Erziehung als Kompetenz? Kompetenzorientierter Unterricht und die Vorstellungen Michel de Montaignes


Essay, 2016

9 Seiten, Note: 2,3


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Philosophische Fakultat

Philologie der Romanistik

Wintersemester 2015/2016

„Der moderne Begriff "Kompetenz" als Ideal modernster Erziehung und Bildung zielt auf Montaignes Verstandnis von Erziehung ab.“

Vorgelegt am 13.03.2016 von:

Johanna Becker

In der Zeit der modernen und alltaglich gebrauchten Technik fallt es zunehmend schwer den eigenen Kopf gebrauchen zu mussen. Heutzutage wird notwendiges Wissen gegoogelt, bei Wikipedia nachgelesen oder anderweitig mit Hilfe des Inter­nets abgerufen. Es scheint, als sei es nicht mehr von Noten eigenes Wissen zu haben oder es zu benutzen. Lediglich die Kompetenz mit der Technik umgehen zu konnen wird vorausgesetzt und benotigt. Doch diese Entwicklung fuhrt zu einer starken Abhangigkeit, die die Ausbildung von Selbstandigkeit und einer kritischen Haltung gegenuber Gegebenheiten und Ereignissen verhindert, da bereits alles im Internet nachzulesen ist. Doch wie sollten wir mit dieser Masse an Informationen und Wis- sen umgehen? Ist es noch wichtig Fakten und Daten auswendig zu konnen? Ist es nicht viel entscheidender zu lernen was mit den gegebenen Informationen anzu- fangen ist? Der kompetenzorientierte Unterricht in der Schule versucht diesen Weg zu vermitteln und zu gehen. Hier steht Montaignes Vorstellung gegenuber. Er for- dert eine Erziehung, die es dem Zogling ermoglicht sich kritisch und unabhangig mit Informationen und Wissen auseinander setzen zu konnen.

Ziel dieses Essays ist es daher beide Seiten wissenschaftlich darzulegen, daruber zu diskutieren und eine Bestatigung oder eine Verwerfung der Ausgangshypothese zu erzielen. Dafur werden zuerst die Begrifflichkeiten Erziehung, Bildung und Kompe- tenzen der heutigen Zeit erlautert, dann wird das Verstandnis von Montaigne pra- sentiert und zum Schluss erfolgt eine Diskussion mit anschlieBendem Fazit.

Um die Ausgangshypothese beantworten zu konnen, stellt sich zuerst die Frage, was unter den heutigen Begriffen Erziehung, Bildung und Kompetenz verstanden wird und was im 16. Jahrhundert, vor allem von Montaigne darunter verstanden wurde. Dieses wird im folgenden Kapitel erlautert.

Die Definition von heutiger Erziehung bezieht sich auf den Willen etwas in jeman- den bewusst zu verandern oder zu bewirken, meist sind es Eltern oder nahe Ver- wandte die Kinder versuchen zu beeinflussen. Das Kind der Familie steht im Zent- rum der Familie. Es ist ein wichtiger oder der wichtigste Bestandteil der Familie und darf bei Entscheidungen nicht nur mitbestimmen, sondern kann mithilfe seiner Wichtigkeit eine emotionalen Kraft auf die Familie ausuben (vgl. Wild & Lorenz, 2010, S. 35). Doch welche Ziele verfolgen heutige Eltern bei ihrer Erziehung? All- gemein werden Kinder als wichtiger Teil der Familie gesehen mit individuellen Wunschen und Interessen, die zu selbststandigen und hoflichen Menschen heran gezogen werden sollen (vgl. Vodafone-Stiftung Deutschland, 2015, S. 19f.). Diese Erziehungswunsche konnen als Kompetenzen verstanden werden, denn Kompeten- zen werden als kognitive Fahigkeiten und Fertigkeiten um (selbststandig) Probleme losen zu konnen definiert. Dabei steht kognitiv fur Fahigkeiten, die wissen und denken betreffen und/oder auf sozial-emotionaler und psychomotorischer Ebene stehen. Kurz gesagt wird von Fahigkeiten im Bereich Kopf, Herz und Hand gespro- chen. Diese konnen entweder bereits gegeben sein und/oder erlernt werden. Durch Motivation, Willenskraft und soziale Bereitschaften und Fahigkeiten werden diese gesteuert (vgl. Weinert, 2012, S. 26). Am Beispiel der Hoflichkeit wird deutlich, dass Kinder lernen sollen, wie sie mit bestimmten Menschen reden und umgehen sollen, damit sie bestimmte Probleme entweder nicht haben oder sie bewaltigen konnen. Das Problem von Unhoflichkeit ware zum Beispiel eine nicht hilfreiche Antwort oder gar ein Scheitern der Problemlosung, welche vermieden werden sollte. Dabei erhalten die Zoglinge Ruckmeldungen zu ihren Kompetenzen, aber keine Benotungen, wie zum Beispiel in der Schule, wie im folgenden Abschnitt deutlich gemacht wird.

Auch in der Schule werden (bestimmte) Kompetenzen gefordert. Der Blick auf die Schule und dessen Orientierung ist wichtig, um spater einen Vergleich zu Mon- taignes Standpunkt ziehen zu konnen.

Der heutige Unterricht und die Ausbildung in der Schule orientieren sich an einer Schulerschaft die Kompetenzen erlernen soll. Es wird ein kompetenzorientierten Unterricht verfolgt, der verschiedene Zielsetzungen hat. Die Ziele sind Outputori- entierung, Orientierung an Bildungsstandards, an anspruchsvollen und zeitgema- Ben Bildungszielen und an modernen Unterrichtsmethoden (vgl. Schott & Shahram, 2012, S.102ff.). Doch was wird unter diesen Begriffen verstanden? Kurz gesagt sollen SchulerInnen bestimmte Kompetenzen erwerben, um wie bereits in der Defi­nition gesagt, Probleme losen zu konnen. Inhalte sind nicht notwendig. Dabei ist aber entscheidend zu beobachten, dass der Output, sprich die Resultate, maBgebend sind. Es wird von der Schulerschaft ein gewisser standardisierter Output erwartet, der schlussendlich bewertbar sein muss, da in der Schule Bewertungen und Beno- tungen erfolgen.

Montaigne hat seinen 26. Essay im ersten Buch zur Kindererziehung geschrieben, in dem er seine eigene Erziehung reflektiert und prasentiert, die alten Erziehungs- und Lehrmethoden kritisiert und uber seine Vorstellung von Erziehung schreibt (vgl. Montaigne, 1979). Dabei ist zu beachten, dass dieser Essay uber die Erziehung von Jungen handelt. Zwar schreibt er im Essay nicht vor, nur Jungen zu erziehen, doch beginnt sein Essay mit einer Vater-Sohn-Beziehung (vgl. Montaigne, 1979, S. 2019). Dieser Bezug seines Erziehungsideals auf mannliche Kinder wird auch im weiteren Verlauf deutlich. In dieser Arbeit wird einfachheitshalber von der An- nahme ausgegangen, dass unter Kinder (des enfants - im Titel, vgl. Montaigne, 1979, S. 219) beide Geschlechter verstanden werden.

Montaignes Erziehung verfolgt das Ziel dem Zogling mit Freude und Freiraum Selbststandigkeit, Hoflichkeit den Umgang mit Menschen zu vermitteln und somit auf das Leben vorzubereiten. (vgl. Montaigne, 1979, S. 225, Z. 11ff). Dabei spricht er gezielt von einer Erziehung von Seiten der Lehrer, nicht der Eltern, die die Kinder in ihrem Lernprozess lenken sollen. Eltern hingegen, so sagt er, konnten Kinder nicht erziehen, da Eltern zu weich seien, um ihren Kindern Schmerzen oder Strafen auszusetzen (vgl. Montaigne, 1979, S.228, Z.24). Diese Erfahrungen sind aber, nach Montaigne, wichtig, um auf das Leben vorbereitet zu werden.

Beachtenswert ist hierbei, dass er die Prugelstrafe ablehnt, da sie nicht lernforder- lich sei, sich eine tugendhafte Jugend wunscht, aber Grenzuberschreitungen be- furwortet (vgl. Montaigne, 1979, S. 246, Z.1ff). Die Welt ist das Buch der Schuler- schaft, sie sollen nah an der Realitat und am Leben lernen. Da Montaigne sich die Erziehung von Seiten der Lehrer wunscht, sind die Erziehungsziele gleichzeitig die Schul- und Unterrichtsziele. Unter dem Begriff Bildung wird in Montaignes Essays verstanden, dass die Fahigkeiten zu: argumentieren, seine Meinung zu prasentieren, Wissen zu hinterfragen (vgl. Montaigne, 1979, S. 225, Z. 26ff) und neugierig bzw. wissensdurstig zu sein ausgebildet werden (vgl. Montaigne, S.231, Z.26f). Montaig­ne selbst spricht nicht vom Wort „Kompetenz“ in seinen Essays, sondern haupt- sachlich uber die Vorbereitung aufs Leben.

Beide Verstandnisse wollen durch Erziehung und Bildung das Kind am besten indi- viduell auf ihr spateres Leben vorbereiten, dabei zielen beide Seiten unter anderem auf Selbststandigkeit und Hoflichkeit der Kinder ab.

Nun scheint es auf den ersten Blick, dass sich die Ausgangshypothese, bestatigt. Doch auf den zweiten Blick wird deutlich, dass das heutige Verstandnis von Erzie- hung und von Kompetenzorientierung in der Schule mit Montaignes Verstandnis von Erziehung nicht vollstandig ubereinstimmt.

Zwar wird das Beste fur das Kind von beiden Seiten gewunscht, doch unterscheiden sich die Verstandnisse voneinander. Montaigne fokussiert sich auf eine Erziehung, die von Lehrern objektiv vollzogen wird. Die heutige Erziehung richtet sich nach einer Hierarchie aber auch nach einer engen Beziehung zwischen Familie und Kind, die auf einer emotionalen Basis ruht. Das bedeutet fur die aufgestellte Hypothese, dass die moderne Erziehung nicht auf Montaignes Verstandnis abzielen kann, da von Montaigne Eltern als fahige Erzieher ausgeschlossen werden aufgrund ihrer emotionalen Beziehung zu ihren Kindern. Eltern lieben ihre Kinder und konnen sie daher nicht z.B. schmerzhaften oder schrecklichen Erlebnissen aussetzen. Lehrer hingegen konnen dieses, da sie neutral und objektiv zu den Kindern stehen mussen. Nach Montaigne gehoren diese Erlebnisse zu einem wichtigen und notwendigen Bestandteil der Vorbereitung auf das Leben.

Aber nicht nur die Beziehung zwischen Erzieher und Kind stellt sich unterschied- lich dar, sondern auch die eben erwahnte Vorbereitung auf das Leben. Heutige El- tern legen den Fokus der Erziehung eher auf den zwischenmenschlichen Bereich, also den Umgang mit anderen Menschen, den Montaigne ebenfalls teilt. Doch in heutiger schulischer Betrachtung wird ein mess- und kontrollierbares Resultat er- wunscht, welches einen Bildungsstandard fur alle ermoglichen soll. Dieser Stan­dard hat auch wirtschaftliches Interesse. Jeder Einzelne soll in seinem Leben die Moglichkeiten und die Kompetenzen haben und erwerben ein funktionierender Teil des Systems und der Wirtschaft zu sein. Hier konnte der Vergleich von Men- schen mit Maschinen verwendet werden. Die Menschen sollen funktionieren und wie Maschinen oder Computer bestimmte Probleme losen und gewunschte Ergeb- nisse erzielen. Bei Montaigne hingegen wird ein Hinterfragen von Wissen gefordert und kritisches Denken erlernt, welche anscheinend nicht gefordert werden in der heutigen kompetenzorientierten Bildung (vgl. Krautz, 2015, S.8). Ein Bildungsstan- dard fur alle ist fur Montaigne nicht notwendig. AuBerdem ist die zwischen- menschliche Kommunikation wichtiger fur das Leben, wobei das Verstandnis des Inhalts entscheidender ist als z.B. die Grammatik. Inhalt steht nicht nur uber Quali- tat oder Ergebnis, sondern lasst diese nicht als Kriterien von Bildungszielen zu. Das wird folgendes Beispiel zeigen.

Il ne sait pas ablatif, conjonctif, substantif, ni la grammaire ; ne fait pas son laquais ou une harangere du Petit-Pont [...]. (vgl. Montaigne, S. 248, Z. 18)

Die Betrachtung dieser Zielsetzungen verdeutlicht in Bezug auf die Hypothese, dass die soziale Kompetenz „Umgang mit Menschen“ in beiden Verstandnissen Wichtig- keit aufweist, doch wird in heutiger Sicht mehr auf Qualitat und Kontrolle der Kompetenzen geachtet, wohingegen sich Montaigne auf deren Inhalt(e) fokussiert. Wissen und Bildung konnen nicht messbar oder bewertbar sein. Sie sind individuell und nicht abhangig von Vergleichen.

Schlussendlich konnte daraus geschlossen werden, dass im heutigen Erziehungs- und Bildungsverstandnis eine Anpassung an das wirtschaftliche und soziale System angestrebt wird, wohingegen Montaigne auf eine selbststandige Entwicklung in Unabhangigkeit abzielt.

Es ist festzustellen, dass teilweise die Hypothese bestatigt und teilweise die Hypothe- se widerlegt wird. Es scheint eine ausgeglichene Argumentation zu sein, es gibt drei Argumente dafur und drei dagegen. Doch es ist auffallig, das befurwortenden Ar- gumente sich lediglich auf die Ausgangspositionen beziehen ohne dessen Komple- xitat und Folgen zu erfassen. Beide zielen auf den Wunsch das Beste fur das Kind zu ermoglichen, dieses mit Kompetenzen zu erreichen oder es damit auf das Leben vorzubereiten. Doch die Umsetzung und die Ziele der beiden Erziehungsvorstel- lungen zeigen deutliche Unterschiede auf. Beginnend bei der Beziehung zwischen Erzieher und Kind, weiter uber die versuchte Kontrolle von Bildung oder dessen Inhalt bis hin zur unterschiedlichen Auffassung zur Vorbereitung auf das spatere Leben der Kinder. Daher fallen die Ablehnungsargumente schwerer ins Gewicht und lassen eine Schlussfolgerung zu. Der moderne Begriff „Kompetenz“ als Ideal modernster Erziehung und Bildung zielt nicht auf Montaignes Verstandnis von Erziehung ab.

L iteraturverzeichnis

Krautz, J. (2015): “Kompetenzen machen unmundig”. In: https://empfehlenswertes.wordpress.com/2015/08/15/geistige-verarmung- durch-foerderung-fragwuerdiger-kompetenz/. (05.03.2016).

Montaigne, M. (1979): Montaigne EssaisI. preface d'Andre Gide. Paris: Gallimard, S.219 - 258.

Vodafone-Stiftung Deutschland (2015): Was Eltern wollen. Informations- und Unterstutzungswunsche zu Bildung und Erziehung: Eine Befragung des In- stituts ftir Demoskopie Allensbach im Auftrag der Vodafone-Stiftung Deutschland. Dusseldorf: Vodafone-Stiftung Deutschland.

Wild, E. & Lorenz, F. (2010): Elternhaus undSchule. Paderborn: Schoningh.

Schott, F. & Shahram, A. (2012): B ildungsstandards, Kompetenzdiagnostik und kompetenzorientierter Unterricht zur Qualitatssicherung des Bildungswe- sens. Eine problemorientierte Einfuhrung in die theoretischen Grundlagen. Munster: Waxmann.

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9 von 9 Seiten

Details

Titel
Erziehung als Kompetenz? Kompetenzorientierter Unterricht und die Vorstellungen Michel de Montaignes
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V540067
ISBN (Buch)
9783346166968
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erziehung, kompetenz, kompetenzorientierte, michel, montaignes, unterricht, vorstellungen
Arbeit zitieren
Johanna Becker (Autor), 2016, Erziehung als Kompetenz? Kompetenzorientierter Unterricht und die Vorstellungen Michel de Montaignes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540067

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