Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Menschen


Bachelorarbeit, 2013

75 Seiten, Note: 2,5

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zum Verständnis von Krankheit und Gesundheit
2.1 Begriffsdefinition Krankheit
2.2 Begriffsdefinition Gesundheit
2.3 Vorstellung der Zielgruppen für gesundheitsfördernde Maßnahmen

3. Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung
3.1 Strategien der Krankheitsprävention
3.2 Strategien der Gesundheitsförderung
3.3 Gesundheitschancen sind abhängig
3.4 Soziale Ungleichheit
3.5 Gesundheitliche Ungleichheit
3.6 Betroffene mit Interventionsbedarf

4. Der Einfluss von Integration und soziale Ausgrenzung auf die gesundheitliche Entwicklung
4.1 Die Auswirkungen von Integration und soziale Ausgrenzung in Bezug auf die Gesundheit
4.1.1 Einkommen und Gesundheit
4.1.2 Der Einfluss von Arbeitslosigkeit auf die Gesundheit
4.1.3 Migrationshintergrund beeinflusst Gesundheitsförderung
4.1.4 Negative Erlebnisse aus der Kindheit können sich bis ins Erwachsenenalter negativ auf die Gesundheitschancen auswirken
4.2 Auswirkungen dieser Faktoren auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen betroffener Familien
4.2.1 Begriffsdefinition Resilienz
4.2.2 Resilienz und Gesundheit

5. Projekte zum Thema Gesundheitsförderung
5.1 Projekt „Unterwegs nach Tutmirgut“
5.2 Projekt „Gesund sind wir stark!“

6. Sozialarbeiter fördern die Gesundheit
6.1 Soziale Arbeit und Gesundheitsförderung
6.2 Sozialarbeiter übernehmen beratende Funktion zum Thema Gesundheitsförderung

7. Ernährung und Fitness
7.1 Lebensmittelempfehlungen für sozial benachteiligte Menschen
7.2 Sport und Bewegung
7.3 Möglichkeiten für sozial Benachteiligte

8. Gesundheitsförderung in benachteiligten Stadtteilen
8.1 Herausforderung der Gesundheitsförderung in betroffenen Stadtteilen
8.2 Qualitätssicherung des Programms „Soziale Stadt“

9. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Betrachtet man die Morbidität in Deutschland, so zeigt sich ein kontinuierlicher Anstieg chronisch-degenerativer Erkrankungen auf inzwischen rund 80 Prozent des gesamten Krankheitsgeschehens – mithin Krankheiten, die nicht geheilt und bestenfalls gelindert werden können, deren Entstehung und Fortschreitung aber durch Gesundheitsförderung und Prävention verhindert werden könnten“ (Geene 2005, S. 19).

Unter anderem aufgrund dieser erschreckenden Erkenntnis beschäftigt sich der Autor der vorliegenden Arbeit mit dem Thema der Gesundheitsförderung von Benachteiligten. Speziell beschäftigt sich die Arbeit mit benachteiligten, sozialschwachen Familien, welche aufgrund ihrer derzeitigen problematischen Situation erheblichen Hilfebedarf bei der Gesundheitsförderung aufweisen. Aber warum gibt es Menschen und ganze Familien, welche in einem schwachen sozialen Status leben? Warum sind gerade diese Menschen in hohem Maße auf Unterstützung bei der Gesundheitsförderung angewiesen? Wie konkret kann man ihnen helfen?

Diese spannenden und interessanten Fragen haben den Autor dieser Arbeit weiterhin dazu bewogen dieses ernstzunehmende Themengebiet näher zu betrachten. Kinder und Jugendliche, welche aus sozialschwachen Familien stammen, haben es sehr schwer eine vernünftige Entwicklung in Bezug auf Gesundheit und Persönlichkeit zu nehmen. Grund hierfür sind Einflüsse der Umwelt, welche in Anbetracht der Situation der Betroffenen in der Arbeit ausführlich geschildert wird.

Das Thema Gesundheitsförderung ist dementsprechend von Vielfältigkeit geprägt. Einerseits werden Möglichkeiten aufgeführt, welche für die meist in Armut lebenden Familien einen Ausweg bieten könnten. Andererseits können Gesundheitsrisiken die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen erheblich einschränken. Deshalb werden auch Grenzen und Barrieren aufgezeigt, welche die Gesundheitsförderung erschweren.

Zu Beginn dieser Arbeit werden die Begriffe Gesundheit und Krankheit bestimmt. Die Begriffserklärungen dienen als Basis für das Verständnis dieser Arbeit. Den Begriffsdefinitionen folgt die Darstellung der Zielgruppe - Menschen, welche den unteren sozialen Schichten angehören (Kapitel 2).

Nach den theoretischen Grundlagen folgen die Strategiemaßnahmen der Krankheitsprävention sowie der Gesundheitsförderung, in welchen die bestmöglichen Varianten der Vorbeugung und Gesundung geschildert werden. Diese Strategien sind sehr erfolgsversprechend, jedoch gibt es Grenzen und Barrieren, die Betroffene mit sich bringen. Zum einen sind die Gesundheitschancen von sozialer Stellung abhängig, welche sehr unterschiedlich ist. Hier spricht man von sozialer Ungleichheit, die den Menschen ungleiche Lebenschancen, beispielsweise durch ein geringes Einkommen und schlechte Bildung, bietet. Zum anderen sind Gesundheitschancen abhängig von gesundheitlicher Ungleichheit. Gesundheitliche Ungleichheit wird als Folge sozialer Ungleichheit gesehen und hat demnach Einfluss auf die Gesundheit. Aufgrund dieser Ungleichheiten ist es nötig Interventionen zum Thema Gesundheit anzubieten (Kapitel 3).

Jedoch sind nicht nur soziale- und gesundheitliche Ungleichheiten Einflussfaktoren für Gesundheitschancen. Sondern auch Integration und soziale Ausgrenzung. Dies betrifft vor allem Migranten, welche aufgrund ihrer Herkunft, Religion und Sprache Schwierigkeiten beim Integrieren erfahren und vor allem gegen soziale Ausgrenzung anzukämpfen haben. Des Weiteren sind Einkommen, Arbeitslosigkeit und Negativerlebnisse aus der Kindheit prägend für die Entwicklung von Familien und Menschen. Welche Auswirkungen diese Faktoren auf die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen in Bezug auf ihre gesundheitliche Situation haben, wird in diesem Kapitel ausführlich thematisiert.

Die Vorstellung der Möglichkeiten, die Betroffenen haben, und welchen Einfluss resiliente Faktoren auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben können, werden dieses Kapitel abschließen (Kapitel 4).

Den Möglichkeiten der Gesundheitsförderung für Betroffene folgt ein Einblick in die Praxis. In diesem Abschnitt beschäftigt sich die Arbeit mit der Frage: Welche Modelle und Konzepte geeignet sind, um die Zielgruppe zu erreichen? Gesundheitsförderung wird meist mithilfe von Projekten durchgeführt. Die Projekte „Unterwegs nach Tutmirgut“ und „Gesund sind wir stark!“ arbeiten nach dem Prinzip der Förderung und dem Erhalt von Gesundheit. Die Projekte werden in diesem Kapitel präsentiert und vermitteln einen Einblick in die Praxis (Kapitel 5).

Im sechsten Kapitel wird die Arbeit einen Blick auf die Sozialarbeiter werfen. Sozialarbeiter arbeiten meist mit derselben Klientel wie die Gesundheitsförderung. Häufig haben Menschen der unteren sozialen Schicht einen besonders großen Bedarf an gesundheitsfördernden Maßnahmen. Der Sozialarbeiter spielt dabei eine große Rolle, denn er kennt die Familie, die Verhältnisse in der die Familie leben muss sowie die Umwelt der Betroffenen. Davon ausgehend, kann ein Sozialarbeiter durchaus auch Aufgaben der Gesundheitsförderung übernehmen, in dem er eine beratende Funktion zum Thema Gesundheit übernimmt oder er die Familie an Projekte oder Organisationen vermitteln, welche Fördermaßnahmen anbieten (Kapitel 6).

Aus den Erfahrungen der Sozialarbeiter und den Recherchen zu dem Thema Gesundheit, lassen sich Ernährungsbilder und Ernährungsgewohnheiten erkennen, welche überwiegend den unteren sozialen Schichten zuzuordnen sind. Schlechte Ernährung und mangelnde Bewegung führen oft zu Übergewicht und erheblichen Gesundheitsrisiken. Betroffene klagen über fehlende Möglichkeiten, dies zu ändern. Wenn man die Situation genauer betrachtet, gibt es durchaus eine Vielzahl an Möglichkeiten, welche die Betroffenen zu ihrem Vorteil nutzen könnten (Kapitel 7). Um die Vielzahl an gebotenen Möglichkeiten besser zu nutzen oder sogar zu erweitern, ist es nötig einen Blick auf die Gesundheitsförderung in benachteiligten Stadtteilen zu werfen. Sozial schwache Stadtteile und deren Wohngebiete haben erheblich Schwierigkeiten Maßnahmen zu integrieren, welche die Gesundheit fördern und gleichzeitig ein Auftreten von Gesundheitsrisiken verhindern. In diesem Kapitel werden die an die Stadtteilentwickelung gestellten Herausforderungen sowie auftretende Risiken offenbart. Zudem werden Möglichkeiten der Bekämpfung und Verhinderung von Barrieren geboten, um der Förderung von Gesundheit einen optimalen Entwicklungsspielraum bieten zu können (Kapitel 8).

Zum Schluss werden die Erkenntnisse und Ergebnisse der Arbeit in den Kernargumenten zusammengefasst und die Fragestellungen beantwortet.

2. Zum Verständnis von Krankheit und Gesundheit

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Gesundheitsförderung von sozial benachteiligten Menschen und der Frage, welche Präventivmaßnahmen eingeschlagen werden können. Zuvor gilt es jedoch, noch einige Sachverhalte genauer darzustellen, um ein besseres Verständnis dieser Arbeit erzielen zu können. Zu Beginn dieses Kapitels wird der Begriff Krankheit definiert, um den direkten Gegenpol von Gesundheit kennenzulernen. Der Definition von Krankheit folgt die Definition von Gesundheit. Nach den Definitionen wird die Zielgruppe dieser Arbeit bestimmt. Bei diesen, handelt es sich nicht explizit um Subgruppen, sondern vielmehr um alle sozial benachteiligte Menschen, dabei werden neben den Erwachsenen auch Kinder und Jugendliche einbezogen. Welche Möglichkeiten Betroffene haben wird in den nachfolgenden Kapiteln intensiver thematisiert.

2.1 Begriffsdefinition Krankheit

In dieser Arbeit geht es primär um die Gesundheitsförderung. Dabei soll es aber nicht ausschließlich um das Thema Gesundheit gehen und wie diese erhalten werden kann, sondern es soll auch das Gegenstück Krankheit betrachtet werden. Wenn keine Krankheiten bestehen würden, dann wären alle Menschen gesund und gesundheitsfördernde Maßnahmen wären überflüssig. Leider zeigt die Realität etwas anderes, weshalb nun eine umfassende Definition des Begriffs Krankheit erfolgt.

In der Literatur liest man sehr viel über Gesundheit und auch Krankheit, jedoch werden sie selten in Bezug genommen. René Dubos, ein französisch–US–amerikanischer Mediziner, brachte 1965 die Schrift „LIFE Science Library“ hervor, in der er dem Begriff Krankheit einige Fakten zuwies (vgl. Internetquelle 1). Eine Krankheit muss eine bestimmte Ursache besitzen und zeichnet sich durch eine Grundschädigung aus, welche durch die Fehlsteuerung von mechanischen oder biologischen Abläufen entstehen kann. Krankheiten zeichnen sich durch Symptome aus, welche nach außen hin sichtbar werden können. Weiterhin soll ein Krankheitsverlauf vorhersehbar sein und sollte durch medizinische Intervention eingegrenzt werden (vgl. Hurrelmann 2010, S. 114). Dubos bezog seine Vorstellungen von Krankheit auf Infektionskrankheiten. Jedoch lässt sich kaum ein Bezug zur Gesundheit herstellen. Dubos definiert Gesundheit als „…vollständige Abwesenheit von allen Merkmalen von Krankheit…“ (Hurrelmann 2010, S. 114).

Es gibt sehr differenzierte Auffassungen vom Krankheitsbegriff. Pschyrembel beschreibt in seinem klinischen Wörterbuch Krankheit, „als Störung der Lebensvorgänge in Organen oder im gesamten Organismus mit der Folge von subjektiv empfundenen beziehungsweise objektiv feststellbaren körperlichen, geistigen beziehungsweise seelischen Veränderungen“ (Pschyrembel 1994 zitiert nach Hurrelmann 2010, S. 114). Das heißt, ein Mensch ist erst krank, wenn er von seinen natürlichen biologischen Prozessen bedeutend abweicht. Ein weiterer Wissenschaftler namens Parsons definiert Krankheit unter dem Aspekt der Abwesenheit von Gesundheit. Er benennt Gesundheit als die Voraussetzung für eine intakte Gesellschaft und Krankheit als fehlende Voraussetzung (vgl. Hurrelmann 2010, S. 115). Jede dieser Definitionen beruht auf verschiedensten Grundlagen und Forschungsständen, weshalb diese in den jeweiligen Fachbereichen anders aufgegriffen werden können.

Hurrelmann erwähnt in seinem Buch die mehrperspektivische Definition von Krankheit, bei welcher die englische Sprache entscheidenden Einfluss hat. Er benennt folgende Fakten:

- Illness – „sich krank fühlen“ (Hurrelmann 2010, S. 115).
„In dieses Gefühl geht unvermeidlich auch jeweils der kulturelle und historische Hintergrund mit den Wertvorstellungen der sozialen Umwelt ein“ (Hurrelmann 2010, S. 115).
- Disease – „als krank definiert sein“ (Hurrelmann 2010, S. 116).
Im Grunde ist die Diagnose des Professionellen primär zu betrachten. Weiterhin wird großen Wert auf die Erfüllung oder Nichterfüllung von Normwerten gelegt (vgl. Hurrelmann 2010, S.116).

- Sickness – „Status des Krankseins“ (Hurrelmann 2010, S. 116).

Bezieht sich primär auf die Intaktheit der Gesellschaft und ihrer Perspektive. Weiterhin werden soziale Hilfeleistungen aus der sozialen Umwelt in Betracht gezogen. (vgl. Hurrelmann 2010, S. 116).

Diese Begriffe lassen keine eindeutige Differenzierung vom Krankheitsbegriff zu. Während in Deutschland nur das Wort Krankheit besteht, gibt es in anderen Ländern weitaus mehr Begriffe von Krankheit, welche diesen Begriff sehr differenziert definieren. Jedoch sind im Lehrbuch der Gesundheitsförderung von Jennie Naidoo und Jane Willis drei verschiedene deutsche Begriffe der Krankheit aufgetaucht. Krankheit, Kranksein und Erkrankung – sie werden jedoch nur als Synonym verwendet. Nach den Vorstellungen der Autoren wird Krankheit als „…objektiver Zustand der Erkrankung verstanden, der durch allgemein anerkannte Formen des Nachweises belegt werden kann“ (Naidoo & Willis 2003, S. 7). Die Krankheiten werden normalerweise durch die Medizin mithilfe ihrer Ärzte, Erfahrungen und Forschungen bestimmt. Ein Beispiel hierfür wäre die Diagnostizierung von Krebs oder anderen Krankheiten, welche mithilfe von Mikroskopen Veränderungen in der Zellstruktur erkennen lassen. Eine „Krankheit ist demnach das Vorhandensein eines feststellbaren pathologischen Befundes oder einer Anomalie des Körpers“ (Naidoo & Willis 2003, S. 7). Unter Anomalie versteht man die Abweichung von Normen, welche sich in diesem Zusammenhang auf Körperteile und Organe beziehen (vgl. Internetquelle 2).

Bei aller Verallgemeinerung des deutschen Begriffes Krankheit, sollte man trotzdem bestimmte Differenzierungen zulassen. Die Begriffe Krankheit und Kranksein sind bei genauerer Betrachtung sehr verschieden. Im Buch der Gesundheitsförderung ist hierzu ein passendes Beispiel aufgeführt. Während einer Untersuchung beim Arzt wird Krebs diagnostiziert und der Betroffene hat davon nichts mitbekommen. Deshalb ist es nicht ganz korrekt, dass Krankheiten sich lediglich über Symptome ausdrücken. Jedoch gibt es auch Personen, welche Schmerzen verspüren, den Arzt besuchen und es wird eine Krankheit diagnostiziert. In diesem Fall werden Krankheit und Kranksein zusammengeschlossen und als Erkrankung definiert. Jedoch muss in beiden Fällen eine Erkrankung vorliegen (vgl. Naidoo & Willis 2003, S. 7).

Im nächsten Unterkapitel soll das Gegenstück, die Gesundheit, thematisiert werden. Dabei soll nicht nur der Begriff vorgestellt, sondern auch die Frage: „Wann ein Mensch als gesund bezeichnet werden kann?“ beantwortet werden.

2.2 Begriffsdefinition Gesundheit

Nachdem der Begriff Krankheit betrachtet wurde, soll nun der Gesundheitsbegriff in den Mittelpunkt rücken. Wie im Unterkapitel 2.1 bereits erwähnt, werden in der Literatur nur sehr geringfügig Krankheit und Gesundheit in einem zusammenhängenden Kontext betrachtet.

1995 recherchierte Schneider, eine Professorin der Gesundheitssoziologie, über den Gesundheitsbegriff und fand einige interessante Konzepte sowie Theorien (vgl. Internetquelle 3)

- „Gesundheit als das Schweigen der Organe…“ (Hurrelmann 2010, S. 113).
- Gesundheit dient der Überwindung von Störungen, welche sich in einem biologischen System befinden.
- Die Gesundheit ist eine persönliche Stärke.
- Gesundheit verfügt über Ressourcen, um mit körperlichen und psychischen Störungen umzugehen.
- Gesundheit trägt einen Teil zur Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen bei.
- Gesundheit ist die Fähigkeit der Lebenskunst (vgl. Hurrelmann 2010, S. 113).

Diese Theorien und Konzepte lassen differenzierte Auffassungen des Gesundheitsbegriffes zu. Die verschiedenen „…biologischen, psychologischen, soziologischen und philosophischen…“(Hurrelmann 2010, S. 113-114) Perspektiven, schließen sich weder gegenseitig aus, noch ergeben sie ein Gesamtbild. Parallel dazu findet sich in den Konzepten keinerlei Bezug zum Krankheitsbegriff.

Auch zum Gesundheitsbegriff gibt es eine Definition von Pschyrembel, welche ebenfalls aus seinem klinischen Wörterbuch stammt. Er sieht Gesundheit als „das subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geistiger und seelischer Störungen oder Veränderungen beziehungsweise einem Zustand, in dem Erkrankungen und pathologische Veränderungen nicht nachgewiesen werden können“ (Pschyrembel 1994 zitiert nach Hurrelmann 2010, S. 114). Das bedeutet, dass ein Mensch erst dann gesund ist, wenn dieser frei von Krankheiten und Störungen ist. Auch der schon vorgestellte Wissenschaftler Parson definiert Gesundheit als „“... den Zustand der optimalen Fähigkeit zur wirksamen Erfüllung von für wertvoll gehaltenen gesellschaftlichen Aufgaben“ (Parson 1981 zitiert nach Hurrelmann 2010, S. 115). Ein jedes Individuum nimmt bestimmte Rollen in Gruppen ein. Je nach Gruppe sind die Rollen, in welche das Individuum schlüpft, sehr unterschiedlich. Weiterhin haben diese Individuen in den Gruppen bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Das bedeutet, dass Normen und Wertvorstellungen der Gruppe erfüllt werden müssen. Die Gesellschaft ist im Grunde ein Netzwerk, welches aus unzähligen Gruppen besteht. In diesem Zusammenhang beschreibt Hurrelmann: „Krankheit ist die Abwesenheit von Gesundheit“ (Hurrelmann 2010, S. 115). Das bedeutet die Unfähigkeit der Rollenerfüllung von Gesundheit. Gesundheit wird als gesellschaftlicher Wert angesehen und ist in diesem Zusammenhang als Grundlage für die Intaktheit der Gesellschaft anzusehen (vgl. Hurrelmann 2010, S. 115).

Hurrelmann nennt einige grundlegende Fakten zum Gesundheitsbegriff, welche mithilfe von verschiedenen Studien zusammengetragen wurden. Gesundheit wird heute im Allgemeinen durch folgende Fakten beschrieben:

- Bewältigungs- und Handlungsfreiheit
- Leistungsfähigkeit in verschiedenen Lebensbereichen, wie Sport, Familie, Arbeit
- Körperliche und seelische Energie, Stärke und Kraft
- Wohlbefinden, im körperlichen und psychischen Sinne
- Zwischen Mensch und Umwelt ein Gleichgewicht sowie Harmonie erzielen (vgl. Hurrelmann 2010, S. 116)

Schon 1946 definierte die Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) Gesundheit, als „…Zustand des völligen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen[Hervorhebung im Original]“ (WHO 1946 zitiert nach Hurrelmann 2010, S. 117). Das bedeutet, dass Gesundheit in biologische, psychologische und auch soziale Aspekte eingreift. Wenn man diesen Worten Glauben schenkt, so erscheint es, ist ein vollkommen gesunder Mensch niemals anzutreffen, weil das Wohlbefinden eines Menschen von den genannten Aspekten abhängig ist. Diese Definition ist allumfassend geschildert. Hurrelmann nimmt sich der Definition der WHO an und versucht sie mit folgenden Worten zu relativieren: „Gesundheit bezeichnet den Zustand des Wohlbefindens einer Person, der gegeben ist, wenn diese Person sich körperlich, psychisch und sozial in Einklang mit den jeweils gegebenen inneren und äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist nach diesem Verständnis ein angenehmes und durchaus nicht selbstverständliches Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, das zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt immer erneut hergestellt werden muss“ (Hurrelmann 2006, S. 7). Dieser Prozess ist nicht von kurzer Dauer, sondern umfasst um Grunde das ganze Leben. Die Entwicklung der Gesundheit ist maßgeblich von den individuellen Lebens- und Gesundheitsverhältnissen abhängig. Gesundheit ist die Verarbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse. Um diese verarbeiten zu können, so müssen nach Hurrelmann die Risiko- und Schutzfaktoren jeweils gleich ausgeprägt sein, um ein Gleichgewicht zu erhalten. Besteht ein Gleichgewicht, so lassen sich gesellschaftliche Verhältnisse verarbeiten. Demnach ist ein Mensch als gesund zu betrachten (vgl. Hurrelmann 2006, S. 7)

Diese Arbeit beschäftigt sich mit sozial benachteiligten Menschen und deren Gesundheitsförderung. Welche Zielgruppe hier genau angesprochen wird, soll im nächsten Unterkapitel thematisiert werden.

2.3 Vorstellung der Zielgruppen für gesundheitsfördernde Maßnahmen

In diesem Unterkapitel sollen die Zielgruppen vorgestellt werden, welche besonders großen Bedarf an Gesundheitsförderung haben. Zunächst ist zu unterscheiden zwischen Gruppenförderung und gezielter Förderung Einzelner. Dabei gilt es zu beachten, dass keine bestimmte Subgruppe in Betracht gezogen werden, sondern im Allgemeinen über Benachteiligte gesprochen werden soll, welche einen besonders hohen Bedarf an gesundheitsfördernden Maßnahmen haben.

Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche sind von der Problematik betroffen und können im Extremfall durch die fehlende Gesundheitsförderung in ihrer Entwicklung behindert werden. Lebenskritische Ereignisse können die Gesundheit von Menschen erheblich beeinflussen und beeinträchtigen. Zu den lebenskritischen Ereignissen zählen unter anderem die Scheidung der Eltern oder ein Todesfall innerhalb der Familie, zum anderen zählen chronisch auftretende Erkrankungen dazu, welche gesundheitliche Schäden nach sich ziehen (vgl. Lohaus 1993, S. 11-12).

Ein weiterer wichtiger Punkt zur Eingrenzung der Zielgruppen ist die Erreichbarkeit der Betroffenen für gesundheitsfördernde Maßnahmen.

Obendrein so wurde festgestellt, dass gesundheitliche Risiken vermehrt in unteren Sozialschichten auftreten und die Betreffenden nur sehr schwer für gesundheitsfördernde Maßnahmen zu erreichen sind. Die Ursachen dafür sind sehr vielseitig. Es gibt Menschen, welche Unkenntnis über Gesundheitsfördermaßnahmen haben, was mit geringem Bildungsniveau in Verbindung gebracht werden kann. Weiterhin gibt es Personen, welche Kenntnis darüber haben, aber keine Hilfe in Anspruch nehmen möchten und es gibt Personen, welche so stark beeinträchtigt sind, dass sie nicht in der Lage sind gesundheitsfördernde Maßnahmen zu besuchen (vgl. Lohaus 1993 S. 13-14).

Weiterhin ist für die Zielgruppendefinition wichtig, ob es sich um einzelne Fördermaßnahmen oder Maßnahmen handelt, welche sich an kleine Gruppen, Familien oder sogar deren soziales Umfeld richten. Beispielsweise wohnen Kinder und Jugendliche meist bis ins Erwachsenenalter bei ihren Eltern. Wenn die Kinder, vielleicht aufgrund von Übergewicht, einen bestimmten Ernährungsplan einhalten müssen und die Geschwister oder gar Eltern diese Situation des betreffenden Kindes nicht beachten und ihre Ernährungsgewohnheiten nicht denen des Kindes entsprechend anpassen, ist die Chance sehr gering, dass das Kind den Ernährungsplan diszipliniert einhält und letztendlich eine gesunde Entwicklung nimmt. Es läuft Gefahr, in die ursprünglichen Essensgewohnheiten zu verfallen. „Es liegt also nahe, die Zieleinheit umfangreicher zu wählen, wenn zu befürchten ist, dass neu vermittelte Handlungsalternativen durch die Handlungsgewohnheiten sowie die Haltungen und Einstellungen der Umgebung blockiert beziehungsweise nicht unterstützt werden“ (Lohaus 1993, S. 13). Nicht nur die Eltern sind im sozialen Umfeld zu betrachten, sondern auch die Freunde und Klassenkammeraden, welche ebenfalls großen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen nehmen können. Lohaus benennt zwei wesentliche Wege, um auf einen Menschen in Bezug auf Gesundheit Einfluss zu nehmen. Zum einen den direkten Weg, in dem man den Betroffenen direkt anspricht und auf sein Problem aufmerksam macht. Und zum anderen indem man Eltern oder Bekannte des Betroffenen anspricht, und denen die Problematik schildert, sodass sie selbst entscheiden können (vgl. Lohaus 1993 S, 13-14). „Auf eine indirekte Beeinflussung der Zielgruppe zu bauen, ist dann naheliegend, wenn die Möglichkeit besteht, einflussreiche Mitglieder (Eltern, Freunde, Bekannte…) einer sozialen Einheit mit einzubeziehen und ihren Einfluss bei der Weitergabe eines Programmes zu nutzen“ (Lohaus 1993, S. 14). Durch die Vielzahl der Mitglieder können weitere Mitglieder angesteckt werden, um die Fördermaßnahmen zu verbreiten. Die Fördermaßnahmen können sogar andere Gruppen erreichen und wären somit als zusätzlicher „Gesundheitsförderungseffekt“ (Lohaus 1993S, 14) anzusehen.

In der Praxis findet man beispielsweise Menschen mit geringem Einkommen, niedrigem Bildungsniveau, Migrationshintergrund und schwierigem sozialen Umfeld in der Zielgruppe. Welche Fördermaßnahmen tauglich sind und welche speziell auf diese Zielgruppe angesetzt werden, wird im nächsten Kapitel thematisiert.

3. Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung

In diesem Kapitel werden Möglichkeiten der Gesundheitsförderung sowie der Krankheitsprävention vorgestellt. Zu Beginn werden Strategien der Krankheitsprävention geschildert, welche schon im Vorfeld versucht, Krankheiten in ihrer Entwicklung zu behindern. Im Anschluss folgen Strategien der Gesundheitsförderung, welche versuchen, den Menschen ein höheres Maß an Gesundheit zu bieten. Jedoch sind die Gesundheitschancen von verschiedenen Einflüssen und Gegebenheiten abhängig. Von Welchen sie abhängig sind und welche Rollen soziale- und gesundheitliche Ungleichheit einnehmen wird thematisiert. Zum Abschluss dieses Kapitels wird auf den Interventionsbedarf der Betroffenen eingegangen.

3.1 Strategien der Krankheitsprävention

Unter dem Begriff Prävention versteht man das Eingrenzen beziehungsweise Entgegenwirken oder das Vermeiden von negativen Einflüssen auf die Gesundheit. Weiterhin versteht man unter Prävention das Ausschalten von Krankheitsursachen, welche bestmöglich frühzeitig erkannt werden sollten, um auf diese reagieren zu können. „Maßnahmen der Prävention umfassen medizinische, psychologische und erzieherische Interventionen, Lebensweltbeeinflussung und Umweltkontrolle, gesetzgeberische Eingriffe, Lobbyarbeit und massenmediale Kampagnen“ (Franzkowiak 2011, S. 437).

Krankheitspräventive Maßnahmen verfolgen das Ziel, Krankheiten und Gesundheitsstörungen vorzeitig zu erkennen, um diesen rechtzeitig entgegenwirken zu können. Ein weiteres Ziel ist die Verhinderung „…des Voranschreitens einer Gesundheitsstörung oder Krankheit in ein jeweils schlimmeres Stadium, das Vermeiden von Folgestörungen somatischer, psychischer und sozialer Art sowie das Reduzieren von Folgekrankheiten und chronischen Verläufen“ (Franzkowiak 2011, S. 437).

Rosenbrock beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Thematik der Krankheitsprävention und definiert die in der Folge genannten Hauptziele der Prävention von Krankheiten. An erster Stelle steht die Abschwächung und Vermeidung von Morbidität und Mortalität. Unter Vermeidung von Morbidität versteht man das Eingrenzen von Krankheitshäufigkeiten einer betroffenen Bevölkerungsgruppe. Demnach soll die Häufigkeit der Krankheiten möglichst auf ein Minimum reduziert werden. Das Abschwächen von Mortalität hat auch mit dem Häufigkeitsbegriff zu tun, jedoch geht es hier um die Sterberaten beziehungsweise die Sterblichkeit, welche mithilfe von Präventionsmaßnahmen bekämpft werden sollen. Weiterhin haben Mortalität und Morbidität einen erheblichen Einfluss auf die Lebensqualität von Menschen und beschränken die Teilhabe am sozialen Leben. Zudem gilt es die Kosten für Rehabilitation, Sozialversicherung und Behandlungen zu begrenzen oder sogar zu reduzieren. Ein weiteres Ziel ist die Vermeidung von „indirekten Krankheitskosten durch reduzierte Produktivität, eingeschränktes bürgerschaftliches Engagement oder gesamtgesellschaftliche Wohlfahrtsverluste; Erhalt des wirtschaftlichen und sozialen Produktionspotenzials“ (Frankzkowiak 2011, S. 437). Auch die Finanzierung und Investition in Prävention zur Gesundheitsfürsorge ist ein sehr wichtiger Ansatzpunkt, um langfristig die gesetzten Ziele verwirklichen zu können.

Zum Thema der Krankheitsprävention wurde ein Triadisches Strukturmodell der Krankheitsprävention erarbeitet, welches sich in folgende drei Stufen untergliedert:

Primäre Krankheitsprävention

Die primäre Krankheitsprävention setzt ein, bevor überhaupt Krankheiten auftreten können. Demnach soll Krankheitsentstehung verhindert und das Risiko zu erkranken gesenkt werden. „Die primäre Prävention umfasst die Verhütung von Krankheiten durch Beseitigung eines oder mehrerer ursächlicher Faktoren der Exposition […], Verhinderung beziehungsweise Verminderung verhaltensbedingter Risikofaktoren […] und Veränderung von Umweltfaktoren“ (Franzkowiak 2011, S. 438), welche durch Gesundheitsschutzmaßnahmen umgesetzt werden können. Zu den primärpräventiven Maßnahmen zählen Aufklärungen über Ernährung, Fitness, Bewegung und Stressbewältigung sowie Suchtpräventive Maßnahmen (vgl. Internetquelle 4).

Sekundäre Krankheitsprävention

Die sekundäre Krankheitsprävention greift im Frühstadium einer Krankheit ein. Sie verfolgt das Ziel Krankheiten möglichst früh zu erkennen, um die Entwicklung dieser, vor dem Auftreten von Symptomen, einschränken zu können. Zu den Maßnahmen der sekundären Krankheitsprävention zählen das Durchführen von krankheitsspezifischen Früherkennungsuntersuchungen, Gesundheits-Checks sowie Screenings. Screenings sind im Grunde systematische Reihenuntersuchungen, welche ganze Bevölkerungsgruppen betreffen. Ziel ist es diese zu filtern, um unwissentlich Kranke behandeln zu können. Beispielsweise dient dieses Verfahren zum Diagnostizieren von Krebs (vgl. Franzkowiak 2011, S. 438). „Das Fortschreiten eines Krankheitsfrühstadiums soll durch Früherkennung, Früherfassung und frühzeitige Beratung oder Behandlung verhindert werden […] beziehungsweise durch Empfehlungen für Lebensstilveränderungen aufgehalten werden“ (Franzkowiak 2011, S. 438). Lebensstilveränderungen können durch Trainings-, Diät- oder Entspannungsempfehlungen herbeigeführt werden (vgl. Franzkowiak 2011, S. 438).

Tertiäre Krankheitsprävention

Als tertiäre Krankheitsprävention „bezeichnet man die Gesamtheit aller Maßnahmen, die der Verhinderung des Fortschreitens oder des Eintritts von Komplikationen bei einer bereits manifesten Erkrankung dienen“ (Internetquelle 5). Die tertiäre Krankheitsprävention wird bei Betroffenen durchgeführt, welche bereits erkrankt sind und sich in Behandlung befinden. Die Ziele sind das Fortschreiten und Ausbreiten der bestehenden Krankheit oder Gesundheitsstörung zu verhindern und „…eine Abmilderung von Folgeschäden und Chronifizierungen, die Verhütung von Rückfällen durch wirksame Behandlung einer manifesten, symptomatisch und chronisch gewordenen Erkrankung sowie die Wiederherstellung weitestmöglicher Funktionsfähigkeit und Lebensqualität nach einem Krankheitsereignis“ (Franzkowiak 2011, S. 438-439) herbeizuführen. Heil- und Folgebehandlungen sollen so früh wie möglich eingeleitet und unterstützt werden, um weitere mögliche Folgen der Störung zu verhindern (vgl. Franzkowiak 438-439).

Nach einigen Recherchen ist aufgefallen, dass dieses Modell noch eine vierte Krankheitsprävention aufweist. Die quartäre Krankheitsprävention „dient der Verhinderung unnötiger Medizin oder Übermedikamentalisierung“ (Internetquelle 6). Demnach sollen Personen, welche unter Gesundheitswahn leiden und ohne diagnostizierte Krankheit Unmengen an Medizin zu sich nehmen, vor Übermedikamentalisierung geschützt werden. Franzkowiak benennt noch viele weitere Möglichkeiten der Krankheitsprävention, jedoch reichen die genannten aus, um sich eine Vorstellung über die Thematik der Krankheitsprävention zu machen. Im folgenden Unterkapitel soll nun das Thema der gesundheitsfördernden Maßnahmen thematisiert werden. Diese Maßnahmen ergänzen sich mit denen der Prävention. Gemeinsam können sie einen erheblichen Anteil an der gesundheitlichen Entwicklung ausmachen.

3.2 Strategien der Gesundheitsförderung

Der Begriff Gesundheitsförderung konnte sich erst in den letzten Jahrzehnten durchsetzen und wurde zu Beginn der 1980er-Jahre von der Weltgesundheitsorganisation (World Health Organization, WHO) entwickelt. Der Begriff wurde mit folgenden Worten definiert: Gesundheitsförderung zielt auf einen Prozess ab, „…allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen und sie dadurch zur Stärkung ihrer Gesundheit befähigen“ (Kaba-Schönstein 2011, S. 137). In den Folgejahren wurde der Begriff weiterentwickelt und wird nun wie folgt definiert: Gesundheitsförderung wird als Prozess verstanden, „…der Menschen befähigen soll, mehr Kontrolle über ihre Gesundheit zu erlangen und sie zu verbessern durch Beeinflussung der Determinanten für Gesundheit“ (Kaba-Schönstein 2011, S. 137). Unter Determinanten versteht man bestimmte Faktoren, welche die Gesundheit beeinflussen können. Zu den Faktoren zählen beispielsweise Lebensweisen, sozioökonomische Faktoren sowie individuelle Faktoren wie Alter, Geschlecht, Religion etc. (vgl. Internetquelle 7).

Dahlgren und Whitehead konnten vier Einflussfaktoren ausfindig machen, welche sich auf die Gesundheit beziehen und verändert werden können.

- die Lebensweisen- und Verhaltensweisen der Einzelnen
- positive und negative Einflussfaktoren des sozialen Umfelds der Einzelnen
- der Zugang zu Einrichtungen sowie Arbeits- und Lebensbedingungen
- physische, kulturelle und ökonomische Umweltbedingungen (vgl. Naidoo & Willis 2003, S. 29 nach Dahlgren & Whitehead 1991).

Die Gesundheitsförderung verfolgt das Ziel der Aufrechterhaltung und Verstärkung der Gesundheitsressourcen- und potentiale. Die Gesundheitsförderung befasst sich mit der Thematik der Salutogenese, welche sich auf die Entstehung und Erhaltung von Gesundheit bezieht. Insofern bedeutete Gesundheitsförderung „…eine Abkehr von einer nur an der Pathogenese und an Risiken und Risikofaktoren orientierten Perspektive der Gesundheitserziehung und Prävention“ (Kaba-Schönstein 2011, S. 138). Salutogenese wurde eher als Ergänzung zu Krankheitsprävention angesehen, während Waller beide in gemeinsamer Funktion als die Grundlagen der Gesundheitsförderung beschreibt (vgl. Kaba-Schönstein 2011, S. 138). Gesundheitsförderung ist als gesamtgesellschaftlicher Auftrag anzusehen und baut auf ökonomische, ökologische, soziale und kulturelle Faktoren sowie politische Interventionen. Speziell wird hier die Gesundheitspolitik angesprochen. Die Politik sowie der Staat haben seit vielen Jahren mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Für das Gesundheitssystem muss jährlich ein beachtlicher Betrag aufgebracht werden. Um diesen Betrag zu senken, ist die Gesundheitsförderung nicht wegzudenken, denn gesundheitsfördernde Maßnahmen verringern nicht nur die Anzahl der Erkrankten, sondern gleichzeitig die Kosten verringern, da Fördermaßnahmen wesentlich günstiger sind als die Behandlung von Kranken (vgl. Steinbach 2007, S. 13-14). Gesundheitsfördernde Maßnahmen haben nicht nur im politischen Bereich ihren Nutzen. Arbeitgeber stellen sich die Frage: Inwieweit sie ihre Mitarbeiter belasten können und welches Arbeitspensum wohl am gesündesten und gleichzeitig am besten für die wirtschaftliche Situation sei? Gesundheitsfördernde Maßnahmen „…würden die Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft erhöhen und damit langfristig auch eine größere soziale und wirtschaftliche Sicherheit nach sich ziehen“ (Steinbach 2007, S. 14). Familien und einzelne Personen, aber auch Jene, welche eine Tätigkeit im Gesundheitswesen ausüben und täglich mit Kranken zu tun haben, können erheblich von Fördermaßnahmen profitieren.

Die Maßnahmen der Gesundheitsförderung sind sehr vielseitig und umfassend. Zu diesen gehören eine vernünftige Gesetzgebung, deren Ziel es ist, Gesundheitsbelastungen einzuschränken, das Gesundheitshandeln zu unterstützen, gesundheitsförderliche Maßnahmen, welche die Arbeitsbedingungen, Wohnbedingungen und den Gesundheitsschutz verbessern sollen sowie gesundheitspolitische Interventionen, welche Handlungs- und Wahlmöglichkeiten eröffnen, um „die gesündere Wahl zur leichteren Wahl“ (Kaba-Schönstein 2011, S. 138) zu machen, wenn man dem Slogan folgen darf. Kaba-Schönstein benennt in ihrem Artikel folgende fünf Haupthandlungsebenen der Gesundheitsförderung:

- Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik
Die Gesundheit ist ein allumfassendes Themengebiet und bedarf an Fördermaßnahmen, welche nicht nur landesweit, sondern auch weltweit benötigt werden. Die Politik hat die Aufgabe gesundheitsfördernde Entscheidungen und Festlegungen deutlich zu machen.
- Das Schaffen gesundheitsfördernder Lebenswelten
In diesem Fall schafft Gesundheitsförderung „…sichere, anregende und befriedigende Arbeits- und Lebensbedingungen und macht den Schutz der natürlichen und sozialen Umwelt sowie die Erhaltung der natürlichen Ressourcen zu ihrem Thema“ (Kaba- Schönstein 2011, S. 140).
- Das Unterstützen gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen
Gesundheitsbezogene Gemeinschaftsaktionen sind Gemeinschaftsaktivitäten, Selbsthilfeaktivitäten, Nachbarschaftshilfe, eigene Gesundheitsbelange kontrollieren, Autonomie, Selbsthilfegruppen etc..
-Das Entwickeln persönlicher Kompetenzen

Die Förderung der Gesundheit unterstützt die Entwicklung sozialer Fähigkeiten sowie der Persönlichkeit durch gesundheitliche Bildung und dem Stärken von Kompetenzen. Dadurch soll den Menschen ermöglicht werden, selbst Einfluss auf ihre Lebenswelt und Gesundheit zu haben. Menschen sollen befähigt werden, lebenslang zu lernen und mit möglichen Krankheiten umgehen zu können.

- Die Orientierung von Gesundheitsdiensten lenken

Ziel ist die Entwicklung eines Versorgungssystems, welches auf die Stärkung der Gesundheit abzielt und sich an den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen orientiert.

Kaba-Schönstein beschrieb diese fünf Handlungsebenen als die primären in der Gesundheitsförderung. In der Folge wurden die fünf Handlungsebenen zu einer speziellen zusammengefasst. Die Ebene der Institutionen umfasst die fünf genannten Ebenen und wurde als die wirksamste aller Ebenen oder Fördermaßnahmen beschrieben (Kaba-Schönstein 2011, S. 138-141).

Im 21. Jahrhundert formuliert man zunächst folgende Ansatzpunkte:

- soziale Verantwortung für Gesundheit fördern
- Investitionen in die Gesundheitsentwicklung ausbauen
- Partnerschaften für Gesundheit festigen und ausbauen
- gesundheitsfördernde Potentiale wie Kompetenzen stärken
- Infrastruktur für Gesundheitsförderung sicherstellen

Mit diesen Kriterien werden Menschen weltweit aufgerufen, sich an gesundheitsfördernden Maßnahmen zu beteiligen.

Zum Abschluss dieses Unterkapitels wird darauf hingewiesen, dass es wichtig ist, Menschen nicht vollkommen vor Risiken zu beschützen. „Werden einem Kind, einem Jugendlichen oder einem Erwachsenen alle zur normalen Entwicklung gehörenden Herausforderungen und Belastungen körperlicher und psychischer Art schützender Absicht von anderen abgenommen, erlahmen die Kräfte und Krisenbewältigung“ (Hurrelmann 2000, S. 96). Dies gilt auch für die Lebensumwelt der Menschen. Sind die Wohnräume klinisch rein, so kann sich das Immunsystem nicht ausbilden und sich auf die Abwehr von Risiken spezialisieren. Weiterhin ist es wichtig, dass Kinder Erfahrungen sammeln, sei es das Beschmutzen im Sandkasten oder das Knie aufkratzen beim Spielen. Durch diese Erfahrungen und auch Unreinheiten für den Körper entwickelt das Immunsystem eine Abwehrhaltung, welche nur durch die Konfrontation mit Risiken gebildet werden (vgl. Hurrelmann 2000, S. 96-97).

Im nächsten Unterkapitel werden Faktoren vorgestellt, welche die Gesundheitschancen einschränken und beeinflussen.

3.3 Gesundheitschancen sind abhängig

Die Chancen lebenslang gesund zu sein und sehr alt zu werden, sind von verschiedenen Faktoren abhängig. Neben physischen Determinanten, zählen Einkommen, Beruf, Bildung und Herkunft zu den sozialen Determinanten. Im Unterkapitel 3.2 wurden Determinanten bereits als Faktoren beschrieben, welche Einfluss auf Gesundheit und Leben haben können. Die Determinanten werden als Chancenungleichheit und im weiteren Sinne als gesundheitliche Ungleichheiten bezeichnet. Diese Ungleichheiten sind von den genannten Faktoren abhängig. Beispielsweise ist die Lebenserwartung u.a. von der Herkunft abhängig. Beispielsweise betrug die Lebenserwartung in Indien durchschnittlich 65 Jahre, während sie zur gleichen Zeit in Großbritannien 77 Jahre betrug (vgl. Vonneilich & Trojan 2009, S. 12-13). Die unterschiedlichen Lebenserwartungen zeigen, dass die Menschen in den verschiedenen Ländern unterschiedlichen Risiken, vor allem gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind. Es gibt nicht nur Differenzen zwischen den Ländern, sondern auch innerhalb von Städten. In den meisten Städten entsteht eine immer größer werdende Diskrepanz zwischen Armen und Reichen. Beispielsweise gibt es im ärmsten Stadtteil von Glasgow eine Lebenserwartung von 54 Jahren, während er in reichen Stadtteilen zur selben Zeit 82 Jahre betrug. Dieses Beispiel ist auch in einigen Städten Deutschlands vorzufinden (vgl. Vonneilich & Trojan 2009, S. 12-13).

Im Grunde geht man davon aus, dass „…je niedriger die Position des Einzelnen im sozioökonomischen Kräftespiel, desto schlechter ist es um dessen Gesundheitschancen bestellt“ (WHO 2008, zitiert nach Vonneilich & Trojan 2009, S. 13). Wie das Beispiel schon beschrieb, findet man in den Städten verschiedene soziale Schichten. Die Gesundheit und ihre Entwicklung sind umso besser, je höher der soziale Status des Einzelnen ist. Die WHO benennt einige Faktoren, die hauptsächlich für Ungleichheiten zuständig sind. Unterschiedliche Zugangschancen zu Einkommen, Bildung und Arbeitsbedingungen sowie der Zugang zu immateriellen und materiellen Gütern zählen zu diesen (vgl. Vonneilich & Trojan 2009, S. 13). Die Hauptaufgaben der Forschung beziehen sich auf die Überwindung möglicher gesundheitlicher Ungleichheiten und der Erforschung denkbarer Lösungen und Veränderungen in Bezug auf die Gesundheitschancen. Auch diese Forderungen sind im fünften Sozialgesetzbuch § 20 Absatz 1 Satz 2 vorzufinden. „[…] Leistungen zur Primärprävention sollen den allgemeinen Gesundheitszustand verbessern und insbesondere einen Beitrag zu Verminderung sozial bedingter Ungleichheit von Gesundheitschancen erbringen“ (Stascheit 2010, S. 434).

Im nächsten Unterkapitel wird die soziale Ungleichheit in Bezug auf die Entwicklung der Menschen und deren Gesundheitschancen thematisiert. Auch soziale Ungleichheit beeinflusst die Gesundheitschance.

3.4 Soziale Ungleichheit

Wenn von sozialer Ungleichheit gesprochen wird, geht es nicht um die Andersartigkeit zwischen den Menschen, sondern vielmehr um die ungleichen Lebenschancen. In dieser Hinsicht geht es beispielsweise um die Verteilung eines hohen oder niedrigen Einkommens oder um die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern (vgl. Burzan 2007, S. 7). Das Thema der sozialen Ungleichheit wird seit 1900 ständig und intensiv erforscht. Eine erste Studie von Durkheim deckte Zusammenhänge zwischen sozialer Ungleichheit und Selbstmordraten auf. Die Selbstmordrate ist in sozial schwachen Gegenden höher ausgeprägt, als in nicht sozial schwachen Gegenden. „Soziale Ungleichheit meint, dass innerhalb einer Gesellschaft die als wertvoll erachteten Materialien (z.B. Geld) und immateriellen (z.B. Bildung) Güter ungleich verteilt sind und die Menschen aufgrund dieser Tatsache unterschiedliche Chancen zur Teilhabe an der Gesellschaft selbst haben“ (Vonneilich & Trojan 2009, S. 15). Lenzen beschreibt, dass niedriges Einkommen wohl die größte Ursache für soziale Ungleichheiten darstellt. Aber auch die Gesellschaft spaltet sich in Ober- und Unterschicht. Demnach lässt sich durch den sozio-ökonomischen Status herausfinden, welchen Stand die Menschen in der Gesellschaft haben (vgl. Lenzen 2008, S. 14). Um die Teilung in Ober- und Unterschicht zu vermeiden, „…werden häufig Schichtmodelle zur Darstellung der Gesellschaft angewandt“ (Vonneilich & Trojan 2009, S. 17), die „…die Realität insofern reduzieren, als dass sie nicht im alltäglichen Erleben relevanten sozialen Determinanten sozialer Ungleichheit zur Bestimmung der Position innerhalb der Modelle heranziehen können, sondern sich grundsätzlich auf die Hauptdeterminanten konzentrieren“ (ebd.). Mit diesen Modellen lassen sich alle Aspekte der sozialen Ungleichheit aufdecken. Bildung, Einkommen oder Beruf haben einen großen Anteil an sozialer Ungleichheit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 75 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Menschen
Hochschule
Duale Hochschule Gera-Eisenach (ehem. Berufsakademie Thürigen in Gera)
Note
2,5
Jahr
2013
Seiten
75
Katalognummer
V539609
ISBN (eBook)
9783346159045
ISBN (Buch)
9783346159052
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesundheitsförderung, grenzen, möglichkeiten, menschen
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Möglichkeiten und Grenzen der Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539609

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