Evidentialitäten im Sprachkontakt zwischen Quechua und Spanisch. Das Verb "decir" als Beispiel dieses Phänomens


Hausarbeit, 2016

23 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zielsetzung der Hausarbeit

2. Das Phänomen der Evidentialität
2.1 Evidentialität im Allgemeinen
2.2 Evidentialität im Sprachkontakt zwischen Spanisch und Quechua

3. Decir als besonderes Beispiel einer epistemischen Markierung

4. Fazit

5. Bibliographie

1. Zielsetzung der Hausarbeit

Der Sprachkontakt zwischen Spanisch und Quechua lässt sich auf das 16. Jahrhundert zurückführen, als die Sprache der spanischen Eroberer nach dem Sieg über das Inka-Imperium zur dominanten Sprache der Anden wurde und damit das Quechua als offizielle Sprache der Inka ablöste. Auch heute sprechen noch etwa zehn Millionen Menschen Quechua, was es zur meistgesprochenen indigenen Sprache ganz Amerikas macht. Aufgrund der alltäglichen Kommunikation zwischen bilingualen Quechua-Spanisch-Sprechern und monolingualen Spanisch- Sprechern im Laufe des letzten Jahrhunderts, hat sich der aus dem Sprachkontakt entstandene Dialekt des andinen Spanisch in der Region verankert, zumal die Kombination Quechua-Spanisch nach Spanisch-Englisch und Englisch-Französisch die dritthäufigste Art von Bilingualismus in Amerika ist (vgl. Escobar 2011: o.S., Kap. 1). Was die Beschaffenheit der Sprache betrifft, so haben sich durch das Aufeinandertreffen der beiden Sprachkulturen in dieser Region einige Veränderungen sowohl für das Spanische als auch im Quechua ergeben, die eng mit der Verschiedenheit der beiden Sprachsysteme zusammenhängen, welche es im gegenseitigen Kontakt zu kompensieren gilt. Während es sich beim Quechua um eine agglutinierende Sprache handelt, lässt sich das Spanische als fusionierende bzw. (relativ) flektierende Sprache einordnen. Das bedeutet, dass im Quechua die syntaktische Funktion eines Wortes nicht durch beispielsweise Flexion, sondern durch das Anhängen von grammatischen Morphemen an den nicht veränderbaren Wortstamm erkennbar wird, wobei jedes Morphem eine bestimmte Bedeutung hat und nicht zu mehreren grammatikalischen Zwecken genutzt werden kann. Außerdem folgt das Spanische einer Verb-Objekt-Ordnung, während Quechua nach einer Objekt-Verb-Ordnung strukturiert ist und das Spanische weist eine schriftliche Standart-Varietät auf, wohingegen Quechua eine grundsätzlich mündliche Sprache ist, die sich noch in einem Prä-Standardisierungsprozess befindet (vgl. Escobar 2000: 12).

Einer der gravierenden Unterschiede zwischen den zwei Sprachen lässt sich konkret am Begriff der Evidentialität festmachen, einem grammatikalischen Phänomen, welches im Quechua existiert, im Spanischen jedoch nicht. Wie aber versuchen Quechua-Sprecher, wenn sie sich im Spanischen verständigen, die Evidentialität zu 'übersetzen' oder das Fehlen dieser grammatikalischen Kategorie auszugleichen? Zahlreiche linguistische Untersuchungen beschäftigen sich mit dieser Frage und versuchen, diese anhand von Studien zu beantworten. Eine interessante Studie in diesem Zusammenhang wurde von Marilyn S. Manley mit 70 bilingualen Sprechern von Cuzco-Quechua und Spanisch durchgeführt, die Mitglieder gemeinnütziger NGOs in Cuzco sind – dem Mittelpunkt des Inkareichs (vgl. Manley 2007: 191 f.). Die Teilnehmer sind sowohl Frauen als auch Männer im Alter von 11 bis 58 Jahren mit unterschiedlicher Schulbildung, die alle spätestens mit 18 Jahren -entweder in ihrer Gemeinde oder nach der Zuwanderung nach Cuzco-Stadt - Spanisch erlernten und mittlerweile nach eigenen Angaben zur alltäglichen Kommunikation mehr Spanisch als Quechua sprechen. Während der ungefähr 30 Minuten langen Interviews wurden jedem der Teilnehmer 22 Fragen auf Spanisch gestellt, von denen 16 im Präsens, drei im Futur, eine im Konditional, eine im Konditional und Subjuntivo pasado und eine im Perfekt gestellt wurden. Abgesehen von der Unterschiedlichkeit des Alters und des Bildungshintergrundes, stellen einige Kriterien des Interviews einen positiven Unterschied zu bereits von anderen Linguisten durchgeführten Studien dar. Dadurch, dass das Interview nicht strikt formell gehalten wurde und die Befragten bereits zuvor getroffen wurden, ließen sich potentielle Hemmungen der Teilnehmer vorweg vermindern. Außerdem wurden offene Fragen gestellt, deren Antworten keine vorgegebene Länge hatten und die sich auch mit den Gefühlen und der Haltung der Beteiligten zu ihren beiden Sprachen beschäftigten, was eventuell ein aufrichtigeres und freieres Gespräch ermöglicht (vgl. Manley 2007: 197 f.).

Manleys Publikation wird somit eine der Hauptquellen für diese Hausarbeit sein.

Ziel des Versuchs von Manley mit bilingualen Quechua-Muttersprachlern ist es unter anderem aufzuzeigen, auf welche Weise die Sprecher durch ihre Verwendung von Evidentialitäten Einfluss auf das andine Spanisch ausüben. Viele der acht möglichen epistemischen Markierungen, die sie in ihrer Studie untersucht, erweisen sich als nicht vollständig nachvollziehbar, bzw. lassen einige Zweifel offen. Die Funktion von decir als Lehnübersetzung der Markierung -si/-s erscheint hingegen verständlich und lässt sich durch konkrete Anhaltspunkte und Besonderheiten spezifisch untersuchen und von den anderen Hypothesen Manleys abgrenzen, wie im Laufe der Arbeit ausgeführt wird.

In dieser Hausarbeit soll – ausgehend von Manleys Publikation und ergänzt durch andere Texte – erörtert werden, inwiefern sich decir als epistemische Lehnübersetzung charakterisiert und von den anderen möglichen Lehnübersetzungen abgrenzt und welchen Stellenwert diese Markierung im linguistischen Diskurs der Evidentialitäten im Sprachkontakt zwischen Quechua und andinem Spanisch hat. Dazu soll zunächst der Begriff der Evidentialität im Allgemeinen erläutert werden, um im Anschluss konkret auf die Evidentialität im Sprachkontakt zwischen Andinem Spanisch und Quechua einzugehen. Im dritten Punkt liegt der Fokus auf dem Verb decir als besonderem Beispiel in diesem Kontext. Im Fazit erfolgt die Zusammenfassung der gewonnen Ergebnisse und ein Verweis auf mögliche Problematiken des hier beleuchteten wissenschaftlichen Diskurses.

2. Das Phänomen der Evidentialität

2.1 Evidentialität im Allgemeinen

Evidentialität lässt sich als eine grammatikalische Kategorie beschreiben, die Aufschluss über die Herkunft der jeweils geäußerten Information gibt. Die Art und Weise, wie die Quelle einer Information in einem bestimmten Sprachsystem ausgedrückt wird, hat direkten Einfluss auf kommunikative, kognitive und kulturelle Eigenschaften einer Sprechergruppe, was Evidentialität zu einem unumgänglichen und interessanten Sujet zahlreicher wissenschaftlicher Diskurse macht (vgl. Aikhenvald 2004: xi).

Laut Aikhenvald (2004: 98 f.) weisen Evidentialitäten – anders als andere grammatikalische Kategorien – auf semantischer Ebene starke Ähnlichkeit mit einem Prädikat auf, das bedeutet also, sie sind maßgeblich für die Bedeutung des gesamten Satzes.

Evidentialitäten werden je nach Sprache durch Affixe, Partikel, Klitika oder besondere Verbformen grammatisch markiert (vgl. Aikhenvald 2004: 67).

Im Gegensatz zu anderen Kategorien ist ihre Markierung auch mehrmals innerhalb eines Satzes möglich, um sich auf verschiedene miteinander in Verbindung stehende Informationsquellen zu beziehen (vgl. Aikhenvald 2004: 67).

Aus der Ableitung vom englischen Terminus evidence resultiert die häufige falsche Annahme, dass Evidentialitäten die Wahrheit oder Falschheit einer Aussage ausdrücken (vgl. Aikhenvald 2004: 4 f.). Der Grad der Beherrschung der Evidentialität hängt zwar oft mit Status und Eloquenz des Sprechers zusammen, weshalb ein wortgewandter Sprecher beispielsweise auch durch die von ihm geäußerte Evidentialität den Wahrheitsgehalt der Information oder ihrer Quelle verfälschen kann, dies ändert jedoch nichts an der Grundbedeutung dieser grammatikalischen Kategorie: "However, expressing an appropriate information source has nothing to do with one's 'epistemic stance', point of view, or personal reliability" (Aikhenvald 2004: 5), wie Aikhenvald dazu treffend konstatiert. Evidentialitäten können zwar in manchen Fällen Nebenbedeutungen über Zuverlässigkeit oder Wahrscheinlichkeit erhalten, dies ist aber nicht die Regel (vgl. Aikhenvald 2004: 6).

Des Weiteren darf eine Evidentialität nicht mit einer Modalität verwechselt werden. "A hypothetical modality may overlap with a non-firsthand evidential: both could be used for something one has not observed and thus has reservations about. This does not make a modal into an evidential" (Aikhenvald 2004: 6 f.). In Sprachen mit längeren evidentialen Systemen, beispielsweise im Quechua, können hypothetische Modalität und Irrealis im selben Satz mit Evidentialitäten verbunden werden, was zeigt, dass es sich hierbei um verschiedene Kategorien handelt (vgl. Aikhenvald 2004: 7).

Die alternierende Verwendung der Begriffe der Evidentialität sowie der epistemischen Markierung in diesem Kontext trägt im Hinblick auf die verschiedenen Schriften zu diesem Thema und auf die unterschiedlichen Definitionen des Terminus epistemisch ebenfalls zur Konfusion bei. Die vorliegende Arbeit richtet sich nach der Begriffsbeschreibung von Aikhenvald, laut der epistemische Markierungen Ausdrücke sind, welche in der Kontaktsprache zur Übersetzung von Evidentialitäten herangezogen werden (vgl. Aikhenvald 2004: 7). Wie im Folgenden noch genauer erläutert wird, ist das Verb decir eine dieser Markierungen.

Laut Dankel (2015: 37 f.) findet in manchen Zielsprachen ein langer Prozess der Grammatikalisierung statt, der dazu führt, dass Wörter anderer Kategorien schließlich ihre ursprüngliche Funktion verlieren und sich im Gegenzug die Rolle einer Evidentialität aneignen. Deshalb funktioniert für ihn die strikt auf bestimmte Charakteristika begrenzte Definition der grammatikalischen Kategorie nach Aikhenvald nur bedingt, da sie keine Berücksichtigung dieses fluiden Wandels vorsieht (vgl. Dankel 2015: 37 f. ). Hier wird dennoch von Aikhenvalds oft zitierter und übersichtlicher Definition Gebrauch gemacht, da diese einen solchen Prozess nicht ausschließt, sondern lediglich eine Beschreibung für ein bereits existentes Evidentialitätensystem vornimmt. Des Weiteren sei trotz der offensichtlichen Auswirkungen der Evidentialität auf den Sprachkontakt dahingestellt, ob man von einer festen Etablierung dieser Kategorie im Sprachsystem des andinen Spanisch ausgehen könnte, wie unter 2.2 weiter ausgeführt wird.

Das Phänomen der Evidentialität findet sich in einem Viertel aller Sprachen der Welt wieder, wobei es sich nicht nur um agglutinierende Sprachen wie Quechua handelt. Ein Satz ohne Berücksichtigung der Evidentialität wirkt in der jeweiligen Sprache ungrammatikalisch oder unvollständig (vgl. Aikhenvald 2004: 1f; 8). Überdies haben Sprachen ohne Evidentialitäten eine mangelhafte Wirkung auf Sprecher einer Sprache, die diese grammatikalische Kategorie beinhaltet (vgl. Aikhenvald 2004: 6). Deshalb findet im Sprachkontakt häufig eine Übertragung von Evidentialitäten statt, wie vom Quechua ins andine Spanisch. Dabei können Quantität und Wesen der Informationsquellen je nach Sprache von Informationen aus erster und zweiter Hand über Sehen/Hören/Riechen bis hin zum Ausdruck einer logischen Schlussfolgerung variieren (vgl. Aikhenvald 2004: 1). Oft sind auch mehrere Bedeutungen eines evidentialen Morphems hinsichtlich der Informationsquelle möglich (vgl. Aikhenvald 2004: 3). Ein evidentiales Morphem kennzeichnet sich dadurch, dass seine Hauptbedeutung die Informationsquelle ist. Dies lässt sich nicht nur durch die Intuition der Muttersprachler erschließen, sondern auch durch die Möglichkeit der lexikalischen Umschreibung dieses Morphems. Das bedeutet, es kann mit einem Begriff oder einer Erklärung paraphrasiert werden, beispielsweise 'Ich habe gesehen, dass...' (vgl. Aikhenvald 2004: 3 f.).

Dankels Argumentation ist auch deshalb problematisch, da man trotz der Beobachtung epistemischer Markierungen nicht sicher von einer obligatorischen Markierung im andinen Raum ausgehen kann. Der häufige Gebrauch dieser Markierungen, die im nächsten Kapitel genannt werden, kann vielmehr aus einer langen Überlieferung und schließlich Gewohnheit resultieren, das bedeutet, die meisten Sprecher ohne direkten Kontakt zu Quechua verwenden diese Markierungen womöglich nicht bewusst zur Vermittlung von Evidentialität, sondern schlichtweg als gängige Diskurspartikel.

Andere Arten des Ausdrucks der Informationsquelle, beispielsweise Einschübe, als Evidentialitäten der jeweiligen Sprache zu bezeichnen, ist inkorrekt, da es sich hierbei um lexikalische Ausdrücke und nicht um notwendige, grammatikalische Markierungen handelt (vgl. Aikhenvald 2004: 10).Je nach Sprachsystem variieren laut Aikhenvald (2004: 23) auch die Evidentialitäts-Markierungen von zwei Möglichkeiten in den einfacheren Systemen bis hin zu über sechs verschiedenen Markierungen in den komplexeren.

In vielen Sprachen mit Evidentialitäten werden je nach Diskursart bestimmte Evidentialitäten für bestimmte Sätze benutzt. Umgekehrt zeigt also bereits die Verwendung mancher Evidentialitäten den jeweilige Diskurstyp an. "Speakers of languages with evidentials may say that a story is not a story without a reported evidential" (Aikhenvald 2004: 9). So kann eine unerwartete oder unübliche Wahl einer Evidentialität beispielsweise auch auf einen ironischen Unterton hindeuten (vgl. Aikhenvald 2004: 9).

Aikhenvald betont die Schwierigkeit, die in der Erforschung dieser komplexen grammatikalischen Kategorie liegt, zumal diese in den bekannteren indo-europäischen Sprachen nicht existiert und damit auch nicht nach den Maßstäben dieser vertrauten Sprachen erklärt bzw. untersucht werden können (vgl. Aikhenvald 2004: 18). "Despite the recent surge of interest in evidentiality, it remains one of the least known grammatical categories" (Aikhenvald 2004: 3).

2.2 Evidentialität im Sprachkontakt zwischen Spanisch und Quechua

Im Quechua lassen sich ingesamt drei bis fünf Markierungen zum Ausdruck von Evidentialitäten unterscheiden. Nach Manley (2007: 191) gibt es fünf Markierungen im Cuzco Quechua. Dazu gehören zum einen die drei Suffixe -mi/-n, -si/-s und -chá1 und zum anderen die zwei Vergangenheitsformen -rqa und -sqa, über die jedoch noch Uneinigkeit herrscht (vgl. Manley 2007: 193 f.). Die Ungewissheit über die von Cerrón Palomino (2008: 140–143) als pasado no- experimentado und pasado experimentado sowie das gerade stattgefundene No-Futuro beschriebenen Vergangenheitsformen des Quechua wird auch von Dankel (2015: 44) erwähnt, der die bisherige Erforschung ihrer Unterschiede und Semantiken als unpräzise beschreibt. Die möglichen Bedeutungen der Suffixe -rqa und -sqa werden somit im Folgenden als eingeklammert betrachtet.

Laut Manley (2007: 192) lassen sich die drei erstgenannten Suffixe an Worte jeder beliebigen grammatikalischen Kategorie anhängen, während die beiden Vergangenheitsformen nur mit Verben kombiniert werden können.

Nach Aikhenvald (2004: 43) kann man für alle Quechua-Sprachen drei Arten von evidentialer Bedeutung feststellen – persönlich und visuell erworbene Kenntnis, indirekt erlangte Information und nicht persönlich erlangte, schlussgefolgerte Information. Sie bezieht sich in ihrer Erläuterung auf das im Südosten Perus gesprochene Wanka Quechua. Demnach steht -mi für die visuell erworbene Information, -chr, welches dem oben angeführten -chá entspräche, steht für eine Schlussfolgerung und -shi, bzw. -si, für eine berichtete Information. Manleys Übersicht über die bisherige Literatur führt dabei zwei Stimmen auf, die sich mit dieser Beobachtung decken. Zum einen bezieht sie sich auf die These, dass -mi/-n eine persönlich und bewusst miterlebte oder gesehene Situation beschreibt, -si/-s eine indirekt bzw. durch Hörensagen, erworbene Information, -rqa eine bewusste und miterlebte Situation und -sqa eine unbewusst wahrgenommene oder nicht direkte miterlebte Situation, was sowohl Cusihuamán (1976) als auch de Granda (2001) bestätigen (vgl. Manley 2007: 192 f.). Die Beobachtung zu beiden letzteren Vergangenheitsformen wird jedoch beispielsweise von Dedenbach-Salazar Sáenz (1997: 152) unter Berufung auf eines der ältesten bekannten Schriftstücke in Quechua infrage gestellt. Im Allgemeinen muss betont werden, dass die Semantik und Pragmatik dieser Markierungen und die Frage, ob und inwiefern sie im Kontakt mit Andinem Spanisch Einfluss auf den Gebrauch dieser Spanisch Varietät ausüben, Gegenstand einer großen wissenschaftlichen Debatte sind (vgl. Manley 2007: 191). Die einzige Markierung, über die weitgehend Einigkeit herrscht, ist laut Manley (2007: 192) das Suffix -chá, das zum Ausdruck von Vermutung dient, wobei eine Schlussfolgerung – die bereits erwähnte Bedeutung nach Aikhenvald – sich auch im weiteren Sinne als Vermutung bezeichnen lässt.

Weiterhin im Bezug auf das Wanka Quechua zeigt Aikhenvald (2004: 97) an einem Beispiel, dass hier die Informationsquelle und damit die Angemessenheit der verwendeten Evidentialität durchaus vom Gesprächspartner infrage gestellt werden kann.

Auch wenn das Fehlen einer Evidentialität in einer Äußerung generell mangelhaft erscheint, würde ein Quechua-Sprecher im Zweifelsfall schlussfolgern, dass ein Satz ohne Evidentialität die selbe evidentiale Bedeutung enthält, wie Sätze, die zum selben Text gehören. Wenn beispielsweise eine evidentialitätslose Aussage in dem Kontext eines Textes vorkommt, der die Evidentialität derberichteten Information verwendet, lässt sich diese Aussage ebenfalls als berichtete Information verstehen (vgl. Aikhenvald 2004: 79).

Ein interessanter Aspekt über den Gebrauch von Evidentialitäten im Quechua sind die möglichen Parallelen zwischen Quechua und Aymara, deren Sprachkontakt bereits lange vor dem Kontakt indigener Sprachen mit dem Spanischen stattfand (vgl. Manley 2007: 194). “Similarities between Quechua and Aymara, such as the fact that both languages make use of an epistemic system, have led many scholars to investigate the possible genetic relationship of the two languages” (Manley 2007: 194).

Die von vielen Wissenschaftlern vertretene, jedoch noch nicht gesicherte Behauptung, das Spanische Perfekt und Plusquamperfekt würden ebenfalls als epistemische Markierungen genutzt, ließ sich durch Manleys Versuch nicht beweisen, da das Plusquamperfekt lediglich von vier Befragten verwendet wurde (vgl. Manley 2007: 208). Als mögliche Erklärungen dafür nennt sie die Unterschiede der Teilnehmer ihrer Studie zu denen der anderen Studien oder das allmähliche Verschwinden der Suffixe -si/-s und -sqa, falls die Vergangenheitsformen ursprünglich tatsächlich zur Übersetzung dieser Suffixe dienten (vgl. Manley 2007: 200). Bereits die von Manley zu Beginn resümierten, bisherigen Thesen zu diesem Thema gehen weit auseinander, da sie sich zwar alle auf eine epistemische Nutzung dieser Zeitformen beziehen, jedoch weder zum Motiv, noch zur Bedeutung oder zum äquivalenten Evidentialitätsmarker im Quechua einheitliche Informationen erzielen, es herrscht demnach noch Unklarheit (vgl. Manley 2007: 193 f.; Dankel 2015: 45).

Abgesehen vom spanischen Perfekt und Plusquamperfekt beschäftigt sich Manley mit acht möglichen epistemischen Markierungen.2 Eine davon ist die Lehnübersetzung pues, die laut Manley (2007: 202) von 45 der insgesamt 70 Teilnehmer als Lehnübersetzung für das Suffix -mi/-n verwendet wurde, um einen hohen Grad an Gewissheit auszudrücken. Pues wurde dabei nicht ausschließlich, jedoch überwiegend ans Ende des Satzes gestellt (vgl. Manley 2007: 202). Bei den von Manley angeführten Beispielsätzen der Versuchsteilnehmer handelt es sich zwar um Aussagen, bzw. Informationen, die von den Sprechern offensichtlich als feststehende Tatsachen behandelt werden, es liegt jedoch kein Beweis dafür vor, dass der Terminus zwangsläufig als Übersetzung einer Evidentialität und nicht schlichtweg als Füllwort oder Diskursmarker zu verstehen ist – beispielsweise wie das deutsche also oder eben.3

The author hypothesizes that pues may be used in order to calque the Quechua -mi/-n in all positions within utterances, including the clause-final position. Used as al calque in this way, pues refers to the whole utterance in which it appears, serving to indicate how this is to be interpreted. (Manley 2007: 203).

[...]


1 -Mi und -si stehen nach Konsonanten, -n und -s nach Vokalen.

2 Die Markierung decir wird in diesem Absatz nicht weiter erwähnt, da sich das folgende Kapitel explizit damit befassen wird.

3 Zum Beispiel könnte man den Satz Nr. 18, “Tienen miedo porque aquí hablan pue castellano” (Manley 2007: 202), im Deutschen mit Sie haben Angst, weil sie hier eben Spanisch sprechen übersetzen oder den Satz Nr. 22 “Porque, mira, si no sabría pe castellano, ¿cómo podría educarme?” (Manley 2007: 203) mit Weil, sehen Sie, wenn ich also kein Spanisch spräche, wie könnte ich mich (weiter-)bilden.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Evidentialitäten im Sprachkontakt zwischen Quechua und Spanisch. Das Verb "decir" als Beispiel dieses Phänomens
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
23
Katalognummer
V540867
ISBN (eBook)
9783346171719
ISBN (Buch)
9783346171726
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beispiel, evidentialitäten, phänomens, quechua, spanisch, sprachkontakt, verb
Arbeit zitieren
Janina Isabel Weida (Autor), 2016, Evidentialitäten im Sprachkontakt zwischen Quechua und Spanisch. Das Verb "decir" als Beispiel dieses Phänomens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/540867

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