Italien und das nationalsozialistische Deutschland gaben Anstoß zu einer Theoriebildung, um die offenbar neuartigen politisch-gesellschaftlichen Gegebenheiten innerhalb dieser Systeme einordnen zu können.[3] Welche Annahmen ließen die Wissenschaftler glauben, dass es sich hier um ein neues politisches Phänomen handelte und wie sahen die Kriterien zur Einordnung dieser „totalitären“ Systeme aus? Wie werden die damals aufgestellten Kriterien heute beurteilt und wie hat sich die Diskussion im Laufe der Jahre um sie entwickelt?

In der vorliegenden Arbeit möchte ich zunächst einige theoretische Vorüberlegungen anstellen und die sich vom Totalitarismuskonzept abgrenzenden zwei Typen politischer Systeme nach Merkel als Bezugsrahmen darstellen. Dann wird eine der ersten (und vielleicht die wichtigste) Totalitarismuskonzeption von C.J. Friedrich, unter der Mitarbeit von Zbigniew Brzezinski, im Vordergrund stehen. Die Diskussion um diese Konzeption wird im Laufe der Arbeit angeführt werden sowie Beispiele für die Weiterentwicklung von Friedrichs Kriterienkatalog. Als Fazit wird eine heutige Einordnung dieser Kriterien vorgestellt werden. Zudem werde ich den klassischen Kriterienkatalog totalitärer politische Systeme an dem Beispiel der Sowjetunion unter Stalin anwenden.

2. Kriterien totalitärer politischer Systeme

2.1 Theoretische Vorüberlegungen

Wolfgang Merkel stellt in Anlehnung an andere Politikwissenschaftler sechs Kriterien auf, mit deren Hilfe man alle politischen Systeme in drei Grundtypen einteilen kann: Demokratische, autoritäre oder totalitäre Regime. Die Kriterien heißen Herrschaftslegitimation, Herrschaftszugang, Herrschaftsmonopol, Herrschaftsstruktur, Herrschaftsanspruch und Herrschaftsweise.[4]

„Demokratien sind im Herrschaftszugang offen, in der Herrschaftsstruktur pluralistisch, im Herrschaftsanspruch begrenzt, in der Herrschaftsausübung rechtsstaatlich und sie gründen ihren Herrschaftsanspruch auf das Prinzip der Volkssouveränität. In autoritären Systemen unterliegt der Herrschaftszugang erheblichen Einschränkungen, die Herrschaftsstruktur ist in ihrem Pluralismus deutlich eingeschränkt, der Herrschaftsanspruch geht weit in die Individualsphäre hinein, die Herrschaftsweise ist nicht rechtsstaatlich normiert und die Legitimation der Herrschaft wird über die Inanspruchnahme bestimmter Mentalitäten herzustellen versucht.“[5] Totalitäre und autoritäre Systeme werden auch unter dem Oberbegriff „autokratische Systeme“ geführt, da beide Regierungsformen der „Selbstherrschaft“ – so die Übersetzung aus dem Griechischen – bzw. einem unumschränkten Herrscher gleichkommen.[6] Oder auch wie es Merkel in Anlehnung an Hans Kelsen formuliert, „[...] können alle nicht-demokratischen Systeme Autokratien genannt werden.“[7] Daher ist auch verständlich, dass zwischen demokratischen und autoritären Systemen eine strengere Trennlinie gezogen werden kann als zwischen den beiden autokratischen Herrschaftsformen, bei welchen die Kriterien teilweise ineinander übergehen.[8] Methodelogisch gesehen konzipiert Merkel hier einen idealtypischen Kriterienkatalog, wobei er die in politischen Systemen vorliegende „chaotische Vielfalt“ in seinem theoretischen Konstrukt durch die Beschränkung auf „wesentliche Merkmale“ logisch ordnet.[9]

2.2 Der klassische Totalitarismuskriterienkatalog

Die Einordnung totalitärer politischer Systeme unter den Typ „Autokratie“ geht unter anderem auf Carl Joachim Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis „The General Characteristics of Totalitarian Dictatorship“ zurück. In diesem Essay beschreiben sie die totalitäre Diktatur als Anpassung der Autokratie an die Industriegesellschaft des 20ten Jahrhunderts und behaupten somit, dass es zu früheren Autokratien einen entscheidenden Unterschied geben muss: Eine der ersten Thesen aus dem oben angeführten Essay ist, dass die totalitäre Diktatur eine historische Neuerung ist.[10] Bemühungen um die totale (auch gedankliche) Lenkung einer Gesellschaft habe es schon oft gegeben. Das Neue seien die „[...] mit Hilfe moderner technischer Geräte entwickelten und eingesetzten Organisationen und Methoden, die dazu dienen sollen, im Dienst einer ideologisch motivierten Bewegung, die sich der totalen Zerstörung und dem Wiederaufbau einer Massengesellschaft verschrieben hat, eine derartige totale Kontrolle wieder aufleben zu lassen.“[11] Mit dem Aspekt der modernen technischen Möglichkeiten „angereichert“ hat ihr Kriterienkatalog totalitärer politischer Systeme sechs Wesensmerkmale:

„1. Eine ausgearbeitete Ideologie, bestehend aus einem offiziellen Lehrgebäude, das alle lebenswichtigen Aspekte der menschlichen Existenz umfasst, und an die sich alle in dieser Gesellschaft Lebenden zumindest passiv zu halten haben; diese Ideologie ist charakteristisch auf einen idealen Endzustand der Menschheit ausgerichtet und projieziert - das heißt, sie enthält eine chiliastische Forderung, gegründet auf eine radikale Ablehnung der bestehenden Gesellschaft mit der Eroberung der Welt für die neue.
2. Eine einzige Massenpartei, im typischen Fall von einem einzelnen, dem `Diktator`, geführt, und aus einem relativ niedrigen Prozentsatz der Gesamtbevölkerung (bis zu zehn Prozent) von Männern und Frauen bestehend, in der ein fester Stamm der Ideologie leidenschaftlich und ohne Vorbehalte abhängt und bereit ist, die Durchsetzung ihrer allgemeinen Übernahme in jeder Weise zu fördern. Eine solche Partei ist hierarchisch, oligarchisch organisiert und charakteristischerweise der Staatsbürokratie entweder übergeordnet oder völlig damit verflochten.
3. Ein Terrorsystem, auf physischer oder psychischer Grundlage, das durch Partei- und Geheimpolizei-Kontrolle verwirklicht wird, aber auch die Partei für ihre Führer überwacht und charakteristisch nicht nur gegen erwiesene „Feinde“ des Regime gerichtet ist, sondern auch gegen mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Klassen der Bevölkerung; der Terror macht sich, ob von der geheimen Polizei oder von dem durch die Partei auf die Gesellschaft ausgeübten Druck herrührend, die moderne Wissenschaft systematisch zunutze, ganz besonders die wissenschaftliche Psychologie.
4. Ein technologisch bedingtes, nahezu vollständiges Monopol der Kontrolle aller Mittel wirksamer Massenkommunikation, wie Presse, Funk und Film, in den Händen von Partei und Staat.
5. Ein gleichermaßen technologisch bedingtes, nahezu vollständiges Monopol der wirksamen Anwendung aller Kampfwaffen.
6. Eine zentrale Überwachung und Lenkung der gesamten Wirtschaft durch die bürokratische Koordinierung vorher unabhängiger Rechtskörperschaften, charakteristischerweise unter Einfluß der meisten andren Gesellschaften und Konzerne.“[12]

Gleichzeitig wird diese Konzeption nicht als die perfekte Endlösung dargestellt, da sicher jetzt noch nicht erkannte weitere Merkmale für ein totalitäres politisches System möglich seien. Weiterhin wird betont, dass nur alle sechs „[...] in wechselseitiger Beziehung stehende[n] [...]“[13], „[...]miteinander verflochtenen und sich gegenseitig stützenden Eigenschaften[...]“[14] ein totalitäres politisches System in seinem Idealtyp beschreiben, da zum Beispiel die letzten beiden Punkte, isoliert gesehen, auch in (modernen) nicht totalitären Staaten zu finden sind.[15] Somit ist der hier angeführte Kriterienkatalog keineswegs eine starre Theorie, da die Wissenschaftler sich wahrscheinlich dessen bewusst waren, dass sie noch am Anfang der Totalitarismusforschung standen. Eindeutig wird hier auch über die vorbestimmte Entwicklung totalitärer politischer Systeme geurteilt: Durch ihre „[...] innere Evolution[...]“[16] würden sie verschwinden.[17]

Insgesamt beurteilen sie die Auswirkungen eines totalitären Regimes auf den Menschen – wie oben schon angedeutet – als nicht total. Das heißt, dass selbst durch eine Ideologie motivierte, totale Gedankenkontrolle der Bürger nicht möglich sei. Durch die totale Kontrolle aller außergedanklichen Gegebenheiten würde der Mensch aber nachhaltig verformt.[18]

Motiviert durch die Beispiele aus der Geschichte des faschistischen Italiens und Deutschlands sowie der kommunistischen Sowjetunion, die Friedrich alle als totalitär kategorisiert, wird die These aufgestellt, dass unter ihnen eine „[...] grundsätzliche Gleichartigkeit[...]“[19] vorherrscht. Sie ähneln sich strukturell, unterscheiden sich aber in ihren historischen Voraussetzungen, Zielen und Absichten: Die Kommunisten wollen die Weltrevolution des Proletariats; die Faschisten eine (vermeintlich) vorherrschende Rasse in einer bestimmten Region oder in der gesamten Welt durchsetzen.[20]

2.3 Kritik an und Weiterentwicklung von Friedrichs und Brzezinskis Totalitarismuskonzeption

An dem zuletzt genannten Kriterium Friedrichs, nämlich der Gleichartigkeit faschistischer und kommunistischer totalitärer Regime, sieht Achim Siegel in seiner Neuinterpretation von Friedrichs Totalitarismuskonzepts einen ersten Kritikpunkt: Friedrichs These von der Gleichartigkeit dieser Systeme kann kaum überzeugen, da zwar die entscheidenden Unterschiede, nämlich die verschiedenen

ideologischen Ziele, benannt werden, nicht jedoch die gemeinsamen

Eigenschaften kommunistischer und totalitärer politischer Systeme. Somit kritisierte Siegel Friedrich dem „[...]Prinzip der intersubjektiven Überprüfbarkeit[...]“[21] – also dem wissenschaftlichen Anspruch – nicht nachgekommen zu sein und statt dessen auf Grund von politischen Einstellungen eine wertende Position eingenommen zu haben.[22] Zudem übt Siegel Kritik an den miteinander verwobenen und sich bedingenden sechs Wesenszügen aus Friedrichs Konzeption: In wiefern wirken sie zusammen, und welche Mindestausprägungen sollten die Merkmale enthalten?[23]

[...]


[1] Vgl. Schlangen 1978: 51.

[2] Vgl. Duden 1996: 745.

[3] Vgl. Schlangen 1978: 51.

[4] Vgl. Merkel 1999: 25 f.

[5] Ebd.: 26 f.

[6] Vgl. Der Grosse Brockhaus 1977: 495.

[7] Merkel 1999: 34.

[8] Vgl. ebd.: 27.

[9] Vgl. ebd.: 25.

[10] Vgl. Friedrich und Brzezinski 1965: 600.

[11] Ebd.: 603.

[12] Ebd.: 610 f.

[13] Ebd. : 609.

[14] Ebd.: 610.

[15] Vgl. ebd.: 610 f.

[16] Ebd.: 604.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd.

[19] Ebd.: 606.

[20] Vgl. ebd.: 607.

[21] Siegel 1998: 278.

[22] Vgl. ebd.

[23] Vgl. ebd.: 303 f.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Kriterien totalitärer politischer Systeme
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1.0
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V53946
ISBN (eBook)
9783638492577
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriterien, Systeme
Arbeit zitieren
Daniela Daus (Autor), 2004, Kriterien totalitärer politischer Systeme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53946

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