Fantasiereise als Integrationshilfe für verhaltensgestörte Kinder


Hausarbeit, 2006

58 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Verhaltensstörungen bei Kindern.
1.1 Begriffsklärung
1.2 Klassifikation von Kindern mit Verhaltensstörungen
1.3 Ursachen
1.3.1 Soziologischer Aspekt .
1.3.2 Pädagogische Sicht
1.4 Sozialpädagogischer Umgang mit Verhaltensstörungen

2. Fantasie als wichtige Ressource verhaltensgestörter Kinder
2.1 Auch verhaltensgestörte Kinder haben Fantasie.
2.2 Möglichkeiten zur Nutzung der Ressource Fantasie

3. Fantasiereise mit verhaltensgestörten Kindern?
3.1 Definition Fantasiereise..
3.2 Ziele und Wirkungsebenen
3.3 Entwicklung des Menschen
3.4 Anforderungen an den/die AnleiterIn
3.5 Ablauf
3.6 Mögliche Probleme

4. Gezielte Förderung verhaltensgestörter Kinder durch Fantasiereise
4.1 Integration verhaltensgestörter Kinder durch Fantasiereise
4.2 Ein Praxisbeispiel

Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Erklärung.

Einleitung

Im Verlauf meiner Hausarbeit zum Thema „Fantasiereise als Integrationshilfe für verhaltensgestörte Kinder“ möchte ich herausarbeiten, ob verhaltensgestörte Kinder im Alter von ca. sechs bis dreizehn Jahren in der Lage sind, sich selbst mithilfe ihrer Fantasie besser kennen und ihr Verhalten verstehen zu lernen und so positive Verhaltensänderungen erreichen können.

Besonders reizvoll ist dieses Thema für mich, weil ich den Standpunkt vertrete, dass Verhaltenstörungen bei Kindern nicht grundlos entstehen und ich an einer ressourcenorientierten Lösung interessiert bin, die möglichst die natürlichen Ressourcen einbindet und dem Kind so die Möglichkeit gibt, sich selbst zu helfen, was gleichzeitig eine enorme Stärkung des Selbstwertes beinhaltet. Da Fantasiereise auch immer eine gewisse Entspannung bewirkt, vermute ich, dass dies ein möglicher Ansatz sein kann, um z. B. hyperaktive Kinder zu etwas mehr Ruhe zu bewegen, aber auch z. B. stark introvertierte Kinder zu ermuntern, aus sich herauszukommen.

Mein Leitgedanke ist, dass auch Kinder mit herausforderndem Verhalten ein Potenzial an Fantasie haben. Problematisch ist, dass die eigene Fantasie der Kinder in unserer heutigen schnelllebigen und stressbehafteten Gesellschaft kaum noch gefordert und deshalb auch wenig gefördert wird, sodass sie nur noch eine Außenseiterposition einnimmt und kaum mehr eine Rolle in der Erziehung spielt. Die heutigen Kinder brauchen sich keine Spielzeuge mehr auszudenken, da es eine Fülle davon zu kaufen gibt. Rollenspiele sind zugunsten des Computers oder der Play Station in den Hintergrund gerückt. Dabei ist es doch gerade die eigene Fantasie, in und mit der Kinder die Welt entdecken!

Mein Ziel ist, herauszustellen, dass die schwierigen Kinder der heutigen Zeit Gründe für ihr abweichendes Verhalten haben und dass sie in der Lage sind, die teilweise erheblichen Defizite bezüglich der Anpassungsfähigkeit, Entspannung, Selbstregulierung usw., die sie aufweisen, durch die Arbeit mit ihrer eigenen Fantasie in Fantasiereisen eventuell auszugleichen.

Ich beginne im ersten Kapitel, indem ich mich mit Verhaltensstörungen im Allgemeinen auseinandersetze. Zunächst kläre ich, was Verhaltensstörung eigentlich bedeutet, im nächsten Schritt gehe ich darauf ein, wie sich das herausfordernde Verhalten äußert, ob es Ähnlichkeiten gibt und ob und wie diese in Gruppen zusammengefasst werden können. Danach lege ich mögliche Ursachen aus soziologischer und pädagogischer Sicht dar, was mir wichtig erscheint, da Sozialpädagogik sowohl den soziologischen als auch den pädagogischen Aspekt beinhaltet. In diesem Zusammenhang gehe ich auch auf die Frage ein, in wie fern Verhaltensstörungen bei Kindern mit ihrer Herkunft zusammenhängt, also ob es von Bedeutung ist, ob ein Kind im Dorf oder in einer Stadt aufwächst, ob es aus stabilen sozialen Verhältnissen stammt und dass die Erziehung der Bezugspersonen unterschiedlich ist.

Am Ende des ersten Kapitels stelle ich den sozialpädagogischen Umgang mit Verhaltensstörungen bei Kindern dar und leite dann über zum Aspekt Fantasie, der bislang in Bezug auf Verhaltensstörungen nicht so große Aufmerksamkeit erlangte, aus meiner Sicht aber eine wichtige Ressource verhaltensgestörter Kinder darstellt, die unbedingt genutzt werden sollte, wenn dies möglich ist.

Deshalb untersuche ich im zweiten Kapitel, in wie fern Fantasie bei verhaltensgestörten Kindern präsent und nutzbar ist, also ob verhaltensgestörte Kinder fähig sind, ihre Fantasie einzusetzen. Dies beziehe ich im dritten Kapitel speziell auf die Methode Fantasiereise aus sozialpädagogischer Sicht, wobei ich erst einmal Hintergrundinformationen zu Grunde lege, um darauf aufbauend im vierten Kapitel zu analysieren, ob und in wie weit eine Integration verhaltensgestörter Kinder durch Fantasiereise erreicht werden kann, aber auch, wo Fantasiereise an ihre Grenzen stößt. Dies zeige ich im Anschluss an einem Praxisbeispiel genauer.

Abschließend resümiere ich meine Erkenntnisse noch einmal und formuliere ein Gesamtergebnis.

1. Verhaltensstörungen bei Kindern

1.1 Begriffsklärung

Der Begriff Verhaltensstörung wurde 1950 auf dem ersten Weltkongress für Psychiatrie in Paris als Sammelbegriff für alle „Abwegigkeiten und Handlungen und Haltungen von den einfachsten `Ungezogenheiten´, dem Ungehorsam, Jähzorn, den Tics, Eß- und Schlafstörungen bis zu den schwersten Formen der Verwahrlosung und Kriminalität“ geprägt[1].

Heute ist der Begriff enger gefasst und findet nur noch Anwendung, wenn Verhaltensschwierigkeiten nicht kurzfristig oder sporadisch auftreten sondern länger andauern, wenn sie nicht in bestimmten Situationen durch bestimmte Reize ausgelöst werden sondern „unter unterschiedlichen Bedingungen in verschiedenen Situationen auftreten und nicht vom Betroffenen bewusst und kontrolliert zum Erreichen bestimmter Ziele eingesetzt werden sondern den Betroffenen vehement und vielgestaltig unsteuerbar überfluten“[2].

Störung meint also eine längerfristige Beeinträchtigung des individuellen sozialen Lebens, die dazu führen kann, dass das Kind nicht fähig ist, sich soziokulturelle Werte anzueignen und zunehmend selbstständig zu werden und sich selbst zu verwirklichen.

Eine Störung basiert auf mehreren Störfaktoren, die grundsätzlich beseitigt werden können, sodass die Beeinträchtigung aufgehoben und durch Hilfeleistung der Weg zur weiteren adäquaten Sozialisation wieder frei gemacht werden kann. Störfaktoren werden beim verhaltensgestörten Kind selbst oder in dessen sozialem Umfeld gesucht.

Myschker stellte heraus, dass Verhaltensstörung durch ein von den zeitlichen und kulturellen Erwartungsnormen abweichendes Verhalten, nämlich unangemessene und sozial unverträgliche Situations- und Lebensbewältigung, gekennzeichnet ist, was einerseits auf die organische Entwicklung des betreffenden Kindes, andererseits aber auch auf den Einfluss des sozialen Umfelds zurückzuführen ist.

Verhaltensstörung hat unterschiedliche Ursachen, die oft kombiniert werden, sie beruht also selten auf nur einer Ursache, verhaltensgestörte Kinder zeigen selten nur eine bestimmte Symptomatik.

Herausforderndes Verhalten beeinträchtigt je nach Häufigkeit, Schweregrad und Mehrdimensionalität die Entwicklungs-, Lern- und Arbeitsfähigkeit und die Interaktion in der Umwelt, sodass pädagogisch-therapeutische Hilfe notwendig wird[3], wobei ich besonders den (sozial-)pädagogischen Aspekt beleuchten möchte.

Festzuhalten ist:

Verhaltensgestörte Kinder sind nicht in der Lage, ihr Verhalten den Erwartungsnormen der Gesellschaft anzupassen, was dazu führen kann, dass diese Kinder sich nicht vollständig in ihrer Umgebung sozialisieren und somit eine Außenseiterposition einnehmen. Diese Kinder gilt es in sozialpädagogischen Institutionen zu integrieren.

Nun stellt sich zunächst die Frage, wie das herausfordernde Verhalten der Kinder sich äußert und ob es Gemeinsamkeiten gibt, also welche bestimmten auffälligen Verhaltensweisen viele Kinder zeigen und ob diese eventuell in Gruppen zusammengefasst werden können.

1.2 Klassifikation von Kindern mit Verhaltensstörungen

Die Frage, ob Verhaltensstörungen klassifiziert werden können, ist auch heute noch umstritten[4] ; ein allgemein akzeptiertes Klassifikationssystem kindlicher Verhaltensstörungen existiert nicht sondern lediglich viele verschiedene, teilweise gegensätzliche Ansätze.

Die Zuordnung auffälliger Verhaltensweisen zu einer Kategorie reicht nicht aus, um die Ursachen zu ermitteln, Vorhersagen zu machen und Veränderungsmöglichkeiten zu entwickeln sondern kann lediglich helfen, die Verhaltensprobleme zu verstehen. Hierfür muss man sich an den Bedürfnissen des Kindes, an den Bezugspersonen und der weiteren sozialen und materiellen Umwelt orientieren, sodass das verhaltensgestörte Kind im Kontext seiner Familie, Schule/seines Kindergartens und seines Stadtteils/seiner Gemeinde betrachtet wird – mit dem Ziel, die besonderen Bedürfnisse des Kindes herauszufinden.[5]

Verhaltensstörungen basieren also auf unterschiedlichen Ursachen, äußern sich aber in ähnlichen Symptomen/Symptomkombinationen, die in Gruppen zusammengefasst werden können. Deshalb stelle ich hier die Klassifikation nach Myschker vor, was nicht als Festlegung auf bestimmte Zugehörigkeiten gemeint sein soll sondern dem besseren Verständnis der individuellen Lage des einzelnen verhaltensgestörten Kindes dient.

Insgesamt unterscheidet Myschker vier Gruppierungen von Kindern mit Verhaltensstörungen, wobei es zwei große gegensätzliche Gruppen gibt, die den Großteil der verhaltensgestörten Kinder umfassen und zwei kleinere Gruppen, denen weniger Kinder angehören.

Zum Einen gibt es Kinder, die externalisierendes, aggressiv-ausagierendes Verhalten zeigen, das sich durch nach außen, gegen die Umwelt gerichtete Symptome wie z. B. Aggressivität, Hyperaktivität, Impulsivität, exzessive Streitsucht, Aufsässigkeit, Tyrannisierung, Wutanfälle, Regelverletzungen und Konzentrationsmangel auszeichnet. Solche Kinder fallen in begrenzenden Bedingungen besonders schnell und heftig auf, z. B. indem sie in der Schule die Lehrer und Mitschüler stören.

Kinder der zweiten Gruppe mit internalisierendem, ängstlich-gehemmtem Verhalten zeigen Symptome wie z. B. Ängstlichkeit, Empfindlichkeit, Traurigkeit, Desinteresse, Zurückgezogenheit, Freudlosigkeit, psychosomatische Störungen, Schlafstörungen, Minderwertigkeitsgefühle und Gehemmtheit. Solche Kinder sind zwar nach außen hin weniger auffällig, aber durch die selbstbeeinträchtigende Wirkung der internalisierenden Symptome genauso in ihrer Entwicklung gefährdet wie Kinder der ersten Gruppe. Beispielsweise ist die Suizidgefährdung bei diesen Kindern besonders hoch.

Die dritte Gruppe umfasst Kinder mit sozial-unreifem Verhalten, das z. B. durch nicht altersentsprechendes Verhalten, leichte Ermüdbarkeit, Leistungsschwäche, Konzentrationsschwäche sowie Sprach- und Sprechstörungen gekennzeichnet ist.

Kinder mit sozialisiert-delinquentem[6] Verhalten werden in der vierten Gruppe zusammengefasst. Sie sind z. B. verantwortungslos, reizbar, leicht erregbar, reuelos und risikobereit, missachten Normen, haben ein aggressiv-gewalttätiges Potenzial, eine geringe Frustrationsgrenze, niedrige Hemmschwellen und Beziehungsstörungen.

Der Schwerpunkt liegt auf den ersten beiden Gruppen von Kindern mit Verhaltensstörungen, also den Kindern mit externalisierendem, aggressiv-ausagierendem Verhalten und Kindern, die internalisierendes, ängstlich-gehemmtes Verhalten zeigen.

Kinder mit aggressiv-ausagierendem Verhalten stellen für Schule, Eltern und die weitere Umwelt ein besonders großes Problem dar, weshalb diese Thematik in Literatur und Praxis besondere Aufmerksamkeit findet.

Die ängstlich-gehemmten Kinder sind benachteiligt, was nicht gerechtfertigt erscheint, wenn die Schwere der Störung und die Anzahl der Fälle betrachtet wird, denn die internalisierende Verhaltensstörung ist für den aktuellen Prozess der Persönlichkeitsentwicklung nicht weniger bedrohlich als die externalisierende, da sie das betroffene Kind in seiner Psyche beeinträchtigt und nicht wie die externalisierende Verhaltensstörung nach außen gerichtet ist[7].

Des Weiteren werden internalisierende Kinder eher übersehen als externalisierende[8], was darauf zurückzuführen sein könnte, dass emotionale Probleme von Kindern anders und stärker wahrgenommen werden als z. B. von ihren Klassenlehrern[9].

Quantitativ ist festzustellen, dass bei Jungen der ausagierende bzw. bei Mädchen der ängstlich-gehemmte Anteil deutlich größer ist[10].

Weiterhin ist zu beobachten, dass verhaltensgestörte Kinder oft von anderen Kindern aufgrund ihres störenden, auffälligen Verhaltens abgelehnt werden[11]. Auch wenn sich diese Kinder überheblich, uneinsichtig und Hilfe ablehnend zeigen, beeinträchtigt die Verhaltensstörung ihr Leben, was zu großer Unzufriedenheit führt und wo Hilfe notwendig wird. Die Beeinträchtigungen und Unfähigkeiten sind komplex und betreffen meist alle Lebensbereiche, d. h. nicht nur den Lern- und Leistungsbereich sondern auch den sozialen, emotionalen und psychomotorischen Bereich und belasten sowohl das gegenwärtige Sein als auch die künftige Entwicklung. Die adäquate Persönlichkeitsentwicklung ist gefährdet durch mehrere Faktoren wie beeinträchtigtes Lern-, Arbeits- und Spielvermögen und/oder die mangelnde Fähigkeit, zufriedenstellende menschliche Beziehungen aufzubauen und/oder altersgemäß zu handeln. Auch mangelndes Selbstwertgefühl und Krankheitssymptome als Reaktion auf Stresssituationen beeinträchtigen die Persönlichkeitsentwicklung[12].

In diesem Kapitel habe ich dargelegt, durch welche Symptome herausforderndes Verhalten sichtbar wird, welche Gemeinsamkeiten erkennbar und zum besseren Verständnis der Situation des einzelnen Kindes in Gruppen klassifizierbar sind und wie Verhaltensstörungen die Persönlichkeitsentwicklung beeinträchtigen können. Ich möchte aber noch einmal daran erinnern, dass ich die Klassifizierung verhaltensgestörter Kinder als solche nicht unterstütze sondern nur unter dem Aspekt, dass es dadurch ein grobes Raster gibt, an dem sich Sozialpädagogen orientieren können, um Verhaltensstörungen bei Kindern besser nachzuvollziehen. Daraus sollte sich nicht entwickeln, dass ein Sozialpädagoge, wenn er ein z. B. aggressiv-ausagierendes Kind vor sich hat, in seinem Katalog nachschlägt und dort ein Patentrezept vorfindet, das bei Aggressionen angewandt wird sondern dass er dieses Raster nur zur groben Einordnung nutzt und dann im weiteren Vorgehen die individuelle Lage des jeweiligen Kindes sieht.

Im Folgenden möchte ich darauf eingehen, wie und warum diese Verhaltensweisen zustande kommen; ob die Herkunft der Kinder eine Rolle spielt und in wie weit die Erziehungspersonen die Entwicklung des Verhaltens des Kindes beeinflussen.

1.3 Ursachen

1.3.1 Soziologischer Aspekt

Aus soziologischer Sicht ist die Kernproblematik der Verhaltensstörung nicht im Individuum sondern in den sozialen Gegebenheiten und Erwartungen zu suchen. Vor Allem die soziokulturellen Faktoren bestimmen die Verhaltensmöglichkeiten eines Menschen. Unsere Gesellschaft orientiert sich an fixierten und unausgesprochenen Regeln. Kinder, die gegen diese Regeln verstoßen, werden als sozial abweichend bezeichnet[13].

In der heutigen Situation könnte Verhaltensauffälligkeit des Kindes aber beinah als „passende Antwort auf gegebene Lebensumstände“[14] gesehen werden.

Das Risiko des Scheiterns ist sehr hoch, wenn man sich vor Augen führt, dass etwa 5,01 Millionen Menschen in Deutschland arbeitslos sind[15], die Scheidungsrate bei 50 % in Großstädten liegt und somit die Zahl der Alleinerziehenden stetig ansteigt und dass immer mehr Menschen als arm bezeichnet werden müssen[16]. In dieser Phase des soziokulturellen Umbruchs stellt die Alltagsbewältigung für Kinder eine besondere Belastung dar. Mit der zunehmenden ihnen zur Verfügung stehenden Freizeit werden die sozialen und kulturellen Bindungen lockerer, da Kinder heute aufgrund des Pendlerdaseins vieler Eltern weitgehend sich selbst überlassen sind. Diese Zeit verbringen viele Kinder vor dem Fernsehapparat oder dem Computer, die die innerfamiliäre Aufsicht nur mangelhaft zu ersetzen vermögen. Die hohe Scheidungsrate bedingt die Instabilität von Familien, durch die hohe Arbeitslosenquote wachsen finanzielle Belastungen, was zu erhöhtem Tabletten- und Alkoholkonsum der Eltern führt, sodass die Kinder völlig orientierungslos sind. Sie reagieren darauf mit herausforderndem Verhalten.[17]

Kinder aus stark belasteten Familien hinsichtlich finanzieller, familiärer und gesundheitlicher Faktoren sind besonders oft verhaltensauffällig[18].

Des Weiteren ist zu beachten, dass härtere Strafen seitens der Eltern mit größeren Verhaltensauffälligkeiten einhergehen und Kinder ökonomisch oder anderweitig belasteter Familien von ihren Mitschülern eher abgelehnt werden[19].

Der Amerikaner Merton[20] beschrieb die Situation vieler Schüler unter dem Aspekt der Wert-Mittel-Diskrepanz als „sozio-kulturelle Wert-Mittel-Diskrepanz“[21], die abweichendes Verhalten bedingen kann, denn Schüler können sich den durch die Schule gesetzten Zielen wie z. B. gute Noten in Klassenarbeiten, Erreichen des Klassenziels oder eines guten Schulabschlusses nicht entziehen, haben aber für das Erreichen dieser Ziele nicht die nötigen soziokulturellen Mittel. In der Familie wurden nämlich schulisch bedeutsame Fähigkeiten wie Einstellungen und Handlungsweisen nicht vermittelt, die aber von der Umwelt im Hinblick auf Sprache, Manieren, Leistungsmotivation etc. verlangt werden. Viele Kinder lernen nicht, sozial adäquat zu kommunizieren und eigene Verhaltensweisen in Frage zu stellen. Auch unterscheiden sich Verhaltensweisen in der Schule und im Elternhaus und Streitigkeiten können nicht verbal sondern häufig nur mit körperlichen Mitteln geführt werden[22].

Nach dem Ansatz des „labeling approach“[23] ist herausforderndes Verhalten dann als solches zu bezeichnen, wenn es von der Allgemeinheit so etikettiert wird. Die von der Gruppe als legitim und gültig angesehenen Erwartungen an das Verhalten jedes Einzelnen bestimmen das Maß der Abweichung und der damit verbundenen Missbilligung. Diese Einschätzung und so auch die Normen, an denen Verhalten als hinreichend angepasst bzw. als abweichend gemessen wird, verändern sich von Zeit zu Zeit, so dass das Urteil darüber, ob ein bestimmtes Verhalten als abweichend einzuschätzen ist, im Einzelfall sehr schwierig zu treffen sein kann[24].

Dieser Etikettierungsansatz wird im Zusammenhang mit der „Sündenbocktheorie“[25] gesehen, die besagt, dass eine Gesellschaft Abweichler braucht, „da deren Bestrafung als Gratifikation für eigenes Wohlverhalten erlebt werden kann und sozialkonformes Verhalten stabilisiert“[26]. Solch eine „Sündenbock-Rolle“ spielen z. B. Schüler mit Lern- und Verhaltensstörungen, die in nicht wenigen Fällen in Sondereinrichtungen umgeschult werden, was für die übrigen Schüler als Gratifikation für erwartungsgemäßes Lern- und Sozialverhalten, aber auch als Abschreckung dient. Beispielsweise drohen Lehrer Schülern damit, dass sie auf die „Doofen-Schule“[27] kommen, wenn sie sich nicht anstrengen.

Der Ansatz des „labeling approach“ geht auf den „Symbolischen Interaktionismus“ von G. H. Mead zurück, der davon ausgeht, dass „der Ursprung des Geistes, des Selbst und der Gesellschaft in den Aktionen und Interaktionen von Menschen“[28] liegt.

In sozialen Interaktionen lernt der Mensch über die Umwelt und sich selbst und wird fähig, über eine differenzierte bezeichnende Symbolik im verbalen und nonverbalen Bereich zu kommunizieren[29].

Mit der Entwicklung der personalen und sozialen Identifikation „I“ und „Me“ bilden sich Grundqualifikationen wie Empathie, Rollendistanz, Ambiguitätstoleranz und die Fähigkeit zur Metakommunikation für adäquates soziales Handeln heraus. Empathie ist im Sinne von Einfühlungsvermögen in den Interaktionspartner und Berücksichtigung seiner Rollenerwartungen zu verstehen, Rollendistanz meint, dass das eigene Rollenverhalten auf veränderte Situationen hin eingestellt und korrigiert werden kann. Mit Ambiguitätstoleranz wird die Fähigkeit bezeichnet, divergierende eigene Bedürfnisse oder Rollenerwartungen auszuhalten und sich in diesem Spannungsverhältnis unterschiedlicher Tendenzen sozial adäquat zu verhalten. Metakommunikation bedeutet, über sein eigenes Verhalten und/oder das Verhalten anderer reflektieren und kommunizieren zu können.

Kann ein Mensch diese Qualifikationen nicht im Sinne der gesellschaftlichen Normen realisieren, entspricht er also nicht der Erwartung, kann sein Verhalten als abweichend definiert werden[30].

Die Gefahr dabei ist, dass ein Kind, das auf eine primäre Devianz, also ein erstes abweichendes Verhalten hin, durch die Umwelt typisiert und stigmatisiert wird, dann im Sinne der „self-fulfilling prophecy“[31] den Erwartungen entsprechende zusätzliche abweichende Verhaltensweisen zeigt, die dann als sekundäre Devianz bezeichnet werden. Es wird damit ein „Teufelskreis“ aufgezeigt, in den Kinder hineinrutschen können, wenn sie von z. B. Lehrern als leistungsschwach bezeichnet werden und dies dann durch die Identifikation mit dem Fremdbild „mein Lehrer sagt, ich bin leistungsschwach“ zu einer neuen Selbstdefinition führt: „Ich bin leistungsschwach, also bin ich fauler, unaufmerksamer, unordentlicher usw. als meine Mitschüler“. Es findet also keine kritische Betrachtung der Typisierung oder Stigmatisierung statt sondern diese wird verinnerlicht und in die Selbstdefinition aufgenommen, sodass ein Kind durch diese Typisierung selbst glaubt, es sei faul, unaufmerksam usw. und sich dann tatsächlich auch so verhält, dann erst faul, unaufmerksam usw. wird[32].

Dies wird durch die Kommunikationstheorie bestätigt, die besonders von Paul Watzlawick als Erklärung von Interaktions- bzw. Verhaltensstörungen in Deutschland bekannt gemacht wurde. Er unterscheidet zwischen Kommunikation als Mitteilung und Interaktion als wechselseitigem Ablauf von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen, wo sich die Kommunizierenden rückkoppelnd aufeinander einstellen. Das Verhalten jedes Einzelnen beeinflusst das jeder anderen Person und wird auch vom Verhalten aller anderen bedingt. Eine Änderung in einem Teil des Kommunikationssystems zieht eine Änderung im ganzen System nach sich. Daraus lässt sich bezüglich der Ursache der Verhaltensstörungen von Kindern die Schlussfolgerung ziehen, dass nicht nur das individuelle Verhalten sondern das ganze System, in dem sich das Kind bewegt und herausforderndes Verhalten zeigt, betrachtet werden muss.

Watzlawicks berühmter Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren!“ oder Goffmans Formulierung „Ein Mensch kann aufhören zu sprechen, er kann aber nicht aufhören, mit seinem Körper zu kommunizieren“[33] zeigen auf, dass sich in einem Kommunikationskreis die Interaktionspartner verbal wie nonverbal beeinflussen und so ein ständiger Kommunikationsfluss gegeben ist.

Watzlawick unterscheidet zwei Kommunikationsebenen: die Inhalts- und die Beziehungsebene. Auf der Inhaltsebene werden Sachinformationen mitgeteilt, auf der Beziehungsebene wird eine Definition der bestehenden Beziehung zwischen den Kommunikationspartnern vorgenommen. Es ist zu beachten, dass die Beziehungsebene die Inhaltsebene bestimmt. Wenn beispielsweise zwischen zwei Kommunikationspartnern erst vor kurzem ein Streit stattgefunden hat und diese beiden nun wieder aufeinander treffen, ist es möglich, dass der nun Angesprochene die sachliche Information auf die Beziehungsproblematik bezieht und somit ein neutrales Gespräch unmöglich macht; z. B. sagt der eine Kommunikationspartner neutral hallo, worauf der andere abweisend oder gar vorwurfsvoll reagiert.

Aufgabe des Sozialpädagogen ist es, Unstimmigkeiten dieser Art durch Metakommunikation zu erkennen und aufzulösen. Gelingt dies nicht, belasten derartige Unstimmigkeiten in Familien besonders die Kinder und führen dazu, dass sie z. B. durch die Übernahme einer „Sündenbockrolle“ harmonisierend wirken wollen.

Wenn Kinder auf der Sach- und Beziehungsebene einander widersprechende Informationen erhalten, kann dies zu schwersten Störungen führen, da sie durch diese widersprüchlichen Informationen verwirrt, zerrissen und verstört sind, was als „double bind“ oder „Beziehungsfalle“[34] bezeichnet wird und zu psychotischen Störungen bis hin zur ausgebildeten Schizophrenie führen kann, wenn dieser Zustand andauert.

Auch muss beachtet werden, dass Menschen digital und analog kommunizieren, d. h. einerseits logisch und eindeutig inhaltliche Informationen weitergeben und andererseits Signale wie z. B. Gestik, Mimik, Tonlage über den Körper vermitteln, die mehr über die Beziehung zum Kommunikationspartner aussagen. Diese analogen Zeichen richtig zu interpretieren, fällt nicht immer leicht, weshalb es oft zu Fehlinterpretationen kommt, die dann zu schwerwiegenden Beziehungsproblemen und Interaktionsstörungen führen können.

Auch das sozial-positionelle Verhältnis der Personen spielt in einer Kommunikation eine wichtige Rolle. Kommunikation ist entweder symmetrisch oder komplementär. Wenn beide Kommunikationspartner sich auf einer Ebene befinden, also gleichberechtigt sind, handelt es sich um eine symmetrische Kommunikation, in komplementären Beziehungen sind Unterschiedlichkeiten gegeben, einer nimmt die superiore/übergeordnete, der andere die inferiore/untergeordnete Rolle ein. Ein Beispiel für symmetrische Beziehungen ist ein Ehepaar, das sich als gleichgestellt empfindet. Komplementäre Beziehungen bestehen zwischen Mutter und Kind, Arzt und Patient, Lehrer und Schüler, können aber auch im Laufe der Zeit zu symmetrischen Beziehungen werden, wenn der inferiore Partner das Niveau des superioren erreicht, also beispielsweise ein Kind erwachsen ist und als vollwertiger Diskussionspartner angesehen wird.

[...]


[1] Myschker S. 38

[2] Myschker S. 38

[3] vgl. Myschker S. 41

[4] vgl. Gerspach S. 26 ff.

[5] vgl. Werning S. 11 f.

[6] delinquent: straffällig, kriminell

[7] vgl. Myschker S. 47 f.

[8] vgl. Preuss-Lausitz S. 251

[9] vgl. Preuss-Lausitz S. 143

[10] vgl. Myschker S. 48

[11] vgl. Preuss-Lausitz S. 240

[12] vgl. Myschker S. 55 f.

[13] vgl. Myschker S. 98

[14] Voß S. 1

[15] vgl. http://www.bundesregierung.de/Artikel/-,413.954599/dokument.htm, Dienstag, 31.01.2006

[16] vgl. Voß S. 1

[17] vgl. Voß S. 3

[18] vgl. Preuss-Lausitz S. 114 ff.

[19] vgl. Preuss-Lausitz S. 120 ff.

[20] Merton, Robert King, (1910-2003), amerikanischer Soziologe. Beschäftigte sich unter Verwendung des

strukturell-funktionalen Ansatzes u. a. mit Problemen des sozialen Wandels. Aus: Microsoft Encarta

Enzyklopädie

[21] Myschker S. 99

[22] vgl. Myschker S. 99

[23] Myschker S. 100

[24] vgl. Microsoft Encarta Enzyklopädie

[25] Myschker S. 101

[26] Myschker S. 101

[27] Schule für Lernhilfe; Myschker S. 101

[28] Microsoft Encarta Enzyklopädie

[29] vgl. Myschker S. 101

[30] vgl. Myschker S. 101 f.

[31] Myschker S. 102

[32] vgl. Myschker S. 102

[33] Myschker S. 102

[34] Myschker S. 103

Ende der Leseprobe aus 58 Seiten

Details

Titel
Fantasiereise als Integrationshilfe für verhaltensgestörte Kinder
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
bestanden
Autor
Jahr
2006
Seiten
58
Katalognummer
V54064
ISBN (eBook)
9783638493444
ISBN (Buch)
9783638693318
Dateigröße
1309 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fantasiereise, Integrationshilfe, Kinder
Arbeit zitieren
Katharina Bormann (Autor:in), 2006, Fantasiereise als Integrationshilfe für verhaltensgestörte Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/54064

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