In Deutschland ist mit den Wohlfahrtsverbänden ein soziales Netz gewachsen, das bislang einzigartig auf derWelt ist. Mit über 1,4 Millionen Arbeitnehmern und über 2 Millionen ehrenamtlichen Mitarbeitern sind diese einer der größten privaten Arbeitgeberverbände. Ihre Wurzeln liegen meist in der christlichen Kultur des Alten und Neuen Testamentes, in dem Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Gal. 5,14) begründet.
Die Moderne hingegen ist geprägt von Pluralisierung und Säkularisierung. Diese Strömungen können als konträr zu den Werten konfessionsorientierter Unternehmen erlebt werden. Für diese wird es daher zunehmend wichtiger, ihr eigenes Profil zu stärken und ihre Inhalte, Satzungen, Konzepte, Grundsatzprogramme et al. mit neuem Leben zu füllen. Dies ist besonders in Zeiten von demografischem Wandel, Multikulturalismus und Fachkräftemangel ein umso relevanterer Aspekt.
Es stellt sich daher nicht mehr nur die Frage nach qualifizierten Mitarbeitern. Für konfessionsorientierte Unternehmen drängt sich stattdessen vielmehr die Frage auf: „Welche Überzeugungen prägen unsere Unternehmen und wie realisieren wir sie in einem veränderten Personalmarkt?“. Es ist die Frage, ob „Konfessionsorientierung als Merkmal und Gestaltungsaufgabe der christlichen Unternehmen […] zu sehen sind“ und welchen Einfluss diese identitätsstiftenden Organisationsmerkmale auf die Mitarbeiter haben.
Diese Arbeit stellt eine Grundlegung eines partnerschaftlichen Diskurses von Ökonomie und Theologie dar, jenseits von Dominanzmodellen oder einer Vermischung der jeweiligen Fachlichkeiten. Der Fokus liegt dabei auf der Bewältigung komplexer Managementaufgaben innerhalb diakonischer bzw. caritativer Einrichtungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Theorien zu Führung und Leitung
1.1 Begriffsklärung
1.1.1 Was verstehen wir unter Führung?
1.1.2 Historische Entwicklung von Führungsmodellen
1.2 Grundlagen der Führungsmodelle
1.2.1 Führungsstil nach Max Weber
1.2.2 Führungsstil nach Kurt Lewin
1.2.3 Vom Eigenschaftsmodell (Oswald Neuberger) zum Attributionsmodell der Führung
2. Führungsmodelle im systemischen Kontext
2.1 säkulare Führungsmodelle
2.1.1 Transaktionale und Transformationale Führung (James MacGregor Burns),
2.1.2 Das neue Sangt Gallener Führungsmodell
2.2 Führungsmodell des Benedict von Nursia
2.2.1 Kerngedanken der Regula Benedicti
2.2.1 Hierarchie und Teamgedanke in der Regula Benedicti
2.2.3 Ökonomische Arbeit in spiritueller Haltung
3. Dimensionen und Gestaltungsebenen diakonischer und caritativer Praxis
3.1 Vor welchen Herausforderungen stehen konfessionelle Unternehmen?
3.2 Identität vs. Diversität konfessioneller Unternehmen
3.3. Schwerpunktthemen aus der Praxis
3.3.2 Leitbild
3.3.3 Führung
3.3.4 Entscheidungsmanagement
4. Validierung des St. Gallener Managementmodells auf die christl. Führungskultur
4.1 Umweltsphären
4.2 Anspruchsgruppen
4.2.1 Strategisches Anspruchsgruppenkonzept
4.2.2 Theologisches Anspruchsgruppenkonzept
4.3 Managementebenen als reflexive Gestaltungspraxis
4.3.1 Prozesse (Managementprozesse, Geschäftsprozesse, Unterstützungsprozesse)
4.3.2 Ordnungsmomente (Strategie, Strukturen, Kultur)
4.3.3 Entwicklungsmodi (Erneuerung, Optimierung)
5. Zusammenfassung der Ergebnisse, Fazit der Erkenntnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie diakonische und caritative Unternehmenskulturen als Managementkonzept dienen können, um spirituelle Traditionen durch organisationales Handeln zu verankern und dabei den wachsenden wirtschaftlichen Anforderungen im Personalmarkt zu begegnen.
- Analyse klassischer und moderner Managementtheorien zu Führung und Leitung.
- Gegenüberstellung von säkularen Führungsmodellen und der Regula Benedicti.
- Untersuchung der Herausforderungen von Identität und Diversität in konfessionellen Unternehmen.
- Validierung des St. Gallener Managementmodells für die christliche Führungskultur.
- Diskussion der Integration von Theologie und Ökonomie in diakonisch-caritativen Einrichtungen.
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Führungsstil nach Max Weber
Mit der Frage, warum sich Menschen beherrschen lassen, legte Max Weber (1864–1920) einen Grundstein für zukünftige Führungsmodelle. Sein Modell baut dabei auf drei Grundannahmen von Herrschaft (Machtverhältnissen) auf. Diese wären:
Der rationale Charakter, der Herrschaft auf „dem Glauben an die Legalität gesatzter Ordnungen und des Anweisungsrechts der durch sie zur Ausübung der Herrschaft Berufenen ruhen“ (Max Weber: Drei reine Typen legitimer Herrschaft, o.D.) lässt.
Der traditionale Charakter, der Herrschaft „auf dem Alltagsglauben an die Heiligkeit von jeher geltender Traditionen und die Legitimität der durch sie zur Autorität Berufenen ruhen (traditionale Herrschaft)“ (ebd.) lässt.
Der charismatische Charakter, dessen Herrschaft „auf der außeralltäglichen Hingabe an die Heiligkeit oder die Heldenkraft oder die Vorbildlichkeit einer Person und der durch sie offenbarten oder geschaffenen Ordnungen (charismatische Herrschaft)“ (ebd.) beruht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Theorien zu Führung und Leitung: Dieses Kapitel erläutert den Begriff Führung aus organisationswissenschaftlicher Sicht und beleuchtet die historische Entwicklung sowie klassische Ansätze wie die Modelle von Weber und Lewin.
2. Führungsmodelle im systemischen Kontext: Hier werden moderne säkulare Ansätze wie das transaktionale und transformationale Führungsmodell sowie das benediktinische Führungsmodell als spiritueller Gegenentwurf gegenübergestellt.
3. Dimensionen und Gestaltungsebenen diakonischer und caritativer Praxis: Das Kapitel widmet sich den praktischen Herausforderungen für konfessionelle Unternehmen, insbesondere der Spannung zwischen Identität und Diversität sowie der Integration von Theologie und Ökonomie.
4. Validierung des St. Gallener Managementmodells auf die christl. Führungskultur: Hier wird geprüft, wie das St. Gallener Managementmodell als reflexives Gerüst zur Gestaltung christlicher Führungskultur in Diakonie und Caritas dienen kann.
5. Zusammenfassung der Ergebnisse, Fazit der Erkenntnisse: Das abschließende Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, theologische Achsen als identitätsstiftende Elemente im Management zu erhalten.
Schlüsselwörter
Führung, Leitung, Diakonie, Caritas, Managementtheorien, St. Gallener Managementmodell, Regula Benedicti, Führungskultur, Unternehmenskultur, Personalmarkt, Identität, Diversität, Theologie, Ökonomie, Transformationale Führung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie kirchliche Unternehmen wie Diakonie und Caritas in einem säkularer werdenden Umfeld ihre christliche Identität bewahren und gleichzeitig professionelle Managementprinzipien anwenden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Theorie der Personalführung, das Management diakonischer Einrichtungen, die Rolle von Leitbildern sowie die Verknüpfung von spirituellen Werten mit ökonomischen Erfordernissen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit eine diakonische Unternehmenskultur als spezifisches Managementkonzept dienen kann, das spirituelle Traditionen durch organisationales Handeln effektiv verortet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse und die theoretische Validierung bestehender Managementmodelle (insbesondere des St. Gallener Modells) auf den spezifischen Kontext kirchlicher Organisationen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung von Führungsstilen, die Kontrastierung säkularer und benediktinischer Führungsmodelle sowie konkrete Gestaltungsebenen in der Praxis der Wohlfahrtsverbände.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Führung, Unternehmenskultur, Diakonie, Identität, St. Gallener Managementmodell und christliche Führungskultur sind prägende Begriffe.
Wie unterscheidet sich das benediktinische Führungsmodell von anderen Ansätzen?
Im Gegensatz zu rein ökonomischen oder rein hierarchischen Modellen setzt das benediktinische Modell den Menschen als Geschöpf Gottes in den Mittelpunkt und legt Wert auf Dienst, Gemeinschaft und ein transzendentes Ziel.
Warum ist das Thema "Identität vs. Diversität" für Diakonie und Caritas so wichtig?
Da diese Organisationen zu großen Arbeitgebern gewachsen sind, müssen sie einerseits für eine pluralistische Gesellschaft offen bleiben (Diversität) und gleichzeitig ihren ursprünglichen kirchlichen Auftrag (Identität) glaubwürdig kommunizieren.
- Arbeit zitieren
- Jörg Weise (Autor:in), 2019, Managementtheorien zu Führung und Leitung. Ein besonderer Anspruch christlicher Führungskultur?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540728