Das philosophische Potential des Films "Terror-Ihr Urteil" für den Ethikunterricht


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2. Filmanalyse
2.1 Handlung
2.2 Figuren
2.3 Bauformen
2.4 Werte und Normen

3. Philosophisches Potential des Films für den Unterricht

4. Verzeichnisse
4.1 Fachliteratur
4.2 Internetquellen

1. Einleitung

Ein Blick in den heutigen Schulalltag zeigt, dass audiovisuelle Medien zunehmend im Unterricht an Einfluss gewinnen, jedoch die adäquate Beschäftigung damit im schulischen Kontext meist nicht ausreichend ist.1 Während zum Beispiel bei Printmedien wie einem literarischen Buch neben dem Inhalt auch andere textrelevante Aspekte thematisiert werden, treten diese beim Film in der Analyse kaum in Erscheinung. Diese Reduzierung allein auf das Thema des Films ist jedoch zu kurz gefasst und wird dem Medium in seinem didaktischen Potential für den Bildungsprozess nicht gerecht.

Dabei unterscheidet sich der Film von anderen Medien durch die Möglichkeit, Bewegungen durch verschiedene Bildelemente aufzuzeichnen und wiederzugeben. Zu diesem Zweck arbeitet dieses Medium mit spezifischen Stilmitteln wie zum Beispiel die Einstellung und die Perspektive der Kamera sowie dem Schnitt, um die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf bestimmte Dinge zu lenken oder um eine gewisse somatische Erfahrung zu vermitteln. Da die alltägliche Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen gleichzeitig von bewegten Bildern beeinflusst wird, fungiert der Film als ein weiteres Weltzugangsangebot, das im Unterricht an die Erfahrungswelt der Lernenden anknüpft und zu dem es sich in einer analytisch­reflexiven Form zu verhalten gilt.2

Um jedoch anhand eines Films mediendidaktische sowie filmanalytische Basiskompetenzen zu erlernen, müssen neben der Vermittlung von geeigneten Analysekategorien noch weitere Aspekte wie der Filmeinsatz oder die philosophische Reflexion des Mediums an sich mit einbezogen werden. So darf zum Beispiel der Einsatz eines Films im Unterricht nicht als ästhetischer Köder für schwierige Sachverhalte oder als eine Art Beschäftigungstherapie legitimiert werden, da dieser Zugriff das Medium in seiner Komplexität nicht bergreift und für andere Zwecke instrumentalisiert.3

Im weiteren Verlauf soll jetzt in einem ersten Schritt aufgezeigt werden, welche Kategorien für die Analyse sich über die Jahre als besonders ergiebig für die Annäherung an einen Film herauskristallisiert haben und wie sich die Bedeutung des Films unter der Nutzung der verschiedenen Zugangsweisen ermitteln lässt. Neben der inhaltsbezogenen Dimension stehen dabei insbesondere die Fragen nach den Figuren, den spezifischen Bauformen des Erzählens sowie den Normen und Werten im Fokus, die lernpsychologisch einer Abfolge vom Einfachen zum Komplexen entsprechen.4 Als Beispiel dient hierbei der Film „Terror - Ihr Urteil“ von Lars Kraume, der basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Ferdinand von Schirach im Oktober 2016 als Teil eines medialen Fernsehereignisses mit einer Onlinebefragung der Zuschauer gleichzeitig in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgestrahlt wurde. Ergänzend zu den filmanalytischen Aspekten erfolgt dann in einem abschließenden Kapitel die Reflexion, welches Potential der Film im Philosophie- und Ethikunterricht entfalten kann und wie sich ein möglicher Einsatz im Hinblick auf den Bildungsprozess rechtfertigen lässt.

2. Filmanalyse

2.1 Handlung

Der Film handelt von einer fiktiven Strafverhandlung, in der vor einem Berliner Schwurgericht darüber entschieden wird, ob der Luftwaffenmajor Lars Koch für den befehlswidrigen Abschuss eines entführten Passagierflugzeuges mit 164 Fluggästen zur Rettung von 70.000 Menschenleben in einem Fußballstadion des Mordes für schuldig oder unschuldig gesprochen werden kann. Während die Verteidigung sowie der Angeklagte die Auffassung vertreten, dass der Abschuss der Maschine und somit der Tod von 164 Menschen aufgrund der Güterabwägung des kleineren Übels gerechtfertigt war, wirft die Anklage dem Piloten vor, dass dieser mit seiner Abwägungsentscheidung gegen das höchste Prinzip der Menschenwürde verstoßen hat und Menschenleben weder qualitativ noch quantitativ gegeneinander aufgewogen werden darf. Am Ende des Strafprozesses wird das Urteil im Kontrast zu anderen Gerichtsdramen dann nicht durch den Richter, sondern durch die Zuschauer am Bildschirm gefällt, die sowohl am Anfang als auch am Ende des Films in der Rolle von Schöffen aufgefordert werden, über einen Freispruch oder eine Verurteilung zu entscheiden.

Darüber hinaus spielt die komplette Handlung des Films in der Gegenwart und gliedert sich formal in acht Sequenzen, die dramaturgisch den vorgeschriebenen Phasen einer Gerichtsverhandlung mit der Eröffnung des Prozesses durch das Verlesen der Anklageschrift und der Erklärung des Angeklagten, der Beweisaufnahme mittels der Zeugenvernehmung, den entsprechenden Plädoyers sowie der abschließenden Findung und Verkündung des Urteils folgt.5

In der ersten Sequenz des Films wird nach dem Vorspann die Tür des Gerichtssaals durch einen Justizbeamten geöffnet und drei Richter sowie zwei Schöffen betreten den mit Menschen gefüllten Raum. Bevor der Vorsitzende Richter den Strafprozess dann offiziell mit der Überprüfung der Personalien des Angeklagten Lars Koch eröffnet, begrüßt dieser durch eine persönliche Ansprache die Zuschauer des Films und fordert diese auf, die bevorstehende Verhandlung in der Rolle als Schöffen zu beurteilen. Nach der Eröffnung des Prozesses verliest die Staatsanwältin Nelson die Anklageschrift, in der sie dem Angeklagten zu Lasten legt, 164 Menschen mit gemeingefährlichen Mitteln getötet zu haben. Als Erwiderung auf den Vorwurf des mehrfachen Mordes gibt der Verteidiger Biegler eine Erklärung seines Mandanten ab und verweist in dieser auf die aktuelle Rechtslage, die seinen Mandanten in eine unlösbare Konfliktsituation gebracht hat. Letztendlich wird jedoch der Tatbestand der Tötung weder von dem Angeklagten Koch noch von seinem Rechtsanwalt bestritten, die Tat darf aber im Endeffekt aufgrund des vorliegenden Konfliktpotentials nicht als Mord bewertet werden.6

Mit der Vernehmung des Zeugen Oberstleutnant Lauterbach kommt es dann im Anschluss zu der nächsten Sequenz innerhalb des Films, die den Beginn der Beweisaufnahme in dem Gerichtsprozess einläutet. Der Zeuge wird vom Vorsitzenden Richter dazu aufgefordert, sowohl seine Rolle und Funktion als Duty Controller im nationalem Lage- und Führungszentrum für Sicherheit im Luftraum näher zu erläutern als auch die Geschehnisse sowie die verschiedenen Phasen der Entführung an diesem Tag genauer zu beschreiben. So wird im weiteren Verlauf seiner Aussage deutlich, dass er nach Eingang des Funkspruches den Befehl erteilt hat, mittels einer Alarmrotte die entführte Passagiermaschine abzudrängen und zur Landung zu zwingen. Als der Versuch der Abdrängung durch die Alarmrotte sowie das zusätzliche Abfeuern von Warnschüssen keine Reaktion hervorrief, blieb als letzte Möglichkeit der Abschuss des Flugzeuges bestehen. Da der Abschuss jedoch auf der Grundlage der gesetzgeberischen Regelung von der Bundesverteidigungsministerin nicht freigegeben wurde, kam es für eine halbe Stunde sowohl in der Luft als auch auf dem Boden zu einem Stillstand der Maßnahmen. Während dieser Zeit wurde dem Rottenführer Lars Koch auf das wiederholte Nachfragen seinerseits zweimal mitgeteilt, dass ein Abschussbefehl weder freigegeben noch erteilt wurde. Als die Maschine dann schließlich in den Sinkflug ging und das Ziel des Anschlages klar wurde, entschied Major Koch, das gekaperte Flugzeug entgegen dem Nicht-Abschussbefehl mittels einer Rakete abzuschießen. Auf die anschließende Frage der Staatsanwältin, warum das Stadion nicht evakuiert wurde, obwohl mit über einer Stunde noch ausreichend Zeit für eine Räumung zu Verfügung stand, gibt der Zeuge zu, dass niemand diese Möglichkeit in Erwägung gezogen hat und er damit gerechnet hat, dass Koch im Ernstfall schießen würde.

Nach der Zeugenaussage von Oberstleutnant Lauterbach wird die Strafverhandlung dann in der dritten Sequenz mit der Vernehmung des Angeklagten Lars Koch fortgesetzt und der Vorsitzende Richter befragt den Beschuldigten zunächst nach seinem Lebensweg sowie seinem beruflichen Werdegang. Im Anschluss an diese Befragung beschreibt Major Koch aus seiner Sicht detailliert die letzten Minuten vor dem Abschuss der Passagiermaschine, wobei deutlich wird, wie schwer ihm die Entscheidung gefallen ist und dass er ausdrücklich gegen den Befehl seines Vorgesetzten sowie im Wissen um die Rechtslage gehandelt hat.7 Die Staatsanwältin fordert den Angeklagten dann auf, seine eigene Rechtsvorstellung zur Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über das Luftsicherheitsgesetz näher zu erläutern. Für Lars Koch ist die Revision durch das Verfassungsgericht nicht verständlich, da diese Entscheidung verhindert, dass in einem Extremfall das Leben weniger gegen das Leben vieler abgewogen werden darf. Ferner gibt Koch zu bedenken, dass dieser Beschluss den Staat handlungsunfähig gegenüber terroristischen Akten macht und den Terroristen zu Gunsten kommt. Auch tragen die Passagiere durch das freiwillige Besteigen der Maschine eine Mitschuld an der Tat. Ob er jedoch auch geschossen hätte, wenn seine Familie in der Passagiermaschine gewesen wäre, kann der Angeklagte trotzt seiner Überzeugung, in diesem Fall die richtige Entscheidung getroffen zu haben, nicht beantworten.

Während die Vernehmung des Angeklagten Koch durch die Staatsanwältin innerhalb des Handlungsverlaufs dem Zweck diente, die persönlichen Motive für den Abschuss des Passagierflugzeugs herauszufinden, erfüllt die vierte Sequenz durch das Auftreten der Nebenklägerin Franziska Meiser die Funktion, das Recht der Opfer und deren Angehörigen einzublenden.8 Frau Meisers Ehemann saß in der abgeschossenen Maschine und für die Frau steht fest, dass ihr Mann durch den Angeklagten ermordet wurde. Nach der Überprüfung ihrer Personalien durch den Vorsitzenden Richter schildert die Zeugin die Geschehnisse an diesem Tag dann aus ihrer Perspektive. Neben den Informationen, dass der Ehemann ihr aus der entführten Maschine eine Textnachricht geschrieben hat und die Passagiere versucht haben, in das Cockpit zu gelangen, berichtet sie im weiteren Verlauf der Vernehmung von den Vorgängen nach dem Flugzeugabsturz und ihrem emotionalen Umgang damit.

Mit der Aussage von Frau Meiser endet dann auch die Beweisaufnahme und in den nächsten beiden Sequenzen folgen jetzt gemäß dem Verlauf einer Gerichtsverhandlung die Plädoyers der Staatsanwaltschaft sowie der Verteidigung. Für die Staatsanwältin Nelson ist der Angeklagte Lars Koch ganz im Sinne der Anklage für schuldig zu sprechen, da unter keinen Umständen ein Leben gegen ein anderes Leben aufgewogen werden darf. Das handelnde Subjekt hat sich in seinen Entscheidungen immer an der Verfassung zu orientieren, die als prinzipiengebende Richtschnur den Einzelnen in moralischen Fragen berät.9 Demnach kann zur Legitimation zwischen einer richtigen und falschen Entscheidung nur das bestehende Gesetz und nicht über diesen stehenden Vorstellungen wie das Gewissen, die Moral oder das Naturrecht herangezogen werden. Jede Verfassung besitzt Prinzipien, an die das Gewissen des Einzelnen gebunden ist, und das höchste handlungsleitende Prinzip ist die Würde des Menschen. Das bedeutet, dass ein Mensch niemals zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht werden darf. Indem der Angeklagte die Leben gegeneinander aufgerechnet hat, hat er mit seiner Entscheidung den Menschen in dem Passagierflugzeug ihre Würde genommen und sie zu bloßen Objekten degradiert.

Entgegen des Plädoyers der Staatsanwältin setzt sich der Verteidiger Biegler dann im Anschluss in seiner abschließenden Rede für einen Freispruch seines Mandanten ein, da ein Prinzip unabhängig von seiner Nennung nicht über den Einzelfall oder das Leben gestellt werden darf. Das Urteil des Bundeverfassungsgericht setzt zwar das Prinzip der Würde an die oberste Stelle, aber diese Entscheidung kollidiert nach seiner Meinung mit dem gesunden Menschenverstand, wie in solchen Fällen zu handeln ist. Demnach sei es unter den gegebenen Umständen völlig legitim gewesen, dass kleinere Übel dem größeren Übel vorzuziehen bzw. wenige Menschen zu töten, um dadurch viele zu retten. Des Weiteren vertritt er die Ansicht, dass das Verfassungsgericht mit seiner Revision kapituliert hat und nicht das Menschenleben der Unschuldigen, sondern das der Terroristen schützt. Die zivilisierte Welt muss einsehen, dass sie sich durch die zunehmende Gefahr vor Anschlägen in einem Krieg gegen den Terror befindet, in dem es nun einmal auch Opfer geben kann. Am Ende der Sequenz fordert der Vorsitzende Richter die Zuschauer auf, über einen Freispruch oder eine Verurteilung des Angeklagten abzustimmen.

[...]


1 vgl. Bienk, A. (2006): Filmsprache - Einführung in die interaktive Filmanalyse. Schüren Verlag: Marburg. S.23.

2 vgl. Baum, P. (2009): Filmdidaktische Perspektiven für den Unterricht. Ein Schreibgespräch. In: Ethik und Unterricht - Zeitschrift für die Fächergruppe Ethik/Werte und Normen/LER/Praktische Philosophie, 3/2009. S.1.

3 vgl. Jost, L.M. (2016): Methodik des Philosophierens mit Filmen. Mediumadäquate, fachspezifische und situative Filmarbeit im Philosophieunterricht. In: Martens, E. und V. Steenblock (Hrsg.) (2017): Philosophie und Bildung. Bd.19. Hopf Verlag: Berlin, Münster. S. 16f.

4 vgl. Faulstich, W. (2008): Grundkurs Filmanalyse. 2. Aufl.. Fink Verlag: Paderborn. S. 26f.

5 vgl. Möbius, T. (2018): Textanalyse und Interpretation zu Ferdinand von Schirach Terror. 2. Auflage. Königserläuterungen 331. Bange Verlag: Hollfeld. S. 54.

6 vgl. ebd. S. 45.

7 vgl. Möbius, T. (2018): Textanalyse und Interpretation zu Ferdinand von Schirach Terror. S. 47.

8 vgl. Karsch, M. (2016): Terror. Ihr Urteil. Arbeitshilfe. Katholisches Filmwerk: Frankfurt a. Main. S. 4f.

9 vgl. Karsch, M. (2016): Terror. Ihr Urteil. Arbeitshilfe. S. 6.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das philosophische Potential des Films "Terror-Ihr Urteil" für den Ethikunterricht
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Filme im philosophischen Unterricht
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V540628
ISBN (eBook)
9783346150868
ISBN (Buch)
9783346150875
Sprache
Deutsch
Schlagworte
potential, films, terror-ihr, urteil, ethikunterricht
Arbeit zitieren
Maria Skalda (Autor), 2019, Das philosophische Potential des Films "Terror-Ihr Urteil" für den Ethikunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540628

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