Die moralisch-satirische Dichtung der Carmina Burana

Die Missstände der Kirche im 12. Jahrhundert anhand der Romsatire CB 42 von Walther von Châtillon


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hintergründe und Analyse
II.1. Vaganten – Die Dichter der Carmina Burana
II.2. Erwartungen des Papstes an die Studenten
II.3. Die römische Kurie und Walther von Châtillon
II.4. Geld und die römische Kurie
II.5. Kritikpunkte im Gedicht CB 42 von Walther von Châtillon

III. Zusammenfassung der Ergebnisse aus der Analyse

IV. Fazit

V. Quellen-/Literaturverzeichnis

I. Einleitung:

„Alles schlüge Rom ihm ab, wenn kein Geld er brächte; wer die meisten Gelder gibt, hat die besten Rechte“ ist ein Zitat von Walther von Châtillon aus der moralisch-satirischen Dichtung der Carmina Burana (CB 42), indem er die römische Kurie anprangert. Das Zitat könnte man als Sinnbild für die Auffassung der Dichter der größten mittelalterlichen Sammlung von lateinischen und volkssprachigen Gedichten der Carmina Burana sehen: die Vaganten, die mit Wander-, Bettler-, Trink-und Liebesliedern Sozialkritik betreiben und nach christlichen Idealen strebten.1 Eine Antwort auf die Frage zu finden, wie sich diese Sozialkritik äußert bzw. welche Missstände in der moralisch-satirischen Dichtung der Carmina Burana beschrieben werden und warum gerade ein angesehener Kleriker wie Walther von Châtillon Romsatiren verfasst, ist Ziel dieser Hausarbeit. Als Quelle soll die Romsatire CB 42 aus der Edition (mit lateinischem Text): „Vagantendichtung“ von Herausgeber und Übersetzer Karl Langosch dienen.2 Allerdings muss man die Übersetzungen immer vor dem Hintergrund betrachten, dass sie mit dem Vorurteil die Carmina Burana stehe für das weltliche Mittelalter interpretiert wurden.3 Zu den Hauptwerken auf die ich mich beziehe, gehört der Artikel „Vaganten oder Vagabunden“ von Dietz Rüdiger Moser4 und das Werk „Päpste und Poeten“ von Thomas Haye5 in dem die notwendigen Informationen zu Walther von Châtillon und seinem Verhältnis zur Kurie zu finden sind.

Durchaus kritisch wird anhand dieses Gedichts CB 42 von Walther von Châtillon die Aussage von Dietz Rüdiger Moser betrachtet, dass die Vagantendichtung kein gebrochenes Verhältnis zur christlichen Kirche aufweist.6

Zunächst werde ich kurz den Begriff des Vaganten erläutern und auf den Dichter meiner Quelle beziehen. Daraufhin verdienen die Erwartungen des Papstes an die Studenten der ersten Universitäten eine kurze Betrachtung bevor ich dann auf das Verhältnis zwischen der römischen Kurie und Walther von Châtillon zu sprechen komme. Anschließend um die Kritik der Vaganten zu verstehen gibt es einen kurzen Abschnitt zu dem Verhältnis von Geld und Kirche bevor ich dann anhand des Gedichts die Missstände der römischen Kurie herausarbeite.

II.1. Vaganten – Die Dichter der Carmina Burana:

Die Hintergründe zu den Personen der Dichter der Carmina Burana und die Zuordnung Walther von Châtillons zu einer Gruppe dieser, verdienen eine genauere Betrachtung.

Das Wort Vagant kommt aus dem lateinischen und bedeutet die Umherstreifenden.7 Während zum einen unterschieden wird zwischen clerici vagantes und vagi mit denen auf der einen Seite fahrende Scholaren und Kleriker, Studierende und Studierte gemeint sind, werden auf der anderen Seite unter dem Begriff vagi „Goliarden“ verstanden, die als Spielleute ohne Bildung, Stand, Ehre und Recht zu charakterisieren sind.8

Aber auch „ausgestiegene“ Kleriker, die nichts mehr mit ihrer Religion anfangen können und sie daher kritisch betrachten werden unter dem Begriff „Vagant“ gezählt.9 Sie werden aber auch als „Ausgesandte“ gesehen, die ihren eigenen Glauben unter den Menschen des gleichen Standes verbreiten.10

Der Begriff clerici bedarf noch einer Erläuterung. Es sind Studenten mit lateinischer Bildung, geringen Kenntnissen von den höheren Wissenschaften und niedriger Weihung, sodass man diese also nicht zu den geistlichen Würdenträgern zählen kann.11 Sie sind also auch nicht mit der Gruppe der Bischöfe zu vergleichen, die ohne Diözese oder Pfarrstelle auf Pilgerschaft waren und den Schutz der Kirche genossen, welche auch unter dem Begriff „Vagant“ fallen.12 Allerdings sind beide Gruppen auf der Suche nach Pfründen.

Walther von Châtillon gehört wohl zu der Gruppe von clerici, die schon eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung haben. Er wird später sogar als hochangesehener Kleriker beschrieben.13

Als Verfasser von (Papst)-panegyriken wird Dichtung und Poesie von Dichtern wie Walther von Châtillon gebraucht um an höfischen und kirchlichen Verwaltungsstellen eine Anstellung zu bekommen.14 Sie sind daher auch nur zeitlich begrenzt als Dichter zu bezeichnen und deswegen nicht zu den Vaganten zu zählen, die man als Berufsdichter bezeichnen könnte.15 Es stellt sich also die Frage, warum Walther von Châtillon in seinem Gedicht CB 42 Missstände der Kirche und seiner Würdenträger aufzeigt, obwohl er auf sie angewiesen ist um an Pfründe zu gelangen.

II.2. Erwartungen des Papstes an die Studenten:

Um zu verstehen warum die Vaganten (Studenten) Sozialkritik betrieben, ist die Klärung der Absichten des Papstes von Nöten, die er bei der Gründung und rechtlichen Anerkennung von Universitäten hatte.

Schon durch Auseinandersetzungen im frühen 11. Jahrhundert zwischen Papst- und Kaisertum kam es zur Gründung von Rechtsschulen, die sich mit Kirchenrecht und Herrscherrecht befassten. Daraus resultierte die Gründung der Universität in Bologna.16

Um ihren Einfluss immer mehr auszubreiten wollte die Kirche auch die Lehre kontrollieren. Mutmaßlich waren drei zusammenhängende Gründe ausschlaggebend, warum Päpste Universitäten schließlich rechtlich anerkannten und auch später gründeten.17 Sie wollten zum Einen eine einheitliche Position des Glaubens schaffen, der durch verschiedene Orden und Gelehrte durchaus verschieden interpretiert wurde.18 Zum anderen sollte der Papst als Zentralgewalt gegenüber der weltlichen Macht gestärkt werden und dies sollte durch die Ausbildung neuer Kleriker geschehen.19 Die kirchlichen Würdenträger erkannten zudem, dass wissenschaftliche Bildung zur Lösung von kirchenpolitischen Problemen beitragen konnte, weshalb sie sich bei Universitätsgründungen durch Stiftungsurkunden als rechtliche Gründer darstellten und die Universitäten unter ihren Schutz stellten. Durch Zusprache von Pfründen belohnte man sogar das erfolgreich absolvierte Studium.20

Nach Walther von Châtillons Aussagen in seiner Romsatire (CB 42) zu urteilen scheint diese Vereinheitlichung des Glaubens hauptsächlich dazu zuführen, dass sich die Missstände in der katholischen Kirche weiter ausbreiteten, da er die kirchlichen Würdenträger nach einem Besuch der Kurie mit „Tieren“ verglich, die von Geldgier getrieben waren.21

Für Walther von Châtillon gab es zudem bei der römischen Kurie keine Belohnung für eine erfolgreiche Ausbildung, so forderte er die Kurie Alexander III. vergeblich auf als ausgebildeter Kleriker seines Standes gemäß eine angemessene Entlohnung zu erhalten.22 Er hatte sich somit zwar zum Kleriker ausbilden lassen wendete sich aber nach der Verwehrung der Pfründe seitens der römischen Kurie der Konkurrenz zu: Erzbischof Wilhelm.23 Walther von Châtillon unterstützte somit nicht mehr unbedingt den Papst.

II.3. Die römische Kurie und Walther von Châtillon:

Des Weiteren verdienen die Hintergründe des Verhältnisses des Dichters Walther von Châtillon zur römischen Kurie eine Betrachtung, um seine Papstkritik und das Aufzählen der Missstände nachvollziehen zu können.

Die römische Kurie entwickelte sich im 11. und 12. Jahrhundert zu einem Ankerpunkt für die Gelehrtendichtung Europas.24 Grund dafür war das Streben, die Nachfolge des römischen Reiches durch die Übernahme kultureller Praktiken und den Gebrauch von lateinischen Texten anzutreten.25 Die Hauptgattungen, denen sich die Dichter bedienten, waren sowohl die Satire als auch die Panegyrik also die Lobesdichtung von Herrschern. (Beide haben sogar dieselben rhetorischen und ethischen Muster.)26 Ein wichtiger Aspekt war die Konkurrenz der römischen Kurie oder des Papstes mit den anderen Bischöfen und Erzbischöfen die auch miteinander konkurrierten.27 Vor allen Dingen der Erzbischof Wilhelm von Reims (besonders frz. Städte waren kulturelle Zentren) war durch die kirchenpolitische Konkurrenz zu Rom mächtig geworden und empfing Schriftsteller und Poeten (dazu gehörte auch Walther von Châtillon), um sich auf kirchlicher Art und Weise selbst verherrlichen zulassen mittels panegyrischer Dichtung.28

Insbesondere lateinische Dichtung war bei der Kurie angesehen, sodass lateinsprachige Dichter öfter zu Pfründen kamen, da es sich bei ihnen oft um ausgebildete Kleriker handelte.29 Volksprachige Dichter wandten sich daher in der Regel nicht an die Kurie, sondern höchstens an Bischöfe.30

Da aber alle Bewerber ein großes Sprachvermögen im lateinischen Bereich angehäuft hatten und wussten wie man eine Encomia papae31 verfasste, herrschte ein großer Konkurrenzdruck an der römischen Kurie.32 Walther von Châtillon gelang es daher nicht mit seiner Panegyrik eine Pfründe zu bekommen und gehörte schließlich zu der Sorte Kleriker, die zu Gegnern der römischen Kurie wurden.33

Für ihn bedeutete dies, dass er praktisch gleichgestellt war mit den volkssprachigen Dichtern, obwohl er eine Ausbildung als Kleriker genossen hatte. So stellte er in einem Brief die Kurie Alexanders III. vor die Wahl ihn entweder mit Pfründen zu belohnen, oder ihn zum Laien wieder zurückzustufen.34

Später fand er dann Anstellung am Hof von Erzbischof Wilhelm von Reims und pries diesen im Prolog des Alexandreis an.35 Dies kann man durchaus auch als Retourkutsche gegenüber der römischen Kurie sehen.36 Seine Papstkritik in CB 42 ist also durchaus vor dem Hintergrund der Erniedrigung Walther von Châtillons durch die Verwehrung von Pfründen seitens der römischen Kurie zu sehen.

Insgesamt zählen seine Dichtungen zur „semisatirische Panegyrik“, in der man versucht einen neuen Papst zu beeinflussen ein bestimmtes Reformprogramm durchzuführen sowie ein „moralisch- einwandfreies Verhalten“ zu schwören.37

II.4. Geld und die römische Kurie

Es ist aber nicht nur die Verwehrung von Pfründen, die man als Hintergrund für die Kirchenkritik aufweisen kann. Deswegen ist eine kurze Betrachtung der Geldwirtschaft zu dieser Zeit von Nöten.

Durch das Streben dem Imperium Romanum nachzufolgen, wandelten Päpste im Laufe des 12. und 13. Jahrhundert die Kirche zu einer Monarchie um. Sie zogen die Gelder der Kirche an sich und stellten das kanonische Recht auf, was zu heftigen Protesten in Frankreich und England führte.38 Des Weiteren festigten sie ihre Macht gegenüber den Bischöfe.39 Hinzu kam, dass Herrscher als Zeichen der Macht Münzen ohne wirklichen Wert prägen ließen.40 Die Kirche machte sich den dadurch bedingten Aufschwung der Geldwirtschaft zunutze und zog (schnell) durch vermehrte Almosensammlungen und Gehälter für geistliche Dienstleistungen einen Teil des Geldes an sich.41

[...]


1 Dietz-Rüdiger Moser, Vaganten oder Vagabunden. Anmerkungen zu den Dichtern der „Carmina Burana“ und ihren literarischen Werken, in: Ursula Brunold-Bigler und Hermann Bausinger (Hg): Hören Sagen Lesen Lernen. Bausteine zu einer Geschichte der kommunikativen Kultur, Peter Lang AG, Bern, 1995, S.525 (Moser: Vaganten).

2 „CB 42“ von Walther von Châtillon ed. Karl Langosch in: „Vagantendichtung“, Carl Schünemann Verlag Bremen, 1968. (Langosch: Vagantendichtung).

3 vgl. Moser: Vaganten, S.517.

4 s. Fußnote 1.

5 Thomas Haye, Päpste und Poeten. Die mittelalterliche Kurie als Objekt und Förderer panegyrischer Dichtung, Walther de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin 2009. (Haye: Päpste).

6 vgl. Moser: Vaganten, S.515. 1

7 Dr. Joachim Weiß, „Vaganten“, in: Brockhaus A-Z Wissen in zwölf Bänden, Band 11, Leipzig, 2005, S. 643.

8 vgl. Langosch: Vagantendichtung, S. 352/353.

9 vgl. Moser: Vaganten, S.515.

10 vgl. ebd. S. 515.

11 Günther Bernt, Nachwort in Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift in vollständiger deutscher Übertragung, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1976, S. 445. (Bernt: Carmina Burana). 2

12 vgl. Moser: Vaganten, S. 516.

13 vgl. Moser: Vaganten, S. 515.

14 vgl. Haye: Päpste, S. 45.

15 vgl. ebd. S. 45.

16 Wolfgang E. J. Weber, Geschichte der europäischen Universität, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 2002, S. 16. 3

17 Walther Rüegg, Themen, Probleme, Erkenntnisse, in: Walther Rüegg (Hg): Geschichte der Universität in Europa, C.H.Beck, München, 1993, S. 33. (Rüegg: Universität).

18 vgl. ebd. S. 15.

19 vgl. ebd. S. 15.

20 vgl. Rüegg: Universität, S. 34.

21 Zitat wird im Abschnitt VI. beschrieben.

22 vgl. Haye: Päpste, S.49.

23 vgl. ebd. S.36/37. 4

24 vgl. Haye: Päpste, S. 24.

25 vgl. ebd. S. 24.

26 vgl. ebd. S. 14.

27 vgl. ebd. S. 34.

28 vgl. ebd. S. 37.

29 vgl. ebd. S. 17.

30 vgl. ebd. S. 20.

31 Die Encomia papae ist ein Papsthymnus der in den Dichterschulen zu dieser Zeit trainiert wird. vgl. ebd. S. 13. 5

32 vgl. Haye: Päpste, S.48.

33 vgl. ebd. S. 49.

34 vgl. ebd. S. 49.

35 vgl. ebd. S. 36.

36 vgl. ebd. S. 38.

37 vgl. ebd. S. 41.

38 Jacques Le Goff, Kultur des europäischen Mittelalters, Droemerische Verlagsanstalt Th. Knaur, Zürich, 1970, S.166. (Le Goff: Kultur). 6

39 vgl. ebd. S.166.

40 vgl. Le Goff: Kultur, S. 416.

41 vgl. Le Goff: Kultur, S. 417.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die moralisch-satirische Dichtung der Carmina Burana
Untertitel
Die Missstände der Kirche im 12. Jahrhundert anhand der Romsatire CB 42 von Walther von Châtillon
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Geschichte/Philosophie)
Veranstaltung
Geistliche Konfliktführung und Kirche im Streit
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V540213
ISBN (eBook)
9783346172648
ISBN (Buch)
9783346172655
Sprache
Deutsch
Schlagworte
burana, carmina, châtillon, dichtung, jahrhundert, kirche, missstände, romsatire, walther
Arbeit zitieren
Lukas Hüttemann (Autor), 2017, Die moralisch-satirische Dichtung der Carmina Burana, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540213

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