Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit richtet sich auf das Entgrenzungsstreben der installativen und performativen Kunst, welche durch ihre weitläufigen Genealogien und der unklar definierten Gattungsgrenzen an Bedeutung in der aktuellen wissenschaftlichen Forschung zeitgenössischer Kunst gewonnen haben.
Die Kunst der Moderne sieht sich selbst im Stadium ihrer „Selbstreflexion“. Das Austesten ihrer Möglichkeiten und Grenzen fungiert dabei als Gegenstand, während die Methodik der zeitgenössischen Kunst das Experiment verfolgt, Grenzen zu erkennen und sukzessive zu überschreiten.
Diese Programmatik wirft einige philosophische Fragen auf, die sich bezüglich der Definition und Wahrnehmung des Grenzbegriffes ergeben: Zum einen stellt sich die Frage nach der grundlegenden Bedeutung sowie den Folgen von Grenzüberschreitungen; zum anderen muss geklärt werden, welche Grenzen überhaupt gemeint sein können – die Grenzen zwischen einzelnen Gattungen, künstlerischen Verfahren / Techniken, Sujets, oder die Grenze zwischen Kunst und Gesellschaft sowie Politik / Kunst und Wirklichkeit / Kunst und Leben oder Kunst und Nichtkunst.
Inhaltsverzeichnis
I. Ästhetik der Grenzerfahrung in der modernen Kunst
II. Begriffserklärung: Grenze
III. Entgrenzungstendenzen in Installation und Performance
3.1. Grenzdarstellung in der Installation
3.2. Grenzgang der Performance
IV. Diskussion, Resümee und Ausblick
4.1.Diskussion
4.2.Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das philosophische Streben nach Entgrenzung in der zeitgenössischen Kunst, insbesondere anhand der Gattungen Installation und Performance, um zu klären, wie diese Grenzüberschreitungen das Verhältnis zwischen Kunst, Leben und Wirklichkeit neu definieren und welche Rolle der Betrachter dabei einnimmt.
- Philosophische Definition und Bedeutung des Grenzbegriffs
- Analyse der Installation am Beispiel des Denkmals für die ermordeten Juden Europas
- Untersuchung der performativen Kunst durch Marina Abramović
- Diskussion der performativen Wende und ihrer Auswirkungen auf das Kunstverständnis
Auszug aus dem Buch
Performance
I slowly eat 1 kilo of honey with a silver spoon.
I slowly drink 1 litre of red wine out of a crystal glass.
I break the glass with my right hand.
I cut a five-pointed star on my stomach with a razor blade.
I violently whip myself until I no longer feel any pain.
I lay down on a cross made of ice blocks.
The heat of a suspended heater pointed at my stomach
causes the cut star to bleed.
The rest of my body begins to freeze.
I remain on the ice cross for 30 minutes until the public
interrupts the piece by removing the ice blocks from
underneath me.
(Abramović aus Orrell / Balshaw, 2010, S.66)
Zusammenfassung der Kapitel
I. Ästhetik der Grenzerfahrung in der modernen Kunst: Einleitung in die Thematik der Selbstreflexion der modernen Kunst und die Rolle des Experiments beim Überschreiten von Grenzen.
II. Begriffserklärung: Grenze: Philosophische Erörterung des Grenzbegriffs als notwendiges Instrument der Erkenntnis, das zwischen Inklusion und Exklusion unterscheidet.
III. Entgrenzungstendenzen in Installation und Performance: Analyse der Ausweitung des Kunstbegriffs in den gesellschaftlichen Raum und die aktive Einbindung des Betrachters.
3.1. Grenzdarstellung in der Installation: Betrachtung der Installation als Erfahrungsgestaltung und Gesamtkunstwerk, beispielhaft analysiert am Denkmal für die ermordeten Juden Europas.
3.2. Grenzgang der Performance: Untersuchung der Performancekunst als radikale Grenzüberschreitung, bei der die Künstlerin Marina Abramović durch reale Schmerzerfahrung das Verhältnis zwischen Kunst und Leben befragt.
IV. Diskussion, Resümee und Ausblick: Kritische Auseinandersetzung mit der These vom Ende der Kunst und Plädoyer für die Umwandlung von Grenzen in Schwellen als Raum für neue Diskurse.
4.1.Diskussion: Diskussion der philosophischen Einordnung von performativer Kunst als Übergangsphänomen anstelle eines Endpunktes.
4.2.Resümee und Ausblick: Zusammenfassende Betrachtung der performativen Wende als dauerhafte Radikalisierung und philosophisches Erkenntnisstreben.
Schlüsselwörter
Zeitgenössische Kunst, Entgrenzung, Installation, Performance, Grenzüberschreitung, Ästhetik, performative Wende, Gesamtkunstwerk, Marina Abramović, Peter Eisenman, Erfahrung, Grenzsituation, Schwelle, Identität, philosophischer Erkenntnischarakter.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Bestreben zeitgenössischer Kunst, traditionelle Gattungsgrenzen zu durchbrechen und die Trennung zwischen Kunst und Leben zugunsten einer unmittelbaren Erfahrung aufzuheben.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die philosophische Begriffsbestimmung von Grenze, die Rolle der räumlichen Gestaltung in Installationen und die radikale leibliche Präsenz in der Performancekunst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die philosophische Legitimation und Bedeutung von Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst zu erörtern und zu hinterfragen, ob diese Entwicklungen ein Ende der Kunst oder eine neue Form der Welterfahrung darstellen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-ästhetische Diskursanalyse, gestützt auf Theorien von Denkern wie Liessmann, Fischer-Lichte, Heidegger und Jaspers, ergänzt durch exemplarische Fallstudien.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Untersuchung der Installation, illustriert am Denkmal für die ermordeten Juden Europas, sowie der Performancekunst anhand von Marina Abramovićs Werk "Lips of Thomas".
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit am besten?
Schlüsselbegriffe sind "performative Wende", "Grenzüberschreitung", "Gesamtkunstwerk" sowie die Dialektik zwischen "Grenze" und "Schwelle".
Wie unterscheidet sich die im Text analysierte Performance von klassischer Kunst?
Anders als bei traditioneller Kunst, bei der der Betrachter eine distanzierte Rolle einnimmt, wird das Publikum in der Performance durch den Schock und die körperliche Radikalität der Künstlerin zum aktiven, mitverantwortlichen Akteur.
Warum wird das Holocaust-Denkmal von Peter Eisenman als "totale Installation" bezeichnet?
Es wird so bezeichnet, weil der Architekt durch die strenge Anordnung der Stelen den Betrachter räumlich komplett vereinnahmt und dessen physische sowie psychische Selbstkontrolle gezielt beeinflusst.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Schwelle" in der Schlussbetrachtung?
Der Begriff der Schwelle dient als positive Alternative zum starren Grenzbegriff, da Schwellen eher als Übergänge verstanden werden, die Kunst und Leben verbinden und neue Diskursräume eröffnen.
- Arbeit zitieren
- Nicole Kaczmar (Autor:in), 2015, Philosophie der zeitgenössischen Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539682