Jugendliche zwischen Täter- und Opfersein. Das Fallbeispiel des Amoklaufs von Erfurt 2002


Studienarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt unter Berücksichtigung von Jugendgewalt
2.1 Begriffsdefinition
2.2 Ausmaß und Einordnung der Jugendgewalt

3. Gewalt im Alltag deutscher Jugendlicher – Das Beispiel Robert Steinhäuser
3.1 Personen- und Tatbeschreibung
3.2 Ursachen dieser Tat

4. Fazit

5. Prävention und Lehren des Amoklaufs

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es war immer wieder in den Printmedien zu lesen, dass Jugendgewalt eines der größten Probleme unserer Gesellschaft wäre und dass die Täter immer skrupelloser würden. Um nur einzelne zu nennen, man las von U-Bahn-Schlägern wie Spyridon und Serkan, man hörte von Mädchengangs, die wahllos wehrlose Menschen angriffen und man erschrak bei der Meldung über den Amoklauf Robert Steinhäusers in Erfurt. Sofern man den Medien Glauben schenken mag, ist unsere Generation scheinbar außer Rand und Band geraten. Was aber ist Gewalt überhaupt? Gibt es tatsächlich verstärkte Gewalt unter Jugendlichen und welche Charakteristika weist Jugendgewalt auf?

Bei den beschriebenen Ereignissen wurde eines zudem ebenfalls deutlich, die klare Täterkategorisierung. Von den Verursachern wird nur als Täter gesprochen. Was aber wäre, wenn auch sie Opfer wären? Müsste dann die Tat anders bewertet und müsste dann folglich nicht nur vom Täter, sondern auch vom Opfer gesprochen werden? Für die Prävention und die Strafverfolgung könnte dies zu eventuell anderen Bewertungen führen. Daher nimmt sich diese nachfolgende Arbeit dieser Thematik an und fragt: Können jugendliche Täter auch Opfer sein?

In der vorliegenden Arbeit soll die Gewalt als Jugendphänomen dargestellt, anhand eines Fallbeispiels analysiert und die Verhinderungsmöglichkeiten des Fallbeispiels erläutert werden.

Zunächst stellt Kapitel 2.1 die Definition von Gewalt unter dem besonderen Bezug auf die Jugend dar. Dieses wird dann in Kapitel 2.2 durch die Einordnung der Jugendgewalt im Gesamtgewaltkontext komplettiert sowie deren Ausmaß angezeigt. Anschließend widmet sich Kapitel 3 der Analyse eines Fallbeispiels im Kontext der Jugendgewalt: dem Amoklauf von Erfurt im Jahr 2002. Diese beginnt zunächst mit der kurzen Personen- und Tatbeschreibung des Amokläufers bzw. des Amoklaufs (Kap 3.1). Dabei wird Robert Steinhäuser, der Amokläufer, psychologisch wie soziologisch analysiert und aufgezeigt, wie und weshalb es überhaupt zur Tat kam. Anhand der Analyse der Ursachen (Kap. 3.2) im Gesamtkontext, soll gezeigt werden, dass Opfer und Täter nicht klar voneinander abzugrenzen sind und dass Opferwerdung auch Täterwerdung bedingen kann. Verbindend dazu soll abschließend nach dem Fazit Impulsen für die Verhinderung von Amokläufen Raum gegeben und Lehren daraus gezogen werden (Kap. 5).

2. Gewalt unter Berücksichtigung von Jugendgewalt

2.1 Begriffsdefinition

In seiner Grundbedeutung steht das Verb „waldan“, aus dem sich Gewalt ableitet, für Macht ausüben und etwas beherrschen können (vgl. Imbusch 2002: 29). In dieser Arbeit soll es aber lediglich um das in englischer Sprache eindeutiger zugeordnete Wort „violence“ gehen, um die Gewalt, die im Gegensatz zu „power“ negativ konnotiert ist und meistens den „Einsatz von Machtmitteln ohne das Einverständnis des anderen“ „entgegen Übereinkünften und Normen in der Gesellschaft“ meint, also nicht sozial verträglich ist (Streit 2010: 29f.). Es wird daher von vorneherein impliziert, dass es mindestens zwei verschiedene Beteiligte gibt: denjenigen, der Gewalt ausübt (Täter) und denjenigen, der des Täters Gewaltausübung erleidet (Opfer) (vgl. Imbusch 2002: 34).

Klassifizieren und einordnen kann man Gewaltausübung näher, wenn man betrachtet, wer daran beteiligt ist, was, wie und warum es geschieht (vgl. ebd.). Schon hier wird ersichtlich, wie komplex eine Gewaltausübung sein kann und dass die Schuldfrage nicht einfach geklärt werden kann. Primär bezieht sich eine enge Gewaltauslegung auf die reine physische Verletzung des Opfers, jedoch sollte man den Begriff durch psychische Gewalt wie verbale Äußerungen erweitern (Roose/Schäfer/Schmidt-Lux 2010: 251). Allerdings muss sich Gewalt nicht zwangsläufig gegen Personen richten, auch Sachbeschädigungen kommen häufig vor (vgl. Imbusch 2002: 45). Letztendlich kann Gewalt aber in unterschiedlichsten Formen mit unterschiedlichsten Mitteln angewendet werden und bleibt dem Täter vorbehalten (vgl. ebd.: 35).

„Jugendgewalt [an sich] befasst sich mit sozial nicht verträglicher Gewalt und krankhaft aggressivem Handeln [von Kindern und Jugendlichen ab 10] sowie dem zugrundeliegenden dynamischen Prozess“ (Streit 2010: 36). Wenn man sich dem Thema Gewalt nähert, wird Aggression oft synonym verwendet. Allerdings meint Aggression weitaus mehr als es Gewalt auszudrücken vermag (vgl. Wahl/Hees 2009: 23). Aggressionen sind gesteuerte Verhaltensmuster, die darauf abzielen, etwas durchzusetzen (vgl. ebd.: 24f.) Dass daraus Gewalttätigkeit resultieren kann, liegt nahe. Krankhaft aggressives Verhalten kann Voraussetzung für Jugendgewalt sein.

Die Frage, welche Faktoren einen Gewaltakt begünstigen, ist ebenso vielschichtig wie der Gewaltbegriff selbst (vgl. Imbusch 2002: 35). Welche Faktoren schließlich für das Ausbrechen von Gewalt verantwortlich sind, lässt sich nicht generalisieren, die Zusammensetzung und Gewichtung der Faktoren ändert sich je nach Situation. „Gewalt braucht die richtigen Situationen, die richtige Gelegenheit, die förderlich zusammenwirkenden Bedingungen, die Peer-Gruppe, das Milieu, die Sozialisation des Jugendlichen und eine Vielzahl anderer personen- und/oder umweltbezogener Faktoren“ (Streit 2010: 77). Es gibt auch keine Merkmale, anhand dessen man kriminelle Karrieren vorhersagen kann, weder Armut oder schwierige Lebensverhältnisse führen automatisch zu Gewalttätigkeit (vgl. Spieker 1998: 221). Vielmehr sind es viele verschiedene Faktoren, die zusammenspielen, um Gewalt als Lösungsansatz zu wählen.

Davon ausgehend soll nach der nun folgenden Bestandsaufnahme von Jugendgewalt in Deutschland das Hauptaugenmerk dieser Arbeit auf der Analyse eines Fallbeispiels liegen, welches verdeutlichen soll, dass viele Faktoren Gewalttaten begünstigen können und man deshalb die Täter- und Opferrolle nicht eindeutig voneinander abgrenzen kann.

2.2 Ausmaß und Einordnung der Jugendgewalt

Dem postulierten Anstieg der Jugendgewalt in den Printmedien stehen wissenschaftliche Daten gegenüber. Die wissenschaftlich empirischen Daten entsprechen nicht dem Medienbild über Jugendkriminalität, das Jugendkriminalität zusehends überspitzt (vgl. ebd.: 214). Es sind zwar im Vergleich zu den letzten Jahren mehr Gewalttaten registriert worden (vgl. Wahl/Hees 2009: 14). Allerdings können sich Hell- und Dunkelfeld verschieben, ohne dass sich die Anzahl der Straftaten verändert hat, was einige Studien stützen (vgl. ebd.: 19). Danach dürfte das Ausmaß jugendlicher Gewaltdelikte gemessen an den Gesamtgewaltdelikten konstant niedrig sein.

Besonders bedeutend bei der Fokussierung von Gewalt bei der Zielgruppe der unter 18-Jährigen ist, dass Jugendgewalt „der Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse [ist und] die unmissverständliche Aufforderung [darstellt], etwas zu ändern“ (Streit 2010: 51). Insofern dürfte in einer Gesellschaft ohne großes Konfliktpotential auch weniger Jugendgewalt existieren als in gegenteiligen Gesellschaften.

Ersichtlich wird daran, dass der Populismus über dieses Thema dem Ausmaß nicht gerecht wird. Vielmehr sollte eher die Frage gestellt werden, warum man annimmt, dass die Jugendgewalt steigt. Jugendstraftaten werden häufiger und schneller entdeckt, weil sie „oft aus Gruppenzusammenhängen heraus, spontan, wenig durchdacht und nicht professionell“ geschehen und öffentlicher und damit sichtbarer sind (Spieker 1998: 216). Deshalb kann es nicht verwundern, dass der Anteil jugendlicher Straftäter gemessen am Bevölkerungsanteil überproportional hoch ist.

Unterschiede bei Gewalttaten gibt es zwischen den Geschlechtern und zwischen den Nationalitäten, auch wenn eine Generalisierung aller nicht empfehlenswert ist. Es lässt sich dennoch feststellen, dass Jungen deutlich häufiger straftätig werden als Mädchen, wenngleich die Tendenz der Mädchenstraftaten steigt (vgl. Ecarius et al. 2011: 187f.). Mädchen und Jungen unterscheiden sich auch durch die angewendeten Gewaltformen, allerdings verschwimmen bei zunehmender Gewalt oder Aggression die Geschlechtsunterschiede (vgl. Streit 2010: 76). Mädchen verüben eher psychische, Jungs eher körperliche Gewalt (vgl. Wahl/Hees 2009: 89). Jugendliche mit Migrationshintergrund werden häufig im Zusammenhang mit mehr Gewaltpotential genannt. Solche Jugendliche sind bei der Tat aber oft jünger und dadurch stärker entwicklungsdeviant und zudem werden solche Straftaten häufiger angezeigt als deutsch-deutsche Straftaten. Dies hat mitunter zur Folge, dass automatisch mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund in den Statistiken auftauchen (vgl. ebd.: 16). Diese Polemik sollte den Blick auf Nationalitäten nicht verschränken.

Daran anknüpfen sollte die Tatsache, dass Gruppen aus mehreren Jugendlichen ebenfalls gewalttätig sein können, mehr denn je. „Die Tendenz geht heute eindeutig dahin, sich Gruppierungen anzuschließen, die Sicherheit und Halt in der entschiedenen Auseinandersetzung im Kampf gegen die anderen bieten“ (Streit 2010: 85). Wichtig hierbei ist zudem auch, wie sich die Freizeitgestaltung und der Einfluss der Freunde auf Situationen potentieller Gewaltauslöser auswirken (vgl. Spieker 1998: 219).

Unabhängig davon begehen mindestens ein Viertel der Jugendlichen Gewalttaten in ihrer Entwicklungsphase (vgl. Streit 2010: 75). Dies impliziert, dass Gewalt eine entwicklungsbedingte „Normalität“ darstellt, die erfolgt, wenn man älter wird. Dazu gehört, dass Kinder oder Jugendliche Grenzen austesten, sich ausprobieren und so die Erwachsenenwelt kennenlernen. Jugendgewalt ist oft Entwicklungsdevianz und eine typische Auffälligkeit (vgl. Wahl/Hees 2009: 20). „Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen setzt ihre Aktivitäten im jungen Erwachsenenalter nicht mehr fort“ (Streit 2010: 76). „Nur ein kleiner Teil der Gesamtheit straffälliger Jugendlicher beginnt eine kriminelle Karriere“ (Spieker 1998: 220). Aufgrund dessen widme ich mich in meinem nun folgenden Fallbeispiel einer schwerwiegenden Gewalttat, die mit typischer entwicklungsbedingter Auffälligkeit nicht erklärt werden kann.

[...]


1 Im Folgenden wird der Täter nur mit Vornamen angesprochen, um eine Entmenschlichung zu verhindern. Dies soll aber keineswegs eine Verharmlosung der Tat darstellen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jugendliche zwischen Täter- und Opfersein. Das Fallbeispiel des Amoklaufs von Erfurt 2002
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,3
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V540865
ISBN (eBook)
9783346155740
ISBN (Buch)
9783346155757
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend, Familie, Schule, Gewalt, Amoklauf, Amok, Täter, Opfer, Erfurt, Gymnasium, Leistung, Ego-Shooter
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Jugendliche zwischen Täter- und Opfersein. Das Fallbeispiel des Amoklaufs von Erfurt 2002, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540865

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