Das Motiv der Fortuna in "Cardenio und Celinde" von Andreas Gryphius. Cardenios Flucht vor Verantwortung


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Motiv der Fortuna und des Seesturms in Cardenios Erzählung zur Vorgeschichte
2.1 Definition des Fortuna-Begriffs
2.2 Das Rad der Fortuna
2.3 Der Seesturm-Topos

3. Cardenio und Fortuna
3.1 Cardenio im Rad der Fortuna
3.2 Die Ursache für das Auf und Ab in seinem Leben
3.3 Der Wandel Cardenios

4. Die Funktion der Tyche

5. Das Fortuna-Motiv im heutigen Kontext

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Der Begriff der Fortuna zieht sich in der Literatur, so wie in Kunst, Musik und Philosophie seit der Antike durch verschiedene Epochen und damit auch durch unzählige literarische Werke. So wird auch in Andreas Gryphius‘ „Cardenio und Celinde“ von „Glück“ und „Unglück“, oder auch „Verhängüß“ gesprochen.1Das Trauerspiel handelt von den vier Liebenden Cardenio, Celinde, Olympia und Lysander. Während anfangs noch Cardenio und Olympia ein Liebespaar sind, heiratete Olympia später Lysander. Cardenio stürzt sich aufgrund seiner gescheiterten Beziehung in eine Affäre mit Celinde. Alle geraten durch ihre übersteigerte Liebe in einen Wahn, der sie irrational handeln lässt und ihnen jegliche Selbstreflexion nimmt.

„Schaw aber wie auch hier mein Ungluͤck mich verletzte […].“2berichtet Cardenio in der ersten Abhandlung seinem geheimen Freund Pamphilius und bezieht sich damit auf die Glücks- und Schicksalsgöttin Fortuna, welche von elementarer Wichtigkeit für die Handlung und das Handeln der Personen selbst ist und durch die Gestalt der Tyche auch personifiziert auftritt.

Im Folgenden werde ich das Motiv der Fortuna in „Cardenio und Celinde“ in Bezug auf Cardenios Wahn, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben, analysieren. Dabei beziehe ich mich vor allem auf Nicola Kaminskis „Der Liebe Eisen=harte Noth“. Sie spricht von „zweifelnden, oft verzweifelnden Menschen“3, die Erfahrungen sammeln, welche oft nicht mit der christlichen Welt zu vereinbaren sind und zu willkürlich für eine göttliche Tat erscheinen.4Zu diesen Menschen kann man auch Cardenio zählen. Auch er hat das Gefühl „wahllos auf dem Rad der Fortuna zu steigen und zu fallen“5und keine Macht über den Verlauf seines Lebens und seine zum Scheitern verurteilte Liebe zu haben.6Wie viel Wahrheit in dieser Auffassung steckt, möchte ich hier auf den Grund gehen.

2. Das Motiv der Fortuna und des Seesturms in Cardenios Erzählung zur Vorgeschichte

Die erste Abhandlung des Werkes wird eingeleitet durch Cardenios Entschluss Bologna zu verlassen. In seiner Erklärung an seinen Freund Pamphilius, wie er zu diesem Entschluss kam und welche vergangenen Ereignisse ihn dazu bewegt haben, kommt er besonders häufig auf den Seesturm als Metapher für sein Leben und der Fortuna zugeschriebenen Attributen wie Glück und Unglück zurück. In den nachstehenden Absätzen werden beide Begrifflichkeiten erläutert.

2.1 Definition des Fortuna-Begriffs

Die ursprüngliche Gestalt der Fortuna stammt aus dem Italien römisch-republikanischer Zeit. Sie war die Göttin des Zufalls und wurde vor allem als glücklicher und positiver Zufall verstanden. Im alten Rom galt sie zudem noch als Göttin von Überfluss und glücklichem Gewinn, und sogar Fruchtbarkeit und Kindersegen. Verehrung erfuhr sie sowohl größtenteils von dem ärmeren Teil der Bevölkerung, als auch von Sklaven. Unter dem Titel „Fortuna publica populi Romani Quiritium primigenia“ wurde sie zur römischen Nationalgöttin.7Als diese lateinische Fortuna-Tradition um die der griechischen Schicksalsgöttin Tyche ergänzt wurde, veränderte sich das Motiv der Glücksgöttin nachhaltig. Tyche stammt aus dem etymologischen Kontext von „tynchánein“, was so viel wie „sich zufällig ereignen“ heißt. Bei Tyche spielt also das Glück keine Rolle, sie ist viel eher eine Schicksalsgöttin und wird als „unberechenbare, blind waltende Kraft“8beschrieben, die die Bestimmung der Menschen steuert. Sie wird für die Auf-und-ab-Bewegung des Glücks im Leben verantwortlich gemacht. Tyche wird, nachdem die olympischen Götter in Griechenland immer mehr an Bedeutung verloren, große kultische Verehrung zuteil. Ihr werden ähnliche Kennzeichen wie Fortuna zugeschrieben, wie das Füllhorn oder auch ein Steuerruder. Diese Attribute verändern sich teilweise über die Jahrhunderte, aus dem Steuerruder wird beispielweise Segel und Mast, aber ihre Intention bleibt dieselbe.9An diesen maritimen Objekten kann man die Verbindung zum gerade in der Literatur oft verwendeten Seesturmtopos erkennen, auf den ich noch genauer eingehen werde. Sowohl Tyche als auch Fortuna sind in ihren Eigenschaften und Beschreibungen oft damit verbunden.

Schon im Unterschied zwischen den Worten Glück und Schicksal lässt sich erkennen, dass die beiden Göttinnen sich zwar sehr ähnlich sind, aber ihre Macht doch ganz anders zum Ausdruck bringen. Während die lateinische Fortuna den Menschen Glück gewährt und Freude im Leben bringt, sich also ganz und gar positiv verhält, agiert Tyche doch sehr launisch, mal positiv, mal negativ, wenn es um menschliche Geschicke geht. Dargestellt wird dies oft durch das bekannte Rad der Fortuna. Sie trägt jemanden auf ihrem Rad hoch, bis an den höchsten Punkt, und lässt ihn dann scheinbar rein willkürlich von dort wieder nach unten fallen. Auch wird sie oft auf einer Kugel dargestellt, welche ihre eigene Unbeständigkeit darstellen soll.10

Es ist also kein Wunder, dass das Fortuna-Motiv, seitdem es im Hellenismus mit Tyche für immer zusammengewachsen ist, in späteren Epochen immer negativer aufgefasst wird. Sie erscheint nicht mehr als Göttin des Glücks, sondern wird mit willkürlichen und zufälligen Handlungen verbunden.11

Einen weiteren Wandel machte das Fortuna-Motiv mit den „Consolatio Philosophiae“ von der antiken zur christlichen Fortuna. Sie unterscheiden sich grundlegend voneinander. Der christlichen Fortunagestalt fehlt praktisch ihre gesamte Macht und nur wer die göttliche Vorsehung nicht erkennt, wird ihr Handeln für willkürlich halten.12Boethius, der Autor des Werkes, sieht Fortunas Wirken nicht als zufällig, sondern als klare Absicht. Denn sie ist eigentlich nur eine Art verlängerter Arm Gottes, durch den er die Menschen zur Selbstbestimmung zwingt, indem er Fortuna nehmen lässt, was er sie hat geben lassen. Er lässt durch ihre scheinbare Willkür erkennen, dass das weltliche Glück vergänglich ist, während wahre Glückseligkeit nur bei Gott selbst zu finden ist. Ihre Unbeständigkeit gehört zu Gottes Plan und ihr Rad trägt und stürzt mit Absicht im Sinne der providentia Dei.13

Ab dem Ende des 14. Jahrhunderts wird das doppeldeutige und verwirrende Wesen der Fortuna immer wichtiger, während die Darstellung mit Rad etwas in Vergessenheit gerät. Ihr widersprüchlicher Charakter wird oft durch eine helle und eine dunkle Seite der Göttin dargestellt. Während die eine Seite eine freundliche, junge und wunderschöne Frau mit lockigem Haar zeigt, wird ihre andere Seite oft als hässliche, glatzköpfige Alte mit finsterem Blick dargestellt.14

In der barocken Literatur wird das Fortuna-Motiv besonders häufig aufgegriffen, vor allem in Verbindung mit der vanitas-Thematik. Personen werden hier oft als Verkörperung von Tugenden und Lastern dargestellt und mit dem Motiv in Verbindung gebracht. Auch die Themen Liebe, Krieg und Tod werden oft mit Fortuna verbunden. Das im 16. und 17. Jahrhundert häufig auftretende Motiv der Schicksalsgöttin verbindet zwei sehr unterschiedliche Arten ihrer Gestalt. Zum einen die glücksgewährende Göttin, die in der Renaissance oft auftrat und zum anderen die launische, unbeständige Göttin, deren Rad sich unablässig dreht. Letztere wurde dabei weitaus häufiger übernommen, oft gekennzeichnet durch das traditionelle Rad. Ihre typischen Attribute werden im Barock um die Darstellung des Stundenglases und der Seifenblase ergänzt. Die Sanduhr um die schnell verrinnende Zeit, aber auch das „carpe diem“-Motiv zu versinnbildlichen, die Stunde beziehungsweise den Tag zu nutzen und die Seifenblase, um die Vergänglichkeit des Schönen und damit auch den vanitas-Gedanken aufzuzeigen. Diese Darstellungen um die Fortuna lassen also sehr ambivalente Interpretationen zu. Das Hauptthema bleibt jedoch immer die Zeit und der Tod. Aber auch die Sicht des Todes ist doppeldeutig.15Einerseits sah man zu dieser Zeit im Tod ein ersehntes Ende, andererseits kann ein unverhoffter Tod auch sehr schmerzlich sein, je nachdem wie das Schicksal, oder eben Fortuna, gerade spielt. Je nachdem, ob man gerade auf dem Rad der Schicksalsgöttin sitzt oder heruntergerissen wird, können die Erfahrungen mit dem Tod ganz anders sein. Im Barock wurde der Tod nie nur als schlecht angesehen, sondern auch als Erlösung, beispielsweise von der Willkür Fortunas. Daher stammt auch die populäre Gleichung „mors = ultima fortuna“ Man wird erlöst und findet wahre Glückseligkeit. Nur mit göttlicher Hilfe und durch christliche Tugend kann Fortuna auch während des Lebens bezwungen werden. Auch die Metaphorik um das „Theatrum Fortunae“, welches das Leben der Menschen als Schauspiel sieht und die Welt als Bühne, stammt aus dem Barock. Das „Theatrum Mundi“ sieht diese Bühne sogar als die der Fortuna. Sie ist also die dramatische Basis des barocken Konzepts einer Tragödie. Ein von Fortuna geprägtes Einzelschicksal wird dem Publikum vorgeführt, sodass sie einen Einblick in das Handeln der Fortuna erhalten. Je nach Intention des Stückes geht es um die Überwindung des von Fortuna bestimmten Schicksals oder um den Untergang der Figur. Das „Theatrum Universum“ erweitert diese Art des vorgegebenen Spiels um die Tatsache, dass Gott Fortuna ersetzt und alle Geschicke auf der Welt leitet.16Die weltliche Szene repräsentiert seinen Willen und die plötzlichen Änderungen, für die sonst Fortuna verantwortlich gemacht wird, ist nun Teil der göttlichen Vorsehung, die für menschliche Augen unsichtbar ist. Fortuna hat also an Macht eingebüßt und ihre Verbindung mit der Vorsehung sorgt nur noch für die Erklärung unvorhersehbarer Wendungen des menschlichen Lebens. Sie ist nun kein Gegner mehr, sondern wird im Rahmen der providentia Dei toleriert.17

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Göttin Fortuna seit dem altem Rom mehrere Funktionswandel durchlebte. Während sie ursprünglich eine Göttin des Glücks war, wurde sie nach der Verbindung mit der griechischen Göttin Tyche auch für plötzliche negative Wendungen im Leben verantwortlich gemacht. Die darauffolgende christliche Fortuna war nur noch ein Werkzeug Gottes, ohne positiven oder negativen Einfluss auf das Leben, da alles nach Gottes Plan verläuft.

2.2 Das Rad der Fortuna

Zum ersten Mal trat eine Illustration des Rades im 11. Jahrhundert in einer Sammelhandschrift in Monte Cassino auf. Das Rad besteht aus „drei konzentrischen, ineinander verzahnten Kreisen […]“18und wird mittig „durch eine waagerechte Linie in eine obere,prosperitas, und eine untere,adversitasgenannte Hälfte geteilt.“19 Das Rad dreht sich von links unten nach rechts oben und wieder im Uhrzeigersinn zurück. Auf dem aufwärtssteigenden Pfad stehtFortinium, also Glück, welches demnach nach oben strebt undNecessitas, was Notwendigkeit bedeutet, auf der absteigenden Richtung.20Der Fall nach dem Aufstieg ist also eine zwingende Notwendigkeit. Das Rad wird umrahmt von vier Personen, die, je nachdem wo sie sich befinden, einem König (auf dem höchsten Punkt des Rades), einem nur halb bekleideten (herabstürzenden) , einen gänzlich entblößten und ärmlichen (gefallenen) und einem edel gekleideten, aber nicht gekrönten (aufsteigenden) Mann. Diese Darstellung bleibt bis ins 15. Jahrhundert die Prägendste. Oft wird das Rad durch Inschriften im Sinne von „Ich herrsche“ auf der Spitze, „Ich habe geherrscht“ auf dem absteigenden Teil, „Ich habe keine Herrschaft“ am unteren Teil und „Ich werde herrschen“ an der nach oben steigenden Seite ergänzt. In Schauspielen wird das Rad der Fortuna bis ins 15. Jahrhundert oft eingesetzt um das Schicksal der Figuren zu verdeutlichen, auch in Kathedralen sind Abbildungen zu finden.21

Die Darstellungen der Schicksalsgöttin in Zusammenhang mit ihrem Rad stehen weniger für ihr ambivalentes Verhalten, Menschen scheinbar willkürlich zu belohnen und zu bestrafen. Eher dienen sie zur Verdeutlichung der „Art und Weise, wie sie aktiv in das Leben einzelner oder ganzer Völker eingreift“22und auch um zu zeigen, dass sie lediglich bei der Ausführung des göttlichen Planes behilflich und nicht selbst Richterin ist. Ab circa dem Ende des 14. Jahrhundert wird zunehmend das wechselhafte Verhalten der Göttin relevant, während das Rad zunehmend an Bedeutung verliert. Trotzdem tritt das Rad auch weiterhin immer mal wieder auf und wird für den Untergang von Herrschern und Monarchen verantwortlich gemacht.23

[...]


1Kaminski, Nicola: Der Liebe eisen=harte Noth. „Cardenio und Celinde“ im Kontext von Gryphius‘ Märtyrerdramen, Tübingen: Niemeyer 1992, S. 79.

2 Gryphius, Andreas: Cardenio und Celinde. Oder Unglücklich Verliebete, Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co. 1968, I, V. 130.

3 Kaminski, Der Liebe eisen (Anm. 1), S. 79.

4Ebd.

5Ebd.

6Hillenbrand, Rainer: Cardenios Wahn und Schuld. Moralischer und religiöser Konservatismus bei Gryphius, in: Germanische Monatsschrift 76, S.284.

7Tanzer, Ulrike: Fortuna, Idylle und Augenblick. Aspekte des Glücks in der Literatur, Würzburg: Königshausen & Neumann GmbH 2011, S.68.

8Ebd.

9Tanzer, Fortuna (Anm. 7), S. 69.

10Ebd., S. 82.

11Kaminski, Der Liebe eisen (Anm.1), S. 79.

12Ebd.

13Tanzer, Fortuna (Anm. 7), S. 70.

14Ebd., S. 76.

15Ebd., S. 82.

16Ebd., S. 83.

17Ebd., S. 84.

18Ebd., S. 74.

19Ebd.

20Ebd.

21Ebd.

22Ebd., S. 76.

23Ebd.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Fortuna in "Cardenio und Celinde" von Andreas Gryphius. Cardenios Flucht vor Verantwortung
Hochschule
Universität Rostock
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V539788
ISBN (eBook)
9783346159144
ISBN (Buch)
9783346159151
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glück, Fortuna, Andreas Gryphius, Cardenio und Celinde, Schicksal, Barock
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das Motiv der Fortuna in "Cardenio und Celinde" von Andreas Gryphius. Cardenios Flucht vor Verantwortung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539788

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