In dieser Vorlesungsmitschrift werden insbesondere drei Textabschnitte aus Hans-Georg Gadamers Werk „Wahrheit und Methode - Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ näher betrachtet und diskutiert. Denn was meint Gadamer mit dem „sachlichen Zutreffen als solches“, das jenseits der methodischen Art der Geltung eines Urteils eine andere Weise darstellen soll? Gibt es ein sachliches Zutreffen als Teil der Erkenntnis oder existiert gar kein sachliches Zutreffen?
Das Ziel der Sitzung ist es noch nicht, diese Fragen beantworten zu können, sondern sich der Beantwortung dieser zu nähern.
Struktur der Sitzung
1. Einstieg
2. Diskussion zum Textabschnitt 1
3. Diskussion zum Textabschnitt 2
4. Diskussion zum Textabschnitt 3
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Das vorliegende Protokoll dokumentiert die inhaltliche Auseinandersetzung mit ausgewählten Passagen aus Hans-Georg Gadamers „Wahrheit und Methode“, mit dem primären Ziel, Gadamers Kritik an der Aufklärung, dem Historismus und dem herkömmlichen Begriff des Vorurteils im Kontext der philosophischen Hermeneutik nachzuvollziehen.
- Rehabilitation des Vorurteilsbegriffs in Abgrenzung zur Aufklärung
- Analyse der bibelkritischen Ansätze der Aufklärung
- Untersuchung des Historismus als Radikalisierung aufklärerischen Denkens
- Kritik an der Vorstellung der „Reprivatisierung der Geschichte“ bei Dilthey
- Erörterung des hermeneutischen Zirkels und der Geschichtlichkeit des Verstehens
Auszug aus dem Buch
Diskussion zum Textabschnitt 3
Bei diesem Textabschnitt eröffnet sich zunächst eine Fragestellung zu dem Satz „Die Selbstbesinnung und die Autobiographie – Diltheys Ausgangspunkte – sind nichts Primäres und reichen als Basis für das hermeneutische Problem nicht aus, weil durch sie die Geschichte reprivatisiert wird.“ Was meint Gadamer hier mit der Reprivatisierung der Geschichte?
Die philosophische Grundidee, die hinter dieser Frage steckt, ist, dass die Geschichte aus den Maßstäben der Geschichte verstanden werden sollte und nicht die eigenen Maßstäbe des Interpreten auf die Geschichte projektiert werden. Wie kann ich mich also in die Vergangenheit hineinversetzen? Dilthey beantwortet, dass wir uns in den Autor hineinversetzen und seine Erlebnisse nacherleben müssen. Dieses Phänomen beschreibt Gadamer hier als Reprivatisierung: Der Autor und seine Lebenswelt ist die Bezugsgruppe des Verstehens. Der Interpret steht dem Interpretandum gegenüber. Gadamer scheint hier gegen eine Hermeneutik zu diskutieren, in welcher behauptet wird, dass berühmte Persönlichkeiten, wie beispielsweise Kant, die Geschichte beeinflusst haben: Die Kritik der reinen Vernunft lässt sich nicht durch Kants Lebensgeschichte ableiten. Verstehen entsteht nach Gadamer nicht durch den Maßstab fremder Erlebnisse, sondern durch den Maßstab von Staat und Gesellschaft und den damit verbunden Kontext, warum diese Persönlichkeiten ihre Theorien entwickelt haben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einstieg: Der Abschnitt rekapituliert Gadamers Versuch, den Begriff des Vorurteils gegenüber dem methodischen Verständnis der Aufklärung zu rehabilitieren.
Diskussion zum Textabschnitt 1: Hier wird die Bibelkritik der Aufklärung thematisiert und das Verständnis von Religion als historisches sowie dogmatisches Dokument kritisch hinterfragt.
Diskussion zum Textabschnitt 2: Das Kapitel behandelt den Historismus als Radikalisierung aufklärerischen Denkens und beleuchtet die Problematik der historischen Situierung menschlichen Bewusstseins.
Diskussion zum Textabschnitt 3: Dieser Teil setzt sich mit Diltheys Konzept der Selbstbesinnung auseinander und kritisiert die „Reprivatisierung der Geschichte“ zugunsten einer stärkeren Einbettung in gesellschaftliche Kontexte.
Schlüsselwörter
Hermeneutik, Gadamer, Wahrheit und Methode, Aufklärung, Vorurteil, Historismus, Vernunft, Bibelkritik, Reprivatisierung, Geschichte, Interpretandum, Verstehen, Ontologie, Dilthey, Geltungsanspruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Protokoll grundsätzlich?
Das Protokoll fasst die Diskussion einer Seminarsitzung zusammen, die sich kritisch mit zentralen Thesen aus Hans-Georg Gadamers Werk „Wahrheit und Methode“ befasst.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das hermeneutische Verstehen, die historische Bedingtheit menschlicher Vernunft, die Kritik an der Aufklärung und die Einordnung des Historismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Annäherung an Gadamers komplexe philosophische Begriffe und deren Verständnis im Rahmen der Hermeneutik-Kritik.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine hermeneutische Textanalyse, bei der Gadamer-Passagen direkt gelesen, hinterfragt und kontextualisiert werden.
Was wird im Hauptteil inhaltlich erörtert?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, die sich mit der Bibelkritik, dem Historismus und der Rolle der Subjektivität bei Dilthey beschäftigen.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Vorurteil, Geschichtlichkeit, Vernunftkritik und den hermeneutischen Zirkel charakterisiert.
Warum lehnt Gadamer Diltheys Ansatz ab?
Gadamer sieht in Diltheys Methode des Nacherlebens eine „Reprivatisierung“, da sie das Verstehen zu sehr auf das subjektive Erleben des Autors reduziert, anstatt den gesellschaftlichen Kontext zu berücksichtigen.
Wie unterscheidet sich der Historismus laut Gadamer von der Aufklärung?
Gadamer versteht den Historismus als eine radikalisierte Form der Aufklärung, da er die Vernunft selbst zur historischen Gegebenheit macht, dabei jedoch in eine Aporie gerät.
Was bedeutet der „ontologische hermeneutische Zirkel“ in diesem Kontext?
Er beschreibt das Verhältnis, in dem der Interpret untrennbar mit dem Interpretandum verbunden ist; Verstehen ist somit kein objektiver Prozess, sondern ein Geschehen des Seins.
- Arbeit zitieren
- Lara Bösking (Autor:in), 2019, Verstehen und Erkenntnis in „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ von Hans-Georg Gadamer. Ein Stundenprotokoll, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540073