In dieser Arbeit soll die Gewalt als Jugendphänomen dargestellt, anhand eines Fallbeispiels analysiert und die Verhinderungsmöglichkeiten des Fallbeispiels erläutert werden. Es war immer wieder in den Printmedien zu lesen, dass Jugendgewalt eines der größten Probleme unserer Gesellschaft wäre und dass die Täter immer skrupelloser würden. Um nur einzelne zu nennen, man las von U-Bahn-Schlägern wie Spyridon und Serkan, man hörte von Mädchengangs, die wahllos wehrlose Menschen angriffen und man erschrak bei der Meldung über den Amoklauf Robert Steinhäusers in Erfurt. Sofern man den Medien Glauben schenken mag, ist unsere Generation scheinbar außer Rand und Band geraten. Was aber ist Gewalt überhaupt? Gibt es tatsächlich verstärkte Gewalt unter Jugendlichen und welche Charakteristika weist Jugendgewalt auf?
Bei den beschriebenen Ereignissen wurde eines zudem ebenfalls deutlich, die klare Täterkategorisierung. Von den Verursachern wird nur als Täter gesprochen. Was aber wäre, wenn auch sie Opfer wären? Müsste dann die Tat anders bewertet und müsste dann folglich nicht nur vom Täter, sondern auch vom Opfer gesprochen werden? Für die Prävention und die Strafverfolgung könnte dies zu eventuell anderen Bewertungen führen. Daher nimmt sich diese nachfolgende Arbeit dieser Thematik an und fragt: Können jugendliche Täter auch Opfer sein?
Zunächst stellt Kapitel 2.1 die Definition von Gewalt unter dem besonderen Bezug auf die Jugend dar. Dieses wird dann in Kapitel 2.2 durch die Einordnung der Jugendgewalt im Gesamtgewaltkontext komplettiert sowie deren Ausmaß angezeigt. Anschließend widmet sich Kapitel 3 der Analyse eines Fallbeispiels im Kontext der Jugendgewalt: dem Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002. Diese beginnt zunächst mit der kurzen Personen- und Tatbeschreibung des Amokläufers bzw. des Amoklaufs (Kap 3.1). Dabei wird Robert Steinhäuser, der Amokläufer, psychologisch wie soziologisch analysiert und aufgezeigt, wie und weshalb es überhaupt zur Tat kam. Anhand der Analyse der Ursachen (Kap. 3.2) im Gesamtkontext, soll gezeigt werden, dass Opfer und Täter nicht klar voneinander abzugrenzen sind und dass Opferwerdung auch Täterwerdung bedingen kann. Verbindend dazu soll abschließend nach dem Fazit Impulsen für die Verhinderung von Amokläufen Raum gegeben und Lehren daraus gezogen werden (Kap. 5).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gewalt unter Berücksichtigung von Jugendgewalt
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Ausmaß und Einordnung der Jugendgewalt
3. Gewalt im Alltag deutscher Jugendlicher – Das Beispiel Robert Steinhäuser
3.1 Personen- und Tatbeschreibung
3.2 Ursachen dieser Tat
4. Fazit
5. Prävention und Lehren des Amoklaufs
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Phänomen Jugendgewalt mit dem Ziel zu klären, ob jugendliche Täter im Kontext von Gewalttaten gleichzeitig als Opfer gesellschaftlicher oder persönlicher Umstände betrachtet werden können. Anhand des Fallbeispiels des Amoklaufs von Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium werden die Ursachen für eine solche Tat analysiert und Präventionsmöglichkeiten sowie Lehren für das Schulsystem diskutiert.
- Definition und theoretische Einordnung von Jugendgewalt
- Analyse des Einflusses von Leistungsdruck und schulischem Misserfolg
- Bedeutung von Anerkennungsmangel und sozialer Isolation als Faktoren
- Rolle von Medienkonsum und virtuellen Realitäten bei der Aggressionsentwicklung
- Diskussion über präventive Ansätze im schulischen und gesellschaftlichen Umfeld
Auszug aus dem Buch
3.1 Personen- und Tatbeschreibung
Um es vorwegzunehmen, Robert Steinhäuser hat 2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen und sich selbst im Zuge seines Amoklaufes getötet (vgl. Wahl/Hees 2009: 30). In diesem kurzen Abschnitt der Arbeit sollen der Tathergang des Amoklaufs sowie einige Ereignisse vor der Tat zusammengefasst werden. Es soll hier keine, nach polizeilichem Ermessen, umfassende Schilderung des Tathergangs erfolgen. Diese Zusammenfassung soll vielmehr dazu dienen, den Menschen hinter der Tat zu analysieren, nicht so sehr die Tat selbst.
Privat hörte Robert New-Metal-Musik, trug schwarze Kleidung, spielte Ego-Shooter am PC und sah Filme mit gewaltdarstellenden Szenen (vgl. Wahl/Hees 2009: 30f.). Auch für das Columbine-Massaker, einen 1999 verübten Amoklauf in den USA, interessierte er sich und recherchierte darüber (vgl. Gasser 2004: 12). Er hatte durchaus Freunde, er war also nicht gänzlich isoliert. Er traf sich auch des Öfteren mit Freunden, die mit ihm Ego-Shooter und Ähnliches konsumierten (vgl. ebd.: 333f.). Später verbrachte er seine Freizeit zusätzlich in einem Schützenverein, von dem er eine Waffenbesitzkarte erhielt und mit der er sich selbst eine Pistole, eine Pumpgun und Munition dafür kaufte (vgl. Wahl/Hees 2009: 31).
Während der Zeit auf dem Gymnasium, wurden Roberts Noten stetig schlechter. Anfang 1999 meldete er sich bei der Realschulprüfung an, die er aber durch mehrmalige ungenügende Zensuren abbrach (vgl. Gasser 2004: 13) In die elfte Klasse wurde er trotz seiner schwachen Leistungen dennoch versetzt, musste sie aber wiederholen (vgl. Müller 2004). Merklich distanzierte er sich mehr und mehr, redete kaum noch und saß sogar in der Klasse allein (vgl. Wahl/Hees 2009: 31). Die Schule wurde für ihn zur Nebensache, er schwänzte mehrfach und stellte sich selbst gefälschte ärztliche Atteste aus. Daraufhin erhielt Robert nach einigen Ermahnungen den Schulverweis. Diese Situation verheimlichte er vor den Eltern und dem Bruder, selbst die Schulkameraden und Freunde dachten, er hätte nur die Schule gewechselt (vgl. ebd.: 32).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik der Jugendgewalt ein und stellt die zentrale Forschungsfrage, ob jugendliche Täter bei schweren Delikten auch als Opfer gesehen werden können.
2. Gewalt unter Berücksichtigung von Jugendgewalt: Dieses Kapitel definiert Gewalt und Jugendgewalt theoretisch und ordnet deren Ausmaß in den gesellschaftlichen Kontext ein.
3. Gewalt im Alltag deutscher Jugendlicher – Das Beispiel Robert Steinhäuser: Das Kapitel analysiert den Amoklauf von Erfurt durch die Beschreibung der Person und die Ergründung der Ursachen im soziopsychologischen Umfeld.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Täter durch ihre Lebensgeschichte und den gesellschaftlichen Kontext ebenfalls eine Opferrolle einnehmen können.
5. Prävention und Lehren des Amoklaufs: Der letzte Abschnitt diskutiert notwendige gesellschaftliche und schulische Veränderungen, um dem Phänomen Jugendgewalt entgegenzuwirken.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, Amoklauf, Robert Steinhäuser, Anerkennung, Schulsystem, Leistungsdruck, Aggression, Gewaltprävention, Täter-Opfer-Verhältnis, soziale Isolation, Persönlichkeitsentwicklung, Frustration, Ego-Shooter, Erfurter Gutenberg-Gymnasium, Entwicklungspsychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der schweren Jugendgewalt und hinterfragt, inwiefern Täter von Gewalttaten wie Amokläufen durch ihr soziales und schulisches Umfeld selbst zu Opfern geworden sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition von Gewalt, der Zusammenhang von schulischem Versagen und Identitätsbildung sowie die Rolle gesellschaftlicher Leistungsansprüche bei der Entstehung von Gewalt.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob jugendliche Täter aufgrund ihrer Lebensumstände und dem mangelnden Halt in ihrem Umfeld auch als Opfer bezeichnet werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin nutzt eine Fallstudienanalyse, bei der der Amoklauf von Robert Steinhäuser als konkretes Beispiel dient, um theoretische Konzepte der Sozialpsychologie und Pädagogik zu veranschaulichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Jugendgewalt, der detaillierten Biografie des Täters Robert Steinhäuser und der Analyse von Ursachen wie fehlender Anerkennung, schulischem Druck und dem Einfluss von Medien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Jugendgewalt, Anerkennungsmangel, Leistungsgesellschaft, Schulversagen und Prävention.
Warum war der Schulverweis für Robert Steinhäuser so entscheidend?
Der Schulverweis wird als die letzte große Demütigung interpretiert, die für den bereits labilen Jugendlichen den Verlust seiner Zukunftsperspektive und den endgültigen sozialen Absturz bedeutete.
Spielen Computerspiele eine direkte Ursache für den Amoklauf?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Computerspiele nicht die direkte Ursache sind, sondern als verstärkender Faktor fungierten, der dem Täter half, eine virtuelle Welt als Fluchtpunkt zu nutzen.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2014, Jugendliche zwischen Täter- und Opfersein. Das Fallbeispiel des Amoklaufs von Erfurt 2002, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540865