Die Wissenssoziologie im Sinne Karl Mannheims


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Das Konzept des seinsverbundenen Denkens in der Wissenssoziologie
1.1 Der Begriff Wissenssoziologie und dessen Bedeutung
1.2 Seinsverbundenes Denken
1.3 Aspektstruktur des Denkens
1.4 Das Denken im Mannheimschen Sinne
1.4.1 Seinsverbundenen Denken am Beispiel der Konkurrenz
1.4.2 Freischwebende Intelligenz

2 Schlusswort

3 Literatur

0 Einleitung

Karl Mannheim gilt als Begründer der Wissenssoziologie[1]. Er geht von der „Seinsverbundenheit“ des Wissens aus.[2] Diese „Seinsverbundenheit“ soll in Form von historisch-soziologischer Forschung die verschiedenen Wissensgehalte der Vergangenheit und Gegenwart herausstellen.[3]

In dieser Arbeit soll das seinsverbundene Denken im Rahmen der Wissenssoziologie bestimmt und theoretisch erklärt werden. Dabei wird von den Werken Mannheims ausgegangen und die Erkenntnisse dann mit Arbeiten anderer Autoren kritisch verglichen und beurteilt. Zum besseren Verständnis bezüglich der Werke Mannheims und seines Lebens, ist im Anhang ein Lebenslauf in knapper Form beigefügt.

1 Das Konzept des seinsverbundenen Denkens in der Wissenssoziologie

1.1 Der Begriff Wissenssoziologie und dessen Bedeutung

Die Wissenssoziologie ist laut MIKL-HORKE[4] eine „der bedeutendsten Entwicklungen in der Zwischenkriegszeit“.[5] Der Begriff Wissenssoziologie wurde zwar durch Max Scheler[6] geprägt, aber verbunden ist die Wissenssoziologie mit dem Namen Karl Mannheim[7], der neben Scheler als Gründervater[8] der Wissenssoziologie gilt[9]. Mannheim formulierte die Wissenssoziologie mit neu, fasste sie weiter als Scheler und betrachtete sie weniger philosophisch als dieser.[10] Die Wissenssoziologie im Sinne von Mannheim unterschied sich zu Scheler dadurch, dass Mannheim weniger phänomenologisch interpretierte.[11] Ein weiterer Verdienst Mannheims ist der Einbezug der englischsprachigen (Soziologen‑)Welt, zumal fast das gesamte Werk Karl Mannheims in englischer Sprache[12] vorliegt.[13] Als wichtigstes Werk MANNHEIMS[14] in beiden Sprachen gilt „Ideologie und Utopie“ (1929).[15] Zur Etablierung der Wissenssoziologie trugen ebenso wesentlich die zwischen 1927 und 1931 veröffentlichten metatheoretischen Aufsätze über die Wissenssoziologie bei.[16]

Beim Begriff „Wissen“ in Bezug auf die Wissenssoziologie handelt es sich nicht um das „wissenschaftliche Wissen“ sondern „Weltanschauungen, Standpunkte[…], Ideologien, Begriffe[…], Haltungen, Denkkategorien und vielem mehr […] die alle freilich Wissenselemente enthalten, nicht aber mit Wissen schlechthin gleichzusetzen sind“[17]. In Bezug auf Wissen sind Wissensinhalte[18] Untersuchungsgegenstand in der Wissenssoziologie.[19]

MANNHEIM definiert für die Theorie der Wissenssoziologie die „Lehre von der sogenannten „Seinsverbundenheit“ des Wissens“[20]. In der Literatur wird hingegen davon ausgegangen, dass die Wissenssoziologie als Grundproblem die Beziehung zwischen Wissen und gesellschaftlicher Lage behandelt.[21] Bezüglich des Wissens, behauptet KNORR CETINA, „dass Wissen stärker als Kapital und Arbeit wirtschaftliches Wachstum antreibt und wirtschaftliche Verhältnisse bestimmt“[22]. Daraus schlussfolgert die vorgenannte Autorin, dass sich dementsprechend in einer Wissensgesellschaft die Gesellschaftsprozesse transformieren. So würden durch Ausschließung oder aber auch Teilhabe von Wissensformen neue gesellschaftliche Schichten entstehen.[23] Leider werden die Behauptungen weder weiter ausgeführt, an Beispielen belegt noch empirisch nachgewiesen. Hier ist laut Meinung der Autorin dieser Arbeit noch großer Klärungsbedarf vorhanden. Besonders unklar bleiben die Zusammenhänge der Behauptungen – beispielsweise warum Wissen (stärker als Kapital und Arbeit) wirtschaftliches Wachstum antreibt.

BERGER und LUCKMANN glauben, dass „die Erforschung der gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit […] die Aufgabe der Wissenssoziologie“[24] sei.[25] Dagegen drückt MANNHEIM die der Wissenssoziologie zugrunde liegenden Faktoren wie folgt aus: die Selbsttranszendierung und Selbstrelativierung des Denkens[26], „das Entstehen des enthüllenden Bewusstseins […], das Transzendieren des Denkens nach der historischen und sozialen Sphäre hin[27], […] und […] die gesellschaftliche Relativierung der >>Ganzheit<<, der >>Totalität<< der geistigen Welt, nicht nur einiger Gedanken.“[28] Hier ergibt sich in Bezug auf die Wissenssoziologie die Behauptung „der Abhängigkeit allen menschlichen Bewusstseins von der sozialen Struktur“[29]. Allerdings ist nicht von einem Kausalverhältnis von Wissens und Sozialstruktur auszugehen.[30] Bezüglich der abgrenzbaren Soziallagen hebt die Wissenssoziologie im Mannheimschen Sinne den Bezug auf die konkrete historische Situation hervor.[31]

Laut WOLFF kennzeichnet die Wissenssoziologie eine vorwiegend spekulative und theoretische Forschungsweise.[32] In diesem Sinne grenzt sich die Wissenssoziologie unnötig eng ein, da sie sich hauptsächlich mit Ideologien, Theorien und Ideen beschäftigt.[33] MANNHEIM selbst grenzte die Wissenssoziologie noch enger ein: „Die Wissenssoziologie ist eine […] soziologische Disziplin, die […] als historisch – soziologische Forschung […] „Seinsverbundenheit“ an den verschiedenen Wissensgehalten der Vergangenheit und Gegenwart herauszustellen bestrebt ist.“[34]

1.2 Seinsverbundenes Denken

Schon im 19. Jahrhundert wurde das Problem des seinsverbundenen Denkens durch Schopenhauer, die materialistische Geschichtsauffassung und den Pragmatismus aufgeworfen.[35] Die Erkenntnis: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.[36] Unter dem starken Einfluss von Marx kann die Ausgangsvorstellung der Wissenssoziologie wie folgt formuliert werden: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein des Menschen.[37]

Für MANNHEIM ist es daher geradezu ungeheuerlich, dass die Denkmethoden, mit denen die Menschen zu den wichtigsten Entscheidungen gelangen, ihr politisches und soziales Schicksal erkennen und damit auch leiten können, für eine Kontrolle und Selbstkritik unzugänglich geblieben sind.[38] „Diese Anomalie erscheint um so ungeheuerlicher, wenn wir daran erinnern, daß heute weit mehr vom korrekten Durchdenken einer Situation abhängt als dies in früheren Gesellschaftsformen der Fall war.“[39] Denken und Wissen kann gar nicht richtig verstanden werden, sofern man ihre Seinsverbundenheit sowie ihr Vorhandensein für die jeweilige gesellschaftliche Gruppe nicht beachtet.[40] Für Mannheim ist die Seinsverbundenheit der Zusammenhang, „der zwischen außerintellektuellen Faktoren und dem Denken über bestimmte Themen besteht.“[41] Kurz gefasst: Es geht nicht um das Denken an sich, sondern um das Denken über bestimmte Themen, welches damit seinsverbunden ist.[42]

Das seinsverbundene Denken besitzt für MANNHEIM folgende Merkmale: „das Verstehen […], das konstitutive Hineintragen der weltanschaulichen Hintergründe (nicht nur in Gestalt der Wertung) in das Denkergebnis, […] der sozial-weltanschaulich gebundene Wille und die soziale Sensibilität als schöpferische Prinzipien, zugleich aber auch als vitale Grenzen jeder Art seinsverbundenes Wissens.“[43] MANNHEIMS Thesen: Bestimmte Erkenntnisse und bestimmte Werthaltungen sind auf ein reales Subjekt funktionalisierbar sowie die Annahme, dass in einer bestimmten Sphäre das gesellschaftliche Leben das Erkennen mit konstituiert.[44]

[...]


[1] Beispielsweise vgl. Hofmann 1996, 7

[2] Vgl. Mannheim 1985, 227

[3] Vgl. Mannheim 1985, 227

[4] Wird sich direkt auf ein Werk eines genannten Autors bezogen, wird dessen Name in Großbuchstaben geschrieben.

[5] Mikl-Horke 1994, 142

[6] BERGER und LUCKMANN betonen, dass Max Scheler ein Philosoph war und den Begriff Wissenssoziologie in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts in Deutschland eher philosophisch als soziologisch einführte (vgl. Berger/Luckmann 1990, 4). MANNHEIM weist darauf hin, dass die Wissenssoziologie (in dieser Zeit) entstanden ist, „um in der gegenwärtigen Krisensituation des Denkens sichtbar gewordene, vielfache Gebundenheit […] eine der heutigen Situation angemessene Theorie über die Bedeutung außertheoretischen Bedingungen des Wissens auszubauen.“ (Mannheim 1956, 659) MEJA und STEHR fassen zusammen, dass die Wissenssoziologie „nicht nur ein symptomatisches Geistesprodukt einer durch eine tiefgreifende Krise im geschichtlichen und gesellschaftlichen Bewusstsein geprägten Zeit, sondern auch von ein eher deutsches Phänomen“(Meja/Stehr 1982a, 13) sei.

[7] Vgl. Mikl-Horke 1994, 142

[8] Laut BARTH ist der eigentliche Begründer der Wissenssoziologie Karl Marx (vgl. Barth 1982, 665). So hat schon MARX formuliert: „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt, ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt“ (Marx; Karl (1858): Zur Kritik der politischen Ökonomie. Berlin. Zitiert in: Barth 1982, 665). MANNHEIM selbst geht noch einen Schritt weiter und behauptet: „Zum Durchbruch gelang die Wissenssoziologie bei Marx in dessen genialen Andeutungen, die dieses Thema betreffen.“(Mannheim 1985, 266) Allerdings zeigt das gewählte Wort „Andeutungen“, dass MANNHEIM in Marx nicht vollständig den Wissenssoziologen sieht. Dafür seien die wissenssoziologischen Elemente von Marx zu sehr mit der Ideologieenthüllung eng verwachsen (vgl. Mannheim 1985, 266).

[9] Hofmann 1996, 7

[10] Vgl. Berger/Luckmann 1990, 10

[11] Vgl. Mikl-Horke 1994, 147

[12] Die Emigration Mannheims (im Jahre 1933) nach England ist sicher als ausschlaggebender Punkt für die Englischsprachigkeit seiner Werke zu sehen (vgl. Mikl-Horke 1994, 147; Hofmann 1996, 225)

[13] Vgl. Berger/Luckmann 1990, 9

[14]

[15] Beispielsweise vgl. Wolff 1968, 127

[16] Vgl. Meja/Stehr 1982b, 922

[17] Wolff 1968, 126

[18] Untersuchungsobjekte sind weder die Institution der Wissenschaft, Wissensarbeiter wie Wissenschaftler beziehungsweise Experten oder die Wissenschaft als Funktionssystem (vgl. Knorr Cetina 2002, 708).

[19] Vgl. Knorr Cetina 2002, 708

[20] Mannheim 1959, 659

[21] Vgl. Wolff 1968, 13

[22] Knorr Cetina 2002, 707

[23] Vgl. Knorr Cetina 2002, 707

[24] Berger/Luckmann 1990, 20

[25] Die Autorin bestreitet eine reine Beschränkung der Wissenssoziologie-Forschung auf die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Als wichtiger erachtet sie den Ansatz (beispielsweise behandelt bei WOLFF oder wie nachfolgend von MANNHEIM), dass die Wissenssoziologie die Zusammenhänge von Wissen und gesellschaftlicher Lage betrachtet sowie den Aspekt des Denkens bezüglich außerintellektueller Einflüsse.

[26] Dabei handelt es sich um die Möglichkeit, Gedanken nicht wörtlich zu nehmen (vgl. Wolff 1968, 144).

[27] Also die Auffassung des Denkens in Bezug auf Geschichte und Gesellschaft (vgl. Wolff 1968, 144).

[28] Mannheim, Karl : Wissenssoziologie. zitiert in Wolff 1986, 144

[29] Meja/Stehr 1982b, 897

[30] Vgl. Maasen 1999, 17

[31] Vgl. Mikl-Horke 1994, 147

[32] Der Autor weist auf die empirischen Arbeiten in der Wissenssoziologie hin. So nennt WOLFF als Vertreter MERTON; KOHN-BRAMSTEDT, ZILSEL und auch MANNHEIM mit „Historismus“ (vgl. Wolff 1968, 130).

[33] Vgl. Wolff 1986, 13

[34] Mannheim 1956, 659

[35] Vgl. Marck 1982, 438

[36] Vgl. Marck 1982, 438

[37] Vgl. Berger/Luckmann 1990, 5

[38] Vgl. Mannheim 1985, 5

[39] Mannheim 1985, 3

[40] Vgl. Mannheim 1956, 661

[41] Kurucz 1989b, 829

[42] Kurucz 1989b, 829

[43] Mannheim 1982, 325

[44] Vgl. Marck 1982, 439

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Wissenssoziologie im Sinne Karl Mannheims
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Wissenssoziologie
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V54011
ISBN (eBook)
9783638493062
ISBN (Buch)
9783638661706
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sinne, Karl, Mannheim, Wissenssoziologie
Arbeit zitieren
Annika Fischer (Autor), 2006, Die Wissenssoziologie im Sinne Karl Mannheims, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54011

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