Didaktisierung einer Kurzgeschichte für den Spanischunterricht am Beispiel "Un ruido extraño" von Juan Eduardo Zúñiga


Hausarbeit, 2017

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abstract

1. Einleitung

2. Literarische Verortung

3. Zusammenfassung

4. Analyse
4.1 Narratologie
4.1.1 Zeit
4.1.2 Modus
4.1.3 Stimme
4.1.4 Synthese
4.2 Textschwierigkeiten
4.2.1 Explizite Merkmale
4.2.2 Voraussetzungen
4.2.3 Leerstellen und Inkohärenzen

5 Didaktisches Potenzial
5.1 Allgemeines Potenzial
5.2 Aufgabenbeispiele
5.2.1 Aufgaben zu Beginn einer Unterrichtssequenz
5.2.2 Aufgaben in der Erarbeitung
5.2.3 Aufgaben am Ende einer Unterrichtssequenz

6. Fazit

7. Literatur

Abstract

El trabajo presente entrega un análisis del relato corto “Un ruido extraño” de Juan Eduardo Zúñiga y presentar posibles vías de tratar el cuento en clase de español. Para este fin serán recopilados y sintetizados ejercicios relacionados con el cuento cuyas funciones se presentarán de manera integrada. El trabajo ha dado que, a pesar de sus cargas atípicas alegóricas, la obra de Zúñiga es atribuida generalmente a la Generación de los cincuenta. El cuento Un ruido extra ñ o trata de un soldado de la guerra civil española que entra en una casa desierta a causa de un ruido de origen indeterminado. Este personaje persigue a una persona desconocida a través de toda la casa, para luego ayudarla a escaparse del sótano dónde la persona se ve atacada por una muchedumbre de ratas agresivas. Las características narrativas del cuento son variables, dado que el narrador se distingue por sus rasgos dinámicas que parcialmente pueden incluir una narración poco fiable. Más allá de esto, la narración supone una alta afectación del lector por su estilo directo. Se hallaron varios posibles obstáculos de recepción para alumnos alemanes, aunque se puede compensar tales con un sistema de apoyo y un enfoque que se concentre en las condiciones y disposiciones del alumnado. Los ejercicios creados en el trabajo presente incluyen tareas para el inicio, la elaboración y la conclusión de una unidad que trate la guerra civil española. Dichos fomentan tanto la comprensión lectora, la capacidad de plantear una hipótesis, las habilidades analíticas y creativas como planteamientos afectivos y cambios de perspectiva. Por último, se evalúa que el cuento sea apropiado para un tratamiento en clase, dado que brinda causas de iniciar actividades orales o escritos y revela un gran potencial afectivo. Sin embargo, antes de plantear el tratamiento del cuento hay que reflexionar con todo detalle a qué fin y de qué manera se realizará dicho tratamiento.

1. Einleitung

Die Thematisierung „großer“ literarischer Werke aus der Zielsprache besitzt seit jeher eine bedeutende Stellung im Fremdsprachenunterricht. Traditionell wird als Rechtfertigung dieser von SuS oftmals als ermüdend empfundener Unterrichtsweise die Vermittlung der „geistigen Traditionen der Zielsprachenkultur“ (Sommerfeldt 2015: 151). Dass die Besprechung der partiell für SuS wenig zugänglichen literarischen Texte aus Gründen der Schülerorientierung häufig in der Muttersprache erfolgt, stellt einen Bruch mit dem modernen Dogma, dass Fremdsprachenunterricht die Förderung von kommunikativer und interkultureller Kompetenz (Steinbrügge 2016: 110) intendiert, dar. Darüber hinaus haben auch Ansätze, welche im Sinne einer pragmatischen Sichtweise Literatur zur Schulung von Vokabel- und Grammatikwissen verwenden, ihre Anwendung gefunden. In der Folge des skizzierten Fremdsprachenunterrichts, der überwiegend auf kulturelles und sprachlich-theoretisches Wissen fokussiert ist, resultieren Sprachkenntnisse, mit denen zwar die höchsten Sphären der jeweiligen Literaturtradition erschlossen werden können, ein Alltagsgespräch jedoch kaum möglich ist. Nachdem die Unzulänglichkeit eines solchen Fremdsprachenunterrichts in den 1960er Jahren ins Zentrum des fremdsprachendidaktischen Diskurses gerückt ist, erfolgte eine Umorientierung auf einen stärker durch Sachtexte geprägten Fremdsprachenunterricht (Sommerfeldt 2015: 151).

Inzwischen haben literarische Texte wegen verschiedener Alleinstellungsmerkmale ihren Weg zurück in den Fremdsprachenunterricht gefunden. Das Ziel von Literaturbehandlung ist nicht mehr – wie vormals – die Vermittlung eines festen kulturellen Wissensbestandes oder einer dogmatischen Interpretation. Vielmehr konstituieren literarische Texte eine besondere Gattung von authentischen Texten, die sich durch ihren fiktionalen Charakter substanziell von Sachtexten unterscheiden. So ermöglichen durch eine Identifikation ein affektives Ansprechen der SuS sowie den Vollzug eines Perspektivwechsels und im Rahmen besonderer Lernerlebnisse vielfältige Sprech- und Schreibanlässe.

Vor dem Hintergrund der dargestellten Entwicklung setzt die vorliegende Arbeit an, indem Sie die Kurzgeschichte Un ruido extra ño von Juan Eduardo Zúñiga hinsichtlich narratologischer Merkmale und möglicher Textschwierigkeiten analysiert sowie verschiedene Aufgaben zu einer Didaktisierung kontextgebunden vorstellt und erläutert. Abschließend wird diskutiert, ob und inwiefern sich die Kurzgeschichte für eine Behandlung im Spanischunterricht eignet und welche einschränkenden oder hemmenden Faktoren bei einer Thematisierung beachtet werden müssen.

2. Literarische Verortung

Das Werk Juan Eduardo Zúñigas lässt sich nicht ohne Weiteres und eindeutig den Kategorien der spanischen Literatur zuordnen. Sanz Villanueava (2012: 25-26) ordnet den Madrilenen aufgrund seines politisch linksgerichteten Aktivismus und dezidierten Antifrankismus der Generación de los cincuenta zu. Obwohl der ethisch-moralische Hintergrund Zúñigas sicher mit demjenigen der genannten Gruppe übereinstimmt, lassen sich hinsichtlich der ästhetischen Gestaltungsmerkmale profunde Differenzen zur Generación de los cincuenta finden. Während sich in den 1960er Jahren der realismo testimonial im Aufschwung befindet, publiziert Zúñiga zwar politische, jedoch allegorische und somit dem Realismus quasi diametral gegenüberstehende Literatur. Gleiches lässt sich für die im Rahmen dieses Beitrags thematisierte Erzählung Un ruido extra ño (1980) konstatieren. Ihre allegorische bzw. symbolische Aufladung hebt sich deutlich von der Mehrheit der zeitgenössischen Literatur sozial-realistischer Prägung ab. So resümiert Sanz Villanueva „ sería dificultad para inscribir su figura en nuestra historia literaria, imposible de encajar en grupos, tendencias o generaciones específicos” (zitiert nach Cogotti 2015: 30).

3. Zusammenfassung

Die Kurzgeschichte Un ruido extra ño von Juan Eduardo Zúñiga handelt von einem Soldaten, der durch das vom spanischen Bürgerkrieg (1936-1939) verwüstete, menschenleere Madrid läuft und auf seinem Weg von einem Geräusch unbekannter Herkunft zu einer heruntergekommenen Villa gelockt wird. Der Protagonist betritt den verwilderten Garten des Anwesens und kann die Hände einer Person, die Wasser aus einem Brunnen heraufzieht und dadurch den schrillen Ton verursacht, erkennen. Durch ein Geräusch, dass die Hauptperson unwillentlich auslöst, wird der Unbekannte auf ihn aufmerksam und flieht rasch in den Keller der Villa, wohin der Soldat ihm folgt. Der Protagonist eilt dem Flüchtenden durch die zahlreichen demolierten und verschmutzten Räume nach, kann ihn jedoch kein weiteres Mal zu Gesicht bekommen. Im Laufe der Jagd nach dem Fremden trifft der Soldat im Haus auf eine große Menge Katzen und wird aufgrund der bedrohlichen Atmosphäre des Gebäudes und des Schrecks, den ihm sein eigenes Spiegelbild beschert zunächst angespannt, später fühlt er sich zunehmend bedroht und wird panisch. Schließich betritt er erneut den dunklen Keller, wo er die erste verschlossen vorgefundene Tür mit Gewalt öffnet, obwohl er durch den dabei abgegebenen Pistolenschuss zurückweicht. Aus dem nun offenen Raum dringen Ratten von enormer Größe, die durch die Detonation aufgeschreckt worden sind. Der Protagonist vernimmt ein weiteres Geräusch aus dem Innern des Raums und betritt ihn schließlich. Er nimmt eine Person wahr, die von den aggressiven Ratten attackiert wird und sich ihrer nur mühsam erwehren kann. Während auch der Soldat von den Ratten angegriffen und gebissen wird, befiehlt er dem Unbekannten, schnell den Keller mit ihm zu verlassen. Beide erreichen schließlich den Garten, wo die Ratten von ihnen ablassen. Der gerettete junge Mann, der sich in einem bedauernswerten Zustand befindet, ist verängstigt und führt ein kurzes Gespräch über das Haus und den Krieg mit dem Protagonisten, dessen Gedanken anschließend widergegeben werden. Der Soldat reflektiert über den Krieg und die unglückliche Situation des ganzen Landes, während er seine von den Rattenbissen blutigen Hände betrachtet.

4. Analyse

4.1 Narratologie

4.1.1 Zeit

4.1.1.1 Ordnung

Die Ordnung der vorliegenden Erzählung ist eine chronologische, da der Anfang der Kurzgeschichte zu Beginn und ihr Ende am Schluss erzählt werden. So beginnt die Erzählung ebenso wie die erzählte Begebenheit mit dem Geräusch, das der Protagonist bemerkt, berichtet anschließend über die Verfolgung in der verlassenen Villa und gibt schließlich das Ende der Verfolgung sowie die abschließenden Gedanken des Soldaten wider. Lediglich der wenige Worte umfassende Einschub der Kindheitserinnerung des Protagonisten (S. 50) könnte als Analepse aufgefasst werden, auch wenn die assoziierte Erinnerung durch die Ähnlichkeit des Geräusches kontextgebunden ist und die Wahrnehmung des Geräusches zur Erlebnisgegenwart des Erzählers gehört. Der Umfang des Einschubs ist ein geringer, wohingegen die Reichweite der externen, partiellen Anachronie mehrere Jahre bis Jahrzehnte, je nach gegenwärtigem Alter des Protagonisten, umfasst. Ebenso kann der Einschub als Kurzform einer aufbauenden Rückwendung (Martínez & Scheffel 2016: 38) gesehen werden, da der Erzähler widergibt, weshalb ihn das Geräusch daran erinnert, dass jemand von einer Treppe fällt.

Eine partielle, interne Prolepse geringen Umfangs und geringer Reichweite stellt der Wunsch des Protagonisten, so schnell wie möglich zurück in der Straße zu sein (S. 50), dar. Da es sich um einen Wunsch handelt, liegt der Typus einer zukunftsungewissen Vorausdeutung (Martínez & Scheffel 2016: 40) vor.

4.1.1.2 Dauer

Das Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit der Kurzgeschichte weist kein einheitliches Verhältnis auf, da sich ein Wechsel von zeitraffendem und zeitdehnendem Erzählen feststellen lässt. Bereits im ersten Abschnitt der Erzählung können beide Formen beobachtet werden. So ist es zeitraffend, wenn das Beschreiten einer gesamten Straße in nur einem Satz dargestellt wird. Im Anschluss daran liegt eine zeitdehnende Erzählweise vor, da die Madrider Abenddämmerung detailliert beschrieben wird. Der Dialog am Ende der Kurzgeschichte kann dem szenischen Erzählen zugeordnet werden. Auf globaler Ebene finden sich jedoch keine großen Zeitraffungen oder -dehnungen, die die Dauer von wenigen Minuten überschreiten. Ebenso wenig liegen Ellipsen vor, da alle Handlungen explizit erzählt werden. Aufgrund der Kürze der vorhandenen Einschübe handelt es sich bei den zu findenden Beschreibungen kaum um Pausen, sondern geringe Zeitdehnungen.

4.1.1.3 Frequenz

Hinsichtlich der Frequenz kann konstatiert werden, dass der Großteil des Werkes dem singulativen Erzählen zugehörig ist, da in anekdotischer Form das widergegeben ist, was sich ereignet. In kurzen Abschnitten lässt sich jedoch ein repetitiver Erzählductus feststellen. So berichtet der Erzähler beispielsweise nur einmal davon, dass er zahlreiche Räume (S. 51) durchschritten hat.

4.1.2 Modus

4.1.2.1 Distanz

Da die vorliegende Kurzgeschichte sowohl Handlung als auch dia- und monologische Elemente beinhaltet, muss hinsichtlich der Distanz zwischen der Erzählung von Ereignissen und der Erzählung von Worten und Gedanken unterschieden werden.

Die Erzählung von Ereignissen in der Kurzgeschichte zeichnet sich durch variable Charakteristika aus. So ist die Kurzgeschichte partiell durch eine Narration geprägt, welche dem dramatischen Modus entspricht, da der Erzähler in einer Art Selbstvergessenheit (Martínez & Scheffel 2016: 53) zurücktritt und so durch eine unmittelbare Erzählweise einen Realitätseffekt erzielt. Als Beispiel kann S. 46-47 dienen, da hier die Beschreibung der Abenddämmerung und der zerstörten Straßen scheinbar zeitgleich mit der Wahrnehmung und in unmittelbarer Weise präsentiert wird. An anderen Stellen, die durch eine geraffte Erzählweise charakterisiert sind, berichtet der Erzähler in einer resümierenden Weise („ Crucé por tantas habitaciones que […] “, S. 51) und baut somit eine Distanz zum Erzählten auf, wodurch ein gegenteiliger als der zuvor thematisierte Effekt erzielt wird. Auf globaler Ebene überwiegt jedoch deutlich die zuvor skizzierte unmittelbare Erzählweise.

Die Erzählung von Worten und Gedanken ist ebenfalls durch Diversität geprägt. Im abschließenden Gespräch wird der Dialog in fast dramatischer Weise widergegeben, da partiell auch die verba dicendi fehlen („¿ Me va a matar ?“, S. 58). An anderer Stelle sind diese Verben eingefügt („ Vaya carrera, ¿eh? – le dije “, S. 58), sodass eine Mischform von autonomer direkter Figurenrede und direkter Figurenrede, eine zitierte Figurenrede, (Martínze & Scheffel 2016: 54) vorliegt. Der Gedanke „ ¿Qué hará ese allí? “ (S. 48) belegt Ähnliches für die gedankliche Rede. Auch das Komplement der dramatischen Erzählung, die narrative Erzählung bzw. auf gedanklicher Ebene der Bewusstseinsbericht, lässt sich in der Kurzgeschichte finden. „ No debía extra ñarme y me extra ñé.“ (S. 47) – hier wird berichtet, dass der Erzähler sich wundert, obwohl er es nicht hätte tun sollen. Worüber oder weshalb er sich wundert bzw. warum er sich nicht hätte wundern sollen, wird in diesem narrativen Modus nicht erwähnt, sondern lediglich der gedankliche Akt des Sich-Wunderns. Eine solche Narration baut im Gegensatz zur dramatischen Erzählung eine größere Distanz auf, da sie nicht durch Unmittelbarkeit geprägt ist. Ebenso überschreitet sie die situative Perspektive der Figur, da diese in dem Moment nicht zu einer solchen Reflexion fähig ist. Gleiches gilt für die Aussage: „ En vez de tranquilizarme, verme en el espejo me inquietó más, me reveló como un ser raro, como un loco o un asesino” (S. 53). Das Faktum, dass der Erzähler so angespannt ist, wie er berichtet, hindert ihn daran, sich über seine eigene Beunruhigung im Klaren zu sein. Diese Reflexion kann nur in nachgelagerten Betrachtungen gemacht werden und erhöht die Distanz zum Geschehen. Dies wird jedoch durch Worte wie „ ya “ (S. 53) relativiert, da diese die augenblickliche Perspektive des Erzählers und somit Unmittelbarkeit suggerieren. Es lassen sich also partiell Erzählweisen mit konträren vermuteten Effekten auf den Leser konstatieren.

Im Anschluss an den oben zitierten Akt des Sich-Wunderns vollzieht sich ein Wechsel in die erlebte Rede: „ Algunas veces subían hasta allí los de la Brigada a buscar una silla o a husmear por las casas vacías […] “ (S. 48). Es ist unzweifelhaft erkennbar, dass keine Handlung, sondern Gedanken des Protagonisten wiedergegeben werden, die der Erzähler nahtlos in den Bericht integriert. Der Wechsel zwischen Bewusstseinbericht und erlebter Rede erlaubt eine große Beweglichkeit des Erzählens (Martínez & Scheffel 2016: 62). Ein kurzer Innerer Monolog liegt vor, während der Erzähler mutmaßt, um wen es sich bei dem Flüchtenden handelt: „ Si hubiera sido un soldado no hubiera huido. “ Die Aussage ist durch große Unmittelbarkeit geprägt, da der Erzähler durch seine Spekulationen zu erkennen gibt, dass auch er nicht über den Ausgang der Geschichte informiert ist.

4.1.2.2 Fokalisierung

In Bezug auf die Perspektive der Narration lässt sich zum großen Teil eine interne Fokalisierung feststellen, da nur jenes erzählt wird, was die Figur erlebt bzw. weiß. Dies äußert sich beispielsweise darin, dass der Erzähler sich einredet, dass er keine Katzen verfolgt: „ Pero a quien yo perseguía no era un gato “ (S. 52). Ein Erzähler, der mehr weiß, als die Figur, würde sich diese Frage sicherlich nicht stellen, da er bereits die Hände des Verfolgten gesehen hat. Dennoch finden sich auch Passagen, die belegen, dass der Erzähler mehr weiß, als die Figur: „ […] me llegó un olor extra ño, desagradable, que quise recordar de otras veces “ (S. 51). Hier liegt eine Nullfokalisierung vor, da die Figur im Moment der Verfolgung nicht weiß, dass sie in der Zukunft versuchen wird, sich an den unangenehmen Geruch zu erinnern. Global gesehen liegt dementsprechend eine variable Fokalisierung vor, jedoch ist die interne Fokalisierung dominant, da nur an wenigen Stellen evident wird, dass der Erzähler partiell mehr weiß, als die Figur.

4.1.3 Stimme

4.1.3.1 Zeitpunkt

Da in der Kurzgeschichte die Tempora indefinido und imperfecto verwendet werden, liegt zweifelsohne der Typus des späteren Erzählens vor. Davon zeugen Aussagen wie: „ Sin pensarlo bien – lo que en realidad debía haber hecho […]” (S. 49), welche belegen, dass der Erzähler bereits Zeit hatte, sich mit dem Erlebten reflexiv auseinanderzusetzen und eine Haltung zum Geschehenen zu entwickeln. Dies ist bei gleichzeitigem oder früheren Erzählen noch nicht möglich. Hinsichtlich des zeitlichen Abstandes liegen jedoch keine klaren Indizien vor, sodass lediglich konstatiert werden kann, dass der Abstand so groß sein muss, dass der Erzähler Zeit hatte, über das Geschehene zu reflektieren.

4.1.3.2 Ort des Erzählens

Da es keine Binnenhandlung gibt, liegt eine extradiegetische Narration vor. Lediglich der kurze Einschub, in dem von den Kindheitserinnerungen berichtet wird, an die der Protagonist beim Hören des Geräusches denkt (S. 50), kann als intradiegetische Handlung in kürzester Form angesehen werden.

4.1.3.3 Stellung des Erzählers zum Geschehen

Der Erzähler ist homodiegetischer und autodiegetischer Natur, da er gleichzeitig den Protagonisten der erzählten Geschichte konstituiert. Während der erzählte Erzähler jener Soldat ist, der im Haus einen unbekannten jagt, ist der erzählende Erzähler die gleiche Person, die sich gedanklich von der eigenen Person der Erzählung absetzen und diese reflektieren kann, zu einem undefinierten späteren Zeitpunkt. Somit liegt ein dissonanter Erzähler vor.

4.1.3.4 Subjekt und Adressat des Erzählens

Der Erzähler gibt keine expliziten Informationen zu seiner eigenen Person oder dem intendierten Adressaten der Erzählung an, insofern wird die Narration von einem extradiegetischen Erzähler vollzogen.

4.1.4 Synthese

An dieser Stelle der Erzählanalyse sollen weitere Bemerkungen aufgeführt werden, die sich zum Erzähler der Kurzgeschichte machen lassen. So ist hinzuzufügen, dass es sich bei der Geschichte um einen dynamischen Erzähler handelt, dessen Zuverlässigkeit im Laufe der Erzählung abnimmt, da er von den Handlungen im Bericht selbst beeinflusst wird. Da ein späteres Erzählen vorliegt, liegt keine direkte Beeinflussung vor, sondern die Erinnerung des Erzählers ist durch die Geschehnisse der Geschichte beeinflusst. So ist der Erzähler zu Beginn der Geschichte als zuverlässig einzustufen, was seine präzisen, detaillierten Beschreibungen der Stadt (S. 46-47) belegen. Er tritt selbstbewusst auf, indem er den Verfolgten ruft: „ Entonces fue cuando grité por primera vez. “ (S. 49). Die Auswirkungen des Schreis, der durch sein Spiegelbild ausgelöste Schreck und die allgemeine Atmosphäre des Anwesens verändern jedoch den Erzähler dahingehend, dass er verängstigt ist und sich zunehmend bedroht fühlt. So wird er selbst zum Flüchtenden: „ perseguidor o perseguido “ (S. 53), „ huyendo del miedo “ (S. 53). Dass der Protagonist im Keller der Villa nicht in der Lage ist, eindeutig zu beschreiben, wie die angegriffenen Person aussieht, belegt, dass seine Wahrnehmung durch die Vorkommnisse im Haus beeinflusst worden ist: „ una mujer vestida de verde “ (S. 56), „ era un viejo, tenía la barba crecida […] “ (S. 56), „ comprendí que era un hombre joven sin afeitar, con bigote lacio […]” (S. 57).

Ein weiteres Merkmal des Erzählers ist sein Erzählductus, der durch verschiedene Charakteristika geprägt ist. So zeichnet er sich zu Beginn der Kurzgeschichte durch seine präzisen Beschreibungen (S. 46) aus, verwendet jedoch auf an einigen Stellen eine derbe Sprache: „ o lo que fuera “ (S. 49), „ que demonios “ (S. 52) und „ maldito “ (S. 53).

Resümierend kann konstatiert werden, dass die Narration der vorliegenden Kurzgeschichte äußerst variabel ist, da sich zahlreiche Komponenten der Erzählanalyse nur für Abschnitte eindeutig bestimmen lassen. All diese Variabilität und Unklarheit trägt dazu bei, die bedrückende und bedrohliche Atmosphäre, die der Protagonist in dem verwüsteten Haus erlebt, als Leser nachzuempfinden, wodurch Inhalt und Form in der Kurzgeschichte eng miteinander verzahnt sind und ineinandergreifen.

4.2 Textschwierigkeiten

Die Schwierigkeit eines literarischen Textes kann anhand von zwei Merkmalen näherungsweise bestimmt werden. So sind zum einen explizite Merkmale des Textes selbst – wie beispielsweise seine Komplexität auf unterschiedlichen Ebenen – von Bedeutung. Zum anderen ist, das, was sie hinsichtlich des Vorwissens an den Leser voraussetzen, ein Element, das die Lektüre erleichtern oder erschweren kann (Köster 2005: 34). Im Folgenden wird die behandelte Kurzgeschichte entsprechend beider Kategorien sowie in Bezug auf Leerstellen und Inkohärenzen analysiert und eventuell vorhandene Schwierigkeiten werden herausgearbeitet.

4.2.1 Explizite Merkmale

Der Aufbau der Handlung ist linear und dreht sich um ein ohne weiteres zu konstruierendes Problem, das, abgesehen vom Kontext der zerstörten Stadt, sogar eine gewisse Alltagsnähe enthält. Dennoch verschiebt sich das Problem im Laufe des Textes bzw. es gibt Komplikationshandlungen, sodass nicht mehr allein die Neugierde, sondern auch andere Regungen im Protagonisten für das Fortschreiten der Handlung relevant werden. Zu diesen zählt beispielsweise das zunehmende Gefühl einer Bedrohung, das der Erzähler nicht explizit erwähnt und somit für manche SuS schwierig zu fassen und nachzuvollziehen sein könnte. Das Problem der Ratten hingegen besitzt eine eindeutige ästhetische Evidenz und dürfte sich vielen SuS ohne Hindernisse erschließen. Ebenso lässt sich die Handlung eindeutig rekonstruieren.

Hinsichtlich der ästhetischen Evidenz kann auch für zahlreiche weitere Aspekte der Geschichte eine unproblematische Rezeption der SuS inferiert werden. Dies gilt beispielsweise für zahlreiche Beschreibungen von Madrid oder dem Anwesen sowie dem Schreck, den dem Protagonisten sein eigenes Spiegelbild einjagt. Dem gegenüber stehen beispielsweise die Katzen und das abschließende Symbol der blutenden Hände, deren Interpretation aufgrund ihrer Mehrdeutigkeit sicherlich verschiedene Ansätze zulässt und somit den Schwierigkeitsgrad des Textes tendenziell erhöht (Leubner & Sauper 2008: 236).

Aspekte, die auf einen eher weniger schwierigen Text hindeuten, sind die gleichbleibende Perspektive und die eher parataktisch gestaltete Syntax der Kurzgeschichte. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass die Narration – wie bereits dargelegt – sehr vielschichtig ist und unter Umständen zu rezeptiven Problem führen kann, da nicht immer eindeutig unterschieden werden kann, ob es sich um eine Handlungsbeschreibung oder Gedanken des Erzählers oder der Figur handelt.

Die Deutung des allegorischen Schlusses der Geschichte erhöht ebenfalls die textimmanenten Schwierigkeiten. So können die abschließenden Gedanken des Protagonisten sicherlich variabel interpretiert werden und sich für einige SuS als schwierig gestalten.

4.2.2 Voraussetzungen

Die Voraussetzungen des Textes muten gegenüber den expliziten Merkmalen weniger rezeptionserschwerend an. So ist historisches Wissen über den spanischen Bürgerkrieg und die Belagerung von Madrid durch die franquistas zwar hilfreich für das Verständnis der Kurzgeschichte, jedoch nicht obligatorisch für ihre Durchdringung. Auch ohne entsprechende historisches Kontextwissen ist dem Leser durch entsprechende Worte wie beispielsweise cartucho (S. 47), Brigada (S. 48), soldado (S. 48) und pistola (S. 52) klar, dass der Text im Zusammenhang des Krieges situiert ist. Darüber hinaus können die abschließenden Reflexionen nicht ausschließlich auf das vom Bürgerkrieg heimgesuchte Spanien, sondern ebenso auf jedes Land, das vom Krieg verwüstet und ausgezehrt ist, übertragen werden. Die dem Allgemeinwissen zugehörigen Kenntnisse darüber, was im Krieg passiert und welche Konsequenzen die meisten Kriege nach sich ziehen, dürften der überwiegenden Zahl durchschnittlicher SuS bekannt sein. Da der Zusammenhang und mögliche Deutungen des Textes übertragbar sind, ist kein kulturspezifisches Wissen über Spanien notwendig. Dennoch kann es hilfreich sein und das Verständnis des Textes erleichtern, wenn der Leser, weiß, dass die Straße Benito Gutiérrez in Madrid liegt und welche Bedeutung das belagerte Madrid im spanischen Bürgerkrieg einnahm. Darüber hinaus lassen sich keine intertextuellen Bezüge feststellen, die für das Verständnis der Geschichte obligatorisch sind. Dennoch lässt sich die Kurzgeschichte durch die gemeinsame Thematisierung von Ratten mit Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte Nachts schlafen die Ratten doch assoziieren und stilistisch sowie thematisch lassen sich Übereinstimmungen mit der deutschen Trümmerliteratur (Jeßing 2008: 225-226 ; Ruffing 2013: 246-255) finden. Da die genannte Kurzgeschichte Borcherts zum Kanon zahlreicher deutscher Lehrpläne gehört, kann davon ausgegangen werden, dass Thematik und Situierung von Un ruido extra ño einigen SuS schon bekannt sind und sie Bezüge herstellen können. Des Weiteren ist es zur ungehinderten Rezeption und Interpretation hilfreich, mit zentralen Gattungsmerkmalen der Kurzgeschichte vertraut zu sein. Auch hier gilt jedoch, dass dies keine zwingende Voraussetzung ist.

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Didaktisierung einer Kurzgeschichte für den Spanischunterricht am Beispiel "Un ruido extraño" von Juan Eduardo Zúñiga
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V539735
ISBN (eBook)
9783346155566
ISBN (Buch)
9783346155573
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beispiel, didaktisierung, eduardo, juan, kurzgeschichte, spanischunterricht, zúñiga
Arbeit zitieren
Hendrik Bergers (Autor), 2017, Didaktisierung einer Kurzgeschichte für den Spanischunterricht am Beispiel "Un ruido extraño" von Juan Eduardo Zúñiga, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539735

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