Welches Konzept von Emotionen vertritt Anthony Kenny und worin unterscheidet sich dieses von William James Konzeption?


Essay, 2017

6 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Essay: Welches Konzept von Emotionen vertritt Anthony Kenny und worin unterscheidet sich dieses von William James Konzeption?

Zur Beantwortung der Frage, welche im Rahmen des Seminars „Normalisierung und Gefühle“ aufgeworfen wurde, soll zunächst, trotz ihres geringeren Alters, die Konzeption von Anthony Kenny vorgestellt werden. Anhand dessen soll James Konzeption vergleichend erarbeitet und gegenübergestellt werden. Am Ende wird ein Fazit gezogen.

Sir Anthony Kenny wurde 1931 in Liverpool geboren und ist ein weltweit renommierter Philosoph, der an der Universität Liverpool und der Oxford Universität, wo er heute Emeritus ist, tätig war. Er verfolgte seine akademische Karriere nach einer Priesterweihe und beschäftigt sich hauptsächlich mit der Philosophie des Geistes, Religionsphilosophie sowie antiker und Bildungsphilosophie. Im Jahre 1963 veröffentlichte Kenny das Buch „Action, Emotion and Will“, wodurch er das wissenschaftliche Interesse an menschlichen Gefühlen neu entfachte. Es gilt bis heute als eines der bedeutendes Basiswerke im Bezug auf die menschliche Gefühlswelt. Anhand des dritten Kapitels „Feelings“ sowie des neunten Kapitels mit dem Titel „Objects“ soll seine Konzeption vorgestellt werden.

Das Vorgehen Kennys ist insofern besonders, als dass er seine Theorien auf eine Analyse der menschlichen Sprache und ihrer Möglichkeiten bzw. Restriktionen im Bezug auf Gefühle stützt. So gebe es mindestens 3 Konstruktionen, die nach dem Verb „to feel“ verwendet werden können. Zum einen kann ein direktes Objekt folgen, wie beispielsweise in „I feel itch“ (=Konstruktion 1). Des Weiteren kann das Verb von einem Adjektiv gefolgt sein, so wie man es im Satz „I feel cold“ der Fall ist (=Konstruktion 2). Ferner gibt es die Möglichkeit der Oratio Obliqua (indirekte Rede bzw. Nebensatz), die man im Satz „I feel that the moment was unpropitious“ (=Konstruktion 3). Neben diesen drei Hauptkonstruktionen gibt es noch weitere, wie beispielsweise „feeling oneself“, „feeling up to“, „feeling like ...“.

Kenny betrachtet nun die Übertragbarkeit einer der drei Hauptkonstruktionen in eine jeweils andere. So können einige Phrasen der Konstruktionen nur in manchen Fällen in andere transferiert werden. Dies illustriert das Beispiel, dass „one feels guilt“ (K1) semantisch kaum Unterschiede zu „one feels guilty“ (K2) aufweist. Die semantische Differenz zwischen „one feels a lump“ (K1) und „one feels lumpish“ (K2) ist jedoch beträchtlich. Ein Transfer von K1 in K2 ist also nur in manchen Fällen möglich. Kenny stellt die These auf, dass dies die Fälle seien, in denen eine Übertragung von K1 in K3 nicht möglich ist. Das erste Beispiel zeigt eine Übertragung von K1 in K2, bei der jedoch keine Übertragung in K3 möglich ist, da „one feels that one is guilty“ keine adäquate Übertragung darstellt.[1]

Die Übertragbarkeit von K1 zu K3 ist ebenfalls nur in bestimmten Fällen möglich, welche laut Kenny genau jene sind, in denen die Übertragbarkeit von K1 zu K2 nicht gegeben ist. So kann man „to feel the lump in the mattress“ (K1) ohne Bedeutungsunterschiede in K3 („to feel that there is a lump in the mattress“) transferieren. Wie oben dargestellt, lässt dieses Beispiel keinen Transfer von K1 in K2 zu.

Das hier aufgestellt theoretische Konzept verwendet der Autor nun für eine Trennung von Emotionen/Empfindungen und Wahrnehmungen. Eine Übertragung von K1 in K2 ist nicht bei Emotionen, sondern Wahrnehmungen möglich. So ist „one feels hungry“ (K1) semantisch fast äquivalent zu „one feels hunger“ (K2), jedoch nicht gleichsetzbar mit „one feels that one is hungry“ (K3). Bei Hunger handelt es sich folglich um eine Wahrnehmung und nicht um eine Emotion oder eine Empfindung.

Ein gemeinsamer Punkt von Wahrnehmungen, Empfindungen und Emotionen sei die Eigenschaft einer unterschiedlichen Länge (Präsenz von Sekunden oder Stunden), Intensität (kaum wahrnehmbar oder die Gedanken bestimmend) und Mischung (Gefühl in Reinform oder Konglomerat von verschiedenen Gefühlen). Insgesamt stehen Empfindungen quasi in der Mitte zwischen Wahrnehmungen und Emotionen. Diese geben, im Unterschied zu Wahrnehmungen, keine Auskunft über die externe Welt. Als Beispiel wird der Unterschied zwischen „I know there was a policeman, because I saw a flash of blue“ (adäquate Begründung) und „I know there was a policeman, because I felt a wave of hatred“ (keine adäquate Begründung). Des Weiteren gibt es keine Emotionsorgane, wie es welche für Wahrnehmungen gibt. Der Mensch hört mit den Ohren, besitzt jedoch kein Organ, in dem er Zorn oder Freude spürt.[2]

Ferner geben Emotionen ebenfalls nicht, wie Empfindungen, Auskünfte über den Zustand des Körpers. So kann man merken, dass man sich geschnitten hat, wenn man Schmerz spürt, jedoch nicht, wenn man sich töricht fühlt, obwohl beides als Ursache das versehentliche Schneiden des Fingers hat. Ebenfalls können Emotionen nicht wie Empfindungen lokalisiert werden. Man spürt Hunger im Magen, das Vermissen einer Person oder eines Gegenstandes findet jedoch in keinem bestimmten Teil des Körpers statt.

Als wichtigsten Unterschied zwischen einer Empfindung und einer Emotion führt Kenny die Präsenz eines Objektes bei Emotionen an. So kann man hungrig sein, ohne auf etwas bestimmtes Hunger zu haben, kann jedoch niemals wütend oder eifersüchtig sein, ohne, dass dies mit einem bestimmten Objekt, wie beispielsweise einem Gegenstand oder einer Person, verknüpft ist. Selbst das unbestimmte depressive Gefühl, das alles trist erscheinen lässt, hat bei genauerer Betrachtung ein Objekt. So ist unbestimmte Depression keineswegs objektlos und die Objekte einer solchen Depression sind jene, die trist erscheinen. Kenny betrachtet ebenfalls Phobien unter diesem Gesichtspunkt und erläutert, dass diese durch inadäquate Objekte gekennzeichnet sind. Agoraphobie ist durch die Angst vor dem Verlassen des eigenen Hauses bzw. vor offenen Plätzen gekennzeichnet. So angsteinflößend diese Tätigkeit für einen Betroffenen sein mag, so harmlos und inadäquat wirkt das Objekt der Phobie auf Personen, die nicht unter dieser Störung leiden.[3]

Zur Präzisierung seines Konzeptes einer Emotion führt Kenny eine weitere Trennung zwischen Objekt und Grund einer Emotion ein. Während das Objekt einer Emotion unspezifiziert ist, muss der Grund immer mit einer speziellen Information zusammenhängen. Dies soll anhand eines Beispiels illustriert werden: Ein Kind, das sich an Feuer verbrannt hat, verspürt, wenn es erneut Feuer sieht, Angst. Das Feuer ist also hierbei das Objekt der Angst, wohingegen die vergangene Erfahrung des Verbrennens der Grund für die Emotion ist. Die Erfahrung des Verbrennens ist hier spezifisch, da mit ihr nur bestimmte Emotionen, wie Angst oder Furcht, keineswegs jedoch Erleichterung oder Eifersucht, verbunden werden können. Das Objekt der Emotion, also das Feuer, ist unspezifisch, da mit ihm verschiedene Emotionen verbunden werden können. Neben der bereits illustrierten Angst kann man beim Anblick eines Feuers Erleichterung verspüren, wenn man sich beispielsweise in der Vergangenheit in einer eisigen Einöde verlaufen hat und ein nahendes Feuer Rettung versprach. Dies wäre der Grund für die Emotion Erleichterung. So zeigt sich, dass ein Objekt mit verschiedenen Emotionen verbunden werden kann, der Grund jedoch nur mit bestimmten Emotionen verbunden werden kann. Durch den Grund einer Emotion wird demzufolge deren Objekt spezifiziert.[4]

Im nächsten Kapitel beschäftigt sich Kenny näher mit Objekten und erläutert ihre Determinanten und Funktionsweise. Das Objekt einer Emotion ist zunächst mit dem Objekt eines transitiven Verbs, da es das Verb spezifiziert. Beispiele können sein „Pfeife rauchen“, „ein Buch kaufen“ oder „Erleichterung spüren“. Hierbei gibt es die zunächst trivial erscheinende Restriktion, dass ein Gegenstand nur Objekt eines transitiven Verbs x sein kann, wenn das Objekt xbar ist. So kann nur gekauft werden, was käuflich ist, nur brennen, was entflammbar ist, nur gereinigt werden, was schmutzig ist und nur jenes gestohlen werden, das sich nicht im eigenen Besitz befindet. Als einzige Ausnahme führt Kenny das Verb „denken“ an, da alles denkbar ist.

Ähnliches lässt sich bei Emotionen beobachten. So sind nur bestimmte Objekte bei bestimmten Emotionen zulässig. Außerdem wird die Verknüpfung durch den Grund determiniert. So kann man nicht auf den eigenen Besitz neidisch sein und ebenfalls nicht Reue für etwas empfinden, das in der Zukunft liegt.

[...]


[1] Kenny 1963: 52-54.

[2] Ebd. 56.

[3] Kenny 1963: 60-61.

[4] Ebd. 71.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Welches Konzept von Emotionen vertritt Anthony Kenny und worin unterscheidet sich dieses von William James Konzeption?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V539875
ISBN (eBook)
9783346151841
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anthony, emotionen, james, kenny, konzept, konzeption, welches, william
Arbeit zitieren
Hendrik Bergers (Autor), 2017, Welches Konzept von Emotionen vertritt Anthony Kenny und worin unterscheidet sich dieses von William James Konzeption?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/539875

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