Überlegungen zur Lebensweise des Habens und Seins nach Erich Fromm


Hausarbeit, 2013

15 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriff des Habens
1.1 Historischer Ursprung
1.2 Wesenszüge der Lebensweise des Habens
1.3 Einwände gegen die Lebensweise des Habens

2. Begriff des Seins
2.1 Lebensweise des Seins im Alltag

3. Eigene Meinung und Kritik
3.1 In Bezug auf die Wirtschaft
3.2 In Bezug auf den Menschen
3.3 Eigene Gedanken zur Lebensorientierung am Sein

4. Schluss

Quellenverzeichnis

Einleitung

„Die Welt, so wie wir sie kennen, wird nicht mehr dieselbe sein“ [1]. Solche und ähnliche Zitate haben sich im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise 2008 gehäuft. Spätestens ab dem Zeitpunkt des Zusammenbruches der großen Banken springen dem interessierten Nachrichtenleser immer wieder Schlagwörter, wie zum Beispiel Rezession, Wirtschaftswachstum, Bruttoinlandsprodukt oder Weltwirtschaftskrise entgegen. In Talkshows reden sich im Laufe der Krise Wirtschaftsprofessoren oder Aktienanalysten die Köpfe heiß und alle fragen sich: Wie kommt man wieder raus aus dem Mist? Und immer wieder gibt es eine Antwort: Der Konsum der Bevölkerung! Die Kaufkraft im eigenen Land muss sich erhöhen, indem die Menschen mehr kaufen. Und auch im Jahr 2013 ist das Vertrauen in den Konsum ungebrochen. Wie sollte es auch? Wo die Wirtschaft doch immer auf Wachstum ausgerichtet ist. Für dieses Vertrauen in das Wachstum werden viele Billionen Euro von Staatsschulden aufgetürmt, in der Hoffnung, dass die kommenden Generationen das irgendwie durch das wirtschaftliche Wachstum zurückzahlen werden. In diesem Zusammenhang spricht unser ehemaliger Umweltminister Norbert Röttgen von Gegenwartsegoismus[2]. Vor allem beim Fernsehen und im Briefkasten findet man heutzutage den Aufschrei nach Konsum. Wenn man nichts hat, ist man nichts, und was man haben soll, wird für einen beantwortet. Ein Mensch wird durch seinen Besitz definiert: Wenn ein Mann mit einem Bentley vorfährt, kann er ja kein schlechter Kerl sein, wobei man bei einem Fahrer eines Nissan Micras nicht so sicher sein kann. Und auch im privaten Leben muss es ein Wachstum an Konsum sein.

Zugleich wird in den letzten Jahren der Schrei nach einer umweltfreundlicheren Wirtschaft und Gesellschaft immer lauter. Die Politik versucht zum Beispiel durch das Kyoto-Protokoll die Treibhausgasemissionen der beteiligten Staaten zu reduzieren, die Medien rufen zu persönlicher Verantwortung auf, angefangen beim Wasserverbrauch bis hin zur Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel und die Industrie hat schon längst mit „umweltfreundlichen öko-Produkten“ neue Märkte für sich erschlossen. Man versucht durch verschiedene Verträge und Sicherheitsstandards den Schaden, den die technische Revolution der Natur gebracht hat, zu minimieren. Naturschutzgebiete und Nationalparks wurden seit Anfang des 20. Jahrhunderts errichtet, Autos und andere Güter werden immer „umweltgerechter“ produziert, und die erneuerbaren Energien wie etwa Windkraft- oder Solarenergie werden vom Staat weiter ausgebaut und subventioniert.

Unsere Gesellschaft versucht den Spagat zwischen maximalem Konsum und Umweltschutz. Dieser Spagat ist nach Erich Fromm unmöglich. Die Probleme der heutigen Gesellschaft führt er auf die Lebensweise des Habens zurück, womit sich die Umweltverträglichkeit bei gleichzeitig maximalem Konsum ausschließt. Durch psychoanalytische Methoden versuchte er die empirische Grundlage zur Unterscheidung von der Lebensweise des Habens von der des Seins zu ermitteln. Was sind das für Lebensweisen, die nach Fromm für das Scheitern oder das Gelingen unserer Gesellschaft verantwortlich sind?

In dieser Hausarbeit möchte ich versuchen, die Lebensweise des Habens und des Seins, wie Fromm sie proklamiert, darzustellen, voneinander abzugrenzen und zum Schluss seine Überlegungen zu bewerten. Die nachfolgenden Gedanken sind aus dem Buch „Haben oder Sein“ entnommen.

1. Begriff des Habens

Mit den Begriffen des Habens und des Seins sind nach Fromm zwei grundlegend verschiedene Formen des menschlichen Erlebens gemeint, die sich im Charakter von einzelnen Menschen, sowie ganzer gesellschaftlicher Gruppen auswirken.

1.1 Historischer Ursprung

Die Lebensweise des Habens hat sich mit Beginn der technischen Revolution und dem damit verbundenen Kapitalismus im 18. Jahrhundert verbreitet. Die Menschen erlangten immer mehr Privateigentum, was nicht nur funktionalen Wert hatte, sondern als Luxusgut beziehungsweise Konsumgut fungierte. Durch die verbesserten Produktionsmöglichkeiten erhoffte man, einen materiellen Überfluss für möglichst viele Menschen und dadurch das Glück der Mehrheit zu erreichen. Die Lebensweise eines Großteils der damaligen Gesellschaft war geprägt vom Hedonismus, welcher besagt, dass das Ziel des Lebens ein Optimum an körperlichen Freuden sei. Die Existenz eines Verlangens sei dabei die Legitimation für seine Befriedigung. Die persönliche Lust wurde zum höchsten Lebensziel. Und diese konsumierende Lebensweise ist auch überlebenswichtig für das ganze wirtschaftliche System. Wenn die Produktion an Konsumgütern steigt, trägt dies nur zum Wachstum des Systems bei, wenn der Konsum gleichermaßen steigt.

1.2 Wesenszüge der Lebensweise des Habens

Aus diesen Fakten kam ein neuer Geist einer Gesellschaft hervor. Einer Gesellschaft, die sich primär um Dinge dreht, anstatt um den Menschen. Die Gier nach Geld, Ruhm und Macht wird zum beherrschenden Lebensziel, welches immer mehr die Frage: „Was ist gut für den Menschen?“ verdrängt und die Frage: „Was ist gut für das Wachstum des Systems?“ als alleinige Ethik postuliert. Der Begriff des Profits wird nicht mehr im Zusammenhang mit der Seele verstanden, sondern einzig und allein materiell. Die Beziehung des Menschen zur Welt ist die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der man jedermann und alles, einen selbst mit eingeschlossen, zum Besitz machen will. Da Egoismus kein Aspekt des Verhaltens sondern des Charakters ist, entwickelt sich ein Trend, der einen Menschen immer mehr in die Feindseligkeit zu seiner Umgebung treibt. Wenn man nur so viel ist, wie viel man hat, dann muss man immer mehr haben wobei gleichzeitig die Wünsche endlos werden. Der Egoismus und die Konsumsucht machen die aktuelle Generation unfähig, an die Folgen für die nachfolgenden Generationen zu denken, beziehungsweise ihr Handeln zum Wohle der Gesamtmenschheit zu verändern.

Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind offenbar: Wo früher noch über den gerechten Lohn nachgedacht wurde (Thomas von Aquin), steht jetzt das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund, losgelöst von menschlichen Werten. Die Natur wird als Schatzkammer angesehen, an der wir Menschen uns frei bedienen dürfen, um die wichtigen Bodenschätze für unser System aus unserem Planeten zu saugen. Auf langzeitige ökologische Folgen wird wenig bis gar nicht geachtet. Das wirtschaftliche Verhalten hat sich komplett von der Leine der ethischen Normen losgerissen. Die negativen Folgen für die Natur und Arbeiter werden als wirtschaftliche Notwendigkeit angesehen.

Die Aufgabe der Verbreitung dieser Lebensweise übernehmen heutzutage in besonderem Maße die Medien. Die Aktualität dieser These wird durch die Entwicklung der Werbedauer bestätigt. 2001 dauerte eine durchschnittliche Werbesendung im Fernsehen 23 Sekunden. 2011 hingegen betrug dieser Wert schon 30 Sekunden, wobei in dem Jahr auch gleichzeitig der größte Werbeumsatz im Medien-Werbemarkt erzielt wurde.[3] Durch die Medien wird eine Scheinwelt aufgebaut, in der dem Verbraucher suggeriert wird, er müsse unbedingt das neuste Handy, Auto, Waschpulver oder Geschirr besitzen. Auch wenn der einzelne Mensch die absolute Freiheit als Ziel hat, so wird er doch täglich von den Medien getäuscht. Unsere Gedanken, Gefühle und unser Geschmack werden vom Industrie- und Staatsapparat entsprechend ihren kommerziellen Interessen manipuliert.

Doch nicht nur in den oberen Etagen der Konzerne ist die Lebensweise des Habens verbreitet, welche dadurch rein ökonomisch wäre. Der Egoismus, die Habgier und Ruhmsucht machen sich vor allem im zwischenmenschlichen Verhalten bemerkbar. Der Mann X liebt eine Frau, ist in Wirklichkeit aber nur darauf fixiert, ihren Körper oder ihre alleinige Anerkennung zu haben. Ein christlicher Prediger sagte zu diesem Thema sehr treffend: „Wenn ein Mann einer jungen Frau sagt, dass er sie liebt, sollte die Frau auch damit rechnen, dass er damit meint: Ich liebe mich und brauche dich dafür.“ Es geht in der Existenzweise des Habens nicht primär um das Wohl der anderen Menschen, sondern um das Gebrauchen von anderen Menschen für mein Wohl-sein. Dies kann durch Sex, Anerkennung oder ähnliches erreicht werden. Neben Menschen und Gütern kann sogar das Wissen und die Überzeugungen als Besitz angesehen werden, der dazu eingesetzt werden soll, das eigene Ansehen zu verbessern. Ein Mensch, der die eigene Meinung als Besitz ansieht, diskutiert in der Angst, verlieren zu können. Er möchte Recht behalten und sein Gegenüber mit besseren Argumenten „besiegen“. Beim Erwerb des Wissens steht die „Menge an Wissen“ im Vordergrund, die man erwirbt, ohne darauf zu achten, dass das Gehörte Teil der eigenen Gedankenwelt wird. Die Lebensweise ist so tief im Menschen verankert, dass nahezu jeder Bereich des menschlichen Lebens damit durchzogen ist. Man könnte deswegen noch viele weitere Beispiele aufführen.

1.3 Einwände gegen die Lebensweise des Habens

Doch die Prämissen dieser Lebensweise beinhalten in sich selbst einen Fehler. Die Lebensweise des Habens gründet sich auf den Annahmen, dass Glück in der Befriedigung der Bedürfnisse liegt, was durch eine uneingeschränkte Produktion von Konsumgütern, sowie absoluter persönlicher Freiheit erreicht werden kann. Andererseits müssen in einem wirtschaftlichen System Habgier, Selbstsucht und Egoismus vorhanden sein, damit das System überhaupt bestehen kann. Doch nach Fromm resultiert Glück nicht aus der uneingeschränkten Befriedigung aller Wünsche. Dieses triebhafte Verhalten, was nur die persönliche Passivität bezeugt, kann subjektiv gesehen für einen kurzen Moment glücklich machen, aber doch objektiv gesehen schädlich für das Wohl-sein und menschliche Wachstum des Menschen sein kann. Ein Beispiel dafür ist der Konsum von Süßigkeiten. Auch wenn die Schokolade während dem Verzehr gut schmeckt, ist ein übermäßiger Konsum schädlich für den biologischen Körper des Menschen. Zudem ist es trivial, zu erwähnen, dass Habgier, Egoismus und Selbstsucht in einer Gesellschaft nicht zu Glück und einem guten Zusammenleben beitragen. Wenn man sich das nur in einer kleinen Zelle der Gesellschaft, der Familie, vorstellt, so wird man schnell merken, dass diese Eigenschaften zu einem zerrütteten zwischenmenschlichen Verhältnis führen. Ein weiterer Knackpunkt der Annahme von Glück durch Konsum und Befriedigung ist der, dass sich der technische Fortschritt auf die reichen Industriestaaten beschränkt und dadurch der Abstand zwischen ihnen und den ärmeren Ländern (z.B. dritte-Welt-Länder, Schwellenländer) größer wird. Zudem bringt der technische Fortschritt nicht nur Glück, sondern auch Gefahren in Form eines potentiellen Atomkrieges oder ökologischen Gefahren.

Um diese ökonomischen und ökologischen Gefahren abzuwenden muss sich die Gesellschaft ändern. Das geht nach Fromm nur wenn ein fundamentaler Wandel der menschlichen Grundwerte und Einstellungen im Sinne einer neuen Ethik und einer neuen Einstellung zur Natur stattfindet. Es muss sich nicht nur die Gesellschaft ändern, sondern es muss sich parallel dazu ein neuer Mensch entwickeln.

2. Begriff des Seins

Was diese nahende Katastrophe abwenden kann, ist für Fromm die Lebensweise des Seins. Sie steht der Lebensweise des Habens entgegen. Dabei geht es nicht um den Unterschied zwischen westlichem und östlichem Denken, sondern um eine Lebensweise, die sämtliche Meister des Lebens, wie zum Beispiel Jesus, Meister Eckhardt oder Buddha praktiziert und gelehrt haben. Auch bei dieser Lebensweise ist das Ziel das optimale Wohl-sein des Menschen. Doch im Gegensatz zur Existenzweise des Habens wird dies nicht durch die vollständige Erfüllung von rein subjektiven Bedürfnissen erfüllt. Im Sein begründet die reine Existenz eines Verlangens keine ethische Norm. Das heißt, dass das eigene Verhalten nicht durch bloße Impulse begründet ist, sondern durch einen aktiven Prozess des Nachdenkens konstituiert ist. Man unterscheidet also zwischen subjektiven Bedürfnissen und objektiv gültigen Bedürfnissen. Dabei wird beim Sein nach dem Ursprung und der Wirkung der Bedürfnisse gefragt. Ist der Ursprung eines Bedürfnisses vielleicht krankhaft, wie zum Beispiel das Rauchen? Oder sind die Wirkungen über längere Zeit gesehen vielleicht viel mehr zerstörerisch als befriedigend?

Beim Haben dreht sich die Gesellschaft um Dinge und macht den Besitz zum Mittelpunkt des Lebens. Beim Sein dagegen wird der Mensch zum Mittelpunkt gemacht. Demnach ist für die Lebensweise des Seins der ökonomische Gewinn weniger wichtig, als die Verantwortung des Menschen der Gesellschaft und Natur gegenüber. Der Egoismus wird abgelehnt und der Mensch soll mit Freuden seine Fähigkeiten produktiv nutzen um eins mit der Welt zu werden ohne dabei Habsüchtig zu sein. Die Lebensziele sind beim Sein nicht im Materiellen zu finden, sondern in der Entwicklung, bei der der Mensch dem Modell der menschlichen Natur am nächsten kommt. Nach Fromm ist dieses Modell ein Mensch, der durch Vernunft und Erfahrung zum Verständnis von den Normen gelangt, die zum wirklichen Wohl-sein beitragen. Diese Sichtweise darf nicht mit Askese verbunden werden. Damit diese Verknüpfung nicht geschieht, teilt Fromm das Haben in funktionales Haben, und charakterbedingtes Haben ein. Das funktionale Haben ist auch bei der Lebensweise des Seins gegeben, nämlich die Gegenstände, die wir zum Überleben brauchen und benutzen. Darüber hinaus ist das charakterbedingte Haben der Lebensweise des Habens zuzuschreiben, die schon erklärt wurde.

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Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zur Lebensweise des Habens und Seins nach Erich Fromm
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Jahr
2013
Seiten
15
Katalognummer
V540238
ISBN (eBook)
9783346150332
ISBN (Buch)
9783346150349
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erich Fromm, Haben und Sein
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Überlegungen zur Lebensweise des Habens und Seins nach Erich Fromm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540238

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