"Systemtheorie: Funktional differenzierte Gesellschaft" v. N. Luhmann und K. E. Schorr


Hausarbeit, 2003
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Gliederung:

Einleitung
1. Biografie der Autoren
2. Einführung in die Systemtheorie
2.1. Funktionale Differenzierung (Ausdifferenzierung / Interne Differenzierung)
2.2. Operative Schließung
2.3. Autopoiesis
2.4. Codierung und Programmierung
2.5. Beobachtung
2.6. Strukturelle Kopplung
3. Triviale / Nicht-Triviale Maschinen

Hauptteil
4. Technologiebegriff
4.1. Subsumtionstechnologie
4.1.2. Ego und Alter
5. Ablehnung der Technologie
6. Technologiedefizit innerhalb des Erziehungssystems
6.1. Selbstreferenz
6.2. Kausalität
6.2.1. Variable / Konstante Faktoren
6.3. Rationalität
7. Inputs / Outputs / Strategien

Schluss
8. Fazit

Einleitung

1. Biografie

Niklas Luhmann wurde am 08. Dezember 1927 in Lüneburg geboren und betrieb von 1946–1949 das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Verwaltungsbeamter und Landtagsreferent in Niedersachsen, ließ er sich für ein Jahr beurlauben, um von 1960–1961 Soziologie an der Harvard-Universität bei Talcott Parsons zu studieren. 1968 erhielt er die Professur für Soziologie an der Universität in Bielefeld. Niklas Luhmann verstarb am 06. November 1998 nach schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren.

Karl Eberhard Schorr wurde 1919 geboren, studierte Philosophie und Naturwissenschaften und war bis zu seiner Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, in der Wirtschaft tätig. Er untersuchte die Bedeutung des systemtheoretischen Denkens für die pädagogische Praxis und die Erziehungswissenschaft, wodurch die nahe Zusammenarbeit mit Niklas Luhmann, dem Begründer des systemtheoretischen Denkens, entstand. 1996 starb Karl Eberhard Schorr im Alter von 77 Jahren.

2. Einführung in die Systemtheorie

Zunächst werde ich in meinen Ausführungen auf das 1984 erschienene Hauptwerk Niklas Luhmanns „ Soziale Systeme “, in welchem Luhmann seine Systemtheorie zusammenfassend darstellt, eingehen. Dieses Buch ist nach seinen eigenen Worten der Entwurf einer universalistischen Supertheorie. Er erhebt den Anspruch die Welt insgesamt zu beschreiben und knüpft in seiner Theoriekonstruktion an die Arbeiten Talcott Parsons an. Luhmann`s Bestreben ist es, mit seiner Theorie sozialer Systeme, eine für die Soziologie einheitliche Gesellschaftstheorie darzulegen. Diese Theorie soll auf möglichst viele Sachverhalte anwendbar sein, woraus sich die hohe Abstraktheit und Vielschichtigkeit erklärt. Seine Systemtheorie geht von einer unendlich komplexen Welt aus, die sich aus einer Vielzahl von Handlungen, Ereignissen und Zuständen zusammensetzt. Ziel ist eine Reduzierung dieser Komplexität und eine Ordnung der Welt. Aus diesem Grunde strukturiert Niklas Luhmann die Welt mit Hilfe von Systemen und die Gesellschaft, als eines dieser Systeme mit Hilfe von sozialen Systemen.

Gesellschaft beschreibt i. w. S. die zeitlich andauernde räumliche Gemeinschaft von Lebewesen; i. e. S. das strukturierte und organisierte System menschlichen Zusammenlebens und –wirkens. Der Mensch in der Gesellschaft ist Mitglied mehrerer bestimmter Gruppen, z.B. einer Familie, eines Standes, einer Partei oder eines Vereins. Diese gesellschaftlichen Gebilde schließen einander entweder ein oder überkreuzen sich. Die Gesellschaftsordnung im geschichtlich– konkreten Sinn ist die Gesamtheit der zwischenmenschlichen Ordnungen und Gebilde eines Zeitalters.[1]

Bei der Betrachtung des Gesellschaftsbegriffes ist zwischen drei geschichtlichen Entwicklungsstufen der Gesellschaft zu unterscheiden:

Segmentär differenzierte Gesellschaft (archaische Stammes- u. Sippengesell-

schaft)

Stratifikatorisch differenzierte Gesellschaft (Hierarchie nach Herkunft und

Klassen)

Funktional differenzierte Gesellschaft (moderne Gesellschaft)

Die Systemtheorie hat einen völlig neuen Blick auf die vormoderne und moderne Gesellschaft Europas geworfen. Für Niklas Luhmann haben die sozialen Unterschiede (arm/reich Þ Klassengesellschaft) als bestimmte Strukturprinzipien der Gesellschaft keine Gültigkeit mehr. Stattdessen gelten für ihn die verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche (Wirtschaft, Recht, Politik, Wissenschaft, Erziehung usw.), in denen unabhängig von den jeweils anderen Systemen gehandelt wird. Er entfernt sich somit von den vorangegangenen Entwicklungsstufen der Gesellschaft, also der segmentär differenzierten Gesellschaft (archaische Stammes- und Sippengesellschaft) sowie von der stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft (Hierarchie nach Herkunft und Klassen) und erklärt die moderne Gesellschaft als eine funktional differenzierte Gesellschaft (Unterscheidung nach Funktionen).

2.1. Funktionale Differenzierung (Ausdifferenzierung / Interne Differenzierung)

Luhmann unterteilt somit die Gesellschaft in unterschiedliche Systeme, sog. Funktionssysteme und deren systematische Zusammenhänge, die jeweils eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe (Funktion) übernehmen. So hat beispielsweise das Wirtschaftssystem die Aufgabe, knappe Güter zu verteilen, das Rechtssystem formuliert allgemein bindende Rechtsnormen und setzt sie durch usw. Alle diese Systeme sind ähnlich strukturiert und haben die Gemeinsamkeit, dass sie eine bestimmte Funktion erfüllen müssen.

Die funktionale Differenzierung in der Gesellschaft erfolgt also durch die Bildung von Funktionssystemen. Grundlegend wird hierbei zwischen System und Umwelt unterschieden. Ein Funktionssystem als sog. Teilsystem des Systems Gesellschaft hat zwei Umwelten; zum einen die Gesellschaft und deren Teilsysteme (innergesellschaftliche Umwelt), zum anderen die Umwelt des Gesellschaftssystems selber (außergesellschaftliche Umwelt). So wird beispielsweise das Teilsystem Politik von der innergesellschaftlichen Umwelt, d.h. von der Gesellschaft und ihren weiteren Teilsystemen wie Recht, Wirtschaft, Kunst usw. und der außergesellschaftlichen Umwelt, d.h. der Umwelt des Gesellschaftssystems selber umschlossen.

„Insofern hat jedes Funktionssystem es mit einer anders zusammengesetzten gesellschaftsinternen Umwelt zu tun, und dies genau deshalb, weil jedes Funktionssystem für eine je besondere Funktion ausdifferenziert ist.“[2]

Außergesellschaftliche Umwelt

Innergesellschaftliche Umwelt

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Niklas Luhmann sieht jedoch in der Zuordnung der Funktion der Menschen zu bestimmten Funktionssystemen des Gesellschaftssystems einige Schwierigkeiten.

„Mann kann nicht Menschen den Funktionssystemen derart zuordnen, daß jeder von ihnen nur einem System angehört, also nur am Recht, aber nicht an der Wirtschaft, nur an der Politik, aber nicht am Erziehungssystem teilnimmt. Das führt letztlich zu der Konsequenz, daß man nicht mehr behaupten kann, die Gesellschaft bestehe aus Menschen; denn die Menschen lassen sich offensichtlich in keinem Teilsystem der Gesellschaft, also nirgendwo in der Gesellschaft mehr unterbringen.“[3]

Laut Luhmann bestehen soziale Systeme aus Kommunikationen, nicht aus Menschen und werden somit als Kommunikationssysteme bezeichnet. Folglich sieht N. Luhmann die Gesellschaft nicht mehr als ein aus dem Handeln von Einzelpersonen zusammengesetztes Gebilde an, sondern als eigenständigen Bereich, dessen Letztelement Kommunikation darstellt.

Der Begriff Kommunikation ist auf das lateinische Wort >communicatio< zurückzuführen und hat seit der Antike ein weites Bedeutungsfeld im Sinne von Mitteilung, Verbindung, Austausch, Verkehr, Umgang und Gemeinschaft.[4]

Kommunikation meint sowohl Mitteilungshandeln, als auch Information und Verstehen. Demnach stellt die Gesellschaft das umfassendste System aller Kommunikationen dar. Da Kommunikation lediglich innerhalb der Gesellschaft (Innergesellschaftliche Umwelt) stattfindet, ist somit alles was nicht Kommunikation darstellt der Umwelt der Gesellschaft (Außergesellschaftliche Umwelt) zuzuordnen.

In systemtheoretischer Hinsicht erscheint die Gesellschaft als ein soziales System, das Kommunikationszusammenhänge gegen seine Umwelt ausdifferenziert und abgrenzt. Von Differenzierungsformen ist die Rede, wenn es darum geht, wie in einem Gesamtsystem das Verhältnis der Teilsysteme zueinander ist.

2.2. Operative Schließung

Wie bereits erwähnt, beschreibt Luhmann die Welt mit Hilfe der Unterscheidung von System und Umwelt. Der Unterschied zwischen System und Umwelt liegt darin, dass nur das System handeln kann. Die Systemtheorie geht von Differenzen (Funktionale Differenzierung) aus, welche mittels Operationen erzeugt werden.

„Funktionale Differenzierung beruht auf einer operativen Schließung der Funktionssysteme unter Einschluß von Selbstreferenz.“[5]

Operationen sind Ereignisse, welche mit ihrem Erscheinen bereits wieder verschwinden und daher keinen Bestand haben. Durch die Operationen eines Systems im Gesellschaftssystem bilden sich Operationsfolgen, die bei hinreichender Dauer, die Differenz zwischen System und Umwelt erzeugen und das System ausdifferenzieren. Diese Operationen produzieren und reproduzieren den teilsystemspezifischen Sinn und sind immer Operationen des Teilsystems selber. Die Systeme operieren geschlossen und vermischen sich nicht mit anderen Systemen. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass die operative Geschlossenheit der einzelnen Teilsysteme nicht als Abgeschlossenheit zu betrachten ist, da die Grenzen für die Kommunikation durchlässig sind. Es findet ein ständiger Austausch des Systems mit seiner Umwelt statt; so kommuniziert beispielsweise das Teilsystem Recht mit dem Teilsystem Wirtschaft. Die Operationen eines Systems produzieren systemeigene Strukturen, welche durch Umwelteinflüsse nicht determiniert, sondern allenfalls irritiert werden können. Es gibt also keine Beeinflussungen und Strukturbestimmungen von außen. Die sozialen Teilsysteme sind somit selbstreferentiell, d.h. selbstbeeinflussend und operativ geschlossen. Das System kann sich in seinen Operationen auf sich selbst beziehen (Selbstreferenz) oder auf etwas außerhalb seiner selbst (Fremdreferenz), wobei die fremdreferentiellen Operationen niemals die Systemgrenze überschreiten. Die Umwelt des Systems ist für das System operativ nicht erreichbar. Dieses Herstellen von Strukturen durch Operationen, die sich ihrerseits wieder an diesen Strukturen orientieren, beschreibt Luhmann als den Vorgang der Autopoiesis.

2.3. Autopoiesis

Der Neurobiologe Humberto Maturana verbreitete erstmals den Begriff der Autopoiesis, der Selbst-machend (griech. „autos“ =selbst und „poiein“ =machen) bedeutet.

Beim autopoietischen System handelt es sich also um ein selbstorganisiertes und reproduzierendes System. Demnach ist ein System charakterisiert durch die Fähigkeit, die Elemente aus denen es besteht, selbst zu produzieren. Selbstherstellung und Selbsterhaltung stellen somit die Grundeigenschaften dessen dar, was als Autopoiesis zu bezeichnen ist. Aufgrund der Geschlossenheit der Systeme besteht kein Außenkontakt, der direkten Einfluss auf die Systemoperationen ausüben könnte. So setzt sich zum Beispiel das soziale System Polizei (Subsystem des Rechts) aus den Elementen „Polizisten“ oder Handlungen wie „Verhaften“ usw. zusammen. Diese Elemente würden nicht existieren, wenn es das System „Polizei“ nicht gäbe, oder anders gesagt, nur das System „Polizei“ kann „Polizisten“ bzw. die Handlung des „Verhaften“ hervorbringen.

Wie bereits erwähnt bestehen die sozialen Systeme, also die Gesellschaft nicht aus Menschen als Funktionssysteme, sondern aus Kommunikationen, die letztendlich die sozialen Systeme bilden. Diese haben solange Bestand wie Kommunikation immer wieder Kommunikation auslöst.

Die Autopoiesis der Kommunikation findet statt, wenn erstens eine Mitteilung als Zeichen für eine Information gedeutet wird (Differenz zwischen Information und Mitteilung) und zweitens ein als Mitteilung erkannter Vorgang soweit verstanden wird, dass an ihn mit einer Gegenmitteilung angeschlossen werden kann (Differenz zwischen Mitteilung und Verstehen). Dieser selbstreferentieller Prozess wird schließlich als Kommunikation bezeichnet. Kommunikation ist nach Luhmann ein anderes Wort für das Prozessieren von Sinn in sozialen Systemen. Er versteht hierunter drei Dinge gleichzeitig: Selektion, Verweisung und Anschluss. Nach seiner Definition prozessiert ein soziales System Sinn, indem es aus der unendlichen Fülle der Möglichkeiten ein Element herausgreift und damit zugleich auf Alternativen verweist, die nicht ausgewählt wurden. Das soziale System existiert weiter, wenn die ausgeführte Selektion Anschlussmöglichkeiten für andere Selektionen bietet, d.h. sie reproduzieren sich dadurch dass, indem sie immer wieder Anschlussmöglichkeiten für weitere Kommunikation erzeugen. Es knüpft somit jede Handlung an eine andere Handlung an.

Beispielsweise agiert das Rechtssystem, wie jedes andere operativ geschlossene System, in ständigem Selbstkontakt. Es kann sich in diesem Fall stets an dem bereits vorhandenen Recht orientieren. Insbesondere wenn es um Rechtsänderungen geht, operiert die Rechtspraxis immer mit historisch gegebenem Recht. Das Recht muss somit nie neu beginnen, sondern es kann an das bereits vorhandene Recht anschließen.

2.4. Codierung und Programmierung

„Während Funktionssysteme sich über ihre Funktion in der Gesellschaft etablieren und mit der Beschreibung ihrer Funktion auf die Gesellschaft verweisen, benötigen sie eine weitere Einrichtung, einen binären Code, um ihre eigene Autopoiesis zu formieren.“[6]

Der binäre Code stellt einen notwendigen Bestandteil jeden Funktionssystems dar. Erst durch ihn wird das Erkennen der Anschlussfähigkeit von Operationen im System sowie das Produzieren und Reproduzieren der Differenz von System und Umwelt gesichert. Mit Hilfe des binären Codes wird alles was in einem bestimmten Bereich wie dem Funktionssystem Recht, Wirtschaft, Kunst usw. fällt, einem bestimmten Wert zuordnet. Unter Ausschluss dritter Möglichkeiten legt der binäre Code einen positiven und einen negativen Wert fest. Der positive Wert ist laut Luhmann im System das, „womit man etwas anfangen kann“; der negative Wert dient nur zur Reflexion der Bedingungen, unter denen der positive Wert eingesetzt werden kann. Positive/Negative Werte sind beispielsweise im Rechtssystem Recht / Unrecht oder Haben / Nichthaben im Wirtschaftssystem. Es findet eine Differenzierung zwischen dem positiven und dem negativen Wert statt, denn man kann beispielsweise erst von etwas Gutem (Positiver Wert) sprechen, wenn man die Möglichkeit hat, es von etwas Schlechten abzuheben (negativer Wert).

Am Anfang steht also die Differenz nicht die Identität, welche erst durch die Abgrenzung zur Umwelt gebildet wird. Binäre Codes zeigen an, welche Operation dem jeweiligen System angehört und welche der Umwelt des Systems zuzuordnen ist. Es handelt sich somit um die Organisation von Differenzen. Nur über Codierung ist es den Funktionssystemen möglich, verständliche Informationen entstehen zu lassen.

[...]


[1] vgl. dtv-Lexikon 1995, S. 322

[2] Luhmann, N. 1997, S. 746

[3] Luhmann, N. 1997, S. 744

[4] vgl. Ritter, J. u.a. 1976, S. 893

[5] Luhmann, N. 1997, S. 745

[6] Luhmann, N. 1997, S. 748

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
"Systemtheorie: Funktional differenzierte Gesellschaft" v. N. Luhmann und K. E. Schorr
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
26
Katalognummer
V53988
ISBN (eBook)
9783638492850
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemtheorie, Funktional, Gesellschaft, Luhmann, Schorr
Arbeit zitieren
Claudia Hoffs-Langhans (Autor), 2003, "Systemtheorie: Funktional differenzierte Gesellschaft" v. N. Luhmann und K. E. Schorr, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53988

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