Normalität und Behinderung. Die Konstruktion von Normen und Normalität in einer Gesellschaft


Hausarbeit, 2019

15 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

INHALT

1. Einleitung

2. Die Behindertenbewegung
2.1 Welche Bedeutung hat Normalitat im Kontext von Behinderung
2.2 Das Normalisierungsprinzip

3. Die Disability Studies und ihre Perspektiven

4 Die Herausbildung von Korpernormen
4.1 Korpernormen nach Michel Foucault
4.2 Normalisierungspraktiken nach Michel Foucault
4.3 Anschlusse an Michel Foucault in den Disability Studies (DS)

5. Differenzierung von „Norm“ und „Normalitat“ nach Jurgen Link
5.1 Normativitat und normative Norm
5.2 Normalitat und normalistische Norm

6. Normalistische Strategien
6.1 Protonormalismus
6.2 Flexibler Normalismus

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

“ Es ist normal, verschieden zu sein. Es gibt keine Norm fur das Menschsein. Manche Menschen sind blind oder taub, andere haben Lernschwierigkeiten, eine geistige oder korperliche Behinderung- aber es gibt auch Menschen ohne Humor, ewige Pessimisten, unsoziale oder sogar gewalttatige Manner und Frauen“ (von Weizsacker, 1993).

Das vorangestellte Zitat ist ein Ausschnitt der Ansprache von Richard von Weizsacker, welche er als Bundesprasident bei der Eroffnungsveranstaltung der Tagung der Bundesarbeitsgemeinschaft Hilfe fur Behinderte im Jahr 1993 hielt. Das behinderte Menschen anders sind als „wir Normalen“ (Goffman, 1996, S. 13), wird gewohnlich auf gesundheitliche Storungen und Auffalligkeiten zuruckgefuhrt (vgl. Waldschmidt, 2008, S. 5799). „Behinderung“ als Differenzkonstruktion beruht auf einem Akt der Unterscheidung; der Diskriminierung (vgl. Dederich, 2010, S, 175). Behinderung oder Normalitat sind keine individuellen Eigenschaften, sondern soziokulturelle Konstruktionen (vgl. Bosl, 2009, S. 9). Aus der sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektive erscheint der menschliche Korper als ein sozial hergestelltes und kulturell geformtes Phanomen. Hierdurch ist grundsatzlich offen, als wie normal oder anormal, als wie vollstandig, funktionsfahig, geschadigt oder beeintrachtigt der Korper definiert und erfahrbar wird (vgl. Gugutzer & Schneider, 2007, S. 33).

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage nach dem Normalen. Es wird danach gefragt, was uberhaupt normal ist und auf welche Art und Weise Gesellschaften Normalitaten produzieren.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird zunachst die Entstehung und die Ziele der Behindertenbewegung dargestellt. Es soll verdeutlicht werden, welche Bedeutung Normalitat im Bezugsrahmen von Behinderung hat. AnschlieBend hierzu, wird das Normalisierungsprinzip nach Bengt Nirje vorgestellt. Aus der Behindertenbewegung entstanden, werden im nachsten Abschnitt die Disability Studies vorgestellt, welche Behinderung aus einer anderen Perspektive beleuchten und als ein soziales Modell von Behinderung zugrunde legen.

Der nachste Teil dieser Arbeit beschaftigt sich mit der Herausbildung von Normen, die auf den Korper bezogen werden. Es wird die Sichtweise des franzosischen Sozialphilosoph Michel Foucault dargestellt, der den (behinderten) Korper als Konstrukt verschiedener Diskurse und Effekt vielfaltiger Normalisierungspraktiken versteht. Im nachsten Abschnitt soll anschlieBend aufgezeigt werden, welche Anschlusse es an die Theorie des zuvor vorgestellten Michel Foucault in den Disability Studies gibt, welcher ein medizinisches Modell von Behinderung darlegt und auf den klinischen Blick aufmerksam macht.

Im funften Abschnitt wird der Frage nachgegangen, was uberhaupt Normalitat ist. Hierfur wird auf die Arbeiten von Jurgen Link zuruckgegriffen, welcher einen Vorschlag fur die Differenzierung von Norm und Normalitat vorgelegt hat. Nachdem die Differenzierung stattgefunden hat, werden die Normalisitischen Strategien, der Protonormalismus und der flexible Normalismus, dargestellt.

Im letzten Abschnitt, dem Fazit dieser Arbeit wird aufgezeigt, wo und in welcher Form sich der Normalismus im Umgang mit behinderten Menschen zeigt. Die Sichtweise von Michel Foucault und Jurgen Link werden kurz reflektiert, um anschlieBend zu verdeutlichen, wie angewandte Wissenschaften und Professionen wie die Soziale Arbeit, in die Normalisierung involviert sind.

2. Die Behindertenbewegung

Bei der Behindertenbewegung der spaten 1960er und 1970er Jahren handelt es sich um eine emanzipatorisch orientierte politische und soziale Bewegung, die sich fur die Rechte und gesellschaftlichen Anerkennung behinderter Menschen, sowie den Aufbau konkreter Unterstutzungssysteme einsetzte (vgl. Dederich, 2010, S. 170). Die Aktivisten der Bewegung waren vor allem durch selbst erfahrene Unterdruckung, Marginalisierung und Ausgrenzung motiviert. Im Vordergrund dieser Bewegung standen anfanglich neben den biographischen Erfahrungen somit auch politische Zielsetzungen. Der Erfahrungshorizont fuhrte zu einer kritischen, wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit historischen, sozialen, kulturellen, medizingeschichtlichen und institutionellen Hintergrunden und Ursachen dieser Erfahrungen, sowie zu vielfaltigen emanzipationsorientierten Projekten. Somit stand schon fruh die wohlfahrtsstaatliche, mit Ein- und Ausschluss operierende Normalisierungslogik westlicher Gesellschaften, im Zentrum der Kritik (vgl. Dederich, 2010, S. 170).

2.1 Welche Bedeutung hat Normalitat im Kontext von Behinderung

Behinderung war ultimative Andersheit und wurde vor allem als funktionales Defizit in Bezug auf die Erwerbsfahigkeit und Produktivitat einer Person verstanden. Behinderung wurde als soziales Problem gefasst, das mit sozialstaatlichen Mitteln gelost werden sollte. Das Hauptanliegen der Behindertenpolitik war die funktionale Normalisierung von Menschen mit Behinderungen. Medizinische und berufliche RehabilitationsmaBnahmen sollten sie zur produktiven Erwerbsarbeit befahigen und in den Arbeitsmarkt eingliedern. Mit technischen Mitteln- vor allem mithilfe der Prothesentechnik- sollten die als abweichenden und defizitar klassifizierten Korper den funktionalen Normalitatserwartungen ihrer Umwelt angepasst werden (vgl. Bosl, 2009, S. 9).

2.2 Das Normalisierungsprinzip

Bank-Mikkelsen hat 1959 eine Formulierung gepragt, die Eingang in das danische „Gesetz uber die Fursorge fur geistig Behinderte“ fand- womit das Normalisierungsprinzip seinen Anfang nahm. Mit Normalisierung war gemeint, den geistig Behinderten ein Leben so normal wie moglich zu gestatten (vgl. Kubek, 2012, S. 75).

Eine systematische Ausdifferenzierung des Normalisierungsprinzip erfolgte durch Bengt Nirje (1974). Er vertrat das Normalisierungsprinzip als ein „Mittel, das dem geistig Behinderten gestattet, Errungenschaften und Bedingungen des taglichen Lebens, so wie sie der Masse der ubrigen Bevolkerung zu Verfugung stehen, weitgehend zu nutzen“ (vgl. Kugel & Wolfensberger, 1974, S. 97) Die Normalisierungsforderungen nach Nirje bezogen sich auf acht Lebensbereiche (vgl. Pitsch, 2006, S. 226). Demnach sollen behinderte Menschen das Recht erhalten auf:

1. Einen normalen Tagesrhythmus
2. Einen normalen Wochenrhythmus (Arbeit/ Schule/ Behandlung/Freizeit)
3. Einen normalen Jahresrhythmus
4. Normale Erfahrungen im Ablauf des Lebenszyklus
5. Normalen Respekt vor dem Individuum und dessen Recht auf Selbstbestimmung
6. Normale sexuelle Lebensmuster ihrer Kultur
7. Normale okonomische Lebensmuster und Rechte im Rahmen gesellschaftlicher Gegebenheiten
8. Normale okonomische Umweltmuster und Umweltstandards innerhalb der Gemeinschaft (vgl. AWO, o.J.).

In den 1970er Jahren verbreitete sich dieses Normalisierungparadigma. Als behindertenpolitisches Ziel wurde neben der Eingliederung in das Erwerbsleben die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft bedeutsam. Rehabilitationskonzepte wurden erweitert, und technische Normalisierungsversuche setzten nun nicht mehr ausschlieBlich am Individuum an, sondern, wie auch die Bemuhungen um den Abbau von Alltagsbarrieren zeigten, allmahlich auch an Bedingungen von gebauter Umwelt und Gesellschaft (vgl. Bosl, 2009, S. 9f.).

3. Die Disability Studies und ihre Perspektiven

Im folgenden Abschnitt werden die Disabiliy Studies (DS) vorgestellt, bei welchen es sich um einen politischen, interdisziplinaren Wissenschaftsansatz handelt, deren Paradigmen aus den politischen Analysen und Erkenntnissen der Behindertenbewegungen der 70er Jahre entstanden sind. Behinderte Menschen werden in erster Linie als Angehorige einer unterdruckten Minderheit verstanden, die erst durch Diskriminierungen und gesellschaftliche bedingte Barrieren unterschiedlichster Art, behindert werden (vgl. Waldschmidt, 2003, S. 7).

Die DS sind als eine wissenschaftliche Disziplin zu verstehen, die sich kritisch mit „Behinderung“ auseinandersetzt (vgl. Dederich, 2007, S. 9). Ihren Ursprung finden sie in den USA und GroBbritannien (vgl. Dederich, 2010, S. 171). Im deutschsprachigen Raum setzte die Rezeption der DS etwas spater ein, laut Waldschmidt und Schneider, erst im Jahre 2000 (vgl. Waldschmidt & Schneider, 2007, S. 14).

Die zentrale These der DSs lautet, dass Behinderung eine soziale und kulturelle Konstruktion ist (vgl. Dederich, 2010, S. 170). Im Zentrum stehen die besonderen Situationen von Menschen, bei denen korperliche, kognitive, sprachliche, emotionale oder Verhaltenseigenschaften, als negativ, andersartig wahrgenommen werden (vgl. Dederich, 2007, S. 9). Den DS geht es nicht um die Beeintrachtigung als solche, sondern um die Bedeutung, die diese auf gesellschaftlicher, politischer und kultureller Ebene, sowie fur die Betroffenen selbst hat. Behinderung wird folglich nicht bloB als korperlich medizinisches Phanomen, sondern vor allem als soziales und gesellschaftliches Geschehen verstanden. Sie legen ein soziales Modell von „Behinderung“ zugrunde und grenzen sich von einem medizinischen Modell ab, das Behinderung als ein individuell innewohnendes Defizit des einzelnen Individuums versteht (vgl. AG Disability Studies, o.J.). Das soziale Behinderungsmodell postuliert eine Dichotomie zwischen der medizinisch oder psychologisch diagnostizierbaren Beeintrachtigung oder Schadigung (impairment) und der aus ihr resultierenden sozialen Benachteiligung (disability). Ihr zufolge ist Behinderung (disability) nicht das Ergebnis medizinischer Pathologie, sondern ein Produkt sozialer AusschlieBungs- und Unterdruckungsmechanismen. Menschen „sind“ nicht zwangslaufig auf Grund ihrer gesundheitlichen Beeintrachtigung „behindert“, sondern sie „werden“, indem Barrieren gegen ihre Partizipation errichtet werden, im und durch das soziale System „zu Behinderten gemacht“ (vgl. Waldschmidt, 2007, S.120).

Der Versuch der wissenschaftlichen Disziplin DS liegt darin, Behinderung neu zu denken (vgl. Dederich, 2007, S. 17). Als eigenstandige Wissenschaft, dessen Forschungsrichtungskern behinderungsbezogenen Fragen und Themen sind, analysieren und kritisieren die DS, die historisch und kulturell bedingten gesellschaftlichen Situation Behinderter (vgl. ebd., 2007, S. 18). Die DS bringen so die korperlichen und seelischen Auswirkungen von Beeintrachtigung, in einen gesellschaftlichen Zusammenhang (vgl. Disability Studies, o.J.). Aus Sicht der DS, werden Beeintrachtigungen nicht durch die individuelle Besonderheit an sich zur Behinderung, sondern durch die gesellschaftlichen, ideologischen und diskursiven Bedingungen, die die Idee einer stabilen Norm festschreiben und so das von ihr abweichende uberhaupt erst produzieren (vgl. AG Disability Studies, o.J.).

„Behindert ist man nicht, behindert wird man“ (Raul Krauthausen).

Aus diesem Grund fragen die DS danach, wie Gesellschaften Normen herausbilden und unter welchen Voraussetzungen und Umstanden sie „Normalitaten“ produzieren (vgl. Dederich, 2007, S. 20). Es wird herausgearbeitet, wie sowohl starre als auch mehr oder weniger flexible Grenzen entstehen, welche im gesellschaftlichen Feld eine Mitte und einen Rand, aber auch ein Innen und auBen produzieren (vgl. Dederich, 2010, S. 173).

4. Die Herausbildung von Korpernormen

Themen, wie gesellschaftliche Konstruktionen des menschlichen Korpers, Versuche der Durchsetzung korperbezogener Normen und Normalisierung, wurden in den vergangenen Jahren mit wachsendem Interesse von verschiedenen Disziplinen reflektiert und empirisch untersucht. Hierbei setzen sich zahlreiche korper- und medizinsoziologisch orientierte Arbeiten mit dem Werk von Michel Foucault auseinander (vgl. Freitag, 2007, S. 249).

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Normalität und Behinderung. Die Konstruktion von Normen und Normalität in einer Gesellschaft
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie - Das Rauhe Haus
Veranstaltung
Lebenswelt
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
15
Katalognummer
V540142
ISBN (eBook)
9783346167057
ISBN (Buch)
9783346167064
Sprache
Deutsch
Schlagworte
behinderung, gesellschaft, konstruktion, normalität, normen
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Normalität und Behinderung. Die Konstruktion von Normen und Normalität in einer Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540142

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