Die Förderung von Kreativität durch Spaß am Arbeitsplatz

Eine Literaturanalyse


Bachelorarbeit, 2019

39 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Definition Kreativität
2.2 Definition Affekt
2.3 Theorien des Zusammenhangs von Affekt und Kreativität
2.3.1 Affekt und Kreativität
2.3.2 Positiver Affekt und Kreativität
2.3.3 Negativer Affekt und Kreativität
2.3.4 Interagierender Affekt und Kreativität
2.4 Die Operationalisierung von Spaß als positiver Affekt

3 Methodik

4 Der Zusammenhang von Affekt und Kreativität am Arbeitsplatz
4.1 Einfluss von positivem Affekt auf die Kreativität am Arbeitsplatz
4.2 Einfluss von negativem Affekt auf die Kreativität am Arbeitsplatz
4.3 Einfluss von Kreativität auf Affekt am Arbeitsplatz
4.4 Dynamischer Zusammenhang von Affekt und Kreativität am Arbeitsplatz
4.5 Zusammenfassung der Ergebnisse

5 Diskussion
5.1 Interpretation der Ergebnisse
5.2 Implikationen für zukünftige Forschung
5.3 Implikationen für unternehmerische Praxis
5.4 Von positivem Affekt zu Spaß am Arbeitsplatz
5.5 Begrenzungen der Arbeit

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Anhand einer systematischen Literaturanalyse wird in dieser Arbeit der aktuelle Forschungsstand des Zusammenhangs von Affekt und Kreativität am Arbeitsplatz dargstellt. Hierfür wurden ausschließlich Feldstudien der letzten 13 Jahre recherchiert, die am Arbeitsplatz erhoben wurden und den Zusammenhang von positivem und/oder negativem Affekt und Kreativität behandeln. Durch eine Operationalisierung von Spaß als positiven Affekt lassen sich die Erkenntnisse über die Förderung von Kreativität durch positiven Affekt am Arbeitsplatz auf Spaß übertragen. Aus den dargestellten Studien ist ein Wandel in der Forschung zu erkennen. Eine zuvor hauptsächlich lineare Auffassung der Beziehung von Affekt und Kreativität wird um Moderatorvariablen erweitert, anhand welcher monokausale Ansätze um eine Zwischenvariable erweitert werden. Zudem hat sich eine dynamische Perspektive auf Affekt entwickelt, die einen Einfluss auf Kreativität anhand miteinander interagierendem Affekt erklärt. Aus dieser Dynamik konnte eine Signifikanz von negativem Affekt im Zusammenspiel mit positivem Affekt zur Förderung von Kreativität festgestellt werden. Aus einer Synthese von Theorie und aktuellen Forschungsergebnissen werden Implikationen für unternehmerische Praxis und zukünftige Forschung formuliert.

1 Einleitung

Unternehmen sehen sich in der heutigen Zeit mit einem stetig steigenden Wettbewerbsdruck und einer sich täglich wandelnden Umwelt konfrontiert (Cummings & Oldham, 1997; Davis, 2009). Um sich an wechselnde Marktverhältnisse, staatliche Regulierungen und einen internationalen Wettbewerb anzupassen, werden von Unternehmen und Organisationen konstant außerordentliche Innovationen gefordert (Amabile, 1988). Unter Innovation lässt sich eine erfolgreiche Implementierung kreativer Ideen in Organisationen verstehen (Amabile & Pratt, 2016; Isaksen, 2017). Durch das Generieren und Anwenden kreativer Ideen können sich Organisationen an ihre Herausforderungen anpassen und an ihnen wachsen (Shalley, Zhou & Oldham, 2004). Um sich einen Wettbewerbsvorteil zu schaffen, versuchen Organisationen deshalb, das kreative Potenzial ihrer Mitarbeiter zu maximieren. Kreativität am Arbeitsplatz ist abhängig von verschiedenen persönlichen sowie kontextuellen Faktoren (Shalley et al., 2004) und da sich Organisationen als affektiv aufgeladene Umgebungen (Amabile, Barsade, Mueller, Staw, 2005) bezeichnen lassen, in welchen täglich Emotionen und Stimmungen jeglicher Ausprägung erlebt werden, liegt eine Betrachtung des Zusammenhangs von Kreativität und Affekt nahe. Durch das Entschlüsseln der am Arbeitsplatz erlebten affektiven Zustände und Emotionen lassen sich Implikationen für die Kreativität der Mitarbeiter ziehen (Blackman & Venn, 2010). Besonders dem Erleben positiver Affekte, wie Freude oder Spaß, kann ein förderlicher Einfluss auf Kreativität nachgewiesen werden (Isen, Daubman, Nowicki, 1987; Isen, 2001; Amabile, 1988; Amabile et al., 2005; Amabile & Pratt, 2016; Fredrickson, 2001; Barsade & Gibson, 2007; Baas, De Dreu, Nijstad, 2008; Lyubomirsky, King, Diener, 2005). Da über einen Arbeitstag auch negative Affekte erlebt werden, die mit positivem Affekt interagieren und dynamisch zusammenhängen (Bledow, Rosing & Frese, 2013), greift eine lineare Betrachtung des Einflusses positiven Affekts auf Kreativität zu kurz. Es bedarf einer Analyse des gesamten Affekt-Kreativität-Zusammenhangs. Daraus lassen sich anschließend Schlüsse über positiven Affekt ziehen, die der Komplexität einer Wechselwirkung zwischen Affekt und Kreativität am Arbeitsplatz gerecht werden.

In vergangenen Forschungsbeiträgen wurde der Zusammenhang von Affekt und Kreativität hauptsächlich in Laborstudien analysiert. Eine Ausnahme bildet das wegweisende Affekt-Kreativität-Modell von Amabile et al. (2005), bei welchem über mehrere Monate Affekt und Kreativität von Arbeitnehmern am Arbeitsplatz gemessen wurde. Ziel dieser Arbeit ist es, den aktuellen Stand der Forschung zum Zusammenhang von Affekt und Kreativität darzustellen. Da das Modell von Amabile et al. (2005) einen umfassenden Überblick über den Affekt-Kreativität-Zusammenhang darstellt, wird der Forschungsstand ab diesem Modell bis ins heutige Jahr 2019 dargestellt. Hierfür wird eine systematische Literaturanalyse durchgeführt, bei welcher ausschließlich Feldstudien miteinbezogen werden, die Affekt und Kreativität von Arbeitnehmern am Arbeitsplatz erforschen. Daraus werden anschließend Schlüsse über den Einfluss positiven Affekts auf Kreativität als Teil eines dynamischen, miteinander interagierenden Systems von Affekt und Kreativität gezogen, die sich auf die Förderung von Kreativität durch Spaß am Arbeitsplatz übertragen lassen. Hierfür wird Spaß in dieser Arbeit als positiver Affekt operationalisiert. In Kapitel 2.4, „Die Operationalisierung von Spaß als positiven Affekt“, wird dieser Schritt ausführlich erläutert.

Folgende Forschungsfragen versucht diese Arbeit zu beantworten: Wie ist der aktuelle Stand der Forschung des Zusammenhangs von Affekt und Kreativität am Arbeitsplatz? Und welche Schlüsse lassen sich daraus für die Förderung von Kreativität durch Spaß am Arbeitsplatz ziehen?

Zur Beantwortung dieser Forschungsfragen werden zunächst die theoretischen Grundlagen erläutert, auf welchen sich diese Arbeit fundiert sieht. Hierfür werden die Begriffe Kreativität und Affekt definiert, Schlüsseltheorien zum Zusammenhang von Affekt und Kreativität dargestellt und Spaß als positiver Affekt operationalisiert. In Kapitel 3 wird die Methodik der in Kapitel 4 durchgeführten systematischen Literaturanalyse beschrieben, wobei ausführlich auf den Weg der Literaturrecherche eingegangen wird. Nach der Darstellung der Ergebnisse in Kapitel 4 folgt in Kapitel 5 die Diskussion der Studienergebnisse. Die Ergebnisse werden verglichen, bewertet und synthetisiert. Es werden die Grenzen dieser Arbeit aufgezeigt und Empfehlungen für mögliche weiterführende Forschungen artikuliert. Anschließend werden Implikationen für die unternehmerische Praxis formuliert, welche aus den Ergebnissen der Studien herausgearbeitet werden. In Kapitel 6 wird ein abschließendes Fazit gezogen.

2 Theoretische Grundlagen

In diesem Kapitel werden die zum besseren Verständnis der Arbeit notwendigen theoretischen Grundlagen beschrieben und erläutert. Dazu wird zunächst der Begriff der Kreativität allgemein und im Kontext des Arbeitsplatzes definiert. Anschließend folgt eine Definition des Affekts. In Kapitel 2.3 werden Affekt und Kreativität in Zusammenhang miteinander gebracht. Es werden die relevanten Theorien des Affekt-Kreativität-Zusammenhangs wiedergegeben. Dafür wird zunächst positiver und negativer Affekt und die Beziehung zu Kreativität betrachtet, anschließend miteinander interagierender Affekt und Kreativität. In Kapitel 2.4 wird Spaß als positiver Affekt operationalisiert, um Aussagen über Spaß auf wissenschaftlichem Niveau treffen zu können.

2.1 Definition Kreativität

Kreativität als eine Fähigkeit und Geisteseigenschaft, etwas Außergewöhnliches zu schöpfen, wurde bis Mitte des 20. Jahrhunderts nur den intelligentesten Individuen der Gesellschaft zugeschrieben. Durch die Pionierarbeit des Psychologen Joy Paul Guilford auf dem Gebiet der Kreativitätsforschung (Simonton, 2000) gewinnt die Kreativität zunächst im wissenschaftlichen Milieu, später im allgemein gesellschaftlichen Kontext an Bedeutung. Heute ist der Begriff der Kreativität fest im allgemeinen Sprachgebrauch etabliert und wird häufig als eine Art Grundanforderung an Arbeitnehmer verschiedener Professionen formuliert. Auch aus Unternehmenssicht wird die Kreativität der Mitarbeiter als ein Schlüsselattribut für den Unternehmenserfolg angesehen. Beobachten lassen sich kreative Leistungen prinzipiell in allen menschlichen Handlungen (Brodbeck, 2006). Nach Glăveanu (2019) ist Kreativität ein psychologisches, soziales und materielles Phänomen, welches durch Kultur geprägt wird auf welchem sich Gesellschaften fundiert sehen. Hennessey & Amabile (2010) beschreiben Kreativität als ein System von mehreren miteinander verbundenen Ebenen; von der neurologischen, über die affektive und kognitive bis zur kulturellen-gesellschaftssystematischen Ebene. Dem Begriff der Kreativität liegt ein breitgefächertes Spektrum an Definitionen zu Grunde, welche sich je nach Fachbereich und Herangehensweise voneinander unterscheiden. Bereits Ende der 50er Jahre zählte Seiffge-Krenke (1974) über 100 fachübergreifende Definitionen der Kreativität, welche sich bis heute vervielfacht haben.

Für Runco & Jaeger (2012) sind Originalität und Effektivität die zwei Kriterien, durch die sich Kreativität definiert. Besonders Effektivität eignet sich als Kriterium für die Kreativität am Arbeitsplatz, da Effektivität von großer ökonomischer Relevanz ist. Der kreativen Idee wird durch Angebot und Nachfrage des aktuellen Marktes ein Wert beigemessen, welcher beschreibt, wie wertvoll und originell bzw. neu diese Idee ist (Runco & Jaeger, 2012). So lässt sich Kreativität, zumindest im Ansatz, rationalisieren und in die Kosten-Nutzen-Rechnung eines Unternehmens miteinbeziehen.

Da in dieser Arbeit der Einfluss von Spaß als positiver Affekt auf die Kreativität am Arbeitsplatz analysiert wird, wird auf der vielseits zitierten, produktbezogenen Definition der Kreativität von Amabile aufgebaut. Nach dieser Definition bezieht sich Kreativität auf die Produktion von neuen und zweckgerichteten bzw. nützlichen Ideen (Amabile, 1988, 1996; Amabile & Pratt, 2016). Diese Ideen sollen dazu beitragen, die Ziele der jeweiligen Organisationen zu erreichen (Amabile et al., 2005). Wichtig ist, dass eine kreative Idee sowohl neu als auch nützlich ist. Eine lediglich neue, aber nicht nützliche bzw. eine nützliche, aber nicht neue Idee kann nicht als kreativ bezeichnet werden (Amabile, 2012). Eine Idee gilt als neu, wenn diese im Vergleich mit anderen gegenwärtigen Ideen als einzigartig einzustufen ist und als nützlich, wenn aus ihr ein Wert für die Organisation oder einzelne Individuen entsteht (To & Fisher, 2019). Aus dieser produktbezogenen Definition lassen sich Schlüsse über die Person, die Umwelt und über den kreativen Gedankenprozess selbst ableiten (Amabile, 1988).

2.2 Definition Affekt

Es lassen sich generell zwei Definitionen des Affekts beschreiben, die sich besonders in der Einordnung mit den bedeutungsähnlichen Begriffen Emotion und Stimmung unterscheiden. In der englischsprachigen Fachliteratur wird Affekt als Überbegriff definiert, welcher Stimmungen und Emotionen umfasst (Barsade & Gibson, 2007; George & Zhou, 2007; Baas et al., 2008; Smet, 2016) oder er wird simultan zu diesen verwendet (Kitamura, 2005; Lyubomirsky, King, Diener, 2005), während die deutschsprachige Fachliteratur Stimmung und Affekt meist dem Überbegriff der Emotion unterordnet (Kleinginna, 1981; Reischies, 2007). Nach Kleinginna (1981) ist eine Stimmung eine länger anhaltende, weniger intensive Emotion und ein Affekt eine intensive und zeitlich stark begrenzte Emotion. Diese Arbeit lehnt sich an die englische Auffassung von Affekt. Nach Baas et al. (2008) ist Affekt demnach als ein Dachbegriff für subjektive Gefühle zu verstehen. Inkludiert sind hier sowohl lang anhaltende Stimmungen als auch kürzere, spezifische Emotionen wie Wut oder Freude. Nach den Autoren ist der wesentliche Unterschied zwischen Emotion und Stimmung, dass sich Emotionen einem spezifischen Anreiz oder Auslöser zuordnen lassen, während einer Stimmung kein eindeutiger Auslöser zuzuordnen ist. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die gefühlte Intensität. Eine Emotion wird stärker wahrgenommen, eine Stimmung schwächer (Baas et al., 2008). Unter Affekt sind also sowohl kurzzeitig erlebte Emotionen zu verstehen, welche durch einen situativ bedingten, intrinsischen oder extrinsischen Reiz ausgelöst werden und Wahrnehmung und Handlung beeinflussen, als auch lang anhaltende Stimmungen, welche weniger intensiv wahrgenommen werden und bei denen der Auslöser nicht eindeutig zu bestimmen ist (Fridja & Mesquita, 1994).

In dieser Arbeit wird Affekt zudem in Anlehnung an Watson & Tellegen (1999) und Russell (2003, 2009) als Dimension der emotionalen Befindlichkeit definiert. Affekt umfasst also sämtliche Emotionen und Stimmungen, welche anhand des Grads der Aktivierung und des Grads der Angenehmheit abgebildet werden können (Rusell, 2009). So wäre Freude demnach unter hoher Aktivierung und als sehr angenehm zu beschreiben, Wut unter hoher Aktivierung und als sehr unangenehm (Watts et al., 2019). Nach diesem Modell lässt sich Affekt zweifaktoriell in positiven und negativen Affekt unterteilen (Eschenbeck, 2009). Watson, Clark & Tellegen (1988) beschreiben positiven Affekt als Ausmaß angenehmer, positiver Gefühle, negativen Affekt als Ausmaß unangenehmer, negativer Gefühle. Demnach beschreibt „positiver Affekt das Ausmaß, in dem eine Person interessiert, enthusiastisch aktiv und aufmerksam ist (…), negativer Affekt das Ausmaß negativen Angespannt seins“ (Eschenbeck, 2009: 86).

Weiterhin kann zwischen aktuellem affektiven Zustand und der auf längerem Zeitraum betrachteten Tendenz, positive oder negative Affekte zu erleben, unterschieden werden (Eschenbeck, 2009). In dieser Arbeit ist Affekt lediglich als eine erlebte Stimmung oder Emotion zu verstehen, also als ein affektiver Zustand. Von der Betrachtung des Affekts als dispositionelle Eigenschaft (z.B Optimismus) wird abgesehen.

Um Affekt zu messen wird meist der PANAS (Positive and Negative Affect Schedule) von Watson et al. (1988) verwendet. Dieser besteht aus zehn positiven Adjektiven (z.B Enthusiastisch, Interessiert) und zehn negativen Adjektiven (z.B Nervös, Ängstlich), die anhand einer 5-stufigen Likert-Skala (von „gar nicht“ bis „äußert“) die Intensität der jeweiligen Empfindungen einschätzen (Watson et al., 1988; Eschenbeck, 2009). Die 20 Adjektive sind mit unterschiedlichen Faktoren versehen, die den positiven bzw. negativen Affekt in Zahlen ausdrücken und somit interpretierbar machen.

2.3 Theorien des Zusammenhangs von Affekt und Kreativität

Der Zusammenhang von Affekt und Kreativität spielt für Unternehmen eine wichtige Rolle. Da Unternehmen Umgebungen voller Affekt sind (Barsade & Gibson, 2007), lohnt sich die Betrachtung des Affekts und welchen Einfluss dieser auf die Kreativität der Mitarbeiter nimmt.

Kapitel 2.3.1 umfasst theoretische Ansätze, die sich sowohl mit positivem als auch mit negativem Affekt beschäftigen und eine Grundlage für die weiteren Theorien bilden. In Kapitel 2.3.2 und 2.3.3 werden Theorien dargestellt, anhand welcher sich ein Zusammenhang von positivem oder negativem Affekt und Kreativität herleiten lässt. Wie interagierende Affekte mit Kreativität korrelieren wird im anschließenden Kapitel 2.3.4 theoretisiert.

2.3.1 Affekt und Kreativität

Nach Simonton (2000) ist Kreativität ein mentales Phänomen, welches durch gewöhnliche kognitive Prozesse entsteht. Diese kognitiven Prozesse werden beeinflusst von Affekt, wodurch sich die kognitive Wahrnehmung ändert und Informationen anders verarbeitet werden. Dadurch kann Kreativität gefördert, aber auch gehemmt werden (George & Zhou, 2002). Amabile et al. (2005) leiten sich den Einfluss von Affekt auf Kreativität anhand Simontons (1999) evolutionärem Ansatz her. Kreatives Denken wird hier mittels kognitiver Variation und Selektion hergeleitet. Anknüpfend an der in Kapitel 2.1 formulierten Kreativitätsdefinition Amabiles bezieht sich in diesem evolutionären Ansatz Variation auf die Neuheit der kreativen Ideen, während sich Selektion auf die Nützlichkeit dieser bezieht. Werden nun durch Affekt mehr kognitive Kapazitäten verfügbar, steigt dadurch die Variation und somit auch die Produktion kreativer Gedanken (Amabile et al., 2005).

Ein weiterer Ansatz, den Einfluss von Affekt auf Kreativität zu erklären, ist Schwarz‘ (1990) „Feelings as Information“ Theorie. Es wird von einer informativen Funktion affektiver Zustände ausgegangen, die Auskunft über die wahrgenommene Umwelt geben. Der affektive Zustand eines Menschen hat nach Schwarz einen weitreichenden Einfluss auf das Urteils- und Erinnerungsvermögen. So werden durch das subjektive Erfahren einer Situation kognitive Signale abhängig von dem affektiven Zustand eines Individuums gesendet (Schwarz, 1990; Forgas, 1995). Positiver Affekt signalisiert also ein positives, sicheres Umfeld. Dies nimmt Einfluss auf kognitive Prozesse, wodurch Informationen unter weniger Anstrengung und Anspannung verarbeitet werden (Fiedler, 2000). Dadurch werden nach Kitamura (2005) außergewöhnliche Ideen und Strategien produziert. Negativer Affekt signalisiert wiederum eine unsichere Umgebung, wodurch kognitive Prozesse eher analytisch und systematisch ablaufen (Kitamura, 2005). Informationen werden so detaillierter und fokussierter verarbeitet (Forgas, 1995). Auch Friedman & Förster (2010) beschreiben die Veränderung kognitiver Prozesse durch signalisierten Affekt. Durch positiven Affekt wird demnach die kognitive Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsspanne erweitert, durch negativen Affekt verengt (Friedman & Förster, 2010). Isen (2002) beschreibt eine erhöhte Wachsamkeit durch Affekt, die in einer erweiterten Wahrnehmung bei positivem Affekt und einer gezielteren Wahrnehmung bei negativem Affekt resultiert. Es lässt sich also eine, je nach erlebtem Affekt, unterschiedliche Wirkung auf kognitive Prozesse festhalten.

Baas et al. (2008) und De Dreu, Baas & Nijstad (2008) erklären den Zusammenhang von Affekt und Kreativität anhand eines zweifaktoriellen Affekts. Je nach „hedonic tone“ (Baas et al., 2008), also ob der Affekt positiv oder negativ ist, und dem Grad der Aktivierung des Affekts stellen sich unterschiedliche Einflüsse auf kognitive Prozesse und somit auf Kreativität ein. Nach dem „dual pathway“ Modell von De Dreu et al. (2008) lässt sich Kreativität demnach entweder anhand der durch positiven Affekt erhöhten kognitive Flexibilität und Wahrnehmung erreichen, oder durch Berharrlichkeit und kognitive Effizienz, die durch negativen Affekt entsteht. Entscheidend im Zusammenhang mit Kreativität ist jedoch der Grad der Aktivierung des jeweiligen Affekts (De Dreu et al., 2008; Baas et al., 2008). Durch einen hohen Grad der Aktivierung werden größere Menge Dopamin und Noradrenalin ausgeschüttet, wodurch kognitive Flexibilität und Kapazität gesteigert werden (Baas et al., 2008). Dadurch ist bei aktivierendem Affekt generell ein kreativitätsfördernder Effekt zu erwarten, unabhängig von der positiven oder negativen Natur des Affekts.

2.3.2 Positiver Affekt und Kreativität

Nach Isen et al. (1987) werden durch erlebten positiven Affekt neue Eindrücke differenzierter verarbeitet und wahrscheinlicher miteinander verknüpft, wodurch kreatives Denken beeinflusst wird. Nach Ashby, Isen & Turkens (1999) dopaminergen Theorie wird durch positiven Affekt ein erhöhtes Level an Dopamin freigesetzt, wodurch sich kognitive Kapazitäten erhöhen, die kognitive Aufmerksamkeitsspanne vergrößert wird und die kognitive Flexibilität gesteigert wird. Durch die effektivere und flexiblere Verarbeitung kognitiver Prozesse wird die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten und Probleme zu lösen, gesteigert (Isen, 2001). Weiterhin werden durch den komplexeren kognitiven Kontext, ausgelöst durch positiven Affekt, neue Eindrücke vielfältiger interpretiert und kombiniert (Isen et al., 1987). Da Kreativität aus gewöhnlichen kognitiven Prozessen heraus entsteht (Simonton, 2000) und durch positiven Affekt nach Isen et al. (1987), Ashby et al. (1999) und Isen (2001) wesentliche kognitive Prozesse gesteigert werden, liegt eine positive Korrelation von positivem Affekt und Kreativität nahe.

Auch Fredrickson (1998, 2001, 2004) geht von einer erhöhten kognitiven Kapazität aus, die sich durch positive Emotionen bedingt. Nach der „broaden-and-build“ Theorie Fredricksons erweitert und verstärkt sich die kognitive Aufmerksamkeitsspanne und das kognitive Gedankenrepertoire nach dem Erleben positiver Emotionen (Fredrickson 1998, 2001). Amabile et al. (2005) interpretieren Fredricksons „broaden-and-build“ Theorie in Kombination mit Simontons (2000) evolutionären Ansatz: Durch positive Emotionen steigt die kognitive Variation, wodurch kreative Gedanken wahrscheinlicher entstehen (Amabile et al., 2005). Fredrickson (2004) differenziert weiterhin zwischen der Art des positiven Affekts und den daraus resultierenden Effekten auf die individuelle Verhaltenssteuerung. Durch Freude/Spaß („Joy“) wird der Trieb aktiviert, spielend Grenzen auszutesten; durch Interesse wird der Trieb aktiviert, Neues zu entdecken und neue Informationen und Einflüsse in sich aufzunehmen (Fredrickson, 2004). Durch das sich erweiternde kognitive Gedankenrepertoire, ausgelöst durch positive Emotionen, werden intellektuelle, psychologische, soziale und physische Ressourcen eines Individuums gestärkt und aufgebaut (Fredrickson, 2001). Aus diesem Aufbauen der persönlichen Ressourcen und der Erweiterung von Kognition und Wahrnehmung, resultieren flexible und kreative Gedanken (Fredrickson, 2004).

Eine Vielzahl von Studien bestätigen einen förderlichen Einfluss von positivem Affekt auf Kreativität (z.B Isen et al. 1987; Isen 1999; Fredrickson 1998, 2001; Fredrickson & Branigan, 2005; Amabile et al., 2005; Baron & Tang, 2009), trotzdem wurden in einer Handvoll Studien auch hemmende oder keine beobachtbaren Effekte von positivem Affekt auf Kreativität nachgewiesen (Kaufmann & Vosburg, 1997; Martin & Stoner, 1996). Kaufmann & Vosburg weisen auf den Kontrast der Ergebnisse zwischen ihrer Studie und der Studie von Isen et al (1987) hin, bei welcher signifikante positive Effekte von positivem Affekt auf Kreativität festgestellt werden konnten. Kaufmann & Vosburg (1997) erklären sich diesen Unterschied anhand der zugrunde liegenden empirischen Forschungsdesigns der Studien. Die Ergebnisse von Laborstudien sind nicht direkt ableitbar auf den Arbeitsplatz , da sich der äußere Kontext des Experiments und die inneren Motivationen der Studienteilnehmer voneinander unterscheiden. In einer Feldstudie wird in der Umgebung und mit den Bedingungen gemessen, über die eine Aussage getroffen werden soll, während eine Laborstudie eine unnatürliche Umgebung ist, in welcher künstlich Reaktionen hervorgerufen werden. Die vielseits zitiere Studie von Isen et al. aus dem Jahre 1987, welche in der Affekt-Kreativitätsforschung als die klassische Studie zu positivem Affekt und Kreativität gilt, ließ den positiven Affekt der Studienteilnehmer durch Zeigen eines Films bewusst und somit künstlich auslösen. Auch Fredrickson & Branigan messen die Auswirkungen des positiven Affekts auf die Aufmerksamkeitsspanne und das verfügbare kognitive Repertoire in ihrer Studie von 2005, nachdem sie den Studienteilnehmern einen Affekt auslösenden Film zeigten. Der Film sollte entweder Vergnügen, Zufriedenheit, Neutralität, Wut oder Angst hervorrufen. Anschließend wurden Aufmerksamkeit und kognitive Kapazität gemessen (Fredrickson & Branigan, 2005). Durch Laborstudien werden zweifelsohne wichtige Erkenntnisse gewonnen. In dieser Arbeit wurden Laborstudien jedoch bewusst in der systematischen Literaturrecherche und Analyse exkludiert, da sich die Ergebnisse dieser Studien nur bedingt auf den Arbeitsplatz beziehen lassen. Künstlich induzierte Affekte und der daraus resultierende Effekt auf Kreativität spiegelt keine Arbeitsumgebung wider, und über diese sollen in dieser Arbeit Aussagen getroffen werden. Amabile et al. (2005) beschreiben Studien über Affekt und Kreativität außerhalb des Labors als rar. Besonders im Zusammenhang mit Studien über den Arbeitsplatz heben Amabile et al. (2005) die Relevanz hervor, Affekt im natürlichen Verlauf des Arbeitstages der Studienteilnehmer zu beobachten. Amabile et al. (2005) analysierten den Einfluss von positivem Affekt auf Kreativität anhand einer Feldstudie, bei welcher 222 Arbeitnehmer von sieben unterschiedlichen Unternehmen täglich über mehrere Monate einen Fragebogen bezüglich ihrer kreativen Leistungen und ihres erlebten Affekts ausgefüllt haben. Nach Auswertung der Fragebögen beschreiben Amabile et al. eine eindeutige positive Beziehung zwischen positivem Affekt und Kreativität. Auch umgekehrt konnte ein Einfluss von Kreativität auf die Emotionen der Studienteilnehmer festgestellt werden, wobei positive Emotionen hervorgerufen wurden, wenn ein Problem gelöst wurde oder eine kreative Idee entstand. Das Forschungsdesign dieser Studie gilt als Vorlage der Studien, welche in dieser Arbeit recherchiert wurden und in Kapitel 4 präsentiert werden. Eine Studie dieses Ausmaßes, besonders der Zeitraum über mehrere Monate, war jedoch nicht auffindbar.

2.3.3 Negativer Affekt und Kreativität

Negativer Affekt signalisiert eine unsichere und problematische Umgebung, wodurch sich die kognitive Wahrnehmung und Aufmerksamkeitsspanne verengt und kognitive Prozesse dadurch systematisch und analytisch ablaufen (George & Zhou, 2007; Kitamura, 2005). Situationen werden dadurch detaillierter und fokussierter angegangen, es wird sich primär darauf fixiert, das Problem ausfindig zu machen und/oder zu lösen (George & Zhou, 2002). Dies kann sowohl förderlich als auch hemmend auf Kreativität wirken und ist zudem abhängig von der Intensität des negativen Affekts. Nach Baas et al. (2008) ist der Einfluss auf Kreativität hauptsächlich vom Grad der Aktivierung des Affekts abhängig.

Die Studienergebnisse vergangener Forschungen lassen auf keinen eindeutigen Effekt von negativem Affekt auf Kreativität schließen. Sowohl ein förderlicher als auch ein hemmender oder neutraler Effekt konnte in verschiedenen Studien festgestellt werden (Baas et al., 2008; Kaufmann & Vosburg, 1997; George & Zhou, 2002). Diese Ergebnisse resultieren jedoch aus Studien, welche sich auf eine linearen Betrachtung von negativem Affekt und Kreativität beschränken. Es lässt sich also festhalten, dass keine Eindeutige Aussage über den direkten Einfluss von negativem Affekt auf Kreativität formuliert werden kann. So soll im nächsten Kapitel von einer linearen Betrachtung negativen (und positiven) Affekts abgesehen werden und sich mit der Theorie des Zusammenhangs von miteinander interagierendem Affekt und Kreativität beschäftigt werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die Förderung von Kreativität durch Spaß am Arbeitsplatz
Untertitel
Eine Literaturanalyse
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
39
Katalognummer
V540582
ISBN (eBook)
9783346148384
ISBN (Buch)
9783346148391
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kreativität, Affekt, Spaß, positiver Affekt, negativer Affekt, Literaturanalyse, Förderung, Emotionen, Affekt und Kreativität, systematische Literaturanalyse, Analyse, Literaturarbeit, Literature-Review, Diskussion, Fazit, Einleitung, Grundlagen, amabile, bledow, bachelorarbeit, gliederung, state-of-the-art, state of the science
Arbeit zitieren
Simon Schmidt (Autor), 2019, Die Förderung von Kreativität durch Spaß am Arbeitsplatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540582

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