Über Kobolde in Gardinen und Lämmer, die schweigen - Was Sie schon immer über Archetypen und das unheimliche Unbewusste wissen wollten


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
6 Seiten

Leseprobe

Was Sie schon immer über Archetypen und das unheimliche Unbewusste wissen wollten

Trotz aller kulturellen Unterschiede auf dieser unserer Welt gibt es evolutionsbiologisch gewachsene Dispositionen zu global gleichartigem Erleben und Verhalten. C. G. Jung hat diese Dispositionen in esoterischer Manier als Archetypen bezeichnet, deren Gesamtheit das Kollektive Unbewusste – mundus archetypus – ausmacht. Prinzipiell nichts anderes als das zum ES* gehörende phylogenetische Gedächtnis, in dem archaische Potenziale schlummern, die jederzeit aus ihrem Dämmerschlaf erwachen und ins private und öffentliche Leben eingreifen können. Schön zu beobachten bei Sportveranstaltungen, wenn der ach so rationale homo modernicus urplötzlich, um nicht zu sagen: auf Anpfiff, in sein paläoanthropologisches Vorgängermodell mutiert und durch steinzeitliches Stammesverhalten und rhythmisch skandierte Beschwörungsformeln seinen Sport-Ikonen da unten auf dem Rasen rasereiartige Referenzen erweist.

Amerikanische Footballteams wissen schon, warum sie sich mit ES*-infizierenden Namen wie New York Giants, Detroit Lions, Carolina Panthers und Chicago Bears schmücken.

*Kleiner Ausflug in die Psychoanalyse

Der Begriff > ES < stammt aus der Psychoanalyse, die z. Z. – obwohl sie niemals mausetot war und vermutlich auch nie sein wird –, so etwas wie eine naturwissenschaftliche Renaissance erlebt. Zu verdanken hat sie‘s der modernen Hirnforschung, die mit sogenannten bildgebenden Verfahren (Computer-Tomografie, Kernspinresonanz-Tomografie, Positronen-Emissions-Tomografie) einen Echtzeit-Blick in unsere neuronale Schaltzentrale ermöglicht und dabei viele Erkenntnisse Sigmund Freuds bestätigt hat. Zum Beispiel:

dass das bewusste ICH, der pseudo-rationale Steuermann, selten Herr im Hause ist, wenngleich er das gerne vorgibt.

dass das Unbewusste (ES) maßgeblichen Einfluss auf unser Denken, Fühlen und Handeln hat. Über 90 Prozent unserer Gedanken, Gefühle und Handlungen laufen unbewusst ab!

dass Träume eine wichtige psycho-hygienische Funktion haben. Ohne die Hilfe des Unbewussten und ohne die >reinigende< Funktion unserer Träume wäre der Mensch gar nicht überlebensfähig.

dass die frühkindlichen Lebensjahre entscheidenden Einfluss auf das kognitiv-affektive Erleben und Verhalten des Erwachsenen haben. In jedem von uns lebt das Kind, das wir einst waren.

Für den New Yorker Neurowissenschaftler und Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel und den deutschen Neurobiologen Gerhard Roth ist die Freud’sche Psychoanalyse als das schlüssigste Modell des menschlichen Geistes.

Abb.: Das psychoanalytische Persönlichkeitsmodell

Mir ist, als wohnten ach!

vier Seelen in meiner Brust

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ES ist die Sphäre des Unbewussten, der archaischen Verhaltens-Erbschaft unseres Stammhirns, der Leidenschaften und Lebenstriebe, aber auch der aggressiven und destruktiven Impulse, die wir normalerweise hinter Schloss und Riegel zu halten, zu verdrängen und zu unterdrücken versuchen.

ICH ist der pseudo-rationale Steuermann, der uns tagein tagaus durch die Welt dirigiert, stets abwägend zwischen inneren Notwendigkeiten und externen Möglichkeiten.

ÜBER-ICH ist das Gewissen, der innere Richter und Zuchtmeister, der über die Zulässigkeit von Gedanken, Aussagen, Handlungen, Erlebnissen bestimmt. Über-ICH traktiert uns bevorzugt mit Schuldgefühlen und Ähnlichem, wenn wir seine ethisch-moralischen Ansprüche nicht erfüllen.

ICH-IDEAL ist der Ästhetiker, der Narzisst, der Perfektionist in uns allen. In unserem ICH-IDEAL erleben wir allerlei Vollkommenheits- und Zukunftsvisionen, die unsere innigsten Wünsche (auch Produktwünsche) erfüllen.

Wer möchte, kann sich die vier interagierenden Systeme als leibhaftige Diskussionsrunde vorstellen, in der ein bodenständiger Manager (ICH), ein strenger Moralapostel (ÜBER-ICH/Gewissen), ein vollkommenheitsverliebter Narzisst (ICH-IDEAL) und ein hedonistischer Naturbursche (ES) mal mehr, mal weniger hitzig um die Führungsrolle ringen.

Zurück zu den Archetypen:

Konkrete archetypische Symbole – den assoziativen Rattenschwanz, der dranhängt, mag jeder selbst ermessen – sind neben Raub- und anderen Tieren, Götter und Göttinnen, Helden und Heldinnen, Riesen und Kobolde, Dämonen und Drachen, Engel und Elfen, Hexen und Heilige, Amazonen und Walküren, Zauberer und Zwerge.

Ein ganz besonderer, weil hochgradig ambivalenter Archetypus, ist die Schlange. Als sich selbst in den Schwanz beißende Uroboros steht sie für den ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Als zweiköpfige Ometechtli symbolisiert sie in der aztekischen Mythologie einen allwissenden Gott jenseits von Zeit und Raum, der sowohl männlich wie weiblich oder keines von beidem und somit die perfekte Verkörperung der gegensätzlichen Kräfte Chaos und Ordnung, Gut und Böse, Licht und Dunkelheit, Bewegung und Ruhe war. Darüber hinaus hat Schlange immer auch etwas Unberechenbar-gefährliches und zugleich Magisch-faszinierendes. Vom Bisexuellen ganz abgesehen.

Archetypen tummeln sich in Märchen, Sagen und Legenden, die die Alten den Jungen erzählen und diese, wenn sie älter sind, ... und die so zum Weltkulturerbe werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Über Kobolde in Gardinen und Lämmer, die schweigen - Was Sie schon immer über Archetypen und das unheimliche Unbewusste wissen wollten
Autor
Jahr
2006
Seiten
6
Katalognummer
V54050
ISBN (eBook)
9783638493352
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kobolde, Gardinen, Lämmer, Archetypen, Unbewusste
Arbeit zitieren
Dr. Volker Halstenberg (Autor), 2006, Über Kobolde in Gardinen und Lämmer, die schweigen - Was Sie schon immer über Archetypen und das unheimliche Unbewusste wissen wollten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54050

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