Wohlfahrtsstaatlichkeit in Kanada und den USA. Eine theoriebasierte Analyse anhand des Machtressourcenansatzes


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Wohlfahrt und Sozialpolitik in Kanada und den USA
1.2 Fragestellung und Methodik

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Regimetypologie von Gøsta Esping-Andersen
2.2 Das wirtschaftsliberale angelsächsische Wirtschaftsregime
2.3 Der Machtressourcenansatz

3. Vergleich und Erklärung der Wohlfahrtsperformanz Kanadas und der USA
3.1 Unterschiede in der Wohlfahrtsperformanz
3.1.1 Vergleich des Performanzprofils Kanadas und der USA
3.1.2 De-Kommodifizierung und Stratifizierung in Kanada und den USA
3.2 Erklärung der Performanz der USA
3.2.1 Geringer Einfluss der Gewerkschaften
3.2.2 konservative politische Hegemonie in der Sozialpolitik der USA
3.3 Erklärung der Performanz Kanadas
3.3.1 Rolle der Gewerkschaften
3.3.2 Sozial-liberale Hegemonie in der Sozialpolitik Kanadas

4. Fazit

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Vergleich der Länderrangzahlen

Tabelle 2: De-Kommodifizerung und Stratifizierung

1. Einleitung

1.1 Wohlfahrt und Sozialpolitik in Kanada und den USA

Der im März 2010 vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnete „Patient Protection and Afforable Care Act“ markierte in der über 200-jährigen Geschichte der USA einen Wendepunkt und ein äußerst bedeutendes Ziel der der Regierung unter Barack Obama.1 Eine Grundversicherung für alle Bürger Amerikas wurde durch das Gesetzesvorhaben des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten erstmals zu einer Pflicht.2 Bei näherer Betrachtung erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache verwunderlich, dass bis dato circa 30 Millionen US-amerikanische Staatsbürger ohne jegliche Krankenversicherung auskommen mussten3, und das in einem der fortschrittlichsten Industrieländer. Vor dem Hintergrund der bismarckschen Sozialgesetzgebung im späten 19. Jahrhundert in Deutschland, bzw. dem damaligen Deutschen Reich, in dem eine solche Reform bereits mehr als 120 Jahre zurückliegt, werden die unterschiedlichen nationalen Denkweisen, woran sich die staatliche Wohlfahrt orientieren sollte, bewusst. Ein Land, das einen solchen Schritt hingegen mit universalistischer Leistungsgewährung bereits früher eingeschlagen hatte, ist der Nachbarstaat Kanada. Der „ Cana-da Assistance Plan“ reformierte ab den 1960er Jahren die bestehenden Wohlfahrtsprogramme auf Basis universalistischer, staatlicher Leistungen. Diese Programme wurden jedoch in der Folgezeit wieder eingeschränkt.4

Die sozioökonomischen Folgen und Wirkungen der einzelnen Programme seit Mitte des 20. Jahrhunderts sind Bestandteil und Erklärungsgrundlage für viele Studien über die Leistungsfähigkeit von staatlicher Wohlfahrtsbzw. Sozialpolitik im engeren Sinne geworden. Der Begriff Wohlfahrt kann dabei verschiedenartig mit Bedeutung gefüllt werden. Eine etwas engere Definition des Begriffs und einen ersten Anhaltspunkt liefert der Eintrag zum Thema Wohlfahrtstaat im Politiklexikon, wonach dieser „die Kurzbezeichnung für einen Staat [ist], der eine Anzahl unterschiedlicher (Fürsorge) Maßnahmen, Programme und Politiken anwendet, die der sozialen, materiellen und kulturellen Wohlfahrt der Bevölkerung dienen.“5

Dass der Begriff Wohlfahrt jedoch umfassender zu verstehen sein sollte und nicht nur in der aktiven Verantwortung staatlicher Stellen liegt, sollte hier einmal festgehalten werden. Eine breitere Definition bietet Prof. Holtmann in seiner Studie, in der mit acht gesellschaftlich relevanten Zielvorstellungen eine differenzierte Sichtweise auf den Begriff definiert wird.

„Unter Wohlfahrt verstehe ich […] die Performanz hinsichtlich folgender acht Werte bzw. Ziele […]: Wohlstand und Wachstum; ökologische Nachhaltigkeit; Innovation; soziale Sicherung durch Unterstützungsleistungen im Risikofall sowie vorsorgend durch Bildungsinvestitionen; Anerkennung der Besonderheiten (Frauenfreundlichkeit und Migrantenfreundlichkeit); Gleichheit der Teilhabe; soziale Integration; Autonomie („freedom of choice and capabilities“).“6

Dadurch dass Wohlfahrt in der Studie somit als ein Indikator der gesellschaftlich erstrebenswerten Ziele dient, wird die eher breitere Definition aus dem vorhergehenden Zitat stärker auf analytische Dimensionen gelenkt.

1.2 Fragestellung und Methodik

Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag dazu liefern, die Ergebnisse der aktuellen Studie von Prof. Holtmann zur Performanz des wirtschaftsliberalen Wohlfahrtregimes in den USA und Kanada zu erklären, die beide in der Gruppe der wirtschaftsliberalen Wohlfahrtsregime kategorisiert werden.7 Aufgrund der vielen institutionellen und strukturellen Gemeinsamkeiten beider Nationen, bietet sich im vorliegenden Fall eine Untersuchung nach der Methode „MSDO“ an:

„Die Untersuchung möglichst ähnlicher Systeme beruht auf der Annahme, dass eine Anzahl theoretisch signifikanter Unterschiede zwischen sehr ähnlichen Systemen gefunden werden kann und dass diese Unterschiede zur kausalen Erklärung beitragen.“8

Mittels dieser Methode wird es ermöglicht, die unabhängigen Schlüsselvariablen herauszulesen, die im vorliegenden Fall für die zu erklärenden Unterschiede auf der abhängigen Variablen ursächlich sind, während die anderen konstant gehalten, bzw. kontrolliert werden. Diese gemeinsame Basis gleicher Bedingungen bilden im Folgenden die angelsächsisch geprägten Staaten des wirtschaftsliberalen Wohlfahrtsregimes. Die arbeitsleitende Frage für den weiteren Verlauf soll wie folgt formuliert werden: Wodurch lassen sich die Unterschiede in den Performanzprofilen von Kanada und den USA in der Länderstudie von Prof. Holtmann erklären? Hierzu wird entsprechend Literatur des Spiritus rector der Studie herangezogen, sowie Gøsta Esping-Andersens The Three Worlds of Welfare Capitalism. Zudem dient eine Dissertation von Martin Bolkovac an der Universität Wien mit dem Titel Eine Vergleichende Analyse der Sozialpolitik Kanadas und Australiens an Hand des most similar systems designs als strukturgebende Literatur.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Regimetypologie von Gøsta Esping-Andersen

Für die Entwicklung einer gewissen Basis an Gemeinsamkeiten bieten sich wie im vorhergehenden Abschnitt die Regimetypologie von Esping-Andersen, sowie die weitere Differenzierung durch Dieter Holtmann an. Der dänische Wissenschaftler Gøsta EspingAndersen stellt sich zu Beginn seiner Forschungsarbeit die Frage, was eigentlich ein Wohlfahrtsstaat ist und ob überhaupt Unterschiede zwischen Wohlfahrtsstaaten zu verzeichnen sind. Aus Sicht Esping-Andersens ist das erste wichtige Kriterium die Gewährung von sozialen Rechten. In seiner Lesart bezieht sich das auf die Unabhängigkeit bzw. Abhängigkeit vom Markt.9 Das Individuum bzw. dessen Arbeitskraft wird zunächst als Ware (engl. commodity) betrachtet, dessen Wert von Marktmechanismen bestimmt wird. Je weniger nun dieses Individuum in Sachen Lebensunterhalt und Wohlfahrt dem Markt unterworfen ist und je mehr es alternativ auf nicht-marktförmige Mittel der Wohlfahrtsgenerierung zurückgreifen kann, desto höher ist der Grad an DeKommodifizierung.10

Als zweites Kriterium zur Kategorisierung des Wohlfahrtsstaats zieht der Autor die jeweilige Methode zur aktiven oder passiven Strukturierung des sozialen Gefüges im betreffenden Staat heran. Gemeint ist hiermit der Begriff Stratifizierung, der sich in unterschiedlichen Systemlogiken äußert. Zum einen ist das die Form des Sozialversicherungsmodells nach Bismarck, das zwischen unterschiedlichen sozialen Klassen in der Bevölkerung verschiedene Privilegien und Rechte vorsieht, und zum anderen das universalistische Modell nach Beveridge, in dessen Sichtweise alle Bürger egal welcher Klasse mit gleichen Rechten ausgestattet sind, nicht nach Ständen unterschieden wird, und eine Solidargemeinschaft über Klassengrenzen hinweg errichtet werden soll, so etwa durch einheitliche Steuersätze.11 Aus diesen Vorüberlegungen ergeben sich nun die drei unterschiedlichen Wohlfahrtstypen. Zum einen die liberalen Wohlfahrtsstaaten, in denen „bedarfsgeprüfte Sozialvorsorge, niedrige universelle Transferleistungen und ebenso bescheidene Sozialversicherungsprogramme vorherrschen“12. Diesem Wohlfahrtstyp, dem wie oben bereits erwähnt die Länder USA und Kanada entsprechen, soll im folgenden Abschnitt genauere Aufmerksamkeit gewidmet werden.

Das zweite Wohlfahrtsregime steht das korporatistische Modell dar, wie es in den Staaten Deutschland, Österreich oder Frankreich etabliert ist. In diesem statuskonservierenden Modell steht in erster Linie der Beibehaltung von sozialen Klassenunterschieden im Vordergrund, da sich zum Beispiel rechtliche Ansprüche am sozialen Status orientieren. Die Umverteilungseffekte in diesem Modell sind desweiteren marginal. Anzumerken ist desweiteren, dass der Staat den Markt als Wohlfahrtsproduzenten verdrängt, was sich mitunter an der geringen Zahl der privaten Versicherungen ablesen lässt. Weitere bezeichnende Merkmale sind der Einfluss der Kirche und deren Einfluss auf die Beibehaltung traditioneller Familienformen, familienbezogene Leistungen, sowie dem Subsidiaritätsprinzip, wonach staatliches Eingreifen erst dann erfolgt, wenn die familiäre Selbstversorgung erschöpft ist.13 Es zeigt sich folglich eine geringe Unterwerfung unter die Marktmechanismen, aber ein hoher Grad der Stratifizierung.

Der dritte Regimetyp, der auch als das „sozialdemokratische“ Modell beschrieben wird, zeichnet sich nun dadurch aus, dass der Universalismus und de-kommodifizierende Maßnahmen nicht nur für die Ärmsten in der Gesellschaft wie etwa im liberalen Regimetypus vorgesehen sind, ohne strikte Bedürftigkeitsprüfung auch der Mittelschicht offen stehen. Weitere charakteristische Merkmale sind die Orientierung auf die Maximierung individueller Unabhängigkeit z.B. von der Familie, der unmittelbaren Unterstützung großer Bevölkerungsteile durch eine hohe Dichte an Betreuungseinrichtungen für Kinder und Senioren und die dadurch notwendige Bedingung einer annähernden Vollbeschäftigung um die Kostenintensivität des Systems durch das Steueraufkommen schultern zu können.14

2.2 Das wirtschaftsliberale angelsächsische Wirtschaftsregime

Das Wohlfahrtsregime, dem die USA und Kanada zugeordnet sind, soll im Folgenden detaillierter aufgeschlüsselt werden. Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt zeichnet sich der Regimetyp durch ein System der liberalisierten Märkte aus, der auch als die wichtigste Wohlfahrtsinstitution betrachtet wird, vor der Familie an zweiter und der staatlichen Hilfe an dritter Stelle. Großer Wert wird folglich auf die eigene Leistung und individuelle Freiheiten gelegt. Mit dieser Wohlfahrtslogik gehen dementsprechend große soziale Unterschiede einher, auch deshalb weil durch staatliches Handeln eben nicht eine gewisse Gleichheit in der Bevölkerung von vorneherein angestrebt wird. Es wird nur dem Teil der Hilfsbedürftigen staatliche Unterstützung zu Teil, der einen Nachweis der Bedürftigkeit liefert. Zwar werden auf dieser Ebene universelle Leistungen gewährt, nichtsdestotrotz bewegen sich diese auf einem sehr niedrigen Niveau, die oftmals nicht die Grundbedürfnisse abdecken können. Desweiteren zeigen sich Unterschiede in der Mobilisierung der einzelnen Gesellschaftsteile. Arbeitslose werden zudem durch Einkommenssubventionen und Kürzungen von Leistungen die Reintegration in Arbeit nahegelegt. Die Arbeiterklasse ist tendenziell wenig mobilisiert, die Gewerkschaften sind stark berufsständig organisiert und tendenziell eher schwach.15 Diese beiden Faktoren bedingen folglich eine hohe Integration in Arbeit, und gleichzeitig eine niedriges Einkommensniveau, was in dem Phänomen der „working poor“ mündet. Private Vorsorge hat also Vorrang vor staatlichen oder beitragsfinanzierten Leistungen.

Zusätzlich ist anzumerken, dass das Gesundheitssystem einer ähnlichen Logik folgt. Zwar ist eine gewisse Grundversorgung spätestens seit der Gesundheitsreform durch Obama gewährleistet, trotzdem werden kostenintensive Leistungen von privaten Zahlungen der Patienten abhängig gemacht. Ein weiteres Charakteristikum sind die hohen Bildungsausgaben, insbesondere im primären und sekundären Bereich. Der tertiäre Bereich ist wiederum durch hohe private Kosten gekennzeichnet, die die universitäre Bildung somit zu einem schichtabhängigen Privileg solventer Bevölkerungsteile machen.16

[...]


1 Vgl. Lemke, Christiane (2011): Richtungswechsel. Reformpolitik der Obama-Administration. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften͘ ^͘ ϳϮ

2 Vgl. Holtmann, Dieter (2015): Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im internationalen Vergleich. 43 LänderFallstudien. Aachen: Shaker-Verlag. S. 187

3 Spang, Thomas J. (2012): Obamacare: Hoffnung für 30 Millionen. Online verfügbar unter: http://www.fronline.de/us-wahl/gesundheitsreform-usa-obamacare--hoffnung-fuer-30-millionen,11442534,16503928.html (zuletzt aufgerufen am: 19.2.16)

4 Vgl. Holtmann, Dieter (2015) S. 201

5 Schubert, Klaus; Klein, Marina (2011): Das Politiklexikon. Stichwort: Wohlfahrtsstaat. Online verfügbar unter: http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/18488/wohlfahrtsstaat (zuletzt aufgerufen am: 19.2.16)

6 Holtmann, Dieter (2015)

7 Vgl. ebd. S. 179

8 Przeworski, Adam; Teune, Henry (1970), zit. in Berg-Schlosser, Dirk; Cronqvist, Lasse (2012): Aktuelle Methoden der Vergleichenden Politikwissenschaft. Einführung in konfigurationelle (QCA) und makro-quantitative Verfahren. Opladen: Verlag Barbara Budrich. S. 113

9 Vgl. Esping-Andersen, Gøsta (1990a): The Three Worlds of Welfare Capitalism. Cambrige: Polity Press. S. 18

10 Vgl. ebd. S. 21

11 Vgl. Esping, Andersen, Gøsta (1990a): S. 23 ff.

12 Esping-Anderson, Gøsta (1990b): Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus. Zur Politischen Ökonomie des Wohlfahrtsstaates, in: Lessenich, Stephan; Borchert, Jens (Hrsg.): Der Vergleich der Sozialwissenschaften. StaatKapitalimus-Demokratie. Frankfurt: Campus Verlag. S. 362

13 Vgl. ebd. S. 363

14 Vgl. ebd. S. 363 ff.

15 Vgl. Holtmann, Dieter (2015) S. 179

16 Vgl. ebd. S. 180

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wohlfahrtsstaatlichkeit in Kanada und den USA. Eine theoriebasierte Analyse anhand des Machtressourcenansatzes
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V540864
ISBN (eBook)
9783346147417
ISBN (Buch)
9783346147424
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wohlfahrtsstaatlichkeit, kanada, eine, analyse, machtressourcenansatzes, Gøsta Esping-Andersen, Machtressourcenansatz, Wohlfahrtsstaatsvergleich, Obamacare, Sozialpolitik, angelsächsisches Wirtschaftsmodell, Regimetypologie, Kommodifizierung, Stratifizierung, politische Hegemonie, Wohlfahrtsperformanz
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Wohlfahrtsstaatlichkeit in Kanada und den USA. Eine theoriebasierte Analyse anhand des Machtressourcenansatzes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540864

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