Der Homo Oeconomicus hat seinen Siegeszug in den Sozialwissenschaften angetreten, dabei neben begeisterten Anhänger aber auch erbitterte Feinde gefunden. Nur wenige andere aktuelle politikwissenschaftliche Diskussionen sind so bedeutend wie jene um die Theorie des rationalen Handelns. Diese Arbeit erläutert zunächst die Konzeption des Homo Oeconomicus und die empirische Anwendung von Rational Choice-Modellen in der politikwissenschaftlichen Analyse. Sodann werden einige der wichtigsten Anomalien von RC-Theorien vorgestellt und deren Folgen für die Entwicklung des RC-Ansatzes in der Politikwissenschaft diskutiert. Während in diesem Abschnitt die empirischen Probleme von RC-Theorien im Mittelpunkt stehen, wird der Einsatz von RC in den Sozialwissenschaften im folgenden Abschnitt aus wissenschaftstheoretischer Sicht diskutiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Rational-Choice-Ansatz
3. Probleme des Rational-Choice-Ansatzes
3.1 Framing
3.2 Simplifizierung
3.3 Kognitive Aspekte
3.4 Diskussion
4. Rational Choice im Spannungsfeld der Wissenschaftskonzeptionen
5. Schlussbemerkungen
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht kritisch, ob der als "Exportschlager" geltende Rational-Choice-Ansatz ein wissenschaftliches Qualitätsprodukt oder eine fehlerbehaftete Theorie darstellt. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwieweit der Rationalitätsbegriff angesichts theoretischer Anomalien und empirischer Widersprüche noch aussagekräftig ist.
- Grundlagen des Rational-Choice-Ansatzes und des methodologischen Individualismus
- Analyse theoretischer Probleme wie Framing, Routinen und Satisficing
- Untersuchung kognitiver Aspekte und deren Einfluss auf rationale Entscheidungsmodelle
- Diskussion der wissenschaftstheoretischen Einordnung und Validität des Ansatzes
Auszug aus dem Buch
3.1 Framing
Framing wird auf verschiedene Weisen definiert, dieser Abschnitt lehnt sich an die Definition von Esser an. Demnach ist – verkürzt und leicht abgewandelt ausgedrückt – unter einem Frame „die eine Situation definierende Orientierung“ zu verstehen; eine der eigentlichen Auswahl einer Handlungsoption vorgeschaltete Auswahl eines gedanklichen Modells der Situation, unter dem der Akteur die gesamte Situation definiert sieht, mit einem spezifischen Entscheidungsmuster für diese Situation (vgl. Esser 2004: 97). Zwei Frames sollen hier gezeigt werden: Sicherheit/Unsicherheit-Frames und Gewinn/Verlust-Frames.
Die Bedeutung von Sicherheit und Unsicherheit für die Auswahl einer Handlungsalternative hat Allais mit einem Experiment (dargestellt nach Haug 1998: 130) gezeigt, bei dem Probanden wählen konnten zwischen: (a) 1000 Gewinneinheiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,89, 5000 Gewinneinheiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,10, 0 Gewinneinheiten mit einer Wahrscheinlichkeit von 0,01 oder (b) 1000 Gewinneinheiten mit Sicherheit. So hat (a) einen Erwartungsnutzen von 1000 x 0,89 + 5000 x 0,10 + 0 x 0,01 = 1390 und (b) von 1000 x 1 = 1000. In Allais’ Experiment allerdings entschied sich die Mehrheit für die sichere Variante (b), um dem Risiko zu entgehen, gar nichts zu gewinnen, und wählte somit die Variante mit dem geringeren Erwartungsnutzen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung des Rational-Choice-Ansatzes in den Sozialwissenschaften und Darlegung der zentralen Forschungsfrage zur Qualität der Theorie.
2. Der Rational-Choice-Ansatz: Erläuterung der theoretischen Grundlagen, insbesondere des methodologischen Individualismus und der Annahme der Nutzenmaximierung.
3. Probleme des Rational-Choice-Ansatzes: Kritische Auseinandersetzung mit empirischen Anomalien und psychologischen Faktoren, die den klassischen Nutzenbegriff herausfordern.
3.1 Framing: Darstellung, wie die Definition von Entscheidungssituationen durch Akteure deren Wahlverhalten systematisch beeinflusst.
3.2 Simplifizierung: Analyse von Routinen und "Satisficing" als Strategien zur Reduktion von Entscheidungskomplexität.
3.3 Kognitive Aspekte: Untersuchung der Rolle von kognitiven Dissonanzen und Informationsverhalten bei Entscheidungen.
3.4 Diskussion: Reflexion darüber, ob und wie die aufgezeigten Probleme mit dem Rationalitätskonzept in Einklang gebracht werden können.
4. Rational Choice im Spannungsfeld der Wissenschaftskonzeptionen: Wissenschaftstheoretische Einordnung des Ansatzes anhand der Positionen von Popper, Kuhn und Lakatos.
5. Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Bewertung von Rational Choice als vielversprechendes, aber sensibel zu handhabendes Instrumentarium der Politikwissenschaft.
Schlüsselwörter
Rational Choice, Nutzenmaximierung, methodologischer Individualismus, Framing, Anomalien, Entscheidungstheorie, Satisficing, kognitive Dissonanz, Rationalität, Politikwissenschaft, Wissenschaftstheorie, Handlungsmodell, Erwartungsnutzen, Information, Selektion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch den Rational-Choice-Ansatz, ein dominantes Erklärungsmodell in der Politikwissenschaft, und hinterfragt dessen wissenschaftliche Substanz sowie Anwendbarkeit.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen der Rationalitätsbegriff, psychologische Faktoren wie Framing und kognitive Dissonanz sowie die wissenschaftstheoretische Falsifizierbarkeit der Theorie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob Rational Choice als "Qualitätsprodukt" oder "Billigware" zu bezeichnen ist, basierend auf einer Analyse seiner theoretischen Grenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf einer Literaturübersicht basiert und den Ansatz anhand verschiedener wissenschaftstheoretischer Kriterien (u.a. Popper, Lakatos) prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der RC-Grundlagen, eine detaillierte Diskussion der empirischen Anomalien auf der Mikroebene und eine wissenschaftstheoretische Einordnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Rational Choice, Nutzenmaximierung, methodologischer Individualismus, Framing, Entscheidungstheorie und begrenzte Rationalität.
Wie unterscheidet sich der RREEMM-Ansatz vom klassischen Homo Oeconomicus?
Der RREEMM (Resourceful, Restricted, Expecting, Evaluating, Maximizing Man) berücksichtigt im Gegensatz zum klassischen Modell, dass Akteure nicht perfekt über alle Optionen informiert sind und Entscheidungen unter Unsicherheit treffen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der "Rationalität" von Framing-Effekten?
Die Arbeit kommt zu dem Ergebnis, dass Framing-Effekte schwerlich als rational zu bezeichnen sind, da Akteure trotz identischer Wahrscheinlichkeiten aufgrund der Formulierung widersprüchliche Entscheidungen treffen.
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- Florian Zerfaß (Author), 2006, Exportschlager ökonomische Theorie des Handelns - Qualitätsprodukt oder Billigware?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54025