Kulturgeschichtliche Einordnung des Dramas Marat/Sade in die Theorien Michel Foucaults


Hausarbeit, 2019

9 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die beiden Hinrichtungsvarianten im Drama: Foltervs. Guillotinierung

3. Gefängnisse: Verlagerung der äußeren Strafe in eine innere Strafe

4. Psychiatrisierung von politischen Gefangenen

5. Foucaults Panoptismus

6. Anwendung des Panoptismus auf das Drama

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis
8.1 Quellen
8.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

Im Drama „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“1, das 1964 von Peter Weiss uraufgeführt wurde, spielen Insassen einer Psychiatrie die Ermordung Jean Paul Marats nach. Im Stück soll Marquis de Sade als politischer Gefangener der französischen Revolution das „Stück im Stück“ anleiten. In dieser Arbeit soll es darum gehen, das Drama kulturgeschicht­lich in die Theorien aus Michel Foucaults Werk „Überwachen uns Strafen“2 einzu­betten. Dabei wird sich zunächst den beiden Hinrichtungsvarianten „Folter“ und „Guillotinierung“ gewidmet, die sowohl im Drama als auch in Foucaults Werk the­matisiert werden. Anschließend werden Foucaults Ausführungen über Gefängnis­se abgehandelt. Da das Drama aber nicht in einem Gefängnis sondern in einer Psychiatrie spielt, wird die Psychiatrisierung von politischen Gefangenen in den Blick genommen. Daraufhin wird Foucaults Theorie des „Panoptismus“, basie­rend auf einem Konzept von Jeremy Bentham, ausgeführt und auf das Drama an­gewendet. Insgesamt geht diese Arbeit den Fragen nach, wie Macht und die Hier- archisierung dieser, aufbauend auf Foucaults Theorien, im Drama Marat/Sade wi­dergespiegelt werden und inwieweit die Psychiatrie im Drama einem Gefängnis und den dortigen Machtverhältnissen ähnelt. In der Forschungsliteratur gibt es bisher keine Bezüge zwischen Foucault und dem Drama, dadurch soll durch die­se Arbeit die Forschung ergänzt werden.

2. Die beiden Hinrichtungsvarianten im Drama: Foltervs. Guillotinierung

Der im Drama erwähnte Robert Francois Damien wurde 1715 geboren und 1757 zur Todesstrafe verurteilt, da er ein Attentat auf den französischen König Ludwig XV. begangen hatte, welches allerdings fehlschlug. Er wurde durch die soge­nannte Vierteilung hingerichtet, welche die gängige Bestrafungsmethode für Kö­nigsmörder war. Die Hinrichtung Damiens wird im Drama durch de Sade in aus­führlicher Art und Weise nacherzählt. Auch Foucault beginnt sein Werk „Überwa­chen und Strafen“ mit der Geschichte von Damiens Bestrafung.3 Gegen Ende des 18./ Mitte des 19. Jahrhunderts wird die öffentliche Folter in Frankreich fast überall abgeschafft, sodass Damien einer der letzten war, der durch die Viertei­lung hingerichtet wurde. Anstelle der Folter tritt die Guillotinierung. Im Stück wird die Guillotinierung der französischen Revolution nachgespielt und von de Sade als „mildere“4 Variante der Hinrichtung bezeichnet. Die Guillotine wurde vom gleichnamigen Arzt Joseph-Ignace Guillotin entworfen und war seit 1792 im Ein­satz. Laut Guillotin hatte diese drei Vorteile: Erstens sollten durch sie ab sofort Delikte der gleichen Art durch Strafen der gleichen Art vergolten werden, sodass Rang und Status des Verurteilten keine Rolle mehr spielten. Zweitens bat sie den schnellen Tod ohne Folter und drittens sollte nun nicht mehr zusätzlich die Fami­lie des Verurteilten mit bestraft werden.5 Durch die Guillotine war nicht mehr pri­mär die Folter das Hauptziel, sondern der Verlust eines Rechts - nämlich des Rechts auf Leben. Während der französischen Revolution wurde die Guillotinie­rung zum öffentlichen Spektakel, was man eigentlich nicht wollte. So wurde ver­sucht, dies einzudämmen und die Hinrichtungen von der Öffentlichkeit abzuschir­men.6

3. Gefängnisse: Verlagerung der äußeren Strafe in eine innere Strafe

Foucault bezeichnet die Guillotinierung als „Straf-Theater, wo dem Gesellschafts­körper eine Dauervorstellung der Züchtigung gegeben werden sollte“7 und be­schreibt, wie diese mit dem Aufkommen der Gefängnisse durch eine „große, ge­schlossene, komplexe und hierarchisierte Architektur [...], die sich in den Körper des Staatsapparates integriert“8 ersetzt wird. Durch das Einsperren von politischen Gegnern in Gefängnisse wird die öffentliche Strafe (Guillotinierung) zu einer inneren Strafe umgewandelt. Der Scharfrichter wird durch Aufseher, Ärzte, Psychologen und Psychiater ersetzt und die Bestrafung ist nun keine physische mehr, sondern eine psychische, die aus Freiheitsberaubung, Verpflichtungen und Verboten besteht. Der humanistische Ansatz der Gefängnisse liegt darin, die Ver­urteilten zu disziplinieren und umzuerziehen und nicht mehr körperlich zu foltern.9 Foucault bemerkt allerdings, dass der Körper im Gefängnis trotzdem noch mit be­straft wird, beispielsweise durch die Rationierung von Nahrung, Isolation und den Entzug sexueller Möglichkeiten.10 Er kritisiert, dass Menschen es gerecht zu fin­den scheinen, wenn ein Verurteilter physisch leidet, was er daran festmacht, dass im 19. Jahrhundert Kritik an den Gefängnissen aufkam, dass es den Gefangenen dort besser ginge als den Armen.11 Auch gegenwärtig würde noch ein „peinlicher Rest“12 dieses Denkens herrschen und auch in den Gefängnissen umgesetzt wer­den. Zudem kritisiert Foucault den Ansatz der präventiven Repression, ein zeitge­nössischer Ansatz zu seiner Lebenszeit in den 70er Jahren. Die präventive Re­pression beschreibt, dass die Dauer des Gefängnisaufenthalts nicht von den be­gangenen Taten bestimmt wird, sondern von möglichen Taten in der Zukunft. Foucault Kritik daran lautet, dass dies nicht mehr dem ursprünglichen Sinn einer positiven Umerziehung dienen würde, sondern ausschließlich der Unterdrückung. Er fordert eine Rückkehr zu den humanistischen Ursprüngen des Gefängnisses.

4. Psychiatrisierung von politischen Gefangenen

Das Drama „Marat/Sade“ spielt nicht in einem Gefängnis, sondern in einer Psych­iatrie. Im Stück erkennt man, dass nicht alle Gefangenen psychisch erkrankte sind, sondern es sich teilweise einfach um politische Gegner handelt (zum Bei­spiel bei de Sade). Dieser Sachverhalt spiegelt wider, dass seit der französischen Revolution politische Gefangene in Psychiatrien gesperrt wurden. Die Psychiatrie wurde als Mittel der politischen Unterdrückung genutzt, indem bei Regimegeg­nern psychische Störungen diagnostiziert wurden. Die historische Figur des de Sade beispielsweise wurde 1789 in die Irrenanstalt von Charenton eingewiesen, nachdem er einige Tage vor dem Sturm auf die Bastille den Demonstrierenden zurief, dass in der Bastille die Gefangenen getötet würden. Zuvor wurde de Sade zum Tode verurteilt, da er Prostituierte vergiftet haben soll.13 Das Drama basiert auf der realen Person des de Sade, der ab 1800 in den Irrenanstalt von Charen­ton zur Belustigung der Pariser Gesellschaft Theateraufführungen organisierte und leitete. Von Zeitgenossen wurde de Sade als innerlich „freiester Mensch, der je gelebt hat“ bezeichnet.14 Der Anstaltsdirektor Coulmier möchte seine Anstalt auf moderne Art und möglichst ohne Gewalt gegen die Insassen leiten.15 Im Pro­log erwähnt er, dass sich die Patienten an der Bildung und Kunst heilen sollen.16 De Sade hingegen sieht in der Kunst mehr als ein Mittel zur Unterhaltung und Er­bauung, vielmehr sieht er sie als Mittel der Selbsterkenntnis und bezeichnet sie als geeignet, um die „Gefängnisse des Innern“17 zu sprengen.18 Der gewaltfreie Ansatz von Coulmier ähnelt den humanistischen Ansätzen des Gefängnisses, da er zumindest vorgibt, sich auf die Umerziehung und nicht auf die Unterdrückung zu fokussieren. Jedoch muss man bemerken, dass seine Begründung im Prolog, dass das Theater der „Heilung“ der Insassen dienen soll, nicht auf de Sade zu­treffen kann, da dieser de facto ja gar nicht psychisch krank ist, sondern als politischer Gegner in die Psychiatrie eingesperrt wurde. Auch in der Psychiatrie wird, wie im Gefängnis, eine psychische Bestrafung durch Freiheitsberaubung, Verbote und Verpflichtungen erwirkt.

5. Foucaults Panoptismus

Foucault beschreibt das Gefängnis insgesamt als „Technologie der Macht über den Körper“19. Über diese Technologie hat sich auch Jeremy Bentham in seiner Theorie des „Panopticons“ Gedanken gemacht. Das Panopticon ist ein 1791 von Bentham entworfenes Konzept zum Bau von Gefängnissen.[20] In dem architekto­nischen Plan ist vorgesehen, dass im Mittelpunkt des Gefängnisses ein Beob- am Main 31997.

[...]


1 Weiss, Peter: Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats. Drama in zwei Akten. Mit einem Kommentar von Arnd Beise, Frankfurt am Main 2004.

2 Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt

3 Vgl.: Ebd., S. 9-12.

4 Weiss, Marat/Sade, S. 36.

5 Vgl.: Foucault, Überwachen und Strafen, S. 20f.

6 Vgl.: Ebd., S. 22.

7 Ebd., S. 148f.

8 Ebd.

9 Vgl.: Ebd., S. 164.

10 Vgl.: Ebd., S. 24f.

11 Vgl.: Ebd., S. 25.

12 Ebd.

13 Vgl.: Beise, Arnd/ Breuer, Ingo: PeterWeiss. Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats. Dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton un­ter Anleitung des Herrn de Sade (Erläuterungen und Dokumente), Stuttgart 1995, S. 89f.

14 Vgl.: Ebd., S. 87.

15 Vgl.: Ebd., S. 91f.

16 Vgl.: Weiss, Marat/Sade, S. 12.

17 Ebd., S. 123.

18 Vgl.: Beise/Breuer, PeterWeiss, S. 92.

19 Foucault, Überwachen und Strafen, S. 41.

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Details

Titel
Kulturgeschichtliche Einordnung des Dramas Marat/Sade in die Theorien Michel Foucaults
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Jahr
2019
Seiten
9
Katalognummer
V540424
ISBN (eBook)
9783346146052
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marat, Sade, Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Peter Weiss
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Kulturgeschichtliche Einordnung des Dramas Marat/Sade in die Theorien Michel Foucaults, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540424

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