Warum sich nach 60 Jahren mit der Sozialen Theorie und Praxis eines Systems beschäftigen, daß sein selbstpropagiertes Verhaben, ein 1000 Jahre währendes Reich zu schaffen, nach einem zwölfjährigen Experiment für gescheitert erklären mußte? Tatsächlich veränderten die Nazis während ihrer Herrschaft die Situation in Deutschland und in Europa in Politik und Wirtschaft in einem Ausmaß, daß eine historische Einordnung, eine einhellige abschließende Betrachtung bis heute unmöglich ist.
Wir haben es mit einem System zu tun, in dem nach Aly (2005) „gigantische Zeiten“ angebrochen waren: einem technokratischen Staat waren bei der Durchsetzung seiner propagandistischen Ziele weder menschliche („Lebensraumpolitik“) noch materielle (in einem demokratischen Wirtschaftssystem undenkbare Geldbeschaffungspolitik) Grenzen gesetzt. Der „eugenischen Utopie“ (Weingart 1993, zit. n. Kuhlmann 2002) folgend, sollten Menschen geschaffen werden, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen. Aufgabe der Sozialen Arbeit war es dabei, als Komplize des Staates, die Fürsorgemaßnahmen nur denen zukommen zu lassen, die dem Typus des „Ariers“ entsprachen. Eine Historisierung ist auch deshalb so schwer, da es sich beim Nationalsozialismus und der Shoa nicht um eine vorübergehende Abkehr von der Moderne handelt, „sondern eher die Zuspitzung des Ordnungsprojektes der Moderne darstellt“. (Kuhlmann 2002) „Die Vernichtungsmaschinerie unterschied sich grundsätzlich nicht von der gesellschaftlichen Ordnung Deutschlands insgesamt. Die Vernichtungsmaschine war eine spezifische Ausprägung dieser Ordnung.“ (Hilberg 1983, zit. n. Bauman 1992) Nach Rubinstein trägt der Holocaust die „Signatur des zivilisatorischen Fortschritts.“
Dies sind für mich Argumente genug, um mich mit dieser Zeit zu beschäftigen: sollten die Lehren, die aus dieser Zeit gezogen werden sollten, die sein, daß es keine „würdigen“ und „unwürdigen“ Hilfeempfänger gibt.
Im Folgenden möchte ich mir einen Überblick über die einzelnen Institutionen - oder was von ihnen aus der Weimarer Zeit übrig geblieben ist - verschaffen und beleuchten, wie die Nazis unser sozialpolitisches Sytem geprägt haben.
Begriffe, die dem reichhaltigen, martialischen Vokabular der Nazis entstammen, habe ich übernommen und in Anführungszeichen gesetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Von der Fürsorge zur „Volkspflege“
3. Sozialer Rassismus und seine Auswirkungen auf die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession
4. Nationalsozialistische Volkswohlfahrt
5. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und die Umsetzung der nationalsozialistischen Politik
5.1. Der Umgang mit Armut und die Behandlung der „Asozialen“
5.2. Ausgrenzende Fürsorge und „Ballastexistenzen“
5.3. Jugendhilfe und Staatsjugend
5.4. Jugendfürsorge und Strafrecht
6. Fazit, Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Transformation der Sozialen Arbeit während des Nationalsozialismus, mit dem Ziel aufzuzeigen, wie sozialpolitische Instrumente durch rassistische Ideologien umgedeutet und als Mittel zur staatlichen Kontrolle sowie Ausgrenzung genutzt wurden.
- Wandel von der individuellen Wohlfahrtspflege zur rassistisch motivierten „Volkspflege“
- Einfluss der Rassenhygiene auf Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit
- Rolle der NS-Volkswohlfahrt (NSV) im nationalsozialistischen Herrschaftssystem
- Umgang mit „Asozialen“, „Ballastexistenzen“ und die Transformation der Jugendhilfe
- Bedeutung der „Menschenrechts-Profession“ als Lehre für die moderne Soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Warum sich nach 60 Jahren mit der Sozialen Theorie und Praxis eines Systems beschäftigen, daß sein selbstpropagiertes Verhaben, ein 1000 Jahre währendes Reich zu schaffen, nach einem zwölfjährigen Experiment für gescheitert erklären mußte? Tatsächlich veränderten die Nazis während ihrer Herrschaft die Situation in Deutschland und in Europa in Politik und Wirtschaft in einem Ausmaß, daß eine historische Einordnung , eine einhellige abschließende Betrachtung bis heute unmöglich ist. (Vgl. Kuhlmann 2002)
Wir haben es mit einem System zu tun, in dem nach Aly (2005) „gigantische Zeiten“ angebrochen waren: einem technokratischen Staat waren bei der Durchsetzung seiner propagandistischen Ziele weder menschliche („Lebensraumpolitik“) noch materielle (in einem demokratischen Wirtschaftssystem undenkbare Geldbeschaffungspolitik) Grenzen gesetzt. Der „eugenischen Utopie“ (Weingart 1993, zit. n. Kuhlmann 2002) folgend, sollten Menschen geschaffen werden, die der nationalsozialistischen Ideologie entsprachen. Aufgabe der Sozialen Arbeit war es dabei, als Komplize des Staates, die Fürsorgemaßnahmen nur denen zukommen zu lassen, die dem Typus des „Ariers“ entsprachen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit der historischen Einordnung des Nationalsozialismus und definiert die Rolle der Sozialen Arbeit als staatliches Kontrollinstrument.
2. Von der Fürsorge zur „Volkspflege“: Dieses Kapitel beschreibt den Übergang von individueller Wohlfahrt hin zur rassistisch selektiven „Volkspflege“.
3. Sozialer Rassismus und seine Auswirkungen auf die Soziale Arbeit als Disziplin und Profession: Hier wird der Einfluss rassenbiologischer Theorien auf die Fachausbildung und das berufliche Selbstverständnis der Sozialarbeiter thematisiert.
4. Nationalsozialistische Volkswohlfahrt: Das Kapitel analysiert die NSV als Parteiorganisation und deren Kooperation mit dem Regime zur Betreuung „erbgesunder“ Bevölkerungsgruppen.
5. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit und die Umsetzung der nationalsozialistischen Politik: Dieser Abschnitt untersucht konkrete Einsatzbereiche, darunter die Verfolgung von als „asozial“ eingestuften Personen, Euthanasieaktionen sowie die Umformung der Jugendhilfe.
6. Fazit, Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass die Soziale Arbeit in der NS-Zeit ideologisch missbraucht wurde und fordert eine Orientierung an Menschenrechten als zukünftige Berufsethik.
Schlüsselwörter
Soziale Arbeit, Nationalsozialismus, Volkspflege, Rassenhygiene, NS-Volkswohlfahrt, Asoziale, Jugendhilfe, Zwangssterilisation, Erbgesundheit, Menschenrechts-Profession, Ausgrenzung, Wohlfahrtsstaat, Historisierung, Sozialpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle, der Geschichte und den Arbeitsfeldern der Sozialen Arbeit während des Nationalsozialismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der rassistische Umbau der Sozialfürsorge, die Rolle der NSV, die Verfolgung „Gemeinschaftsfremder“ und die ideologische Ausrichtung der Jugendhilfe.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Soziale Arbeit als Komplize des Staates fungierte und welche Lehren daraus für das heutige Verständnis als Menschenrechts-Profession zu ziehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse historischer Studien und theoretischer Konzepte zur Sozialen Arbeit im NS-System.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Wandel der Fürsorgebegriffe, die Etablierung rassenhygienischer Standards in der Ausbildung und konkrete Handlungsfelder wie Jugendfürsorge und den Umgang mit Armut.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Rassenhygiene, Volkspflege, NS-Volkswohlfahrt, Ausgrenzung und Menschenrechts-Profession charakterisiert.
Welche Rolle spielten „Volkspflegeschulen“ im NS-Staat?
Diese Schulen dienten der ideologischen Gleichschaltung der Ausbildung, in der Rassenhygiene zum zentralen Fach wurde und parteipolitische Interessen den Qualitätsstandard ersetzten.
Wie veränderte sich die Jugendhilfe im Nationalsozialismus?
Die Jugendhilfe wurde zunehmend in das HJ-System integriert, mit einem Fokus auf paramilitärische Ausbildung und Erziehung zum „neuen Menschen“, unter Ausschluss missliebiger Gruppen.
Was passierte mit als „asozial“ eingestuften Menschen?
Sie wurden systematisch ausgegrenzt, verhaftet, in Arbeitshäuser verbracht oder im Zuge eugenischer Maßnahmen verfolgt und vernichtet.
- Quote paper
- Alexander Pursche (Author), 2005, Soziale Arbeit im Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53952