Verstehen und Erkenntnis in „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Ein Stundenprotokoll


Vorlesungsmitschrift, 2019

6 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Einstieg

Gegenstand des Seminares ist die Lektüre: „Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Zu Beginn der Sitzung werden kurz die Deutungen aus Gadamers Werk aus der letzten Seminarstunde wiederholt: Gadamer versuchte den Begriff des Vorurteils zu rehabilitieren und behauptete, dass der Begriff des Vorurteils in der Aufklärung Verruf geraten sei und einen Anspruch habe Vernunft herbeizuführen. Er schien folgenden Gedanken der Aufklärung zu zuschreiben: Wenn wir das Urteil nicht methodisch begründet haben, dann ist das Urteil unbegründet und damit ein Vorurteil. Gadamer kritisierte, dass dieser Gedanke keine andere Art der Geltung eines Urteils zulässt. Es gebe zusätzlich, jenseits der methodischen, eine andere Weise der Geltung, die er erstens als „sachliches Zutreffen als solches“ bezeichnet und zweitens als einen „in der Sache liegenden Grund der Gültigkeit“. Was meint Gadamer mit dem „sachlichen Zutreffen als solches“? Gibt es ein sachliches Zutreffen als Teil der Erkenntnis oder existiert gar kein sachliches Zutreffen? Um diese Fragen zu beantworten, werden in der Seminarsitzung weitere Textabschnitte aus Gadamers Werk gelesen und diskutiert. Das Ziel der Sitzung ist es noch nicht, diese Fragen beantworten zu können, sondern sich der Beantwortung dieser zu nähern.

Diskussion zum Textabschnitt 1

Der erste Abschnitt thematisiert die Bibelkritik der Aufklärung. Die Bibelkritik der Aufklärung, welche Gadamer in diesem Abschnitt beschreibt, moniert die Bibel als dogmatisch belegbares Dokument im Sinne einer historischen Tatsache. Hierzu gibt der Dozent Dr. Ingo Elbe einen kurzen Exkurs: Religionskritik war in der aufklärerischen Gesellschaft zunächst Christentumskritik, da das Christentum die Religion war, unter dessen Kultur die deutschen Aufklärer gelebt haben. Diese Kritik beinhaltete einerseits die Lektüre der Bibel als Quelle, welche die dort beschriebenen Dogmen und historischen Kontexte der Gottesbilder thematisierte und andererseits die fundamentalen religiösen Inhalte selbst, beispielsweise die Fragen, warum Religion entsteht und welche sozialen Zusammenhänge sich aus der Religion ergeben. Die erste Ebene ist also eine Kontextualisierung einer religiösen Aussage, ohne dem Geltungsanspruch, diese Aussage im religiösen Sinne zu prüfen. Die zweite Ebene ist die Geltungsprüfung religiöser Aussagen selbst. Beide Ebenen werden im Verlauf von Gadamers Kapitel aufgegriffen und zusammengeführt. In dem Textabschnitt bleibt noch unklar, welchen Aspekt Gadamer an der Christentumskritik der Aufklärung moniert.

Da die menschliche Vernunft zu schwach sei, um ohne Vorurteile auszukommen, sei es eben ein Glück, unter wahren Vorurteilen erzogen zu sein.“2, verbirgt eine weitere unklare Formulierung. Was bedeutet, dass die „menschliche Vernunft zu schwach sei“? Der Mensch bildet verschiedene Vorurteile aufgrund des eigenen Umfelds. Es scheint unmöglich, alle Gedankengänge, die aufgrund der Umgebung getroffen werden, vernunftgemäß zu überprüfen, sei es allein durch Zeitmangel oder durch fehlende wissenschaftliche Kenntnisse. Die Zuschreibung des Attributes „schwach“ scheint jedoch wage zu sein.

Diskussion zum Textabschnitt 3

Die Romantik, die Gadamer im nächsten Absatz anspricht, übernimmt die Ideen der Aufklärung und wertet diese negativ, aber argumentiert auch auf dem Felde dieser. Das Auseinandersetzen mit der Vergangenheit führt die Romantik zum Historismus, welcher als Verbindungspunkt zwischen der Aufklärung und der Romantik gelten könne. Der Anspruch der Aufklärung ist es erstens, die vernunftwidrige Überlieferung einer biblischen Aussage zu erkennen und zu entmystifizieren4 und zweitens die Herkunft dieser vernunftwidrigen Überlieferung dem mit einhergehendem Dogma zu historisieren5. Der Historismus vertritt die Idee, alle Gestalten menschlichen Bewusstseins als historisch situiert zu verstehen. „ Denn für das historische Bewußtsein ist der Ausnahmefall vernunftwidriger Überlieferung die allgemeine Situation geworden.“6 Der Historismus radikalisiert laut Gadamer die Aufklärung. „Ein durch die Vernunft allgemein zugänglicher Sinn wird so wenig geglaubt, daß die gesamte Vergangenheit, ja, am Ende sogar alles Denken der Zeitgenossen schließlich nur noch >historisch< verstanden wird.“7 Hier wird ein eigenes Beispiel im Seminar von Martin Luther genannt, welcher Antisemit war. Anstatt ihn für seine feindliche Einstellung gegenüber den Juden zu kritisieren, könne er nach Gadamers Vorstellung vom Historismus als „Kind seiner Zeit“ bezeichnet werden. Die Haltung des Historismus ist also eine aufklärerische Geltungsprüfung ohne die Vernunft, eine Radikalisierung des objektiven Zugangs zur menschlichen Überlieferung: Alles ist historisch begründbar.

Diskussion zum Textabschnitt 8

Bei diesem Textabschnitt eröffnet sich zunächst eine Fragestellung zu dem Satz „Die Selbstbesinnung und die Autobiographie – Diltheys Ausgangspunkte – sind nichts Primäres und reichen als Basis für das hermeneutische Problem nicht aus, weil durch sie die Geschichte reprivatisiert wird.“9 Was meint Gadamer hier mit der Reprivatisierung der Geschichte?

Die philosophische Grundidee, die hinter dieser Frage steckt, ist, dass die Geschichte aus den Maßstäben der Geschichte verstanden werden sollte und nicht die eigenen Maßstäbe des Interpreten auf die Geschichte projektiert werden. Wie kann ich mich also in die Vergangenheit hineinversetzen? Dilthey beantwortet, dass wir uns in den Autor hineinversetzen und seine Erlebnisse nacherleben müssen. Dieses Phänomen beschreibt Gadamer hier als Reprivatisierung: Der Autor und seine Lebenswelt ist die Bezugsgruppe des Verstehens. Der Interpret steht dem Interpretandum gegenüber. Gadamer scheint hier gegen eine Hermeneutik zu diskutieren, in welcher behauptet wird, dass berühmte Persönlichkeiten, wie beispielsweise Kant, die Geschichte beeinflusst haben: Die Kritik der reinen Vernunft lässt sich nicht durch Kants Lebensgeschichte ableiten. Verstehen entsteht nach Gadamer nicht durch den Maßstab fremder Erlebnisse, sondern durch den Maßstab von Staat und Gesellschaft und den damit verbunden Kontext, warum diese Persönlichkeiten ihre Theorien entwickelt haben.

Weitere Unklarheiten entwickeln sich bei den Sätzen: „Heißt in Überlieferung stehen in erster Linie wirklich: Vorurteilen unterliegen und in seiner Freiheit begrenzt sein? Ist nicht vielmehr alle menschliche Existenz, auch die freieste, begrenzt und auf mannigfaltige Weise bedingt? Wenn das zutrifft, dann ist die Idee einer absoluten Vernunft überhaupt keine Möglichkeit des geschichtlichen Menschentums. Vernunft ist für uns nur als reale geschichtliche, d.h. schlechthin: sie ist nicht ihrer selbst Herr, sondern bleibt stets auf die Gegebenheiten angewiesen, an denen sie sich bestätigt.“10 Gadamer scheint hier die aufklärerische Idee der Vernunft infrage zu stellen. Anders formuliert, scheint er folgende These zu bejahen: Wir sind determiniert durch die Geschichte, den Vorurteilen, der Gesellschaft, in der wir leben. „ Die Selbstbestimmung des Individuums ist nur ein Flackern im geschlossenen Stromkreis des geschichtlichen Lebens.“11

Gadamer kritisierte an der Aufklärung, die Vernunft als alleinigen Maßstab zum Verstehen zu nutzen. Er kritisierte am Historismus, die Vernunft selbst zu historisieren. Worin besteht also der Unterschied zum Historismus, wenn Gadamer behauptet, dass die Vernunft nicht ihrer selbst Herr ist, sondern stets auf die Gegebenheiten angewiesen ist? Nach Gadamer hat die Theorie des Historismus eine Aporie, denn diese behaupte einerseits, wie bereits erwähnt, dass jede Aussage objektiv geschichtlich bestimmt ist und erhebt andererseits damit gleichzeitig einen Anspruch auf einen außergeschichtlichen Zugang zur Geschichte. Gadamer radikalisiert damit den Historismus, indem er das historische Verstehen in der Vergangenheit als geschichtlich analysiert: Der Historismus ist das historische Bewusstsein in der Geschichte. Es ist also laut Gadamer ein Fehlschluss zu behaupten, der Historismus würde objektiv und vorurteilslos die Geschichte erklären, da der Historismus selbst historisch bedingt sei. Damit scheint Gadamer den Historismus als eine radikalisierte Aufklärung zu verstehen. Seine Argumentation scheint den ontologischen hermeneutischen Zirkel einzuleiten: Der Interpret ist Teil des Interpretandums. Das Verstehen ist ein Geschehen des Seins selbst.

[...]


1 Vgl. Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S.276-277.

2 Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S.280.

3 Vgl. Ebd. S.280.

4 Beispiel: Das Jesus soll Gott und Mensch zugleich sein soll, widerspricht allen Naturgesetzen und der Vernunft.

5 Beispielgedanke: Warum glauben wir an die Auferstehung von Jesus?

6 Ebd. S.280.

7 Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S.280.

8 Vgl. Ebd. S.280-281.

9 Ebd. S.281.

10 Gadamer, Hans-Georg (2010): Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. 7. Aufl. Tübingen: Mohr Siebeck. S.280 f.

11 Ebd. S. 281.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Verstehen und Erkenntnis in „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Ein Stundenprotokoll
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Human und Gesellschaftswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Hermeneutik des Verstehens. Hermeneutik und Hermeneutik-Kritik.
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V540073
ISBN (eBook)
9783346204509
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gadamer, hermeneutischer Zirkel, Hans-Georg Gadamer, Hermeneutik
Arbeit zitieren
Lara Bösking (Autor), 2019, Verstehen und Erkenntnis in „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Ein Stundenprotokoll, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540073

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