Resilienz im medizinischen Fachberuf Physiotherapie und ihre Ausprägung bei den Auszubildenden

Quantitative empirische Querschnittstudie


Bachelorarbeit, 2020

85 Seiten, Note: 1,3

Thomas Neufert (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund zum Fachberuf Physiotherapie
2.1 Historische Entwicklung der Physiotherapie
2.2 Additionale Ausbildungsanforderungen
2.3 Arbeitsbelastungen in der Physiotherapie
2.3.1 Physische Belastungen
2.3.2 Psychische Belastungen

3. Resilienz in der Gesundheitswissenschaft
3.1 Begriffsbestimmung und Merkmale
3.2 Geschichte der Resilienzforschung
3.3 Schutzfaktoren
3.4 Stand der Forschung

4. Ableitung der Forschungsfragen und Hypothesen

5. Methode
5.1 Datenerhebung
5.2 Messinstrumente
5.2.1 Resilienz-Skala
5.2.2 Soziodemografische Variablen
5.3 Auswahl der Kohorte
5.4 Durchführung Pre-Test
5.5 Untersuchungsdesign
5.6 Durchführung der Untersuchung
5.7 Datenanalyse

6. Ergebnisse
6.1 Charakterisierung der Stichprobe
6.2 Beantwortung der Hypothesen

7. Diskussion
7.1 Sozialdemografische Variablen
7.2.Resilienz und Hypothesen

8. Resümee und Ausblick

9. Literaturverzeichnis

10. Anhang A

Zusammenfassung

Die Ausbildungsanforderungen in der heutigen Gesellschaft haben sich verstärkt. Diese vermehrte Belastung der Lernenden führt unweigerlich zu einer negativen Auswirkung auf deren Gesundheit. Vor allem die zunehmende psychische Belastung wirkt sich negativ auf die Gesundheit der Auszubildenden aus. Dabei gibt es Auszubildende, die scheinbar resistent gegenüber jeglicher Form von Belastung sind und keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen davon tragen. Die Ausbildung des medizinischen Fachberufes Physiotherapie ist eine der psychisch anspruchsvollsten Ausbildungen im Bereich der Berufsfachschulen. Die Auszubildenden müssen eine hohe Bewältigungstoleranz gegenüber den Anforderungen in der Ausbildung und in der späteren Berufstätigkeit mitbringen. Diese Resistenz gegenüber belastenden Situationen könnte an der Resilienz, der psychischen Widerstandskraft liegen. Die vorliegende Arbeit untersucht die Ausprägung der Resilienz von Auszubildenden des medizinischen Fachberufes Physiotherapie. Als Forschungsfeld wurden zwei Semester mit unterschiedlichem Fortschritt in der Ausbildung an verschiedenen Schulen für Physiotherapie ausgewählt. Die Datenerhebung dieser Querschnittstudie mit 153 Probanden erfolgte durch einen Fragebogen, der die Messinstrumente Resilienz-Skala 13 von Leppert et al. (2008) und einen Fragebogen mit standardisierten Sozialvariablen beinhaltete. Die empirische Untersuchung basiert auf der Grundannahme, dass sich die Resilienz im Laufe der Physiotherapieausbildung verändert. Zusätzlich wurden über den Fragebogen der Sozialvariablen Zusammenhänge der Ausprägung von Resilienz und im Verhältnis zum Geschlecht, Muttersprache und weiteren Variablen untersucht. Die Ergebnisse zeigen ein divergentes Bild der untersuchten Kategorien. Es wurde ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Ausprägung von Resilienz und höheren Semester der Berufsausbildung, sowie zwischen der Ausprägung der Resilienz und Bewältigungsmöglichkeiten identifiziert. Ebenfalls wurde ein Zusammenhang von Resilienz und Wohnsituation bestätigt. Als nicht signifikant erwies sich der untersuchte Zusammenhang zwischen der Ausprägung von Resilienz im Verhältnis zum Geschlecht. Genauso nicht signifikant war der Zusammenhang der Ausprägung der Resilienz und der Höhe des allgemeinen Schulabschlusses. Weiter konnten keine signifikanten Zusammenhänge zwischen der Ausprägung der Resilienz und der unterschiedlichen Muttersprache und der Beziehungssituation identifiziert werden.

Aus den Ergebnissen lässt sich ableiten, dass sich die Resilienz bei Auszubildenden des Fachberufes Physiotherapie mittelmäßig schwach ausgeprägt ist und eine Bewältigungsmöglichkeit von Beanspruchungen während der Ausbildung entscheidend ist.

Schlüsselwörter: Resilienz, Ausprägung, Physiotherapie, Ausbildung, Semester, Resilienz Skala RS 13

Abstract

The training requirements in today's society have intensified. This increased burden on learners inevitably leads to a negative impact on their health. Above all, an increasing psychological stress has a negative effect on the health of the trainees. There are apprentices who seem to be resistant to any form of stress and do not suffer from any health impairments. The training of the medical specialist Physiotherapy is one of the most mentally demanding training in the field of vocational schools. The trainees must bring with them a high degree of coping tolerance with the requirements of their training and their later professional life. This resistance to stressful situations could be due to the resilience, the psychological resistance. The present study examines the resilience of trainees in the medical profession of physiotherapy. As a field of research, two semesters were chosen with different advances of education at different physiotherapy schools. The data collection of this cross-sectional study with 153 subjects was carried out by means of a questionnaire, which included the measuring instruments Resilience Skala 13 by Leppert et al (2008) and a questionnaire with standardized social variables. The empirical study is based on the assumption that resilience changes in the course of physiotherapy education. In addition, the questionnaire on social variables examined the relationships between the characteristics of resilience and gender, mother tongue and other variables. The results show a divergent picture of the examined categories. A significant correlation between resilience and higher semester of vocational education, as well as a significant correlation between resilience and coping skills, was identified. Likewise, a correlation between resilience and living conditions was confirmed. The examined relationship between the expression of resilience and gender did not prove to be significant. Equally insignificant was the relationship between the level of resilience and the level of general education. Furthermore, no significant correlations could be identified between the characteristics of the resilience and the different native speech and no significant connections to the relationship situation.

From the results, it can be deduced that the resilience of trainees in the specialist field of physiotherapy is mediocre and that it is crucial to be able to cope with stress during the training.

Keywords: resilience, severity, physiotherapy, education, semester, Resilience-scale, RS 13

1. Einleitung

In der bundesdeutschen Bevölkerung gibt es Menschen, die sich nicht so leicht niederdrücken lassen: Diese Menschen bewahren auch in den außergewöhnlichsten Situationen, bei Anhäufungen von Problemen und Herausforderungen einen kühlen Kopf. Bei Veränderungen in ihrem Alltag reagieren immer adäquat, ohne die Nerven zu verlieren. Diese Menschen sind in der Lage wachsenden oder permanenten Druck auszubalancieren. Im Beruf ist das gerade im Arbeitsprozess eine sehr gute Qualität.

Die Wissenschaft nennt diese Fähigkeit zur inneren Stärke މResilienzމ. Menschen mit dieser Fähigkeit sind ebenso flexibel wie robust. Sehr resiliente Menschen schaffen es mit Veränderungen und Druck in ihrer Arbeitswelt zurecht zu kommen. Darunter ist die prinzipielle Fähigkeit zu verstehen, Krisen, außergewöhnliche Belastungen und kritische Lebenssituationen gut zu überwinden. Resilienz bedeutet dabei nicht nur Krisensituationen zu meistern, sondern auch durch Krisen oder Herausforderungen zu reifen, wachsen und noch widerstandsfähiger zu werden. In der heutigen sich ständig ändernden Berufswelt mit Arbeitsverdichtung und Personaleinsparung ist eine adäquate Resilienz der Akteure essentiell um zu bestehen und auch gesund zu bleiben (Prieß, 2015, S.152 ff.). Menschen mit ausgeprägter Resilienz sehen in jedem Problem auch die Herausforderung für Veränderung. Scheitern ist für sie kein Grund zur Selbstaufgabe, sondern es bietet die Möglichkeit daraus zu lernen, so dass sie weiter ihren Weg verfolgen.

Ein weitere Fähigkeit zeichnet resiliente Menschen aus: Sie haben eine gewisse Gelassenheit, weil sie manche Dinge auch an sich abprallen lassen. Resiliente Menschen haben eine Achtsamkeit gegenüber sich selbst und verfügen über eine gute Ausgewogenheit zwischen Beruf, Freizeit und anderen sozialen Kontakten (FröhlichGildhoff, 2016). Die Ausprägung von Resilienz ist in den einzelnen Branchen unterschiedlich. Bei beruflich Pflegenden ist es bekannt, dass diese im Vergleich zu anderen Berufsgruppen, überdurchschnittlich stressassoziierte Erkrankungen aufweisen (TK, 2016, S.21). Auch in Berufsfeldern mit medizinisch-therapeutischem Hintergrund lohnt es sich die Belastungen bzw. die Resilienz der Akteure genauer zu erforschen. Die prognostizierten demoskopischen Veränderungen der bundesdeutschen Bevölkerung erfordert in den kommenden Jahren insbesondere in manchen Branchen Akteure, welchen neben der fachlichen Ausbildung und beruflichen Kompetenz auch eine entsprechende persönliche psychische Widerstandskraft besitzen.

In der Bundesrepublik Deutschland leben im Jahr 2018 ungefähr 83 Millionen Einwohner (Destatis, 2018). Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt im Jahr 2019 für ein neugeborenes Kind ungefähr 80 Jahre (Destatis, 2019). In den kommenden Dekaden steigt die Lebenserwartung der Bundesbürger auf 88 Jahren bei den Frauen und auf 85,4 Jahre bei den Männern (Statista, 2019). Diese längere Lebenszeit erfordert parallel ein höheren Bedarf an therapeutischer Versorgung. Auch die Berufsgruppe der Heilberufe und ganz besonders die Physiotherapeuten werden gefordert sein, diesen Bedarf zu decken. Das Berufsfeld Physiotherapie stellt mannigfaltige Anforderungen an die Berufsausübenden, aber auch an zukünftige Akteure in der Physiotherapie in der Ausbildung.

Laut dem Gesetz über die Berufe in der Physiotherapie (MPhG) bedarf es einer gesundheitlichen Eignung zur Erlaubnis und Ausübung des Berufes Physiotherapeutin oder Physiotherapeut (Raps/Melzer, 2007a, S. 43). Für die Zulassung zur Ausbildung verlangen die meisten Berufsfachschulen, neben einem adäquaten Schulabschluss, das gesundheitliches Attest eines Arztes. Eine juristische Verbindlichkeit über den Inhalt des Gesundheitsattestes gibt es nicht. Die Atteste der Ärzte sind lediglich standardisierte vorformulierte Schreiben, welche nicht individuell die psychische und physische Eignung für die Ausbildung und späteren Beruf dokumentiert.

Neben der körperlichen Eignung werden in der Physiotherapie im Beruf, aber auch schon in der Ausbildung, hohe Anforderungen an die individuelle Stressbewältigung und psychische Widerstandskraft gestellt. Gerade in anderen Ausbildungsberufen mit medizinischem Kontext, wie in der Pflegeausbildung, belegt die Studie von Ver.di (2015), wie persistent psychische Belastungen in der Ausbildung zur Pflegekraft sind. Es liegt nahe, dass auch Auszubildende in der Physiotherapie besonderen Belastungen auch im psychischen Bereich ausgesetzt sind.

Das Curriculum des Ausbildungsgesetzes für Physiotherapeuteninnen und Physiotherapeuten datiert aus dem Jahr 1994 (Raps/Melzer, 2007b, S. 12). Dort findet sich in der Ausbildungsverordnung bis dato keinen Hinweis auf die psychische Widerstandskraft als Grundvoraussetzung für den Beginn der Ausbildung. Innerhalb der dreijährigen Ausbildung gibt es auch keine Intention die Einflussfaktoren der psychischen Widerstandsfähigkeit von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten in der Ausbildung zu besprechen oder zu lehren um sie dadurch für ihr Berufsfeld widerstandfähig zu machen. Der Resilienz der zukünftigen Akteure in der Physiotherapie wird keine Aufmerksamkeit gegeben.

Mit der vorliegenden Arbeit soll ermittelt werden, wie es sich mit der Ausprägung von Resilienz bei Auszubildenden in der Physiotherapie im Laufe der Ausbildung verhält und ob es einen Bezug zu Sozialvariablen gibt.

2. Theoretischer Hintergrund zum Fachberuf Physiotherapie

Zum Verständnis der Rahmenbedingungen im Berufsfeld Physiotherapie, respektive in der Physiotherapieausbildung ist es essentiell die historische Entwicklung und die aktuelle Ausbildungsanforderung zu kennen. Zusätzlich werden die Belastungen, welchen die Therapeuten in ihrer täglichen Arbeit ausgesetzt sind, erörtert.

2.1 Historische Entwicklung der Physiotherapie

Die Implementierung der Physiotherapie wie sie heute in Deutschland bekannt ist, durchlief verschiedene Phasen in Abhängigkeit des historischen Kontextes und vorherrschenden Weltbild. Über die Antike und das römisches Reich, das Mittelalter und die Renaissance bis ins Zeitalter der Aufklärung wurden Kenntnisse über Zusammenhänge von spezieller Gymnastik und Bewegung zu therapeutischen Zwecken weitergetragen. Von Physiotherapie konnte noch nicht gesprochen werden.

Der Beginn der therapeutischen Heilgymnastik in Deutschland ist verbunden mit Peer Henrik Ling. Ling etablierte die Heilgymnastik am Anfang des 19. Jahrhunderts in Schweden (Göpfert, 2011, S. 28-29). Hugo Rothstein implementierte die schwedische Heilgymnastik in Deutschland, als er 1851 in Berlin die Leitung der Königlichen Zentral-Turneranstalt übernahm. Kurz danach wurde durch den Mediziner Albert Constantin Neumann 1853 ein Institut für Heil- und pädagogische Gymnastik gegründet. Die therapeutische Ausbildung, damals nur Frauen vorbehalten, ist damit in Deutschland angekommen. (Hüter-Becker/Dölken, 2004. S. 8).

Ein weiterer Meilenstein in der Physiotherapieausbildung war die Gründung der ersten staatliche anerkannte Lehranstalt für Heilgymnastik in Kiel im Jahr 1901. Maßgeblicher Initiator war der Arzt Johann Hermann Lubinus. Die schulische Ausbildung dieses neuen Berufszweiges und die damit verbundenen ersten Ausbildungsstandards waren der Verdienst von Lubinus. Der bis heute gültige Passus der Weisungsgebundenheit gegenüber den Ärzten wurde erstmals im Prüfungszeugnis der Lehranstalt in Kiel verankert (Göpfert, 2011, S. 32-33).

Die bis 1995 gültige Berufsbezeichnung Krankengymnastik wurde 1919 mit der Gründung der sächsischen Staatsanstalt für Krankengymnastik eingeführt (Hüter-Becker/Dölken, 2004. S. 14). Durch den Ersten und Zweiten Weltkrieg war der Bedarf an krankengymnastischen Behandlungen um ein Vielfaches größer als die Summe ausgebildeter Krankengymnastinnen und Krankengymnasten, so dass der Bedarf nicht gedeckt werden konnte (Kohlwes, 2009, S. 40-42).

Der Zentralverband für Krankengymnasten wurde 1949, auch mit dem Ziel der staatlichen Anerkennung des Berufsstandes, gegründet. Es dauerte allerdings 10 Jahre bis 1959 das Ausbildungsgesetz für Masseure, für medizinische Bademeister und Kranken- gymnasten vom Bundestag verabschiedet wurde. Seit dieser Zeit gibt einen bundesweit einheitlichen Ausbildungsrahmen (Göpfert, 2011, S. 39). Diese sieht eine konvergente berufsschulische Ausbildungsdauer von zwei Jahren mit Staatsexamen als Abschluss und ein anschließendes praktisches Anerkennungsjahr in Vollzeit vor. Nach erfolgreicher Absolvierung beiden Säulen der Ausbildung wird vom jeweiligen zuständigen Regierungspräsidium die staatlich anerkannte Berufsurkunde überreicht.

Erst im Jahr 1994 wurde das Berufsgesetz von 1958 modifiziert. Ab 01. Januar 1995 gab es nur noch eine dreijährige Ausbildung an einer Berufsfachschule. Das Anerkennungsjahr wurde durch Integration in die dreijährige Ausbildung abgelöst. Die Auszubildenden müssen diverse Praktika in verschiedenen medizinischen Fachbereichen absolvieren, welche auch in der Summe einem Jahr entspricht (Kohlwes, 2009, S. 40-42). Mit der Anpassung der Ausbildung war eine Veränderung der Berufsbezeichnung von Krankengymnastin und Krankengymnasten zur Physiotherapeutin und Physiotherapeut notwendig.

Mit der zunehmenden Liberalisierung des europäischen Binnenarbeitsmarktes wurde diese Änderung des Terminus notwendig. In allen Teilen der Europäischen Union war die Berufsbezeichnung Physiotherapeutin und Physiotherapeut Usus. Um keine Nachteile auf dem europäischen Arbeitsmarkt zu erleiden, wurde in Deutschland die Berufsbezeichnung މPhysiotherapeutinމ und މPhysiotherapeutމ der europäischen Mehrheit angepasst (Hüter-Becker/Dölken, 2004, S. 31).

2.2 Additionale Ausbildungsanforderungen

Nach der Skizze zu den allgemeinen Rahmenbedingungen werden in diesem Kapitel die spezifischen Anforderungen der Physiotherapieausbildung beschrieben. Hierbei soll die psychische Belastung der Auszubildenden eine übergeordnete Rolle spielen. In der Ausbildung werden im Masseur- und Physiotherapeutengesetz eindeutige Parameter festgelegt: etwa die Summe der zu Absolvierenden Unterrichteinheiten in drei Jahren, welche Fächer unterrichtet werden müssen und wie die staatliche Examensprüfung abzulaufen hat (Raps/Melzer, 2007, S. 89-134).

Daneben gibt es für die Auszubildenden weitere Anforderungen, welche nicht im Ausbildungsgesetz verankert sind: Alle Auszubildende sollten sich im Laufe der drei Jahre Kompetenzen aneignen, die sie dazu befähigen, auch auf psycho-soziale Anforderungen zu reagieren. Zu den die meist geforderten Kompetenzen zählen die fachliche, methodische, kommunikative, persönliche und soziale Kompetenz (Becker, 2011, S. 159). Weitere Anforderungen gehen darauf zurück, dass sich die künftigen Akteure im Fachberuf Physiotherapie in ihrer Ausbildung in einem Rollendilemma befinden. Die Lernenden müssen neben fachlicher und sonstiger Kompetenzen auch in die Rolle, respektive den Habitus, einer Physiotherapeutin oder Physiotherapeut hineinwachsen. (Unger, 2011a, S. 96). Sie erkennen dort auch eine Ambivalenz des Rollenverhaltens. Einerseits müssen sie sich in eine konkrete Rolle als Therapeuten einordnen, anderseits wollen oder müssen sie diese vorgegebene Rolle selbstbestimmt gestalten und eventuell verändern (Unger, 2011b, S. 94). Lernende Therapeuten sind einerseits in der Rolle der klassischen Schülerin und Schüler, anderseits auch in der Rolle der lernenden Therapeuten. Im Schulkontext wird von den Lernenden unter anderem erwartet, konstruktive Kritik zu verarbeiten oder eine Hierarchie in der Medizin zu akzeptieren. Als lernende Therapeuten sollen die Auszubildenden Souveränität ausstrahlen oder schon Verantwortung für Therapiemaßnahmen übernehmen (Klemme, 2012a, S. 60).

Weltweit wurden verschiedene Standards und Anforderungen des Berufsprofils Physiotherapie erarbeitet: In den Vereinigten Staaten die American Physical Therapy Association mit dem The Clinical Internship Evaluation Tool (American Physical Therapy Association, 2009, S. 844-860), in Australien der Australian Physiotherapy Council mit den Australian Standards für Physiotherapy (Australian Physiotherapy Council, 2006, S. 1476). Der Niederländische Physiotherapeutenverband veröffentlichte ein Berufsprofil für Physiotherapeuten im Jahr 2006 (Koninklijk Nederlands Genootschap voor Fysiotherapi, 2006, S. 25). Auch die World Confederation for Physical Therapy publizierte mit dem European Core Standard und dem Benchmark Statement zwei Anforderungsprofile für Physiotherapeuten (WCPT, 2002, S. 6-40 / 2013, S. 1-7). Im deutschsprachigen Raum verfasste Hüter-Becker Überlegungen zum Anspruch in der Physiotherapie (Hüter-Becker, 1997, S. 565-569). Die oben genannten Ideen wurden von Klemme einer Übersicht der Schwerpunkte verglichen. Die meiste Übereinstimmung der Konzepte gab es bei der evidenzbasierten Befund- und Informationsaufnahme, der effektiven Kommunikation mit Patienten oder im Bereich des Lebenslanges Lernens (Klemme, 2012b, S. 248-250). Nur ein Konzept formuliert das inhärente Ressourcen-Management der Therapeuten als Anforderung, um im Berufsfeld Physiotherapie zu bestehen: Köhler berücksichtigt den psychischen Aspekt, welchem die Akteure im Gesundheitssystem ausgesetzt sind (Köhler, 2001, S. 17-21). Als psychisch belastend können zum Beispiel körperliche Nähe in der physiotherapeutischen Behandlung, Erwartungshaltungen der Patienten, Patientenleid oder Ableben von Patienten empfunden werden. Insbesondere bei Berufsanfängern, unter anderem in der Physiotherapie, ist das der Fall (Schäberle, 2019, S. 53-55).

2.3 Arbeitsbelastungen in der Physiotherapie

Um die Endergebnisse der nachfolgenden Untersuchungen später besser einordnen, zu können, werden kurz die möglichen Bereiche skizziert, welche einen Einfluss auf das Wohlbefinden von Gesundheitsdienstleister haben. Dies ist wichtig im Hinblick darauf, wie eine ausgeprägte Resilienz in der späteren Berufsausübung schon in der Ausbildung protektiv zur Erhaltung der Gesundheit wirken kann.

Grundsätzlich lassen sich mit einer physischen und psychischen Belastung zwei große Anforderungen bei der Ausbildung des Berufes oder bei dessen Ausübung voneinander etwas abgrenzen.

2.3.1 Physische Belastungen

Physische Belastungen manifestieren sich vor allem direkt am Körper bzw. in einer Struktur oder im System des Körpers. Der Duden beschreibt physisch mit „den Körper, die körperliche Beschaffenheit betreffend; körperlich“ (Duden, 2019). Die Durchführung von einzelnen physiotherapeutischen Maßnahmen verursachen physische Belastungen, z.B. bei Lagerungswechseln von gelähmten Patienten. Über die Dauer und Regelmäßigkeit können solche Tätigkeiten, vor allem bei nicht ökonomischer und rückengerechter Vorgehensweise zu Rückenproblemen führen. Daneben sind noch andere Bereiche wie die Haut und Atemwege oder das Immunsystem durch potentielle Infektionen gefährdet (BGW, 2015, S. 26).

Eine hohe Therapiefrequenz von bis zu 24 Patienten am Tag ist eine weitere physische Belastung (Grosch, 2015, S. 21). Dieser Stress führt zu einer erhöhten Muskelspannung, einem erhöhtem Herzschlag und zu einer schnelleren Atmung. Kurzfristig sollen diese Reaktionen des Körpers zu einer Anpassung und Bewältigung der aktuellen Herausforderung führen. Sind die Stressoren jedoch nicht passager, sondern länger persistent, entwickelt sich sukzessiv eine verminderte Widerstandskraft und eine Gefahr für die Gesundheit (Kaluza, 2014, S. 10-11). Dieser Dauerstress kann die Genese von körperlichen Beschwerden oder Krankheiten begünstigen. Dabei werden Krankheiten wie z.B. Verdauungsprobleme, Schlafstörungen, Magengeschwüre Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Mellitus oder rezidivierende Erkältungen hervorrufen (Kaluza, 2014, S. 36-37).

2.3.2 Psychische Belastungen

Die psychischen Belastungen wurden bereits in Kapitel 2.2 angedeutet. In diesem Kapitel soll etwas profunder auf die psychische Belastung im Fachberuf Physiotherapie eingegangen werden. Die Nomenklatur des Wortes „psychisch“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet in der Übersetzung, „die Seele betreffend“ oder dass sich etwas auf die „Seele auswirkt“ (Duden, 2019). Jede körperliche Tätigkeit, kann unter bestimmten Umständen auch individuell als psychische Belastung empfunden werden (Mierke/Poppelreuter, 2012, S. 33).

In der Physiotherapie gibt es einen hohen Anteil körperlicher Arbeit, wie im Kapitel 2.3.2 beschrieben. Die Anforderungen an die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten im Beruf und im Privatleben sind mannigfaltig. Im Beruf sind es der ständige Leistungsdruck durch zu hohe oder zu viele Anforderungen der Arbeitgeber, Kostenträger und Patienten, welche zeitgleich erfüllt werden müssen. Enge Terminierungen und Zeitdruck bestimmen den Berufsalltag (Kaluza, 2014, S. 48). Ein Alltag wie er auch bei den meisten Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten vorherrscht.

Weitere Einflüsse auf die psychische Gesundheit können durch Arbeitsplatzunsicherheit, Über- und Unterforderung oder Dysbalancen im Arbeits-Freizeit Gefüge entstehen. Die professionellen Akteure im Gesundheitsbereich müssen auch mit sterbenden Menschen interagieren und psychisch stark sein (Kissling, 2016, S. 9). Arbeitsplätze mit hoher Verantwortung und hohen quantitativen Arbeitsanforderungen, verbunden mit einem sehr kleinen Handlungsbzw. Entscheidungsspielraum sind prädestiniert um auf die Arbeitnehmer psychisch belastend zu wirken (Kaluza, 2011, S. 29-30).

Sind die individuellen Ressourcen erschöpft, können kognitive Reaktionen die Folge sein. Die Betroffenen fangen an zu grübeln, die Konzentrationsfähigkeit nimmt ab, Denkstörungen, Denkblockaden und Selbstzweifel treten auf. Die Kreativität der Betroffenen nimmt ab, zeitversetzt treten Angstzustände und Panikattacken auf (Litzcke/Pletke/ Schuh, 2013, S. 18-19). Um diesem Belastungen gewachsen zu sein bedarf es einer guten persönlichen psychischen Widerstandskraft oder eben einer guten Resilienz wie die Bezeichnung in der Gesundheitswissenschaft lautet.

3. Resilienz in der Gesundheitswissenschaft

Im Kapitel 2.2 wurden die erweiterten Anforderungen und Belastungen der Auszubildenden in der Physiotherapie erörtert. Im Kapitel 2.3 die realistischen Belastungen, welche die Auszubildenden im Berufsalltag erwarten könnte. Die individuelle psychische Widerstandkraft der Auszubildenden könnte entscheidend sein, diese Belastungen zu überstehen. Im folgenden Kapitel folgt der Zugang zur psychischen Widerstandskraft, respektive die Resilienz, in der Gesundheitswissenschaft.

Die Gesundheitswissenschaften waren traditionell in einer einseitigen Betrachtungsweise der Pathogenese behaftet. Es wurden, meist in retrospektiver Sicht, die Gründe für die Entstehung von Krankheiten erforscht. Mit abschwächenden oder fördernden Faktoren auf die Gesundheit setzt sich diese Disziplin nicht auseinander. Gesundheit wurde als gegeben angesehen d.h. Entwicklungsbedingungen dafür außer Acht gelassen (Hoffmann, 2017, S. 48).

Die Entwicklung des Salutogenese-Konzeptes nach Antonovsky trug dazu bei, die Perspektive auf die Bedeutung der Gesundheitsförderung zu richten. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit auf die Salutogenese gewinnt die Erforschung gesundheitlicher Schutzfaktoren im Rahmen der Resilienz an Gewicht (Bengel/Lyssenko, 2012, S. 7). Im nächsten Abschnitt erfolgt eine Deskription der Konzeption der Resilienz. Darauffolgend wird der historische Prozess in der Resilienzforschung und aktuelle Schwerpunkte der Forschung beschrieben. Die Wechselwirkungen zwischen Schutz- und Risikofaktoren für die Gesundheit werden dargestellt. Abschließend werden empirisch erforschte Schutzfaktoren aufgeführt.

3.1 Begriffsbestimmung und Merkmale

Der Ursprung des Begriffs Resilienz kommt aus dem Lateinischen „resilire“, das Wort kann mit „abprallen“ oder „zurückspringen“ übersetzt werden (Wellensiek, 2011, S. 18). In der Physik und Materialkunde, wo der Begriff seinen Ursprung hat, bedeutet er Elastizität, Widerstandskraft und Spannkraft gegenüber äußeren Kräften. In der heutigen Gesundheitswissenschaft sind die Kräfte gegenüber substantiellen Lebensumständen gemeint (Bengel/Lyssenko, 2012, S. 24). Laut Fooken passt die Assoziation zu einem „Stehaufmännchen“ sehr gut. Kehrt dieses doch aus jeder beliebigen Position und einwirkender Kraft aus eigener Kraft wieder in seine ursprüngliche Ausgangsposition zurück (Fooken, 2016, S. 13-45).

Eine einheitliche Definition von Resilienz gibt es nicht. In der Fachliteratur gibt es diverse Auffassungen. Welter-Enderlin und Hildenbrand charakterisieren Resilienz als „die Fähigkeit von Menschen, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meistern und als Anlass für Entwicklung zu nutzen.“ (WelterEnderlin, 2006, S. 13). Wustmann Seiler beschreibt Resilienz schon bei Kindern als „die psychische Widerstandsfähigkeit […] gegenüber biologischen, psychologischen und psychosozialen Entwicklungsrisiken.“ (Wustmann-Seiler, 2018, S. 18). Im Konzept der Resilienz ist es Menschen respektive Kindern möglich, eine positive und gesunde Entwicklung zu nehmen bzw. zu adaptieren, obwohl mehrerer Risikofaktoren existent sind (ebd., S. 18-19). Durch die große Variabilität der Faktoren, kann Resilienz als multidimensional eingeordnet werden (Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse, 2011, S. 33). In der Früh-phase der Resilienzforschung ging die Wissenschaft von einer angeborenen und stabilen Persönlichkeitseigenschaft aus. Dies wurde mittlerweile revidiert (ebd., S. 10). Eine weitere Charakterisierung der Resilienz beschreibt Wellensiek. Wellensiek geht von einer Veranlagung aus, „die bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist, aber aktiv angestoßen und gestärkt werden kann“ (Wellensiek/Galuska, 2014, S. 76). Die Resilienz ist für Wustmann-Seiler keine konstante und unflexible Fähigkeit, sondern Veränderungen im Laufe des Lebens unterworfen, so dass sie auch auf Anpassungsfähigkeit verweist.

Daraus ist die Quintessenz abzuleiten, dass Resilienz ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess ist (vgl. Wustmann-Seiler, 2018, S. 2833). Krisen oder Herausforderungen lassen Menschen wachsen und reifen. Das Konzept der Resilienz zeigt daher auch eine weitgehende Übereinstimmung mit den personalen Ressourcen. Unter personale Ressourcen werden Faktoren wie Selbstwirksamkeit, Widerstandsfähigkeit, Kontrollüberzeugung und Kohärenz angesehen. Dennoch gibt es Unterschiede, welche die Konzepte voneinander abgrenzen lässt. Wie schon erwähnt, erkannt man Resilienz einen dynamischen Prozess, welcher auch die Resilienzfaktoren in allen Bereichen des Lebens realisierbar und auch konditionierbar macht (Wellensiek, 2017, S. 19-20).

Weitere Differenzen ergeben sich in den Aspekten ressourcenorientiertes Handeln, optimistische Lebenseinstellung und Selbstwert. Resilienz involviert neben persönlichen Faktoren auch externe Faktoren in der Interaktion von Mensch und Umwelt. Resilienz hebt sich dadurch von anderen Konzepten ab (Wellensiek, 2017, S. 19). Ein besonderer Fokus ist dabei auf Menschen im frühen Erwachsenalter respektive vor deren Eintritt in die Berufswelt zu setzten. Der weitere Lebensweg entscheidet sich oft in dieser Phase von 18 bis 29 Jahren. In dieser Periode werden Entscheidung im Hinblick auf Beruf, Partnerschaft und Elternschaft getroffen. Die erste Entscheidung ist zumeist die Berufswahl. Durch die Wahl des Berufes entwickelt sich Identität, Autonomie und sozialer Status in Abhängigkeit zu Fragen nach der Sinnhaftigkeit und Motivation im jeweiligen Berufsfeld. In einem positiven Berufsfeld steigt die Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden. Aus dieser positiven Kaskade entwickeln sich persönliche Ressourcen und internale Widerstandskräfte (Rönnau-Böse/Fröhlich-Gildhoff, 2015, S. 116-117).

3.2 Geschichte der Resilienzforschung

Die Geschichte der Resilienzforschung geht einher mit einem Paradigmenwechsel in den Sozial- und Humanwissenschaften. Der Wechsel der Perspektive richtet sich nicht mehr auf ein pathogenetisches respektive krankheitsorientiertes Modell, sondern auf einen ressourcenorientierten und salutogenetischen Ansatz (Laucht/Schmidt/Esser, 2000, zitiert nach Rönnau-Böse/Fröhlich-Gildhoff, 2018, S. 26). In der Resilienzforschung steht, schon in Kapitel 3.1 beschrieben, die positive Entwicklung von Individuen auch unter schwierigsten Rahmenbedingungen (Rönnau-Böse/Fröhlich-Gildhoff, 2018, S. 10). In den 1950er Jahren begannen Werner und Smith in einer in einem Zeitraum von 40 Jahren andauernden Langzeitstudie die Entwicklung von 698 Menschen zu erforschen. Die Erhebung ist auch als sog. މKauai-Studieމ in Fachkreisen bekannt geworden. Sie wurde auf der Insel Kauai in Hawaii durchgeführt und gilt als Pionierstudie der Resilienzforschung. Als Ergebnis der Studie zeigte sich, dass trotz fundamental schwerer Lebenskonditionen, verbunden mit massiver und multipler Belastung ein Drittel der Kinder sich zu verhaltensunauffälligen Erwachsenen entwickelten und ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Zwei Drittel der untersuchten Kinder fielen durch abweichendes Verhalten auf (Werner, 2006, S. 28-42).

Die weitere Entwicklung der Resilienzforschung lässt sich in vier Abschnitte einteilen. Die Abschnitte sind nicht scharf voneinander abzugrenzen und sind auch nicht in sich abgeschlossen., sondern sie überlagern sich und sind in einem bis heute andauernden Prozess. Der erste Abschnitt befasste sich, neben einer Definition für Resilienz, mit empirischen Grundlagen, konstatierte Schutzfaktoren und entwickelte Schlüsselkonzepte. Daraus ging der zweite Abschnitt hervor. Hier lagen die Forschungsschwerpunkte auf den Prozessen im Zusammenhang mit Resilienz und den spezifischen Wirkmechanismen. Im dritten Abschnitt standen die Themen Prävention und Wirksamkeit innerhalb der Resilienz im Vordergrund (Bengel/Meinders-Lücking/Rottmann, 2012, S. 17). Aktuell manifestiert sich ein vierter Abschnitt, welcher sich mit der Multidimensionalität der Einflussfaktoren beschäftigt. (Bengel/Lyssenko, 2012, S. 6). Dabei werden auch psychosoziale und neuro-biologische Aspekte einbezogen. Auch die Beziehung im Verhältnis von genetischer Disposition und Umweltfaktoren findet Beachtung (Rönnau-Böse/FröhlichGildhoff, 2018, S. 9).

Die Anfänge systematischer Resilienzforschung erfolgten durch Arbeiten von Rutter (1979), Garmezy, Masten und Tellgen (1984). Auch die Studien von Werner und Smith (1982) werden auch in dieser Phase zu geordnet. Insbesondere in den 1980er Jahren wurden zahlreiche Arbeiten zu den Merkmalen von Resilienz veröffentlicht. Aktuell noch gültige empirische Lehrmeinungen über Schutzfaktoren finden ihren Ursprung in den frühen 1990er Jahren. Die Auffassung Resilienz sei ein stabiles Konstrukt und resiliente Menschen seien invulnerabel wurden widerlegt. Bis heute gelten folgende Ebenen der Schutzfaktoren: die personale, die familiäre und die soziale Ebene. (Rönnau-Böse/Fröhlich-Gildhoff, 2018, S. 10).

Weitere nennenswerte Untersuchungen im Feld der Resilienzforschung waren zwei Langzeitstudien in Großbritannien. 2005 veröffentlichten Power und Elliot eine Arbeit zur Kinderentwicklung. Schoon publizierte 2006 Die britische Kohortenstudie. Im skandinavischen Bereich wurden in Schweden (Lundby-Studie, Cederblad,1996) und Dänemark (Die Kopenhagen-Hochrisiko-Studie, Parnas et al., 1993) weitere Studien herausgebracht. In Deutschland wurden Studien zum Einfluss von Schutz- und Risikofaktoren auf die psychische Gesundheit und eine resiliente Entwicklung durchgeführt. Exemplarisch ist hier die Bella Studie zur seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in

Deutschland zu nennen (Bettge/Ravens-Sieberer, 2005, S. 214-222). Andere Studien in diesem Forschungsfeld die Bielefelder Invulnerabilitätsstudie. Hier wurde die Resilienz von Jugendlichen mit hohen Entwicklungsrisiken durch ein belastendes Elternhaus erforscht (Lösel/Bender, 2008, S. 57-78). Zur Intention, eine Empfehlung für die Sublimation der Prävention, Früherkennung und Frühbehandlung von psychischen Störungen bei Kindern abzuleiten, wurden in der Mannheimer Risikokinderstudie die psychische Entwicklung und Störung bei Kindern mit diversen ausgeprägten Risikofaktoren untersucht (Laucht/Esser/Schmidt, 2000, S. 246-262). Die deutschen und die 19 in den USA, Australien, Neuseeland und Europa durchgeführten Studien begründeten Merkmale, welche als Schlüsselaspekte für die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gelten (Lösel/Bender, 2008, S. 59).

In der heutigen Zeit hat die Resilienz in der Gesundheitswissenschaft durch den Anstieg psychischer bedingter Erkrankungen weiter an Bedeutung gewonnen (Wellensiek, 2011, S. 25ff). Es gilt für die Berufstätigen, den Belastungen in den Arbeitsprozessen zu widerstehen. In der sog. organisationalen Resilienz werden von Unternehmen Maßnahmen zur Resilienzförderung angeboten (Rönnau-Böse/Fröhlich-Gildhoff, 2018, S. 133-134). Wie in Kapitel 3.1 beschrieben, ist gerade bei jungen Menschen in der Ausbildung oder am Beginn ihres Berufslebens eine gute psychische Widerstandkraft essentiell. Dem zu folge kann Resilienz als einer der Schüsselbereiche in der psychischen Gesundheitsforschung des 21. Jahrhundert angesehen werden. Auf Grund dieser Bedeutung der Resilienzforschung ist eine Betrachtung der Einflussfaktoren respektive der Schutzfaktoren ist auf Grund dieser Bedeutung der Resilienzforschung obligat.

3.3 Schutzfaktoren

Die Schutz- und Einflussfaktoren gelten in der Resilienzforschung als Größen zur Bestimmung von Resilienz des einzelnen Menschen. Grundsätzlich lassen sie sich in Faktoren, welche eine psychische Erkrankung oder Störung lancieren und in Faktoren, welche die psychische Widerstandskraft erhöhen, aufteilen (Fröhlich-Gildhoff/RönnauBöse, 2011, S. 20). Dabei gilt es Schutzfaktoren und Risikofaktoren voneinander separat zu betrachten. Eine einfache Auflistung potentieller Risiko- und Schutzfaktoren wäre etwas zu trivial. Das würde die Auffassung bedeuten, dass Schutzfaktoren nur als Gegenteil von Risikofaktoren anzusehen sind. Eine präzisere Betrachtung besteht darin, dass ein absenter Schutzfaktor als Risikofaktor eingestuft werden kann. Umgekehrt stellt ein absenter Risikofaktor nicht automatisch einen Schutz vor psychischen Erkrankungen oder Störungen dar (Ball/Peters, 2007, S. 126 143).

Schutzfaktoren werden in der Literatur auch als Resilienzoder Protektiv-Faktoren bezeichnet (Bengel/Lyssenko, 2012, S. 24). Dabei werden auch interne Schutzfaktoren und externe Schutzfaktoren unterschieden. Für Henninger (2016) zählen zum Beispiel Kontrollüberzeugungen, Selbstbewusstsein oder kontaktfreudige Verhaltensweisen zu den internen Schutzfaktoren. Familiäre Stabilität, Erziehungsstil oder Unterstützung durch Freunde, Lehrer, Eltern zählen hingegen zu den externen Schutzfaktoren (Henninger, 2016, S. 159). Bei Wellensiek und Galuska (2014) deckt sich diese Unterscheidung mit Henniger (2016) (Wellensiek/Galuska, 2014, S. 23). Eine ähnliche Einteilung ist auch bei Wender-Enderlin/Hildenbrand (2012) zu finden. In dieser Arbeit steht die Familie als protektiver Faktor noch mehr im Vordergrund (Wender-Enderlin/Hildenbrand, 2012, S. 23/ 32/60/110). Die amerikanischen Wissenschaftler Reivich und Shatté beschrieben 2003 in ihren Buch The Resilience Factor sieben Faktoren, um Krisen bewältigen zu können. In diesem Werk werden auch interne und externe Schutzfaktoren unterschieden (Reivich/Shatté, 2003, zitiert nach Wellensiek, 2017, S. 22). Eine Einteilung nach fünf Faktoren, die unabhängig von der Unterscheidung nach externen und internen Schutzfaktoren erfolgt, ist bei Poletti/Dobbs (2001) zu lesen (Poletti/Dobbs, 2001, zitiert nach Scholz, 2006, S. 28). Eine prognostisch positive Entwicklung erwarten Short/Weinspach(2010) bei einer Einteilung in externe und interne Faktoren (Short/Weinspach, 2010, S. 31). Wiederum sechs Faktoren beschreiben Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse (2011). Die Autoren schreiben Faktoren wie Selbst- und Fremdwahrnehmung, Selbstregulation oder Selbstwirksamkeit den personalen Schutzfaktoren zu (Fröhlich-Gildhoff/ Rönnau-Böse 2011, S. 17). Abschließend sei noch Wustmann-Seiler/Fthenakis erwähnt. Die Autoren untermauern mit der gleichen Einteilung eine übergeordnete Einteilung der Einflussfaktoren in personale und soziale Faktoren in der Resilienzforschung (Wustmann-Seiler/Fthenakis, 2018, S. 46). Zusammenfassend lassen sich in mehreren Studien sechs Faktoren zur Resilienz identifizieren:

1. Selbst- und Fremdwahrnehmung (angemessene Selbsteinschätzung eigener Emotionen und Gedanken)
2. Selbststeuerung (zur Regulation von Gefühlen und Spannungen)
3. Selbstwirksamkeit (Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zur Belastungsbewältigung)
4. Soziale Kompetenz (Konfliktlösung, soziale Unterstützung)
5. Problemlösefähigkeit (Fähigkeit, um in schwierigen Situationen Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln)
6. Adaptive Bewältigungskompetenz (Fähigkeit zur Realisierung vorhandener Kompetenzen in der Situation)

(Fröhlich-Gildhoff/Rönnau-Böse, 2011, S.43)

Für die Wissenschaft ist die Resilienz keine starres Konzept, sie wird vielmehr als ein dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozess verstanden, welcher multidimensional und situationsspezifisch zu betrachten ist. Resilienz ist daher eine variable Größe (Wustmann-Seiler/Fthenakis, 2018, S. 28ff).

3.4 Stand der Forschung

Die entscheidenden Studien, welche zur Anerkennung der Resilienz, als einer wichtigen Eigenschaft für die psychische Gesundheit innerhalb der Gesundheitswissenschaft beigetragen haben, wurden schon in Kapitel 3.2 beschrieben.

Das Forschungsfeld der Resilienz erfuhr in den letzten Jahren einen Aufschwung, welcher sich auch in der Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen der letzten Jahre zeigt. Gibt man den Begriff „psychological resilience“ in die Datenbank Pubmed ein, erscheinen 8857 Publikationen (Pubmed, 2019). Bei der Datenbank Livivo sind es sogar 12695 Publikationen (Stand: 03.10.19). Innerhalb von 2009 bis 2019 gab es 10673 Veröffentlichungen unter diesem Schüsselbegriff (Livivo, 2019). Dies zeigt die Aktualität des der Thematik, verdeutlicht aber auch seine multiple Relevanz.

Traditionell liegt der Schwerpunkt der Resilienzforschung bei Kindern und Jugendlichen (Scharnhorst, 2010, S.35). Erst knapp 35 Jahre nach den ersten Erhebungen zur Resilienz gewannen auch Erwachsene als Zielgruppe der Resilienzforschung an Bedeutung (Kluge, 2004, S. 4). In den letzten Jahren bezieht sich die Resilienzforschung vermehrt auf die ganze Lebensspanne der Menschen (Zander, 2010, S. 46ff). In einem Protokoll der Cochrane Datenbank wurde beschrieben, welche psychologische Intervention zur Verbesserung der Belastbarkeit bei Erwachsenen führt. Die Forscher sahen die Multidimensionalität und differente Ansätze in der Resilienzforschung als Problem an, um spezifische Aussagen zur ihren Forschungsfragen geben zu können (Helmreich/Kunzler/ Chmitorz/König/Binder/Wessa/Lieb, 2017).

Weitere Studien befassen sich im Feld der Resilienz mit der Intention, Merkmale zur Verbesserung von Resilienz in der Schule oder im Studium zu identifizieren. So in einer Untersuchung zur Resilienz bei Schülerinnen und Schülern im Jahr 2016. Die Ergebnisse waren, dass neben der Förderung des Individuums auch die Umwelt, respektive die Schule, zur Resilienzförderung beiträgt. Eine Implementierung der Resilienzförderung als Leitkultur an Schulen wird daher empfohlen (Fingerle/Röder/Müller, 2016, S. 263 271). Bilz untersuchte auch im schulischen Kontext die Risikofaktoren für die psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern. Dazu wurden 4400 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 5, 7 und 9 in Sachsen befragt. Die Arbeit beschäftigte sich mit der Relevanz schulischer Faktoren für die psychische Gesundheit von Lernenden. Diverse Faktoren wie zum Beispiel die Schaffung eines positiven und unter-stüt- zenden Schulklimas konnten als Verstärker einer psychischen Gesundheit identifiziert werden (Bilz, 2013, S. 159-173).

Auch Lernende im Studium sind hohen psychischen Belastungen ausgesetzt und bedürfen einer guten Resilienz. In Großbritannien wurde von einem Forscherteam untersucht, ob eine auf Achtsamkeit basierende Intervention zur Erhöhung der Belastbarkeit von Studentinnen und Studenten beiträgt. Die Ergebnisse der randomisierten und kontrollierten Studie zeigten, dass Achtsamkeitstraining als Teil einer weitgreifenden Strategie für die psychische Gesundheit von Lernenden sein kann (Alante/Dufour/Vainre/Wagner/ Stochl/Benton/Lathia/Howarth/Jones, 2017, S. 72-81).

Eine Querschnitterhebung und Fokusgruppenstudie zur Resilienz von Auszubildenden in der Physiotherapie, wurde 2016 in Ungarn durchgeführt. Untersucht wurden 130 Auszubildende in der Physiotherapie-Ausbildung. Daten wurden bei Auszubildenden in den ersten, zweiten und dritten Semestern erhoben. Das Forschungsinteresse lag auf der Beurteilung des psychischen Wohlbefindens in Abhängigkeit zur sozialen Unterstützung. Im Ergebnis war ein deutlicher Unterschied der Geschlechter zu sehen. So war die Belastbarkeit der Schülerinnen niedriger als die der Schüler. In der Forschungsfrage nach der sozialen Unterstützung durch Gleichaltrige, lagen die Ergebnisse der Schülerinnen deutlich höher als bei den Schülern (63% gegenüber 37,5%). Im Vergleich zu ihren Altersgenossen in der Allgemeinbevölkerung und im Vergleich zu den Schülern, lag auch bei den Schülerinnen in der Physiotherapie das Stressniveau höher. Auffällig war in der Auswertung der Studie eine abnehmende soziale Unterstützung mit fortschreitender Ausbildung, obwohl dies der wichtigste Schutzfaktor für das psychische Wohlbefinden ist (Bíró/Veres-Balajti/Kósa, 2016, S. 189-195).

Gegenwärtig läuft das Mainzer Resilienz-Projekt (MARP), bei welchem es noch keine Ergebnisse vorliegen. Durch die lange Studiendauer von siebeneinhalb Jahren erhoffen sich die Forscher Erkenntnisse über Schutzfaktoren gegen stressbedingte Erkrankungen zu gewinnen. Untersucht werden junge Menschen im Alter von 18 bis 19 Jahren. Diese Periode des Überganges von der Jugend zum erwachsenen Menschen gilt als problematische Lebensphase. Die Ergebnisse könnten einen Hinweis geben, ob bestimmte individuelle Merkmale einen effektiven Umgang mit Stressereignissen und Resilienz im Laufe der Jahre prognostizierbar machen können (FTN, 2019).

Als Essenz dieses dritten Kapitels gilt es festzuhalten, dass das Spektrum des wissenschaftlichen Interesses im Forschungsfeld der Resilienz in den letzten Jahren deutlich breiter geworden ist. Standen ursprünglich Kinder im Fokus des Forschungsinteresses, ist es jetzt auch der adoleszente junge Mensch, der Erwachsene und sogar der geriatrische Mensch. Forschung findet in den Lebenswelten respektive Lebensabschnitten der Menschen, im schulischen, beruflichen und im unternehmerischen Kontext statt. Gleichwohl sind spezifische Forschungsarbeiten der psychischen Widerstandkraft, welche sich auf die Auszubildenden im Fachberuf Physiotherapie beziehen, im Vergleich zu anderen Forschungsbereichen der Resilienz, derzeit noch unterrepräsentiert.

4. Ableitung der Forschungsfragen und Hypothesen

In den bisherigen Kapiteln wurden die unterschiedlichen Facetten der Resilienz deskribiert. Ein Schwerpunkt der Resilienzforschung liegt in der Untersuchung der psychischen Beanspruchung von Lernenden, welche sich durch individuelle Eigenschaften und Ressourcen auf die Gesundheit divergiert auswirkt. Die Wechselwirkung zwischen Belastung, Beanspruchung und Gesundheit gilt empirisch als bestätigt (vgl. Kapitel 3.2 und Kapitel 3.3). Der individuelle Umgang mit Belastungen wird mit unterschiedlichen personenbezogenen Ressourcen und Schutzfaktoren erklärt. Je mehr individuelle Ressourcen zur Verfügung stehen, desto geringer ist das Risiko einer psychischen Gesundheitsgefährdung. Wie in Kapitel 3.3 beschrieben, können Resilienzfaktoren protektiv wirken und die individuelle psychische Widerstandkraft fördern.

Aus der vorangegangenen Deskription von Resilienz und deren Bedeutung für Lernende, könnte angenommen werden, dass die Ausprägung von Resilienz auch bei Auszubildenden im medizinischen Fachberuf Physiotherapie quantifizierbar ist. Zunächst ist zu erfassen, wie es sich mit der Ausprägung von Resilienz generell bei Auszubildenden in der Physiotherapie ist. Wie im Kapitel 3.3 beschrieben ist Resilienz kein starres Gebilde, sondern ein dynamischer Prozess. Folglich ist anzunehmen, dass sich Resilienz auch über die Dauer der dreijährigen Ausbildung verändert. Studien im Feld der Physiotherapieausbildung in Ungarn zeigten Unterschiede in der Ausprägung von Resilienz zwischen den Geschlechtern. Um die Reliabilität der Studie in Ungarn in Kapitel 3.5 zu bestätigen, müsste auch bei einer Erhebung bei deutschen Lernenden ein Unterschied der Resilienz zwischen weiblichen und männlichen Auszubildenden identifiziert werden. Weiter könnte noch angenommen werden, dass sich die Ausprägung von Resilienz nach dem Grad der Schulausbildung unterscheidet. Heterogenität, durch unterschiedliche Muttersprache der Auszubildenden, könnte in einer Berufsfachschule eine Auswirkung auf den Grad der Resilienz haben. Es wird angenommen, dass sich die Ausprägung von Resilienz von deutschen Muttersprachlern von der Resilienz von nichtdeutschen Muttersprachlern unterscheidet. In bisherigen Studien, wie in der Studie aus Ungarn (siehe Kapitel 3.5), wurde ein Zusammenhang zwischen sozialer Unterstützung und psychischem Wohlbefinden erkannt. In deutschen Berufsfachschulen für Physiotherapie müsste daher auch ein Zusammenhang von sozialer Unterstützung und dem Grad der psychischen Widerstandskraft angenommen werden.

Ein wichtiger Faktor zur Ausprägung von Resilienz ist die Fähigkeit belastenden Situati- onen oder Umstände bewältigen zu können. Die Physiotherapieausbildung ist physisch und psychisch sehr belastend und könnte zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Umso wichtiger scheint ein Ausgleich während der Ausbildung. Daraus könnte man ableiten, dass Resilienz bei Auszubildenden mit einer Bewältigungsmöglichkeit höher ist als bei Auszubildenden ohne Bewältigungsmöglichkeit.

In den vorherigen Kapiteln zur Resilienz in der Gesundheitswissenschaft wurde auch die Wichtigkeit sozialer Kompetenz im Zusammenleben mit anderen Menschen beschrieben. Demzufolge müsste die Resilienz bei Auszubildenden, welche allein leben, sich zu den Auszubildenden unterscheiden, welche in einer Gemeinschaft leben. Aus diesen Überlegungen leiten sich folgende Forschungsfragen und Hypothesen ab:

Forschungsfrage 1 zur Stichprobe:

Wie stark ist die generelle Ausprägung von Resilienz der Auszubildenden in der Physiotherapie?

Forschungsfrage 2 zur Stichprobe:

Welche Ausprägungen von Resilienz zeigen sich bei Schülerinnen und Schüler des ersten Semesters im Vergleich zu Schülerinnen und Schüler des fünften Semesters in der Physiotherapie?

H1 Die Ausprägung von Resilienz bei Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten ist im höheren Semester der Ausbildung höher ausgeprägt als bei den Erstsemestern.

H2 Die Ausprägung von Resilienz ist bei Frauen über die gesamte Ausbildung höher ausgeprägt als bei Männern.

H3 Auszubildende mit mittlerem Bildungsabschluss zeigen eine höhere Resilienz gegenüber höheren Bildungsabschlüssen.

H4 Auszubildende mit deutscher Muttersprache zeigen eine höhere Resilienz gegenüber Auszubildende mit französischer Muttersprache.

H5 Liierte Auszubildende zeigen eine höhere Resilienz gegenüber alleinstehenden Auszubildenden.

H6 Auszubildende mit einer Bewältigungsmöglichkeit während der Ausbildung zeigen eine höhere Resilienz gegenüber Auszubildenden ohne Bewältigungsmöglichkeit.

H7 In einer Gemeinschaft lebende Auszubildende haben eine höhere Ausprägung von Resilienz gegenüber den alleinlebenden Auszubildenden.

5. Methode

In diesem Kapitel wird die relevante Methode dieser Exploration beschrieben. Im Folgenden wird die geplante empirische Durchführung zur Überprüfung der Hypothesen erläutert. Vorab wird der Prozess der Explikation und Datengewinnung der Erhebung dargestellt. Daran knüpft die Beschreibung der zur Datenerhebung verwendeten Messinstrumente an (Kapitel 5.1 und Kapitel 5.2). Anschließend erfolgt die Deskription der der Kohorten und die Durchführung des Pre-Tests (Kapitel 5.3 und Kapitel 5.4). Das Untersuchungsdesign wird in Kapitel 5.5 mit einem Fließdiagramm dargestellt. Darauf folgend die Beschreibung der Durchführung der Untersuchung (Kapitel 5.6) und das Instrument zur Datenanalyse (Kapitel 5.7).

5.1 Datenerhebung

Die Forschungsfrage und die Hypothesen werden in einer quantitativen empirischen Querschnittstudie mit einem Messzeitpunkt in Schriftform überprüft. Um den Fragebogen RS 13 benutzen zu dürfen, wurde das Universitätsklinikum Jena in der Forschungsabteilung, welche den Fragebogen entwickelt hat, angefragt. Die Autoren des standardisierten Resilienz-Fragebogen werden darüber informiert, welches wissenschaftliche Erkenntnissinteresse mit ihren Fragebögen untersucht wird und um Erlaubnis gebeten den Fragbogen benutzen zu dürfen. Das Institut für Psychosoziale Medizin und Psychotherapie gab schriftlich die Erlaubnis mit der Forderung nach einer ordnungsgemäßen Zitation, den Resilienz Fragebogen für die vorliegende Erhebung benutzen zu dürfen (siehe Anhang). Der Fragebogen der Sozialvariablen wurde für die vorliegende Arbeit konstruiert. Nichtsdestotrotz entsprechen die Merkmale den demographischen Standards, diese werden in Kapitel 5.2.2 ausführlich dargestellt (Destatis, 2016, S. 5). Der Erhebungszeitraum lag zwischen dem 23.09.2019 und 31.10.2019. Um eine repräsentative Querschnittsmenge auswertbare empirische Daten zu erhalten, wurden die Fragebögen an drei Berufsfachschulen für Physiotherapie bereitgestellt. Die Fragebögen waren in klassischer Papierform und wurden durch den Untersucher hinterlegt. Durch den Verzicht auf postalischem Wege die Fragebögen bereit zu stellen, wird eine lange Rücklaufzeit der beantworteten Fragebögen vermieden und die Anzahl der Rückläufer hochgehalten. Zur Qualitätssicherung und zur Reduzierung des Risikos des Misserfolges der Umfrageergebnisse wurde ein Pre-Test vor dem eigentlichen Erhebungsbeginn durchgeführt. Dieser Pre-Test wurde nur an einer Schule für Physiotherapie mit den vorgesehenen Fragebögen mit fünf Probanden durchgeführt. Der Pre-Test sollte auch über die Verständlichkeit der Items und der zu erwartenden Dauer der Beantwortung der Fragebögen Aufschluss geben

Um mit der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung und dem deutschen Bundesdatenschutzgesetz konform zu gehen, wurden nur weiche Daten der Befragten erhoben (EU_DSGVO, 2018, BDSG, 2019). Die Anonymität blieb gewahrt, es können keine Rückschlüsse auf einzelne Personen gezogen werden. Die Teilnahme an der Befragung war freiwillig und wurde schriftlich bestätigt. Die Ergebnisse der Befragung wurden zusätzlich anonymisiert, um eine eventuelle Rückverfolgung durch Außenstehende zu den Teilnehmern zu verhindern.

Zur Datenerhebung wurden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, welche sich im ersten und fünften Semester ihrer Ausbildung befinden, befragt. Um einen günstigen Querschnitt über die beiden Semester der Ausbildung zu erhalten, wurden Daten aus unterschiedlichen Physiotherapieschulen herangezogen. Bereits examinierte Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten und Lernende anderer Semester wurden von der Befragung ausgeschlossen (Tabelle 1). Zur Datenerhebung wurden die jeweiligen Schulleiterinnen und Schulleiter schriftlich um Erlaubnis gebeten, an ihrer Schule die Auszubildenden im ersten und fünften Semester zu befragen. Nach Zustimmung und Terminierung durch die Schulleiterinnen und Schulleiter wurde innerhalb von vier Wochen die Befragung durchgeführt. Jede Probandin und jeder Proband werden über den Datenschutz und Freiwilligkeit aufgeklärt und gebeten die Einverständniserklärung zu unterschreiben. Jede Probandin und Proband hatten grundsätzlich die Möglichkeit die Befragung ohne Nennung von Gründen abzulehnen. Nach erfolgter schriftlicher Zustimmung können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Fragebogen zu Sozialvariablen und die Resilienz-Skala beantworten. Folgend in Tabelle 1 eine Übersicht der geplanten Datenerhebung:

[...]

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Resilienz im medizinischen Fachberuf Physiotherapie und ihre Ausprägung bei den Auszubildenden
Untertitel
Quantitative empirische Querschnittstudie
Veranstaltung
Health Care Education/Gesundheitspädagogik
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
85
Katalognummer
V540245
ISBN (eBook)
9783346151827
ISBN (Buch)
9783346151834
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Resilienz, Ausprägung, Physiotherapie, Ausbildung, Semester, Resilienz Skala RS 13, resilience, severity, physiotherapy, education, Resiliencescale, RS 13
Arbeit zitieren
Thomas Neufert (Autor), 2020, Resilienz im medizinischen Fachberuf Physiotherapie und ihre Ausprägung bei den Auszubildenden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540245

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