Wie Pferde geflüchtete Kinder bei der Traumabewältigung unterstützen können. Der Einfluss des therapeutischen Reitens auf die Psyche


Fachbuch, 2020

52 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Therapeutisches Reiten
2.1 Definitorische Annäherung an den Terminus therapeutisches Reiten
2.2 Fachbereiche des therapeutischen Reitens
2.3 Rahmenbedingungen des therapeutischen Reitens
2.4 Effekte und Wirkungsweisen des therapeutischen Reitens

3 Das Trauma
3.1 Definitorische Annäherung an den Terminus Trauma
3.2 Folgen des Traumas
3.3 Bewältigung traumatischer Erlebnisse

4 Geflüchtete Kinder in Deutschland
4.1 Aktuelle Lage geflüchteter Kinder
4.2 Traumatische Erlebnisse bei geflüchteten Kindern
4.3 Beschreibung der Fluchtgeschichte der betreuten Kinder

5 Emotionen
5.1 Emotionen im Sport
5.2 Beobachtungen
5.3 Auswertung der Beobachtungen
5.4 Beobachtete Effekte und Wirkungsweisen
5.5 Auswertung der Beobachtungen

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

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Impressum:

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Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dreiteilung des therapeutischen Reitens (Vogel, 1987)

„Reiten ist das Zwiegespräch zweier Körper und zweier Seelen, das dahin zielt den Einklang zwischen ihnen herzustellen.“ (Waldemar Seuning)

1 Einleitung

Schon immer hatte der Mensch1 eine besondere Beziehung zu Tieren. Fanden diese früher ihren Einsatz als Nutz- oder Lastentiere, so bereichern sie auch heute noch das Leben der Menschen in hohem, so vielfältigem Maße. Seit vielen Jahren werden Tiere bewusst vermehrt im therapeutischen Kontext oder auch ganz alltäglichen Situationen eingesetzt. Die Anwesenheit oder der Umgang mit ihnen kann positive Veränderungen auf das körperliche, geistige und seelische Befinden eines Menschen hervorrufen (vgl. Förster 2005, S. 13).

In den vergangenen Jahren etablierte sich der Einsatz von Pferden auch in der Psychotherapie (vgl. Förster 2005, S. 37). In der vorliegenden Bachelorarbeit soll nun der Frage nachgegangen werden, inwieweit therapeutisches Reiten seine Einsetzbarkeit bei geflüchteten minderjährigen Kindern, mit wahrscheinlich traumatisierenden Erlebnissen, finden kann.

Schwere Belastungen, vor allem diese, die in der frühen Kindheit durchlebt werden, führen bei fast allen Menschen zu Belastungsreaktionen, die sich hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes gänzlich unterscheiden können (vgl. Izat & Kirsch 2013, S. 241). Besonders Kinder, die auf der Flucht oder im Krieg unterschiedlichste Erfahrungen und Erlebnisse gemacht haben, sind oft nachhaltig in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Oft tragen sie seelische Wunden davon, leiden unter Angstzuständen, Schlafstörungen, sowie Depressionen oder haben ein gestörtes Selbstbild (vgl. Uno-Flüchtlingshilfe 2018). Diese einschneidenden Erfahrungen und Erlebnisse können zu einem Trauma führen und wenn dieses nicht behandelt wird, das weitere Leben der Kinder durch Traumafolgestörungen maßgeblich beeinflussen. Eine Auseinandersetzung und Bewältigung eines traumatischen Erlebnisses ist daher unumgänglich (vgl. Huber 2003, S. 18).

Der Einsatz von Tieren, speziell von Pferden, kann Kindern in Übergangs- und Verlustsituationen helfen. „Oft können traumatisierte Menschen erst durch ein Tier wieder Nähe, Intimität und Körperkontakt zulassen, da der Umgang mit Tieren authentischer und weniger bedrohlich ist, als mit Menschen.“ (Förster 2005, S. 51).

In dieser Arbeit werden die durch therapeutisches Reiten ausgelösten, beobachteten Stimmungen bzw. Gefühlszustände von geflüchteten (und dadurch wahr­scheinlich traumatisierten) Kindern wiedergegeben und eingeordnet. Hierfür werden von mir durchgeführte Reiteinheiten mit geflüchteten minderjährigen Kindern und einem Therapiepferd dargestellt. Schon im vergangenen Jahr entstand im Rahmen meines Berufsfeldpraktikums der Eindruck, dass Reiten auf diese geflüchteten Kinder eine Wirkung erzeugt und sie positiv beeinflusst. Aus diesen gewonnenen Erfahrungen entstand mein Interesse an dieser Fragestellung, welcher ich im Rahmen dieser Arbeit versuche nachzugehen. An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass ich selbst keine ausgebildete Trainerin oder Therapeutin bin. Ich vergleiche lediglich die von mir wahrgenommenen Effekte und Ergebnisse mit der bestehenden Literatur. Die Erkenntnisse aus der Literatur können diese Fragestellung nicht eindeutig lösen, weshalb es in dieser Arbeit lediglich als Versuch aufgeführt werden kann.

Im ersten Kapitel der vorliegenden Bachelorarbeit erfolgt ein thematischer Einstieg in den Bereich des therapeutischen Reitens. Hierfür wird zunächst der Terminus des therapeutischen Reitens definiert. Anschließend werden die verschiedenen Fachbereiche dargestellt, um abschließend Effekte und Wirkungsweisen dieser zu beschreiben. Daraufhin folgt im zweiten Kapitel eine kurze Einführung in die Thematik des Traumas, deren mögliche Auswirkungen und Folgen und zuletzt auch auf deren Bewältigung. Das darauffolgende Kapitel befasst sich mit der Thematik geflüchteter Menschen, bzw. Kindern in Deutschland. Hierfür wird ein Einblick der aktuellen Lage von Geflüchteten in Deutschland gegeben, um weitergehend noch kurz auf traumatische Erfahrungen von Geflüchteten einzugehen. Es folgt die Falldarstellung der Fluchtgeschichte der beiden Kinder, die an den Reitstunden teilgenommen haben, sowie die daraus resultierenden Beobachtungen. Um nun die Beobachtungen in einen wissenschaftlichen Kontext einbetten zu können, beschäftigt sich das darauffolgende Kapitel mit Emotionen von Sportlern. Anschließend wird eine qualitative Inhaltsanalyse durchgeführt um danach die Emotionen in ein Schema einordnen zu können. Im abschließendem Fazit dieser Bachelorarbeit werden die Ergebnisse und gesammelten Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und es wird ein Ausblick auf die weitere Auseinandersetzung mit dieser Thematik gegeben.

2 Therapeutisches Reiten

Der Einsatz des Pferdes für Bewegungstherapien geht in der Geschichte weit bis in das 16. Jahrhundert zurück. Allerdings standen zu dieser Zeit weniger die therapeutischen Möglichkeiten des Reitens im Vordergrund, sondern vielmehr die gesundheitsfördernden und gesundheitserhaltenden Aspekte des Reitens. Dem therapeutischen Reiten wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts eine hohe Bedeutung und positive Wirksamkeit zugesprochen (vgl. Gäng 2009, S. 12).

Auch aktuell ist die positive Wirkungsweise des Reitens hochgeschätzt. Psychosoziale Probleme und Störungen können durch den Einsatz von therapeutischem Reiten verbessert und gelindert werden (vgl. Kube, Deutsches Kuratorium für therapeutisches Reiten2 ).

„Der Umgang mit Tieren kann offenbar sowohl innerhalb intensiver persönlicher Beziehungen zwischen Menschen und ihren Heimtieren, aber auch innerhalb kurzfristiger Kontakte in zielgerichteten tiergestützten Interventionen verschiedene Wirkpotenziale entfalten (Wesenberg 2015, S. 85).

Es zeigt sich, dass Tiere - und in diesem Fall das Pferd – bestimmte Wirkungen auf den Menschen (speziell auf die Psyche) haben können. Dieses Phänomen gilt es in dieser Arbeit zu untersuchen.

In diesem Kapitel sollen Inhalte und Wirkungsweisen zum Bereich pferdegestützter Therapie thematisiert und vertieft werden. Zunächst werden die für dieses Kapitel relevanten Begrifflichkeiten in einer definitorischen Annäherung eingeführt, um zu verdeutlichen, was unter pferdegestützter Therapie zu verstehen ist. Ferner sollen die unterschiedlichen Fachbereiche des therapeutischen Reitens unterschieden und kategorisiert werden, um die Breite der möglichen Therapiemaßnahmen aufzuzeigen. Des Weiteren wird das Therapiesetting im Hinblick auf die Charakteristika eines ausgebildeten Therapiepferdes und des Reittherapeuten betrachtet, um anschließend kurz eine klassische Therapieeinheit darzustellen. Abschließend sollen in diesem Kapitel die Wirkungsweisen des therapeutischen Reitens in seinen verschiedenen Teilbereichen dargestellt und charakterisiert werden.

2.1 Definitorische Annäherung an den Terminus therapeutisches Reiten

Therapeutisches Reiten, bzw. die pferdegestützte Therapie ist eine Form der tiergestützten Therapie, die sich zum Ziel gesetzt hat, Verbesserungen im Bereich physischer, verhaltensbezogener, kognitiver und sozial-emotionaler Funktionen bei den Patienten zu erreichen (vgl. Kube, DKThR). „Sie ist eine ganzheitliche Therapie, mit der alle Bereiche der menschlichen Wahrnehmung und des menschlichen Empfindens angesprochen werden“ (Brandenberger 2009, S. 84). Die positive Wirkung des Reitens für Körper, Geist und Seele wird bei dieser Form von Therapie für die Linderung und Verbesserung psychosozialer Probleme und Störungen genutzt. Ihren Einsatz findet die Reittherapie, bzw. das therapeutische Reiten bei bestimmten psychiatrischen und psychosomatischen Krankheiten, sowie bei psychischen Sekundärproblemen, welche mit körperlichen Erkrankungen einhergehen können. Ebenso kommt ihr Nutzen auch in Übergangs- und Verlustsituationen zu tragen, wie es auch in dieser Arbeit zu untersuchen gilt. Bei der Reittherapie hat der Erwerb reiterlicher Grundkenntnisse eine eher untergeordnete Bedeutung (vgl. Kube, DKThR).

Der Begriff therapeutisches Reiten stellt einen Überbegriff für vier unterschiedliche Fachbereiche pferdegestützter Interventionen dar. Sowohl die Hippotherapie als auch die ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd sind auf die medizinischen und physischen Bereiche der Förderung ausgelegt. Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd ist auf die Förderung psychologischer und pädagogischer, aber auch motorischer Bereiche spezialisiert. Der Fachbereich Reiten als Sport für Menschen mit Behinderung beschäftigt sich mit rehabilitativen und (leistungs-)sportlichen Aspekten (vgl.Kube, DkThR).

Abbildung 1: Dreiteilung des therapeutischen Reitens (Vogel, 1987)

Anhand der dargestellten Abbildung lässt sich erkennen, dass die Teilbereiche des therapeutischen Reitens nicht strikt voneinander zu trennen sind. Vielmehr überlagern sie sich gegenseitig und sind interdependent zueinander. Dies meint, dass die Teilbereiche – Medizin, Pädagogik/ Psychologie/ Motorik, sowie Rehabilitation/ Sport – sich gegenseitig beeinflussen und als eine Einheit fungieren (vgl. Vogel 1987, S. 27).

2.2 Fachbereiche des therapeutischen Reitens

Sowohl im Gesundheitswesen, in der Psychologie, als auch in der Pädagogik und im Sport lassen sich Indikationen für das therapeutische Reiten finden (vgl. Strauß 2008, S. 14). Wie bereits angeschnitten, umfasst der Oberbegriff therapeutisches Reiten vier verschiedene Fachbereiche. Für diese Arbeit von besonderer Bedeutung ist der Fachbereich heilpädagogische Förderung mit dem Pferd, dem in diesem Teil der Arbeit ein besonderer Stellenwert zuteil wird. Die weiteren Fachbereiche Hippotherapie, ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd, sowie Reiten als Sport für Menschen mit Behinderungen sollen im Folgenden ebenfalls einzeln kurz beschrieben werden, denn auch sie haben ebenfalls einen positiven Effekt bei der Behandlung von traumatischen Erlebnissen.

2.2.1 Heilpädagogische Förderung mit dem Pferd

Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd umfasst sowohl das Voltigieren, als auch das Reiten mit dem Partner Pferd. Die ganzheitliche und individuelle Förderung des Klienten steht bei diesem Teilbereich des therapeutischen Reitens im Vordergrund. Beim heilpädagogischen Voltigieren auf dem Pferd sollen die Klienten dazu angeleitet werden, in den verschiedenen Grundgangarten des Pferdes – Schritt, Trab und Galopp – unterschiedliche Übungen durchzuführen (vgl. Strauß 2008, S. 17). Beim heilpädagogischen Reiten hingegen nimmt der Klient selbst Einfluss auf das Pferd. Durch das „Zügel in die Hand nehmen“ werden die Klienten selbstständig und unabhängig. Ebenso impliziert der Kontakt mit dem Partner Pferd das Erlernen sozialer Verhaltensmuster (vgl. Förster 2005, S. 87). In ihren Arbeitsweisen und Grundlagen beruft sich die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd auf die Heilpädagogik und Pädagogik, sowie auf die Psychologie.

Die Schwerpunkte und Ziele der heilpädagogischen Förderung bilden sowohl die geistige und soziale Entwicklung, als auch die Verbindung zwischen tiergestützter und bewegungsorientierter Förderung. Zudem bildet sie die Basis, um durch Selbsterfahrungsprozesse Veränderungen im Verhalten der Klienten zu schaffen. Neben diesen Zielen können differenzierte Verzögerungen in der Entwicklung, als auch Störungen in motorischen, emotional-sozialen und kognitiven Bereichen individuell therapiert werden. Dabei kann die individuelle Förderung in Einzel- oder auch Gruppentherapien stattfinden. Ebenso können integrative Reitgruppen zur Förderung der oben genannten Aspekte und Ziele beitragen (vgl. DKThR (2)).

Die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd eignet sich für all jene Menschen ohne reiterliche Vorerfahrungen, die Unterstützung, Förderung und Stabilisierung bei Lernbehinderungen, Entwicklungsverzögerungen in unterschiedlichen Bereichen, Verhaltensbesonderheiten oder motorische Schwierigkeiten haben. Auch bei Schwierigkeiten im Sozial- und Beziehungsverhalten, sowie psychischen Störungen kann die heilpädagogische Förderung unterstützend, fördernd und stabilisierend wirken. Allerdings ist bei der Durchführung der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd bei psychischen Störungen wie traumatischen Belastungen die Zusammenarbeit mit Ärzten und Psychotherapeuten unumgänglich (vgl. DKThR (2)).

2.2.2 Hippotherapie

Der Fachbereich Hippotherapie lässt sich unter einem „rein medizinischen Einsatz des Pferdes im Sinne einer Ergänzung der Physiotherapie auf neurophysiologischer Grundlage“ (DKThR (3)) erfassen. Der Begriff Hippotherapie leitet sich aus dem Griechischen her, wobei hippos die Übersetzung für das „Pferd“ und therapeuein die Übersetzung für „behandeln“ ist. Demnach kann die Hippotherapie als Behandlung mit, bzw. auf dem Pferd übersetzt und verstanden werden. Die Hippotherapie findet ihren Einsatz bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit neurologischen Bewegungseinschränkungen wie z.B. Schädigungen des zentralen Nervensystems und des Stütz- und Bewegungsapparates. Hierbei wird der Patient allein durch das Pferd bewegt. Es wird ausschließlich in der Gangart Schritt gearbeitet, wobei das Pferd durch das ihm verwandte Bewegungsmuster zum Menschen die Bewegungen des Klienten zur Verbesserung der Funktionen stimuliert (vgl. Strauß 2008, S. 30).

Durchgeführt werden darf die Hippotherapie von ausgebildeten Ärzten, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten, welche die berufliche Weiterbildung zum Hippotherapeuten absolviert haben. Nicht nur die menschlichen Therapeuten müssen eine Zusatzausbildung absolviert haben, um in der Hippotherapie ihren Einsatz zu finden. Ebenso muss auch das Pferd – der tierische Therapeut –, welches in der Therapie eingesetzt wird, eine spezielle Ausbildung und gewisse Grundlagen, sowie den höchsten Sicherheitsfaktor mit sich bringen, um fester Bestandteil der Therapie zu werden (vgl. DkThR (3)).

Wie bereits erwähnt, baut die Hippotherapie auf physiotherapeutischen Maßnahmen auf. Allerdings steht hierbei nicht wie bei einer klassischen Physiotherapie allein die Förderung, welche sich auf den physischen Organismus des Menschen bezieht im Vordergrund. Vielmehr werden die emotionale und soziale Entwicklung, wie auch andere Teilbereiche der menschlichen Psyche angesprochen. Neben diesen Wirkungsweisen wird auch durch die Wahrnehmung des Körpers des Pferdes das motorische Lernen und Handeln der Klienten gefördert (vgl. Strauß 2008, S. 31). Ein ganzheitliches Ziel der Hippotherapie ist in jedem Fall „die Gesundheit des Menschen positiv zu beeinflussen“ (Debuse 2015, S. 22). Durch die oben aufgezählten Funktionen der Hippotherapie kann sie in Abhängigkeit mit dem Physiotherapeuten und dem Therapiepferd zur Verbesserung der Lebensqualität des Klienten beitragen.

2.2.3 Ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd

Um die ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd näher zu betrachten, ist es zunächst wichtig, den Begriff der Ergotherapie zu definieren. Nach dem Deutschen Verband der Ergotherapie befasst sich der Therapiebereich Ergotherapie mit der Durchführung von „konkreten Tätigkeiten sowie deren Konsequenzen auf den Menschen und dessen Umwelt“ (DVE 2007). Sie hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen in jedem Alter, welche Einschränkungen in ihrer Handlungsfähigkeit erfahren haben oder vor dieser stehen, zu unterstützen. Zudem soll durch Ergotherapie die Lebensqualität der Klienten verbessert werden (vgl. DKThR (1)).

Die Begrifflichkeit ergotherapeutische Behandlung mit dem Pferd umfasst Behandlungen, die sich „auf der Grundlage des sensomotorisch-perzeptiven, motorisch-funktionellen und psychisch-funktionellen Ansatzes unter Einbeziehung des Mediums Pferd“ (DKThR (1)) verstehen. Die Schwerpunkte der ergotherapeutischen Behandlung mit dem Pferd liegen in den Bereichen der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Sensorik sowie der Motorik. Da das Pferd die Möglichkeit schafft, durch seinen „Bewegungsdialog“ und dem „Beziehungsangebot“, welches aus dem Pferd, dem Klienten und dem Therapeuten besteht die nötige Unterstützung zu bieten, lassen sich die vielfältigen Handlungsgebiete der ergotherapeutischen Maßnahme mit dem Pferd begründen (vgl. DKThR (1)).

2.2.4 Reitsport für Menschen mit Behinderungen

Wie der Name des vierten Teilbereichs des therapeutischen Reitens beinhaltet, befasst sich der Reitsport für Menschen mit Behinderungen mit Menschen, welche eine körperliche oder geistige Behinderung oder eine Sinnesbeschädigung haben. Der Reitsport in seinen unterschiedlichen Facetten – Fahren, Voltigieren, Reiten – bietet ihnen hier ein gemeinsames Übungsfeld und schafft so die Brücke zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen im Reitsport. Beim Reitsport für Menschen mit Behinderungen steht nicht die Therapie als solche im Vordergrund, sondern der Reitsport als Breiten- und Leistungssport. Im Sinne des Breitensports wird das Pferd zum Sportpartner und gibt Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, soziale Beziehungen zu knüpfen. Ebenso findet der Reitsport seinen Einsatz, um der oftmals auftretenden „behinderungsbedingten Bewegungseinschränkung entgegen zu wirken“ (DKThR (4)).

Im Leistungsbereich des Reitsports gibt es auch für Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit, sich an Wettkämpfen, wie z.B. den Paralympics zu beteiligen und zu beweisen. Damit eröffnet der Reitsport Menschen mit Behinderungen eine weitere Perspektive zur sportlichen Betätigung vom breiten- bis in den leistungssportlichen Bereich (vgl. DKThR (4)).

Wichtig ist auch – wie in den anderen Teildisziplinen des therapeutischen Reitens – das speziell ausgebildete Pferd, das auch für schwerbehinderte Menschen zugänglich ist. Ebenso spielt auch die Rolle des speziell ausgebildeten Trainers eine erhebliche Rolle im Pferdesport.

Es zeigt sich, dass die unterschiedlichen Fachbereiche des therapeutischen Reitens ihre bestimmten spezifischen Aufgabenbereiche haben und im Sinne der Ganzheitlichkeit für den Menschen mit seinen unterschiedlichen Bedürfnissen fungieren. Besonders der Bereich der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd mit den verschiedenen Schwerpunkten und Zielen kann für die Zielgruppe geflüchteter Kinder mit traumatischen Erfahrungen Unterstützung leisten. Aber auch die anderen dargestellten Fachbereiche finden ihre Berechtigung in ihrer Einsetzbarkeit und es wird deutlich, dass jeder Fachbereich einen bestimmten Bereich des Menschen anspricht. Die Wirkungen und Effekte, die dabei zum Vorschein kommen, werden im Verlauf dieser Arbeit in einem gesonderten Kapitel beschrieben und ausgewertet.

2.3 Rahmenbedingungen des therapeutischen Reitens

Nachfolgend werden in diesem Teil der Arbeit die Rahmenbedingungen einer Reittherapie, bzw. das Therapiesetting betrachtet. Das Therapiesetting besteht zum einen aus der wesentlichen Rolle des Therapiepferdes und zum anderen aus der Rolle des Therapeuten. Zusammen mit dem Klienten bilden sie ein Beziehungsdreieck. Ferner soll in diesem Teil der Arbeit die Durchführung einer Therapieeinheit betrachtet werden. Aufgrund der für diese Arbeit relevanten Therapieform der heilpädagogischen Förderung mit dem Pferd, wird diese beispielhaft an einer durchgeführten Therapiestunde aufgezeigt.

2.3.1 Die Rolle des Therapiepferdes

Dem Pferd wird in der tiergestützten Therapie, bzw. in der heilpädagogischen Förderung, die in dieser Arbeit den größten Stellenwert einnimmt, eine wichtige Rolle – wenngleich sogar die wichtigste Rolle – zugeteilt. Besonders im Therapiesetting des therapeutischen Reitens wird ihm eine tragende Funktion zugewiesen. In der heilpädagogischen Förderung übernimmt es die Rolle des „geeigneten Identifikationsobjektes“ (Brandenberger 2016, S. 85) und dient als „lebendiger Interaktionspartner“ (Hediger & Zink 2017, S. 10).

Kinder haben eine „natürliche Zuneigung“ (Brandenberger 2016, S. 84) gegenüber Tieren und sind darauf bedacht, von ihnen wahrgenommen und gemocht zu werden. Sie treten freiwillig zu ihnen in Kontakt, suchen diesen gezielt und wollen ihnen auch physisch nahe sein. Dabei kommunizieren Kinder und Tiere miteinander allein durch Körpersprache und dem Niveau ihrer Beziehung. Da sich auch Tiere untereinander hauptsächlich mittels Körpersprache verständigen, entstehen zwischen Kind und Tier wenig Missverständnisse und Komplikationen. Aufgrund dieser Gegebenheiten können Voraussetzungen für eine angstfreie Beziehungsbasis zwischen Kind und Tier geschaffen werden (vgl. Brandenberger 2016, S. 85).

Nun stellt sich die Frage, warum speziell dem Pferd die besondere Rolle in der heilpädagogischen Therapie zugesprochen wird. „Der Kontakt zum Pferd stellt keine komplizierte, zwischenmenschlich ähnliche Beziehung dar“ (ebd.). Es handelt in kausalen Zusammenhängen, wie es dies auch unter Artgenossen tut. Dies ist besonders für Kinder leicht zu verstehen und zu akzeptieren. Außerdem fungiert das Pferd als „verlässlicher Partner“ (ebd.), der in der Kommunikation keinen Blickkontakt abverlangt. Durch seine Rolle als Reittier besitzt es einen motivierenden, auffordernden Charakter. Ebenso lädt es „durch sein freundliches Wesen, sein weiches Fell und seine Körperwärme dazu ein, es zu berühren, zu streicheln und sich von ihm tragen zu lassen“ (Ettrich & Ettrich 2007, S. 215). Nach diesen Auffassungen ergibt sich zwischen Kind und Pferd ein „unvergleichlicher Bewegungsdialog, welcher viele Möglichkeiten zur Weiterbildung bietet“ (vgl. Förster 2005, S. 46).

Einsetzbar für die heilpädagogische Förderung mit dem Pferd sind Pferde aller Rassen und Größen. Allerdings sollte die Größe des Pferdes zu den Proportionen des Klienten passen, um die positiven Effekte des therapeutischen Reitens zu nutzen (vgl. DKThR 2018, S. 7). Es ist vorteilhaft „aus verschiedenen Pferden das jeweils richtige für den Klienten aussuchen können“ (Brandenberger 2016, S. 86), um die individuellen Bedürfnisse eines jeden abdecken zu können. Für die Entwicklung und Stabilisierung einer Beziehung zwischen Klient und Therapiepferd ist es von Vorteil, immer dasselbe Pferd in der Therapie einzusetzen. Hierbei fungiert das Pferd als „Co-Therapeut“ (ebd.).

Grundvoraussetzung für die Einsetzbarkeit eines Pferdes im therapeutischen Reiten ist zunächst dessen Ausbildung und seine artgerechte Haltung. Ohne die abgeschlossene Grundausbildung des Pferdes, darf es nicht als Therapiepferd amtieren. Neben der entsprechenden Grundausbildung, ist auch die Leistungsbereitschaft des Pferdes von Bedeutung. Es sollte ein hohes Maß an Gehorsam besitzen, um die Sicherheit der Klienten gewährleisten zu können. Das Therapiepferd sollte sowohl physisch, als auch psychisch gesund sein. Neben einem ausgeglichenen, ruhigen Charakter ist es wichtig, dass es körperliche Nähe von Menschen, sowie laute Geräuschkulissen ertragen kann (vgl. Brandenberger 2016, S.85). Ferner sollte das Therapiepferd ein ausgeglichenes Temperament und ein dem Menschen zugewandtes Wesen besitzen (vgl. DKThR 2018, S. 8).

„Mit Anerkennung des Menschen als Leit- „Tier“ stellt das Pferd sein einzigartiges Wesen und seine große Kraft in den Dienst des Menschen“ (Strauß, DKThR (3)). Viele Klienten sind durch physische oder psychische Beeinträchtigungen in ihrer Bewegung oder ihrer Selbstwirksamkeitsüberzeugung eingeschränkt. Pferde vermitteln und geben ihnen Kraft und Stärke und lassen sich dadurch optimal als Interaktionspartner in die heilpädagogische Förderung integrieren (vgl. Förster, S. 63). Auch in der Literatur lassen sich Theorien zur Wirkungsweisen zwischen der Mensch-Tier-Beziehung bezüglich physischer und psychischer Gesundheit des Menschen finden. Mit der „Biophilie-Hypothese“, welche von der Affinität des Menschen zu allem Lebenden ausgeht, lässt sich die Einsetzbarkeit des Pferdes im therapeutischen Kontext begründen. Der Mensch hat demnach das Bedürfnis, sich mit der Natur auseinanderzusetzen und sich nicht-menschlichen Lebewesen anzunähern (vgl. Breitenbach et al. 2015, S. 105). Ebenso wird in einigen Arbeiten zur Tier-Mensch-Beziehung von einer hohen Affinität zwischen Menschen – vor allem Kindern – und Tieren ausgegangen, was die Arbeit mit Pferden im therapeutischen Kontext manifestiert.

Hinsichtlich einer pferdegestützten Therapie nach einem traumatischen Erlebnis, kann das Pferd die Motivation des Klienten für die Therapie erhöhen und positiv beeinflussen (vgl. Hediger & Zink 2017, S. 8). Mit traumatischen Erlebnissen können oft Vertrauensbrüche einhergehen. Oftmals fällt es diesen Klienten dann schwer das Therapeuten-Klienten-Verhältnis zu akzeptieren und sich dem Therapeuten zu öffnen. Das Pferd mit seinem auffordernden Charakter bietet eine gute Chance eine Verbindung zwischen Therapeut und Klient zu schaffen.

2.3.2 Die Rolle des Therapeuten

Neben dem speziell ausgebildeten Therapiepferd sollte auch der Reittherapeut gewisse Charakteristika und Anforderungen erfüllen. Um als staatlich anerkannte Fachkraft für die heilpädagogische Förderung, bzw. als Reittherapeut arbeiten zu können, muss zunächst eine spezielle Ausbildung erfolgen. Grundlegend für diese ist, dass der angehende Therapeut aus einem pädagogischen, sozialen oder psychologischen Berufsfeld stammt und damit einhergehend die Bereitschaft und Fähigkeit mitbringt, sich auf Menschen einzulassen (vgl. Träm, S. 17). Des Weiteren muss eine Trainerlizenz im Reitsport oder Voltigieren der Deutschen reiterlichen Vereinigung erfolgreich abgeschlossen sein (ebd.).

Es sollte nicht nur zwischen dem Therapiepferd und dem Klienten ein Vertrauensverhältnis entstehen, sondern auch zwischen dem menschlichen Therapeuten und dem Therapiepferd. Der Therapeut sollte das Pferd gut kennen, verstehen und einschätzen können (vgl. Hediger & Zink 2017, S. 68). Für eine erfolgreiche Therapie ist eine „gute und vertrauensvolle Beziehung“ (Brandenberger 2016, S. 87) zwischen allen Beteiligten eine wesentliche Voraussetzung.

Wie im vorigen Abschnitt bereits aufgeführt, nimmt das Pferd in der Therapie eine tragende Rolle ein. Der Mensch als Therapeut sollte sich eher im Hintergrund halten und das Pferd als Co-Therapeuten auf den Klienten wirken lassen. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, das Therapiegeschehen zu bestimmen und in die gewünschte Richtung zu lenken. Daraus ergibt sich ein Beziehungsdreieck zwischen Klient, Pferd und Therapeut (ebd.), in welchem jeder eine fest zugeteilte Rolle hat. Trotzdem sollte das Pferd niemals als Therapeut fungieren, bzw. diesen ersetzen. Der Therapeut trägt sowohl die Verantwortung für den Klienten, als auch für das Therapiepferd. Das Therapiepferd dient – wie bereits ausführlich erwähnt – als Co-Therapeut und „als Brücke zur Erleichterung der Kontaktaufnahme“ (Förster 2005, S. 39).

Im Hinblick auf meine Arbeit mit geflüchteten Kindern und einem Therapiepferd ist es wichtig zu erwähnen, dass ich selbst keine ausgebildete Fachkraft bzw. Therapeutin in diesem Bereich bin. Seit neun Jahren gebe ich Kindern und Jugendlichen Reitunterricht und bringe ihnen den Umgang mit dem Pferd nahe. In diesem Zuge habe ich schon einige Erfahrungen sammeln können und bin mir über die besondere Verantwortung zum Pferd, als auch zum Kind bewusst. Wie allerdings dargestellt, ist eine spezielle Ausbildung sowohl für das Therapiepferd, als auch für den Therapeuten unumgänglich, um den Klienten mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht werden zu können.

2.3.3 Exemplarische Durchführung einer Therapieeinheit

Nachfolgend wird kurz auf die Durchführung einer pferdegestützten Therapieeinheit an einem Beispiel der heilpädagogischen Förderung eingegangen. In der Literatur findet sich keine feste und strikt vorgegebene Form/ Struktur zur Durchführung einer Reittherapie. Deswegen wird beispielhaft eine aus der Literatur vorgeschlagene und erfolgreich durchgeführte Therapieeinheit dargestellt.

Nach den Durchführungsbestimmungen des DKThR (2018) müssen für die heilpädagogische Therapieeinheit bestimmte Formalitäten und Kriterien berücksichtigt werden. Die Therapieeinheit findet wöchentlich in einem Umfang von 90 bis 120 Minuten statt. Neben dem Reiten stehen auch das gemeinsame Holen des Pferdes von der Weide/ dem Paddock, sowie das Putzen und Satteln, sowie Trensen im Vordergrund. Allein durch diese Arbeiten am und mit dem Pferd, können die Klienten Erfahrungen der Selbstwirksamkeit erlangen und sich kompetent fühlen (vgl. Kunz & Schneider-Schunker 2016, S. 78). Die Größe der Therapiegruppe sollte dabei zwischen drei und sechs Klienten liegen, welcher ein Therapiepferd, sowie ein Therapeut zur Seite steht. Daneben sollten die Therapieeinheiten auf einem Reitplatz oder in einer Reithalle von der Größe 20x40 Metern stattfinden, welcher in der Zeit allein der Therapiegruppe zur Verfügung steht (vgl. DKThR 2018).

Neben der zwischenmenschlichen Beziehungsbasis zwischen Klient und Therapeut, sowie dem fairen, artgerechten Umgang mit dem Therapiepferd, stellt auch die Umgebungsgestaltung in der Therapie eine wichtige Grundlage dar. Eine gewaltfreie, entspannte und ruhige Atmosphäre ist besonders in der Arbeit mit traumatisierten Menschen unumgänglich. Der Umgang mit Hilfsmitteln wie Gerten und Sporen, welche sonst typischerweise im Reitunterricht ihren Einsatz finden, sollten in der Therapie nicht verwendet werden, da sie bei traumatisierten Klienten zu Retraumatisierungen führen können (vgl. Kunz & Schneider-Schunker 2016, S. 73).

Nach Kröger (2005) lässt sich eine pferdegestützte Therapieeinheit in sechs Phasen gliedern.

1. Begrüßung und Vorbereitung des Pferdes
2. Erwärmungsphase
3. Arbeitsphase mit dem Pferd
4. Abschlussphase der Therapiestunde
5. Nachversorgung des Pferdes
6. Reflexion und Nachbereitung

Diese Phasen sollten in einer Therapieeinheit nacheinander von den Klienten durchlaufen werden (vgl. Kröger 2005, S. 108).

2.4 Effekte und Wirkungsweisen des therapeutischen Reitens

Therapeutisches Reiten stellt eine ganzheitliche Therapie dar, welche auf die verschiedensten Teilbereiche des Menschen abzielt (vgl. Brandenberger 2016, S. 90). Die Förderung aller Sinne wird beim Reiten angesprochen, was die Ganzheitlichkeit des Reitens einschließt (vgl. Kiewit 2009, S. 12). In diesem Teil der Arbeit sollen Effekte und Wirkungsweisen, welche mit dem therapeutischen Reiten einhergehen und durch dieses hervorgerufen werden, betrachtet werden. Diese Effekte und Wirkfaktoren können in vielfältigen Bereichen beobachtet werden. Betrachtet werden die durch pferdegestützte Therapie entstehenden Wirkfaktoren im Bereich der Psyche, Wahrnehmung, Physis und im sozial-emotionalen Bereich. Einen besonderen Stellenwert nimmt hierbei der Bereich Psyche ein. Besonders Kinder mit traumatischen Erlebnissen erfahren in diesem Bereich besondere Wirkungen.

2.4.1 Wirkungsweisen im Bereich der Psyche

Bezogen auf den Bereich der Psyche können Verbesserungen auf die emotionale Verfassung eines Menschen durch den Einfluss des therapeutischen Reitens beobachtet werden. „Durch die an keine Bedingungen geknüpfte Liebe der Tiere entsteht eine besondere Beziehung“ (Förster 2005, S. 50). Auf Grund des Kontakts zum Pferd stillt der Klient sein Bedürfnis nach „Zuwendung und Angenommensein“ (Brandenberger 2016, S. 91), was er bei Menschen in dieser Form nur bedingt erlebt. Ebenso kann durch die beim Reiten entstehende Entspannung ein Einblick in tiefsitzende Gefühle und Erlebnisse gegeben werden. Die sogenannte „kommunikative Öffnung“ des Klienten kann gegenüber dem Pferd leichter, als gegenüber einem Menschen geschehen. Diese positiven Begegnungen können auch später auf Menschen übertragen werden und damit den Weg zurück in die Gemeinschaft ebnen (ebd.).

Breitenbach et al. haben unterschiedliche Wirkfaktoren pferdegestützter Interventionen beschrieben. Im therapeutischen Prozess eröffnet das Pferd als Reittier dem Klienten durch die unterschiedlichen Gangarten besondere Bewegungserlebnisse. Durch das „Bewegtwerden“ im Schritt erfährt der Klient Entspannung und Losgelassenheit. Der Trab aktiviert nicht nur den Gleichgewichtssinn, sondern auch die Eigenempfindung des Klienten. Somit kann das Reiten in den unterschiedlichen Gangarten verschiedenen Wahrnehmungsbereiche, welche sich positiv auf die Psyche auswirken, aktivieren (vgl. Breitenbach et al 2015, S. 98).

Wie bereits beschrieben, besitzt das Pferd einen motivierenden und auffordernden Charakter, wodurch die Klienten gerne mit ihm eine Beziehung eingehen (vgl. Hediger & Zink 2017, S. 45). Diese hohe intrinsische Motivation seitens der Klienten kann besonders gut für die pferdegestützte Therapie genutzt werden. Auch bei „therapiemüden“ Klienten oder „Therapieverweigerern“ konnte eine hohe Therapiemotivation beobachtet werden (vgl. Breitenbach et al 2015, S. 99).

Neben dieser entstehenden Motivation kann auch die Therapieumgebung als positiver Einflussfaktor gewertet werden. Die Reittherapie gibt keine Konfrontation mit einer konventionellen Therapieform in einer Praxis vor, sondern findet in einer natürlichen Umgebung statt. Der Aufenthalt in der Natur, bzw. ruhiger ländlicher Umgebung, welcher durch den natürlichen Lebensraum des Pferdes bestimmt ist, wirkt beruhigend auf die Klienten und gibt ihnen ein Gefühl von Normalität (vgl. Breitenbach et al 2015, S. 99).

Durch den Umgang mit dem Pferd erleben Menschen außergewöhnliche Momente und können intensiven Emotionen ausgesetzt sein. Diese Gefühle können sehr vielfältig sein. Wird bei einem Menschen Freude und Zufriedenheit ausgelöst, kann ein anderer eventuell mit Angst und Verunsicherung reagieren. In der Therapie steht das Sammeln positiver Erlebnisse und Emotionen im Vordergrund. Besonders die beruhigende Wirkung im Umgang mit dem Pferd wird hervorgehoben (ebd.).

Des Weiteren betonen auch Hediger und Zink die positiven Effekte des Reitens auf psychische Parameter. Das Pferd übt – im Gegensatz zum Mensch – keinen Druck und keine Erwartungen hinsichtlich seiner Leistungen auf den Klienten aus. Das Pferd akzeptiert den Menschen wie er ist und bewertet ihn nicht. Allein dadurch kann eine psychische Stabilisierung beim Klienten erfolgen (ebd.).

Wie bereits kurz angeschnitten, kann durch den Einsatz des Pferdes die Selbstwirksamkeit und das damit verbundene Selbstwertgefühl der Klienten positiv beeinflusst werden. Wer das Gefühl hat, selbst etwas mit seinem Tun und Handeln bewirken zu können – also selbst wirksam zu sein – steigert auch dadurch sein Selbstwertgefühl. Im Bezug der Reittherapie erlangt der Klient durch den Umgang mit dem Pferd wie z.B. es zu führen, zu satteln, zu putzen und letztlich auch auf ihm zu reiten, Kontrolle. Das Pferd als Vermittler von Kraft und Stärke „hebt das Selbstwertgefühl des Reiters, wenn es sich von ihm führen lässt, auf ihn hört, auf sein Einwirken die Gangart verändert und er schwierige Voltigierübungen auf ihm ausführen kann“ (Ettrich & Ettrich 2007, S. 216).

Allgemein lässt sich anführen, dass therapeutisches Reiten und der Umgang mit dem Partner Pferd die „Stärkung psychischer Ressourcen“ (Kiewit 2009, S. 12) mit sich bringt und daher sehr wertvoll für die Klienten ist.

2.4.2 Wirkungsweisen im Bereich der Wahrnehmung

Beim therapeutischen Reiten geht es nicht darum, das Reiten als Sportart zu erlernen, sondern um mit dem Partner Pferd das „Andere“ zu erfahren, sich selbst darin zu sehen und sich zu reflektieren (vgl. Baldeo & Schlichtmeier 2010, S. 58). Die Wahrnehmung der eigenen Grenzen und Ressourcen steht dabei im Mittelpunkt. „Selbst- und Fremddefinition sowie das Erlernen von Sensibilität und Verantwortung können in der Arbeit mit dem Pferd von den Kindern wertfrei erfahren werden.“ (ebd.)

Reiten und der Umgang mit dem Pferd setzt eine klare und vor allem eindeutige Körpersprache voraus, welche zunächst von den Klienten wahrgenommen und erlernt werden muss. Demnach stellt das Reiten auch eine Wahrnehmungsschulung dar. Die Klienten müssen neben den Reaktionen des Pferdes auf ihr Tun und Handeln auch lernen, wie sich diese Reaktionen von ihren eigenen differenzieren. Zudem lernen sie, diese selbst zu beeinflussen, was zur Folge hat, dass sie einen besseren Bezug zur Realität erlangen. Die Wahrnehmungsschulung impliziert ebenso die Schulung der Sinne. Es werden alle Sinne des Klienten angesprochen und gefordert. Durch die Sinnesschulung erlangt der Klient eine differenziertere Wahrnehmung seines Körpers und ebenso seiner Verhaltensweisen. Dies führt zu einer wirklichkeitsnahen Fremd- und Selbstwahrnehmung (vgl. Brandenberger 2016, S. 92).

Außerdem wird durch die nonverbale Kommunikation mit dem Pferd der Zugang zum eigenen Körper gefördert. Bezüglich bei Kindern mit traumatischen Erfahrungen lernen diese, Gefühle, die den eigenen Körper betreffen, wieder zuzulassen und sich selbst wieder spüren. Dadurch wird ein Verständnis für die Ursache und Wirkungen des eigenen Verhaltens gefördert (vgl. Hediger & Zink 2017, S. 132).

Daneben wird auch die Verantwortung des Klienten, das Vertrauen in sich und das Pferd gefördert. Durch das Getragen-Werden auf dem Pferderücken sieht der Klient seine Umwelt aus einer anderen Perspektive. Aufgrund des Perspektivwechsels wird eine andere Sichtweise auf die gesammelten traumatisierenden Erlebnisse ermöglicht und der Klient kann die Erlebnisse besser verarbeiten (ebd., S. 133).

[...]


1 Aus Gründen der erleichterten Lesbarkeit dieser Arbeit wird auf die gleichzeitige Nutzung weiblicher und männlicher Sprachformen verzichtet. Die Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beide Geschlechter.

2 Offizielle Abkürzung DKThR

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Wie Pferde geflüchtete Kinder bei der Traumabewältigung unterstützen können. Der Einfluss des therapeutischen Reitens auf die Psyche
Autor
Jahr
2020
Seiten
52
Katalognummer
V539663
ISBN (eBook)
9783964872272
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pferdegestützte Intervention, Hippotherapie, Therapiepferde, Fluchterfahrung, Angstzustände
Arbeit zitieren
Jana Hofius (Autor), 2020, Wie Pferde geflüchtete Kinder bei der Traumabewältigung unterstützen können. Der Einfluss des therapeutischen Reitens auf die Psyche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539663

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