Analyse der Schriftlichkeit des Deutschen bei jungen Erwachsenen anhand eines Chatprotokolls

Wie beeinflusst die Textkommunikation mittels Whatsapp unsere geschriebene Sprache und wie ist dies zu bewerten?


Hausarbeit, 2017

39 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Abstract

2. Sprache und neue Medien - ein allgemeiner Überblick

3. Analyse des Chatprotokolls
3.1 Analysedaten
3.2. Analyse des morphosyntaktischen Rahmenphänomens: Akkusativ-Nominativ­ Zusammenfall bei unbestimmten Artikeln
3.3. Elliptische Auslassungen des Personalpronomens
3.4. Wortneubildungen und die phonetische Schreibweise in Bezug auf dialektische Auffälligkeiten

4. Resümee

5. Quellenangabe

6. Anhang - Whatsapp Chatprotokoll

1. Abstract

Diese Hausarbeit ist einem Thema gewidmet, welches in den letzten Jahren immer mehr Beachtung in der linguistischen Forschung gefunden hat. Es geht um die Frage wie die technische Textkommunikation unsere geschriebene Sprach beeinflusst, und welche sprachlichen Veränderungen und Formen sich dadurch ergeben. Vorweg sei bereits gesagt, dass diese schriftliche Arbeit offen lässt, ob die hier zu beobachtenden Phänomene tatsächlich auf einen Sprachwandel im Allgemeinen schließen lassen. Es kann keine übergreifende Klärung erfolgen, da unsere Sprache in einem ständig anhaltenden und weiterführenden Prozess der Entwicklung steckt. Die Sprache erfährt tagtäglich eine Vielzahl an Einflüssen, weshalb die Online-Textkommunikation nicht als ,non-plus-ultra‘ eingestuft werden kann. Zu Beginn dieser wissenschaftlichen Arbeit wird die deutsche Sprache ebenso wie die neuen Medien unserer Zeit näher beleuchtet: Es wird sich mit der sogenannten ,Standardsprache‘ beschäftigt, als auch mit der Schriftlichkeit und Mündlichkeit des Deutschen. Primär zu klären ist hier, was die neuen Medien eigentlich sind, und wie und ob sie unsere Sprache beeinflussen. Es wird sich vor allem mit der jüngeren Generation unseres Landes befasst, da sich besonders die jungen Erwachsenen sehr intensiv mit dem Thema Technik und Onlinekommunikation auseinandersetzen.

Der Hauptteil dieser Arbeit beschäftigt sich mit der genauen Analyse eines Whatsappchatverlaufs: Es werden die Probanden mit ihren persönlichen Daten und Hintergrundinformationen vorgestellt, sowie die Beziehung zueinander. Hingewiesen werden muss allerdings darauf, dass aufgrund des Datenschutzes die vollständigen Namen der Teilnehmer verschwiegen werden. Anschließend kommt es zur der eigentlichen Analyse des Protokolls. Zuerst wird das morphosyntaktische Rahmenphänomen, der Akkusativ­Nominativ-Zusammenfall bei unbestimmten Artikeln, analysiert. Anschließend wird auf die elliptischen Auslassungen des Personalpronomens eingegangen, sowie auf die phonetische Schreibweise in solchen Texten.

Im Anhang ist für den Leser das originale Chatprotokoll zu finden, als auch die vorgenommenen Verbesserungen und Auffälligkeiten. Selbstverständlich sind, wie zu erwarten, weitaus mehr, wie die oben angegebenen sprachlichen Veränderungen auffällig. Ein Beispiel hierfür ist die veränderte Form der Negationsartikel oder die mehrmals verwendeten expressiven Interjektionen, Anredeformeln oder Ähnliches. Jedoch muss beachtet werden, dass dies den Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit sprengen würde, und sich somit auf die wichtigsten und häufigsten Änderungen beschränkt werden muss. Auch Rechtschreibung, Interpunktion und sogenannte ,Emojies‘ sind zu vernachlässigen. Die Benutzung und der Umgang mit der Smartphone-App ,Whatsapp‘, mit welcher sich Textnachrichten versenden lassen, wird zudem vorausgesetzt.

Beeinflussen die neuen Medien die Schriftlichkeit der deutschen Sprache wirklich so enorm? Was ist der Grund dafür? Und sind diese Veränderungen als positiv oder negativ zu bewerten? - Diese und ähnliche Fragen gilt es hier, in der wissenschaftlichen Arbeit, zu beantworten, indem am Ende zusammenfassend ein Resümee gezogen wird. Auch wird versucht einen Ausblick auf weitere mögliche Veränderungen und mögliche Verläufe der deutschen gesprochenen und geschriebenen Sprache zu geben.

Da sich die Linguistik, genauso wie die Öffentlichkeit, schon lange und intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, soll hiermit ein grundsätzlicher Überblick, sowie eine genaue Analyse eines Whatsappprotokolls gegeben werden. Dies soll unter anderem dem Leser einen Einblick in die Kommunikation des Alltags derjenigen verschaffen, „die den Computer [bzw. das Smartphone; d.Verf.] nicht nur nutzen, sondern [es; d.Verf.] und seine Anwendungen auch gestalten.“ (Königer 1997: 159).

2. Sprache und neue Medien - ein allgemeiner Überblick

Schon lange gibt es viele Debatten, welche sich mit den Veränderungen unserer Sprache beschäftigen. Vor dem Analyseversuch eines Chatprotokolls ist aber erst einmal zu klären, wie die deutsche Sprache tatsächlich definiert ist, und wie sich die gesprochene Sprache im Vergleich zur geschriebenen Sprache unterscheidet. Jan Georg Schneider nennt diese Problematik die „Systemdebatte“ (Schneider 2011: 1) Sowohl in der Sprachwissenschaft, als auch in der Sprachanalyse ist weitgehend bekannt, dass sich die gesprochene Sprache in vielerlei Hinsichten von der geschriebenen Sprache unterscheidet, jedoch ist fraglich, ob das gesprochene Deutsch eine eigene Grammatik besitzt, oder nicht. Seit der 7. Auflage der Duden-Grammatik (Kunkel-Razum 2006), welche bei uns als Musterwerk und Richtlinie für die deutsche Grammatik gilt, gibt es ein Kapitel, welches die gesprochene Sprache behandelt. Zwar werden hier die Auffälligkeiten der gesprochenen Sprache auf unterschiedlichen Ebenen behandelt, jedoch niemals die Grammatik an sich. Nach Mathilde Henning muss zum Beispiel Systemunterschieden zwischen den beiden Vari der Sprache gesucht werden. Laut ihr gibt es nämlich die „Grammatik der Norm“ und die „Grammatik des Systems“. Sie unterstreicht ihren Standpunkt, indem sie die Grammatik der Norm als „harmlose“ Unterschiede bezeichnet (Henning 2006:117-122). Dies wäre dann zum Beispiel der Umstand, dass in der gesprochenen Sprache öfter das Perfekt verwendet wird, als in der geschriebenen Sprache. Die Unterschiede im System sind da schon gravierender: Hier würden wir dann von grammatikalischen Konstruktionen reden, welche in der gesprochenen Sprache öfter vorkommen, in der geschriebenen Sprache allerdings als völlig fehlerhaft und abweichend gelten würden (vgl. Henning 2006).

Wenn man Sprache in Bezug auf Medien betrachtet, gibt es aber noch mehr Aspekte, welche neben der Standartsprache mit einzubeziehen sind: Schneider spricht hierbei von den „Grundbedingungen der Kommunikation, dem ,Medialitätsaspekt“ und dem„Sprachspielaspekt“ (Schneider 2011: 168). Diese Aspekte beziehen sich wie bei Henning auch, auf Rollen-, Zeit- und Situationsparameter, genauso wie auf den Parameter des Codes und des Mediums.

In dieser Studie wird ein ,dynamischer‘ Medienbegriff zu Grunde gelegt. Was bedeutet, dass Medien keine Dinge sind, sondern ein Verfahren der Zeichenprozessierung. Wenn man also eine SMS oder sogenannte Whatsappnachrichten schreibt, fallen Produktion und Rezeption in der Zeichenprozessierung zeitlich annähernd zusammen. (vgl. Auer 2000). Im Vergleich dazu wird die gesprochene Sprache inkrementell, also in Echtzeit anwachsend, produziert, und beruht auf Projektion und Retraktion. Somit ist es bei jeder linguistischen Untersuchung wichtig zu wissen, was auf das ,Konto‘ des Mediums, was auf das des Sprechers geht. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass

a) der gesprochene Standard spezifische Grundbedingungen hat, die eng mit der Online- Prozessierung verknüpft sind und
b) absolut nicht regellos ist, sondern implizierte Regeln besitzt, welche aber gleichzeitig auch stark veränderbar sind. (vgl. Schneider 2011: 171)

Somit können deutliche Affinitäten zwischen den beiden Standards, dem Gesprochenen und dem Geschriebenen, zu Grunde gelegt werden. Beide sind sich also strukturell sehr ähnlich.

Neben den Thesen von Schneider und Henning, greifen Koch und Oesterreicher (1994) noch ganz andere wichtige Grundkenntnisse und Unterscheidungen auf, welche für eine Protokollanalyse vorauszusetzen sind. Sie untergliedern die Mündlich- und Schriftlichkeit unserer Sprache jeweils noch in konzeptionell und medial. Die Untersuchungen Christina Dürenscheids (1998) bestärken diesen Ansatz: Ihre Studien zeigen ganz klar, dass auch elektronisch übermittelte Kommunikation viele typische Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit aufweisen, und dass diese nach der Terminologie von Koch und Oesterreicher (1994) als ,Sprache der Nähe‘ zu klassifizieren sind. Die Verbindung zwischen Nähe und Distanz wird von den beiden Autoren über Kommunikationsbedingungen wie Vertraulichkeit, bzw. Fremdheit des Kommunikationspartners vermittelt (vgl. Dürscheid 1998). Zur konzeptionellen Mündlichkeit gehören hier dann charakteristische Merkmale wie eine geringe Variation in der Wortwahl, die Verwendung von diversen Gesprächswörtern, diversen Nachträgen oder auch Kongruenzfehlern.

Laut Sieber (1998) geht die Entwicklung der Schreibfähigkeiten notwendigerweise von einer stark mündlich orientierten Anfangsphase hin zu einer immer stärker werdenden Integration der Verschriftlichungsfähigkeiten“ (Sieber 1998:53). Allerdings weist er in seinem Werk Parlando in Texten - Zur Veränderung kommunikativer Grundmuster der Schriftlichkeit auch darauf hin, dass dabei etwas Essentielles übersehen wird: „[D; d.Verf.] Die Tendenz zur Vermündlichung der geschriebenen Sprache ist eines der herausragenden Merkmale der neueren Sprachgeschichte“ (Sieber 1998:53), welches die neuen Medien definitiv mit geprägt haben.

3. Analyse des Chatprotokolls

3.1 Analysedaten

Die Analyse bezieht sich auf ein privates Chatprotokoll der Smartphone-App ,Whatsapp‘. Die Telefonnummern und Namen sind im Anhang aufgrund des Datenschutzes verschlüsselt angegeben. Den Probanden wurden die Decknamen ,Basti‘ und ,Jenny‘ gegeben, um dem Leser ein flüssigeres Lesen zu gewährleisten.

Der Untersuchungszeitraum wurde beliebig gewählt. Die Aufzeichnungen des vorliegenden Chatprotokolls beginnen am 19.04.2017 um 9.24 Uhr und enden am 10.05.2017 um 17.22 Uhr. Der Untersuchungszeitraum beträgt somit ca. 3 Wochen. Binnen dieser Zeit wurden genau 150 Textnachrichten ausgetauscht. Es gilt zu beachten, dass diese Textnachrichten manchmal scheinbar zusammenhangslos im Protokoll auftauchen. In diesen Fällen wurde vorher ein Telefon- oder ein persönliches Gespräch zwischen den zwei Probanden geführt. Die Textkommunikation findet zwischen zwei Parteien statt, deren Daten in der eigens unten angelegten Tabelle zu finden sind.

TABELLE 1 PROBAND 1 PROBAND 2

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die beiden Probanden kennen sich schon über sieben Jahre lang. Es verbindet sie eine enge Freundschaft.

Wie aus Tabelle 1 zu ersehen ist, kommen beide Probanden aus derselben ländlichen Region des Main Tauber Kreises und besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Dies sind allerdings die einzigen Gemeinsamkeiten. In Sachen Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Beruf sind sie grundverschieden. Diese Tatsache lässt viel Raum für Spekulationen über die nachfolgenden Ergebnisse, welche sich auf den spezifischen Sprachgebrauch und die verschiedenen Sprachstile der ,neuen Schriftkultur‘ beziehen. Ungeachtet dessen, dass die Probanden acht Jahre Altersunterschied trennen, sind hier beide Teilnehmer der Kategorie Junge Erwachsene[4] zugeordnet, da sie beide in der Zeit der Technisierung und der neuen Medien aufwachsen. Es ist davon auszugehen, dass die Kommunikation zwischen ihnen im Freizeitbereich stattfand, in dem das Spektrum von möglichen Sprachstilen wohl am größten ist.

Die Analyse wird zeigen, wie umfassend der mediale Einfluss ,Whatsapp‘ ist, und welche Aspekte des Schreibens betroffen sind.

Zur besseren Veranschaulichung sind im anhängenden Verlaufsprotokoll alle Auffälligkeiten der Nachrichten, auf welche in dieser Arbeit eingegangen wird, in verschiedenen Farben und mit verschiedenen Schrifteigenschaften gekennzeichnet. Hierfür wird auf Tabelle 2 unterhalb des anhängenden Protokolls verwiesen. Da in fast jeder Nachricht der Probanden Abweichungen zu finden sind, ist zu beachten, dass in der nachfolgenden Untersuchung nur einige exemplarische Musterbeispiele herausgesucht wurden. Jedoch wird dem Leser durch die farbliche Markierung in allen Nachrichten die Möglichkeit gegeben, dies im kompletten Chatverlauf nachzuvollziehen. Des Weiteren wurden die einzelnen Nachrichten chronologisch nach ihrem Versanddatum nummeriert um einen besseren Überblick zu verschaffen und die Analyse zu erleichtern.

3.2. Analyse des morphosyntaktischen Rahmenphänomens: Akkusativ-Nominativ-Zusammenfall bei unbestimmten Artikeln

Das morphosyntaktische Rahmenphänomen ist eines von vielen Merkmalen, das der syntaktischen Ebene in einem Satz angehört. Genauer betrachtet ist der Akkusativ-Nominativ­Zusammenfall bei unbestimmten Artikeln der Syntax von Phrasen und Satzgliedern zugeordnet. In dem Buch Deutsche Jugendsprache - Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen‘ von Jannis K. Androutsopoulos 1998 wird diese Abweichung vom Standard des Deutschen wie folgt definiert: „Die verkürzte Akkusativform des Indefinitartikels (‘nen) tritt in bestimmten Ko-Texten, nämlich vor Maskulina oder Neutra im Singular sowie in den Verbindungen ein bißchen und ein paar, als Variante der Nominativform ein auf“ (Androutsopoulos 1998, 275).

In dem hier vorliegenden Whatsappprotokolls sind etliche dieser Zusammenfälle zu finden, wie zum Beispiel in Nachricht (9): „[...] Ich habe noch nen anderen gefunden.“ Auch hier bezieht sich nen auf ein Maskulinum, nämlich „der Andere“ (Akkusativ: „einen Anderen“). Auffällig in Nachricht (25) ist, dass zwar auch hier der Akkusativ und der Nominativ zusammenfallen, allerdings wird dies nicht mit dem zu erwartenden Indefinitartikel nen realisiert, sondern mit der Verwendung von en: „Hey. Hast du eigentlich schon en schwert verkauft?“ Hier bezieht sich en auf das Neutrum „das Schwert“ bzw. den Akkusativ „ein Schwert“. Es lässt sich vermuten, dass es sich um einen Tippfehler handeln könnte, jedoch wird in Nachricht (133) bewiesen, dass die Probanden war das Merkmal der morphosyntaktischen Rahmenphänomene realisieren, allerdings nicht so strikt, wie Androutsopoulos 1998 beschrieben hat: „Du wolltest mir en Foto schicken“. Dadurch, dass hier simultan zur Nachricht (25) auch en anstelle von nen für ein Neutrum benutzt wird, ist bewiesen, dass sich seit der Herausgabe des Werkes von Jannis K. Androutsopoulos im Jahre 1998 ein Sprachwandel auf linguistischer Ebene vollzogen hat. Doch trotz des Unterschieds ist zu bemerken, dass alle Fälle des Akkusativ-Nominativ-Zusammenfalls im Protokoll immer in rhematischer Position auftreten und die Kongruenz in der Adjektivflexion nicht beeinflussen (vgl. Androutsopoulos 1998: 275). Was der Autor hier jedoch völlig außer Acht lässt ist der Akkusativ-Nominativ-Zusammenfall in Bezug auf ein Femininum. In dem zu bearbeitenden Chatverlauf findet auch an dieser Stelle ein häufiger Zusammenfall statt. Allerdings äußert sich dieser nicht wie beim Maskulinum mit nen oder wie beim Neutrum mit en, sondern mit der verkürzten Akkusativform des Indefinitartikels ne, wie auch in Nachricht (17) zu sehen ist: „Ich schicke dir nach dem Arbeiten mal ne sprachnotiz. Alter so ne überhebliche Schnalle.“ Weitere Nachrichten, in welchen das nun bekannte morphosyntaktische Rahmenphänomen auftritt, sind unter anderem Nachricht (73) = (maskulin), (84) = (feminin) und (119) = (feminin).

Eine weitere, nicht vorhersehbare Abweichung von der Theorie Deutsche Jugendsprache, liefern die Textnachrichten (41): „ [...] Danach bissl im Wald spazieren geh e n?“ und (102): „ [...] Bist du mir böse, dass mir das heute alles bisschen zu stressig ist? [...] .“ Zwar ist bissl eine Umgangsform des Wortes bisschen, jedoch soll darauf an diesem Punkt der Analyse noch kein Fokus gelegt werden. Auffällig ist allerdings, dass diese Sätze weder einen Akkusativ-Nominativ-Zusammenfall aufweisen, noch irgend eine Form der Nominativform ein, wie von Androutsopoulos 1998 behauptet. Im Jahr 2017 wird von jungen Erwachsenen also nicht nur eine neue, feminine Akkusativform des Indefinitartikels verwendet, dieser wird sogar bei Verbindungen wie ein bisschen komplett ausgelassen und vernachlässigt.

3.3. Elliptische Auslassungen des Personalpronomens

Ellipsen sind, ganz grundsätzlich gesprochen, Auslassungen in Sätzen. Da es viele Arten von Ellipsen in der deutschen Standardsprache gibt, gilt dieser Begriff in der Linguistik vor allem als Sammelbegriff für Reduktionen aller Art, also das Weglassen von Wörtern oder Wortverbindungen in Sätzen. Den Begriff Fragment benutzt man in der Sprachwissenschaft vor allem für Auslassungen in eingliedrigen Sätzen. Auslassungen von Worten gelten besonders in der Literatur als qualitativer Aspekt: Wenig Ellipsen, bedeutet eine hohe qualitative Literatur. Darüber hinaus definieren Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993 das Vorkommen vieler Ellipsen innerhalb eines Textes eher als einen allgemeinen und umgangssprachlichen Kommunikationsstil. Sie bezeichnen dies als einen „expressiven, syntaktisch stark reduzierten Sprechstil, der als ‘formelhafte Kommunikation‘ bezeichnet und als jugendtypisch impliziert wird.“ (Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 105ff) Da bewusst ist, dass es sich auch beim angehängten Protokoll um den Chatverlauf zwei junger Erwachsener handelt, wird klar, warum hier so enorm viele Ellipsen bzw. Fragmente entstanden sind: Die meisten und auffälligsten Auslassungen sind die ellipsenartigen Weglassungen der Personalpronomina, wie zum Beispiel in Nachricht (4): „Ja. [Du] Kannst gerne kommen“. Das Personalpronomen wurde, wie bei allen übrigen Nachrichten auch, nachträglich eingefügt und steht daher in eckigen Klammern. Der eigentliche Satz lautete hier: „Ja. Kannst gerne kommen“. Der Satz wirkt im ersten Augenblick unvollständig, nicht aber, wenn man ihn in seinem Kontext betrachtet. Probandin Jenny fragte Proband Basti vorher, in Nachricht (3) Folgendes: „kann ich den heute abend bei dir abholen?“. Der Artikel den, gemeint ist der, in der ersten Nachricht angesprochene Spanngurt, manifestiert hier der Grund- und Leitgedanken des Gesprächs. Im Kontext ergibt sich, dass Probandin Jenny den Spanngurt bei Proband Basti abholen möchte. Daher verzichtet Proband Basti in seiner Antwort (Nachricht (4)) auf das Personalpronomen du. Er spricht Probandin Jenny somit nicht mehr direkt an, da es für die Kommunikations- und Informationsübermittlung nicht von Notwenigkeit ist. Diese Einsparung wird manchmal auch als „sprachökonomische Tendenz verkürzter Ausdrucksweise“ bezeichnet (Moser 1970:22). Da auch im angehängten Protokoll zu sehen ist, dass fast jeder Satz von diesen Ersparungen gekennzeichnet ist, spricht man in diesen Fällen schon von einem sogenannten Kohäsionsmarker. Dieser Marker ist das Kriterium für die Art der Verknüpfungen der gesendeten Nachrichten. Auch bei Helbig/Schenkel 1973 wird die Rolle des Kontextes für Analysearbeiten definiert: „durch die Einbeziehung des Kontextbezuges wird die Gefahr der fließenden Grenzen heraufbeschworen, die natürlich dann eine strenge Formalisierung und Modellierung ausschließen würden" (Helbig/Schenkel 1973: 53). Auch in anderen Nachrichten des Protokolls wird klar, was für eine wichtige Rolle der Kontext, in Bezug auf elliptische Auslassungen, spielt. Die Nachricht (23) könnte ohne den Kontext zum Beispiel völlig falsch verstanden werden: „Ok [ich] komme dann gerade hoch. [Ich] bleibe aber nicht lange“. Diese Nachricht wurde von Probandin Jenny verschickt und wirkt wie eine Bitte oder gar Aufforderung an Proband Basti. Liest man den Text nun ohne die nachträglich eingefügten Personalpronomen wäre inhaltlich anzunehmen, dass Probandin Jenny in auffordert hochzukommen, ihn aber im selben Atemzug bittet nicht lang zu bleiben. Liest man diesen Satz nun aber im Kontext der vorher ausgetauschten Nachrichten, ändert sich der Sinn auch ohne das Personalpronomen drastisch: Nachricht (19): Jenny:

„Bist du um ca 1730uhr daheim?“

Nachricht (20): Basti:

„Ja“

Nachricht (21): Jenny:

„Rauchen?“

Nachricht (22): Basti:

„Ja“

Nachricht (23): Jenny:

„Ok [ich] komme dann gerade hoch. [Ich] bleibe aber nicht lange“

Durch den Kontext wird also klar, dass Probandin Jenny den Proband Basti fragt, ob er daheim ist, und ob sie eine Zigarette zusammen rauchen. Daraus geht hervor, dass die Probandin dem Proband mit Nachricht (23) nur mitteilen will, dass sie ihn zwar kurz besucht, selbst aber nicht vor hat lange zu bleiben.

Der vollständige Whatsappchatverlauf macht somit ganz deutlich, dass beide Probanden elliptische Auslassungen realisieren. Dies kann bewusst oder unterbewusst manifestiert werden und kann im Allgemeinen als ökonomisches Sprachverhalten betitelt werden. Die Probanden Jenny und Basti orientieren sich dafür an jeweils zwei Bedürfnissen: an dem eigenen Bedürfnis und an dem Bedürfnis seines/ihres Gegenübers. Die Bedürfnisse des Gegenübers bestimmt der Gegenüber, durch spezifische vorangegangene Äußerungen, Aufforderungen oder Bitten, selbst. Die eigenen Bedürfnisse sind Sparsamkeit im Ausdruck, das oben bereits erwähnte, Ökonomische Prinzip und das Prinzip des geringsten Kraftaufwandes, worauf im Folgenden noch eingegangen wird. Ein weiteres Manifest des ökonomischen Prinzips, bzw. des Prinzips des geringsten Aufwandes stellt unter anderem ein weiteres Mal die Nachricht (4) „Ja. Du kannst gern[ e] komme[ n] “ dar. Hier werden die Wortendungen einfach weggelassen. Dies ist weit in die Sprachgeschichte zurück zu verfolgen, da im Laufe der Zeit und durch Einführungen von Kasus oder Artikeln viele Wortendungen fallengelassen wurden. In dieser empirischen Studie liegt der Fokus allerdings auf der Veränderung der Sprache durch neue Medien. Deshalb sind sprachhistorische Themen außer Acht zu lassen. In diesem Zusammenhang werden fehlende Endungen bzw. das bewusste Weglassen der Wortendungen dem ökonomischen Prinzip zugeschrieben. Textnachrichten dienen der schnellen Kommunikation und Interaktion. Deshalb sind sie weder von Starrhaftigkeit, noch von Regelhaftigkeit geprägt. Durch schnelle, ökonomische Nachrichten, die über das Smartphone übermittelt werden, geht es darum, den Inhalt der Nachricht möglichst kurz und prägnant darzustellen. Fehlende Wortendungen sparen dem Verfasser Zeit, ohne die Qualität des zu übermittelnden Inhalts zu mindern. Weitere Beispiele für den Wegfall der Wortendungen finden sich in den Nachrichten (6) (12), (15), (17), (23), (31), (32), (33), (34), (35), (41), (42), (51), (53), (61), (64), (82), (83), (84), (87), (89), (90), (93), (96), (101), (109), (111), (113), (114), (117), (123), (126), (133), (136), (137) und (139).

Auch Eva Neuland fand im Jahr 2008 heraus, dass Gespräche, bei denen die Kommunikation über Medien verläuft, in verschiedene Kategorien zu unterteilen sind. Diese Kategorien werden von ihr in Bezug auf junge Erwachsenen in ,unterhaltsam‘ und ,nicht unterhaltsam[4] eingeteilt. Ein Unterpunkt ist zum Beispiel die Länge der Rede- [bzw. Text-] beiträge mit einem eindeutigen Ergebnis: Die Jugend empfindet kurze und knappe Formulierungen als unterhaltsam, wohingegen lange Beiträge als wenig unterhaltsam gelten. In Bezug auf die Syntax eines Textes favorisieren junge Erwachsene eine reduzierte Syntax und Parataxe - eine schriftsprachliche Syntax oder gar Hypotaxte werden als nicht ansprechend bewertet. Auch Neubildungen und Tabuwörter, sowie eine kompetitive Gesprächsorganisation werden in der Jugendsprache realisiert (Neuland 2008:37).

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Analyse der Schriftlichkeit des Deutschen bei jungen Erwachsenen anhand eines Chatprotokolls
Untertitel
Wie beeinflusst die Textkommunikation mittels Whatsapp unsere geschriebene Sprache und wie ist dies zu bewerten?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
39
Katalognummer
V539812
ISBN (eBook)
9783346155108
ISBN (Buch)
9783346155115
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, chatprotokolls, deutschen, erwachsenen, schriftlichkeit, sprache, textkommunikation, whatsapp
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Analyse der Schriftlichkeit des Deutschen bei jungen Erwachsenen anhand eines Chatprotokolls, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539812

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