Verschiedene Sprachen - Verschiedene Welten?


Seminararbeit, 2006

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Der Zusammenhang von Denken und Sprechen

III. Die Verschiedenheit der Sprachen

IV. Die Gegenseitige Beeinflussung verschiedener Sprachen

V. Das Problem des Übersetzens

VI. Schlussbemerkung

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Das Thema „Verschiedene Sprachen – Verschiedene Welten“ beschreibt ein grundsätzliches philosophisches Problem: Ist das, was man in seinem Denken objektiv für die Wirklichkeit hält, nur eine subjektive Sicht auf die Welt? Subjektiv nicht im Sinne der ganz persönlichen Sichtweise, sondern vielmehr im Sinne einer durch die eigene Sprache bedingte Weltansicht. Daraus ließe sich folgern, dass es gar keine objektive Sicht auf die Welt gibt, sondern vielmehr eine Vielzahl von, durch verschiedenen Sprachen bedingten, Interpretationsweisen von Wirklichkeit und Welt. Dieser Frage, ob und inwieweit die Sprache die Weltansicht des Menschen bedingt und worin die Unterschiede in der Weltansicht der verschiedenen Sprachen liegen, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Auch wenn es sich um ein sehr weit gefächertes und teilweise schwer zu fassendes Thema handelt, beinhaltet es eine Perspektive zum Verständnis des Menschen und seines Denkens.

Als Grundlage für die Behandlung dieses Themas dienen vor allem folgende Aufsätze von Wilhelm von Humboldt: Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung und Über den Nationalcharakter der Sprachen. Des Weiteren sollen auch Aufsätze von Benjamin Lee Whorf, Edward Sapir und José Ortega y Gasset berücksichtigt werden.

Um überhaupt die These aufstellen zu können, dass eine Sprache eine Weltansicht bedingt, muss man von einem ursächlichen Zusammenhang von Denken und Sprache ausgehen, dieses soll unter Punkt II behandelt werden. Auf dem folgenden Kapitel III liegt der Schwerpunkt der Arbeit. Aufbauend auf den Ergebnissen des zweiten Kapitels soll der Frage nach der Unterschiedlichkeit der Sprachen nachgegangen werden: woher rührt diese Verschiedenheit und wie manifestiert sie sich im Denken und Handeln der Menschen? Geht man im Folgenden von einer grundsätzlichen Verschiedenheit der Sprachen aus, stellen sich zwei Fragen: Inwieweit können sich verschiedene Sprachen gegenseitig beeinflussen? Welche Konsequenzen hat die Verschiedenheit der Sprachen auf das Übersetzen?

II. Der Zusammenhang von Denken und Sprache

Der Titel der Arbeit beinhaltet hintergründig die These, dass erst durch die Sprache die Welt erschaffen wird, woraus der Schluss gezogen werden kann, dass die Sprecher verschiedener Muttersprachen unterschiedliche, durch ihre Sprache geprägte Weltansichten haben. Um eine solche These stützen zu können, muss zunächst festgestellt werden, inwieweit Denken und Sprache in Verbindung stehen und wie sie sich gegenseitig bedingen und beeinflussen.

Wilhelm von Humboldt geht von einer Untrennbarkeit des menschlichen Bewusstseins von der Sprache aus.[1] Der Mensch lebe, denke und fühle allein in der Sprache.[2] Doch wie kommt es zu einer solchen elementaren Verbindung von Denken und Sprache, aus der man schließen kann, dass ohne Sprache vielleicht gar kein Denken möglich ist? Die Sprache dient nach Humboldt nicht nur dazu, wirkliche Gegenstände in der Welt, Gegenstände, die also schon unabhängig von Sprache existieren, nur zu bezeichnen. Vielmehr geht er davon aus, dass die Sprache durch die Bezeichnung die Gegenstände erst schafft und sie demnach nur in ihr existieren.[3] Dabei stellt sich die Frage, inwieweit die Gegenstände außerhalb der Sprache überhaupt existieren, dies gilt in besonderem Maße für abstrakte Gegenstände. Bezeichnungen wie Familie entsprechen keinem objektiv sichtbaren Gegenstand in der außersprachlichen Welt. Es handelt sich vielmehr um eine, auch kulturell bedingte, Interpretation der Wirklichkeit. Worte sind also insofern geistige Stellvertreter der Interpretation der Welt.

Die Art, wie der einzelne Mensch die ihn umgebende Welt gedanklich organisiert und ordnet, ist, auch wenn ihm das nicht bewusst ist, niemals frei und eigenständig. Kein Mensch kann unabhängig von den in seiner Sprache implizierten Interpretationsweisen der Welt sprechen oder denken, er ist an ihre Strukturvorgaben, seien es begriffliche oder grammatikalische, gebunden, kann sich nur in ihnen ausdrücken, sich nicht von ihnen befreien.[4] Eine Sprache drückt das aus, was für die Gesellschaft, deren Organ sie ist, nötig ist.[5] Die elementare Rolle der Sprache in der Sozialisation eines Menschen ist unbestritten. Ein Mensch nimmt mit der Sprache die Beurteilungen der Wirklichkeit der Gesellschaft, in der er lebt, auf und fügt sich in ihre Normen und Regeln ein. Die Muttersprache kann also als Verkörperung allen Denkens und Fühlens bezeichnet werden,[6] gleichzeitig ist sie Schlüssel zur Welt.

Ausgehend davon stellt sich die Frage was zuerst da war: Das Denken oder die Sprache? „ Der Mensch ist nur Mensch durch die Sprache; um aber die Sprache zu erfinden, müsste er schon Mensch seyn [sic!].“[7] Die Sprache kann natürlich niemals unabhängig vom Menschen schon „immer“ existent gewesen sein, nach Humboldt konnte die Sprache jedoch nicht einfach „erfunden“ werden, sondern musste vielmehr schon immer im menschlichen Verstand angelegt gewesen sein. Trotzdem geht er davon aus, dass die Sprache auf einen Schlag erfunden worden ist und von Anfang an ein Ganzes war. Diese Ganzheit der Sprache definiert und begründet er damit, dass es nichts Einzelnes in der Sprache gäbe, ein Mensch müsse, um einen Laut, der einen Begriff bezeichnet, verstehen zu können, bereits die Gesamtheit der Sprache in all ihren Zusammenhängen in sich tragen. Man darf hierbei allerdings nicht die Erfindung mit der Ausbildung der Sprache verwechseln: Mag die Sprache auch in einem Moment als ein umfassendes System entstanden sein, so hat sie sich doch im Laufe der Zeit in ihren Formen entwickelt und verfeinert.[8] Irgendwann erreicht eine Sprache den Punkt einer vollkommenen Organisation, von dem ab sich die grundlegende Gestalt der Sprache nicht mehr ändert, sich aber innerhalb der gegebenen Grenzen in Bezug auf die feinere Ausbildung bis ins Unendliche steigern kann.[9]

Man kann aus dem zuvor Dargestelltem folgende Schlüsse ziehen: das Denken ist nicht von der Sprache zu trennen, es wird erst durch sie ermöglicht aber gleichzeitig in seinen Dimensionen durch sie beschränkt, ohne dass der Mensch sich dieser Tatsache bewusst ist. Der Mensch denkt in den Grenzen seiner Sprache und hält gleichzeitig, weil er es vielleicht nicht besser wissen kann, seine Sicht auf die Welt als absolut und objektiv. Gleichzeitig darf nicht vergessen werden, dass der Mensch mit seinem Denken auch auf die Sprache zurückwirkt, indem zum Beispiel Begriffe durch neue oder feinere Bedeutungen erweitert werden. Auch der Einfluss grammatischer Formen auf das Denken darf nicht außer Acht gelassen werden: Sie sind nicht nur ein Werkzeug oder äußerer Rahmen, um Gedanken auszudrücken, sondern sie formen die Gedanken, pressen sie in die der Sprache eigenen Strukturen.[10] Hierzu ein Beispiel, auf Kapitel III vorgreifend: Im Deutschen ist das Adjektiv immer dem Substantiv vorangestellt, im Spanischen besteht die Möglichkeit, das Adjektiv vor oder hinter das Substantiv zu stellen, wobei sich die Funktion und Bedeutung des Adjektivs je nach Stellung verändert. Ein Beispiel: una sola mujer bedeutet eine einzige Frau, wohingegen una mujer sola eine alleinstehende Frau bezeichnet. Nur durch eine Veränderung der Syntax kann also ein vollkommen anderer Gedanke ausgedrückt werden. Aber auch in größeren Zusammenhängen kann man die grammatische Prägung durch die Sprache erkennen. Die indogermanischen Sprachen ordnen die Welt nach Geschlechtern: Wir denken in Kategorien von männlich, weiblich und neutral, obwohl diese Einteilung in der außersprachlichen Wirklichkeit gar nicht existiert. Es ist eine subjektive Klassifikation, die der Sprecher einer solchen Sprache, weil er es nicht anders kennt, aber als die Wirklichkeit auffasst.[11] Jedoch sind innerhalb der indogermanischen Sprachen die Geschlechtsbestimmungen der außersprachlichen Welt verschieden: Im Deutschen ist es der Mond und die Sonne, im Spanischen sind die Geschlechter gegensätzlich zugeordnet: la luna und el sol. So kommt es auch, dass andere Sprachen eben nicht diese, sondern ganz andere Einteilungen der Welt haben. Es ist also davon auszugehen, dass die Inhalte einer bestimmten Sprache im Zusammenhang mit der jeweiligen Kultur stehen und so Wortschatz und grammatische Formen ein genaues Abbild der jeweiligen Kulturgemeinschaft sind.[12]

Der Mensch ist und bleibt also eine „ bescheidene Geisel[13] seiner Sprache, da „[…] die Sprache nicht nur Schwierigkeiten für den Ausdruck gewisser Gedanken bereitet, sondern auch die Empfängnis anderer behindert und unseren Verstand in gewissen Richtungen lähmt.“[14]

[...]


[1] Humboldt, Wilhelm von: Über das vergleichende Sprachstudium in Beziehung auf die verschiedenen Epochen der Sprachentwicklung. In: Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1963. S. 1-25. (Werke in fünf Bänden, Bd.3).S. 11.

[2] Humboldt, Wilhelm von: Über den Nationalcharakter der Sprachen. In: Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1963. S. 64-81. (Werke in fünf Bänden, Bd.3) S. 77.

[3] Humboldt, Wilhelm von: Über den Einfluss des verschiedenen Charakters der Sprachen auf Literatur und Geistesbildung. In: Humboldt, Wilhelm von: Schriften zur Sprachphilosophie. Darmstadt 1963. S. 26-30.. (Werke in fünf Bänden, Bd.3) S. 26.

[4] Whorf, Benjamin Lee: Sprache Denken Wirklichkeit. Beiträge zur Metalinguistik und Sprachphilosophie. Reinbek bei Hamburg 121976. S.12.

[5] Ortega y Gasset, José: Glanz und Elend der Übersetzung. In: Ortega y Gasset, José: Gesammelte Werke. Bd.4. Stuttgart 1978. S. 126-151. S. 138.

[6] Sapir, Edward: Die Sprache. Eine Einführung in das Wesen der Sprache. München 21972. S. 187.

[7] Humboldt: Über das vergleichende Sprachstudium, S.11.

[8] Humboldt: Über das vergleichende Sprachstudium, S. 10-11.

[9] Humboldt: Über das vergleichende Sprachstudium, S. 1-2.

[10] Vgl. Whorf: Sprache Denken Wirklichkeit, S.12.

[11] Vgl. Ortega y Gasset: Glanz und Elend der Übersetzung, S. 143.

[12] Sapir: Die Sprache, S. 194.

[13] Ortega y Gasset: Glanz und Elend der Übersetzung, S. 145.

[14] Ortega y Gasset: Glanz und Elend der Übersetzung, S.139.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Verschiedene Sprachen - Verschiedene Welten?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2
Autor
Jahr
2006
Seiten
18
Katalognummer
V53992
ISBN (eBook)
9783638492881
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verschiedene, Sprachen, Verschiedene, Welten
Arbeit zitieren
Katrin Morras Ganskow (Autor), 2006, Verschiedene Sprachen - Verschiedene Welten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53992

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