Auf Basis der Arbeiten von Gøsta-Esping Andersen vergleicht die Hauptseminararbeit die wohlfahrtsstaatlichen Kennzahlen der USA und Kanadas und versucht auf theoretischer Basis des Machtressourcenansatzes mögliche Ursachen für Unterschiede innerhalb des sogenannten wirtschaftsliberalen angelsächsichen Wirtschaftsregime aufzuzeigen.
Der im März 2010 vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika unterzeichnete „Patient Protection and Afforable Care Act“ markierte in der über 200-jährigen Geschichte der USA einen Wendepunkt und ein äußerst bedeutendes Ziel der der Regierung unter Barack Obama. Eine Grundversicherung für alle Bürger Amerikas wurde durch das Gesetzesvorhaben des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten erstmals zu einer Pflicht. Bei näherer Betrachtung erscheint in diesem Zusammenhang die Tatsache verwunderlich, dass bis dato circa 30 Millionen US-amerikanische Staatsbürger ohne jegliche Krankenversicherung auskommen mussten, und das in einem der fortschrittlichsten Industrieländer. Vor dem Hintergrund der bismarckschen Sozialgesetzgebung im späten 19. Jahrhundert in Deutschland bzw. dem damaligen Deutschen Reich, in dem eine solche Reform bereits mehr als 120 Jahre zurückliegt, werden die unterschiedlichen nationalen Denkweisen, woran sich die staatliche Wohlfahrt orientieren sollte, bewusst. Ein Land, das einen solchen Schritt hingegen mit universalistischer Leistungsgewährung bereits früher eingeschlagen hatte, ist der Nachbarstaat Kanada. Der „Canada Assistance Plan“ reformierte ab den 1960er Jahren die bestehenden Wohlfahrtsprogramme auf Basis universalistischer, staatlicher Leistungen. Diese Programme wurden jedoch in der Folgezeit wieder eingeschränkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Wohlfahrt und Sozialpolitik in Kanada und den USA
1.2 Fragestellung und Methodik
2. Theoretische Grundlagen
2.1 Regimetypologie von Gøsta Esping-Andersen
2.2 Das wirtschaftsliberale angelsächsische Wirtschaftsregime
2.3 Der Machtressourcenansatz
3. Vergleich und Erklärung der Wohlfahrtsperformanz Kanadas und der USA
3.1 Unterschiede in der Wohlfahrtsperformanz
3.1.1 Vergleich des Performanzprofils Kanadas und der USA
3.1.2 De-Kommodifizierung und Stratifizierung in Kanada und den USA
3.2 Erklärung der Performanz der USA
3.2.1 Geringer Einfluss der Gewerkschaften
3.2.2 konservative politische Hegemonie in der Sozialpolitik der USA
3.3 Erklärung der Performanz Kanadas
3.3.1 Rolle der Gewerkschaften
3.3.2 Sozial-liberale Hegemonie in der Sozialpolitik Kanadas
4. Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Unterschiede in der Wohlfahrtsperformanz zwischen den USA und Kanada, die beide dem wirtschaftsliberalen Wohlfahrtsregime zugeordnet werden, und erklärt diese Divergenzen auf Basis des Machtressourcenansatzes unter Berücksichtigung nationaler politischer Entwicklungen.
- Regimetypologie von Gøsta Esping-Andersen
- Charakteristika des wirtschaftsliberalen angelsächsischen Wohlfahrtsregimes
- Vergleichende Analyse der Wohlfahrtsperformanz (Teilhabe, Autonomie, Frauenfreundlichkeit)
- Rolle der Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretungen
- Einfluss politischer Hegemonien und parteipolitischer Konstellationen
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Geringer Einfluss der Gewerkschaften
Wie bereits im vorhergehenden Kapitel angeführt, stellen die USA das „reinste“ Modell, bzw. den Prototypen des liberalen Wohlfahrtsregimes dar, bzw. haben am wenigsten Abweichungen vom Idealtypus. Diese Entwicklung kann mitunter auf zwei spezielle Entwicklungen unter Berücksichtigung des Machtressourcenansatzes zurückgeführt werden. Zum einen waren insbesondere konservative Regierungen maßgeblich dabei beteiligt, dass sich der residuale US-amerikanische Sozialstaat in der Zeit nach der Großen Depression 1929 und nach dem zweiten Weltkrieg nicht so expansiv auf die Wohlfahrt auswirkte, als in Kanada. Zum anderen schaffte es die Arbeiterbewegung in den USA nie, sich auf der sozialpolitischen Ebene der Politik einzurichten.
„In den USA war es traditionell die Aufgabe lokaler Institutionen oder privater Wohlfahrt, den Armen zu helfen. Die im späten 19. Jahrhundert in vielen europäischen Staaten einsetzende Arbeiterbewegung, die auf die Einführung arbeits- und sozialrechtlicher Normen drängte, erfasste Amerika nur in sehr geringem Ausmaß. Vorherrschende Meinung war, dass jeder, der wollte, einen Job finden könnte.“
So hat beispielsweise der Sozialwissenschaftler Ostheim und Schmidt unter Verwendung der theoretischen Grundlagen des Machtressourcenansatzes bewiesen, dass ein niedriger Anteil von gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern, mit einer geringen Sozialleistungsquote korreliert. Die USA haben dabei unter den wirtschaftsliberalen Ländern die geringste gewerkschaftliche Organisationsquote und die zweitgeringste Sozialleistungsquote nach Japan. Die gewerkschaftliche Macht wurde insbesondere in der Regierungszeit von Ronald Reagan ab dem Jahr 1981 eingeschränkt. Zusätzlich lässt sich noch feststellen, dass in den USA im Vergleich zu Kanada nie eine relevante sozialdemokratische Partei auf dem politischen Parket auftrat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die sozialpolitische Situation in den USA und Kanada ein, definiert zentrale Begriffe wie „Wohlfahrt“ und legt die Fragestellung sowie die „MSDO“-Methodik dar.
2. Theoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die Regimetypologie nach Gøsta Esping-Andersen, charakterisiert das angelsächsische Wirtschaftsregime und führt den Machtressourcenansatz als theoretisches Erklärungsmodell ein.
3. Vergleich und Erklärung der Wohlfahrtsperformanz Kanadas und der USA: Es folgt ein empirischer Vergleich der beiden Länder anhand spezifischer Performanzindikatoren sowie eine tiefgehende Analyse der jeweiligen Gründe für die unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Entwicklung unter Berücksichtigung von Gewerkschaftseinflüssen und parteipolitischer Hegemonien.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die unterschiedliche politische Parteienkonstellation und Regierungszusammensetzung wesentlich zur divergenten wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung beigetragen haben.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, USA, Kanada, Machtressourcenansatz, Gøsta Esping-Andersen, Liberale Wohlfahrtsregime, De-Kommodifizierung, Stratifizierung, Gewerkschaften, Sozialpolitik, Politische Hegemonie, Arbeitsmarkt, Sozioökonomische Performanz, Sozialleistungen, Parteienkonstellation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit analysiert die Unterschiede in der wohlfahrtsstaatlichen Leistungsfähigkeit (Performanz) zwischen den USA und Kanada, obwohl beide Länder demselben liberalen Regimetyp angehören.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten zählen die Regimetypologie nach Esping-Andersen, das wirtschaftsliberale angelsächsische Wirtschaftsregime, die Machtressourcentheorie sowie ein direkter Vergleich sozioökonomischer Indikatoren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die divergierende Entwicklung der Sozialpolitik in beiden Ländern theoretisch zu erklären, insbesondere warum Kanada bei sozialen Indikatoren wie Teilhabe und Autonomie besser abschneidet als die USA.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung nutzt die „MSDO“-Methode (Most Similar Systems Design), um bei institutionell ähnlichen Ländern kausale Erklärungen für abweichende politische Ergebnisse zu finden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen empirischen Vergleich der Performanzprofile sowie eine detaillierte Ursachenanalyse, wobei insbesondere die Rolle der Gewerkschaften und die parteipolitische Hegemonie (konservativ vs. sozial-liberal) untersucht werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Wohlfahrtsregime, Machtressourcenansatz, De-Kommodifizierung, Stratifizierung und parteipolitische Konstellationen.
Welchen Einfluss haben die Gewerkschaften laut der Analyse auf die Sozialpolitik?
Die Arbeit zeigt, dass eine schwache gewerkschaftliche Organisation mit einer geringeren Sozialleistungsquote korreliert, wobei Kanada eine stärkere Arbeitnehmervertretung aufwies als die USA.
Warum wird die USA in der Studie als „Prototyp“ des liberalen Regimes bezeichnet?
Die USA zeigen die geringsten Abweichungen vom liberalen Idealtypus, insbesondere aufgrund einer starken Marktorientierung, einem geringen gewerkschaftlichen Einfluss und einem hohen Anteil bedürftigkeitsgeprüfter Sozialleistungen.
Welche Rolle spielten liberale Regierungen in Kanada für die Sozialreformen?
Liberale Regierungen in Kanada konnten in der Nachkriegszeit expansive Sozialprogramme ohne die institutionellen Zwänge umsetzen, die in den USA oft zu einem politischen Stillstand führten.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2016, Wohlfahrtsstaatlichkeit in Kanada und den USA. Eine theoriebasierte Analyse anhand des Machtressourcenansatzes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540864