Der "österreichische Mensch" und die "österreichische Kultur" als politisches Programm


Seminararbeit, 2020

20 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Hugo von Hofmannsthal – Die Bedeutung unseres Kunstgewerbes für den Wiederaufbau

2 Robert Musil – Buridans Österreicher

3 Hans Prager – Der Österreicher

4 Oskar Schmitz – Initiator des Schlagwortes

5 Hugo Hassinger – Die Menschen österreichischer Art

6 Ernst Lissauer – Die Spiritualisierung der Landschaft Österreichs

7 Felix Braun – Die Landschaft

8 Das Österreichertum in den ersten Jahrzehnten der Republik

Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Nach der Gründung des neuen Österreichs nach dem Ersten Weltkrieg wagte niemand, die Unabhängigkeit des neuen Staates zu billigen, aber einige Schriftsteller begannen, über die Eigenschaften der Deutschösterreicher in der gefallenen Monarchie zu schreiben. William M. Johnston unterscheidet zwischen den drei Arten von Aufsätzen, die in den 1920er Jahren geschrieben wurden: die erste Art Aufsatz wollte den österreichischen Typus legitimieren, die zweite ihn bauen und die letzte satirisch beschreiben. Auf die letzte Art wird hier nicht eingegangen, da er die 1930er Jahre betraf. Johnston bestimmte darüber hinaus auch, welche Autoren für diese Typen typisch sind: Der Typ des ersten Aufsatzes wird repräsentiert durch Hofmannsthals Nachkriegswerke; der Typ des zweiten Aufsatzes wird repräsentiert durch Autoren, die sich auf die Beschreibung des österreichischen Kulturerbes beschränkten, wie etwa Felix Braun mit seinem Aufsatz „Die Landschaft“ oder Ernst Lissauer mit seinem Buch „Glück in Österreich“. Der zweite Aufsatztyp enthielt auch einen pathetischen Ton durch Hans Prager, der in „Der Österreicher“ über eine tragische österreichische Sichtweise schrieb.1 Der Begriff „der österreichische Mensch“ tauchte erstmals im Jahr 1924 auf, und zwar in dem gleichnamigen Buch von Oscar Schmitz. Auch in dem Buch von Hugo Hassinger über die Tschechoslowakei ist davon die Rede. Diese beiden Autoren waren die ersten, die dieses Wort verwendeten2, und deshalb bemerkte Johnson, dass „sie einen Ehrenplatz in der Geschichte des Diskurses über die österreichische Eigenart verdienen“3. In dieser Zeit gibt es auch zwei Autoren, die durch Poesie die Beziehung zwischen den Österreichern und ihrer Landschaft zum Ausdruck brachten. Obwohl die Öffentlichkeit zu dieser Zeit nicht vorbereitet war, wissenschaftliche Analysen der Landschaft und des Menschen zu erhalten, mochten sie es, diese Analyse durch Poesien nähergebracht zu bekommen, die historische Bezüge einer Landschaft enthielten. Die beiden Werke der Dichter Lissauer und Braun bewahrten in dieser Hinsicht eine gewisse Authentizität des Österreichs der 1920er Jahre. In ihren Werken zeichnen sie ein Bild von der Harmonie zwischen Landschaft und Menschen und dem neuen österreichischen Staat als Hüter alter Werte.4

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem österreichischen Menschen. In dieser Arbeit wird die Eigenart des Österreichertums im 1920er Jahre anhand untersucht. Es sind sieben Autoren gewählt, die eine spannende – außer Hans Prager - Neuinterpretation der österreichischen Identität bieten.

1 Hugo von Hofmannsthal – Die Bedeutung unseres Kunstgewerbes für den Wiederaufbau

Hugo von Hofmannsthal schrieb in seinem Aufsatz „Die Bedeutung unseres Kunstgewerbes für den Wiederaufbau“ über die Leistungen des österreichischen Kunstgewerbes. Er war sehr überrascht, dass die Produkte der Wiener Werkstätte in den Köpfen der Menschen lebendig blieben und auf seltsame Weise von einem ganz bestimmten österreichischen Kulturmedium vermittelt wurden, das zu Gunsten Österreichs geschätzt und registriert wurde. Hofmannsthal sprach von einem sehr wichtigen Element im österreichischen Kunstgewerbe, dem sogenannten kultivierten Bäuerlichen. Er wies darauf hin, dass das Wort Kultur in seiner Zeit überbewertet wurde, dass die Kultur ein jahrhundertealter Volksstil ist und sich in einem sehr spezifischen Geschmack manifestierte, der den Bräuchen, Sitten etc. ihren Charakter verliehen. Hofmannsthal kritisiert das alte Österreich, weil es die österreichische Kultur als eine erschöpfte Kultur darstellte. Seiner Meinung nach war im alten Österreich die österreichische Kultur weitgehend vernachlässigt worden, und sei unerträglich gewesen, dass die Verwaltung und Kultur ungleich behandelt wurden. Durch diese Analogie wurde die österreichische Kultur im alten Österreich tatsächlich zum Sprengstoff. Hofmannsthal wollte diese Situation in der Ersten Republik ändern, weil die Österreicher seiner Meinung nach in unerschöpflichen, folkloristischen Elementen standen und das historische, geographische und wirtschaftliche Prinzip des Kontinuums sehr hoch zurückkehren würde. Hofmannsthal erwähnte in seinem Aufsatz die Deutschen, indem er einen Vergleich zwischen Deutschen und Österreichern anstellte. Hofmannsthal behauptete, dass die Österreicher von den Deutschen etwas lernen könnten: sich klar zu werden und durch die Seele zu arbeiten. Hofmannsthal wies darauf hin, dass die deutsche Werkkultur in eine unsichere Situation geraten war und die Deutschen das Konzept der Heimatkultur zurückbringen wollten. Die Österreicher beteiligten sich nicht an dieser Bewegung, denn sie wurde sowieso von Generation zu Generation durch Individuen weiter ergänzt, die aus einer starken bäuerlichen Tradition stammten, zu der die Hauskunst und die Landschaft gehörten. Hofmannsthal meinte, dass sich die Österreicher dadurch in einer klar umrissenen und günstigen Situation gegenüber dem „großen Bruder“ befanden.5

Hofmannsthal bezeichnet das bäuerliche Element in Österreich als drittes Element. Er definiert dieses Element als überragenden Arbeitsgenuss, als direkte Entfaltung von Arbeit und Arbeitszufriedenheit. Hofmannsthal bevorzugte in diesem Sinne eher einen kleinen als einen großen Staat, weil die kleinen Staaten immer die Kultur im höchsten Sinne schaffen würden und damit Österreich als kleiner Staat der Träger von Weltkultur sei. Hofmannsthal behauptete, dass die Österreicher auch einen Nachteil hätten, und das sei die Überschätzung des Gegners, der dazu neige, die Begriffe der Geschichte, Tradition und Pietät gegen die Vergangenheit auszuspielen. Hofmannsthal sah im Burgtheater etwa ein unglückliches Gebäude und das Kriegsministerium fand er so hässlich, dass nur ein Staat, der nicht an sich glaubt, so bauen könne und diese Menschen keinen Grund hätten, über Pietät zu sprechen. Hofmannsthal betonte, dass die Künstler aus diesem hervorragenden Kunstbesitz das Struktive und Geistige lernen wollten, während diejenigen, die das Wort Pietät verwendeten, das Ornamentale dieser Kunstbeherrschung nur auf eine etwas geschützte Weise fortsetzen wollten. Hofmannsthal betonte, dass ein großer Teil des sozialen Elements im Ornament – am Tempel, an der Waffe, an der Kleidung – stecke, wo es sich als wertvoller Bestandteil der österreichischen Öffentlichkeit anfühlen würde und die einzige Art der glaubensbasierten Weltgemeinschaft sein könne. Dieser Glaube beruhe auf qualitativ hochwertiger Arbeit. In diesem Selbstverständnis widersetze sie sich dem wichtigen Faktor als Protektor und Konsument, und das sei der Staat. Hofmannsthal behauptete, dass sich der Staat im inneren Zusammentreffen von Ästhetik und Ethik gerade in jenen Dingen wiederfinde, die Arbeit beseelten.6 So befürwortete er zum Beispiel auch, dass die Österreicher im Bereich der Schulreform die Möglichkeit hatten, als aktive Deutsche einen vorbildlichen Teil davon zu übernehmen,7 denn die Wiener Kunstgewerbeschule unter der Leitung von Alfred Rolles spielte im gesamten deutschen Sprachgebiet eine bedeutende Rolle bei der Schulreform. Zum ersten Mal konnten die „deutschen Österreicher“ einen erheblichen Beitrag zur Lösung einer gesamtdeutschen Krise leisten. Der österreichische Werkbund sollte die Umsetzung der Schulreform nicht nur in der ersten österreichischen Republik, sondern auch in der Weimarer Republik unterstützen und den kulturellen Austausch zwischen Österreich und Deutschland während des Krieges fortsetzen. Hier zeigte Hofmannsthal seine Unfähigkeit, auch nach dem verlorenen Krieg auf die Idee der großdeutschen Lösung zu verzichten.8 Laut Hofmannsthal hatte Österreich sein Ziel erreicht, eine Art Beamten zu produzieren, bei der sich der freie Mensch, der Kulturmensch, der kluge Mensch voll und ganz mit einem gewissenhaften Beamten identifizieren konnte.9

Otto Neurath schrieb im Jahr 1921 zu einem wichtigen Thema im Diskurs über den Österreicher, nämlich das Konzept des Vollmenschen.10 Neurath definierte diesen Begriff folgendermaßen: „Der Vollmensch wird wieder unser Ideal, Teilmenschen, Spezialisten, empfindet man immer als notwendige Übel“.11 Er plädierte für einen Überblick über die Welt und die Menschheit,12 ein Ansatz, der denjenigen der nachfolgenden Autoren zum Thema des „österreichischen Menschen“ Voraussetzung war.13 Oskar Schmitz huldigte dem Vollmenschen dieser Definition und nach diesem Konstrukt sollte der „österreichische Mensch“ sein außerordentliches Potenzial in der Ersten Republik entfalten können.14 Neurath behauptete, dass der Vollmensch mit allen seinen Fähigkeiten ein mehr oder weniger begehrenswertes Ziel für größere Kreise werde.15

2 Robert Musil – Buridans Österreicher

Robert Musil verband den österreichischen Fall mit der bevorstehenden österreichischen Wahl zwischen der Donauföderation und Großdeutschland. Musil nutzte die Gelegenheit, um den Anschluss an Deutschland als beste Lösung zu empfehlen, da Österreich sonst weiterhin als ein europäisches Naturschutzgebiet verfallen würde.16 Das Thema von Musils „Buridans Österreicher“ ist ein Aufruf zur Entdeckung der österreichischen Kultur als Lebensziel. Musil bemerkte, dass Buridans guter Österreicher die österreichische Kultur entdeckte: „Österreich hat Grillparzer und Karl Kraus. Es hat Bahr und Hugo von Hofmannsthal. Für alle Fälle auch die ‚Neue Freie Presse‘ und den ésprit de finesse.“17 Musil beschreibt die österreichische Kultur als eine Kultur, die einige ihrer wichtigsten Söhne ins Ausland verloren habe,18 aber er betont, dass „es nicht eine österreichische Kultur bleibt, sondern ein begabtes Land, das einen Überschuß an Denkern, Dichtern, Schauspielern [...] erzeugt.“19 Musil behauptete, dass der Fehler dann auftrete, wenn diese Begebenheit patriotisch verklärt werde: „Wir sind so begabt, Orient und Okzident vermählen sich in uns, Süden und Norden; eine zauberhafte Vielfalt, eine wunderbare Kreuzung von Rassen und Nationen, ein märchenschönes Mit- und Ineinander aller Kulturen, das sind wir. Und alt sind wir.“20 Musil wies darauf hin, dass der österreichische Staat theoretisch ein vorbildlicher Staat sein könnte.21 Musil drückt diesen Fehler folgendermaßen aus: „Ein Staat hat nicht Pech. Oder auch so: er ist nicht Begabung. Er hat Kraft und Gesundheit oder nicht.“22 Laut Musil hatte Österreich diese charakteristischen Merkmale nicht und war daher nur ein begabtes und kultiviertes Land, aber es fehlte die österreichische Kultur. Musil beschrieb die Kultur eines Staates als eine Kultur, die aus der Energie bestehe, mit der Schulen und Forschungszentren geschaffen werden und auf der Grundschicht der sozialen Struktur basiert. Musil betonte, dass aus begabten Menschen nur ein Land geschaffen werde, in dem man sich gut kleidet, aber es sei dann noch nicht in der Lage, modische Kleidung herstellen zu können.23 Musil betonte, dass Buridans Österreicher Frieden zwischen der Spiritualität und der gemeinen Wahrheit schließen könne und es einfach machen sollte, trotzdem er es unterlassen könnte, weil er kompliziert ist.24

Friedrich Torberg stimmte der These von Robert Musil zu, dass der österreichische Mensch zu kompliziert sei, um ihn zu verstehen. Torberg beschrieb es in Form einer eindeutigen Selbstkritik, dass die Österreicher selbst Probleme hätten, sich zu identifizieren.25

3 Hans Prager – Der Österreicher

Hans Prager schrieb in seinem Aufsatz „Der Österreicher“, dass die Darstellung der Menschen und einer Landschaft eine Aufgabe sei, die den Denker anzieht, die aber wissenschaftlich nicht genau zu lösen ist. Prager sprach von der Seele eines Menschen, der in jener Landschaft lebt, und dass die Fülle seines Lebens nur in der Realität verstanden werden könne, in der einzigartige Lebenskräfte ein- und ausströmen. Prager stellte die Frage, wie ein Österreicher beschrieben werden könne, da sich das Leben in Österreich von anderen Staaten unterscheide. Prager definierte Österreich als einen Staat, der sich von Marchfeld bis zum Bodensee erstreckte. Er sagte aber auch, dass Österreich einst an Russland, die Türkei und die Schweiz gegrenzt habe und auch Bayern umfasste. Prager behauptete, dass der Österreicher in eine seltsame Kette von Ereignissen verwickelt sei, und das fange damit an, dass der Österreicher gleichzeitig in zwei seelischen Regionen lebe. Die eine sei die reale und zeitgenössische Welt, die in Bezug auf die Landschaft und Politik klar definiert, besiedelt und lebendig sei. Die zweite sei das schwarz-gelbe Österreich, das in der historischen lebe und als Realität in den Köpfen der meisten Einwohner Österreichs noch präsent sei. So vermische sich in der gleichen Seele eine bereits mythisch gewordene Geschichte mit einer lebendigen Gegenwart, die noch ohne Geschichte ist, was laut Prager innere Spannungen hervorruft und die Tragödie des österreichischen Menschen verursache und bestätige. Prager schrieb, dass Österreich ein weiteres Schicksal habe, das vernachlässigt werde; dieses Schicksal sei Wien und es stelle sich die Frage, wie diese Stadt aufgrund ihrer offensichtlichen Stärke nicht in der Lage war, sich wie andere Städte auszudehnen? Prager antwortete, dass Österreich und Wien nicht nur diese einzigartige Situation nicht aufrechterhalten und stärken konnten, sondern dass das alte Österreich immer mehr geschwächt und schließlich zerstört wurde. Prager behauptete, dass die Stärke einer Nation die Substanz sei, die in allem lebt und die die Bewohner gemeinsam hätten, die zudem untrennbar mit ihrer persönlichen Natur verbunden sei. Prager beschrieb auch Russland als einen Staat mit den gleichen Problemen wie Österreich, jedoch in hohem Maße auch in einer anderen Form. Prager sagte, dass die Art und Weise, wie die Habsburgermonarchie zerstört wurde, dieselbe sei wie die Zerstörung des Römischen Reiches, als das Römertum nicht mehr an das Ideal seines Volkes gebunden war.26 Aber Prager stellte die Frage, „ob das Österreichische jemals in den Bewohnern eine solche Substanz gebildet hat?“27 Ihm zufolge wurde das Habsburgerreich durch Eheverträge und nicht durch den Willen des Volkes geschaffen. Prager sagte, wenn es Österreich nicht gäbe, würde es geschaffen werden, indem bewiesen wurde, dass das Bewusstsein für den gebauten Charakter des Reiches von vielen als selbstverständlich angenommen wurde. Laut Prager waren Österreich und seine Bewohner problematisch. Aber Probleme entfernen den Menschen vom Boden, lassen ihn ´schweben´, sodass er selten den Boden berühren kann.28

Prager behauptete, wenn man das Wesen des österreichischen Menschen darstellen wolle, dann sollte man niemals vergessen, dass er sowohl in der Monarchie als auch in der Republik eher zu den Einschränkungen und Tatsachen der Nähe stärkeren Bezug hatte. Prager verglich Alt- und Neuösterreich und sagte, dass das alte Österreich im Vergleich zum neuen groß war und umfassendere geopolitische Möglichkeiten enthielt und fügt hinzu, dass der Deutschösterreicher für sehr kurze Zeit auf die Region seiner Sprache und Kultur zurückgeworfen wurde. Laut Prager war das neue Österreich ein enges und kleines Gebiet. Prager behauptete, dass dieses Paradox kein eindeutig positiver Wert gewesen sei und der Deutschösterreicher dieses kleine Territorium als etwas nicht Starkes empfand. Prager stellte die Heimat als etwas völlig ruhiges dar, als ein Asyl des Friedens jenseits jeglicher Instabilität, aber der Österreicher verstehe das nur im engsten räumlichen Sinne. Für Prager war das Vaterland eine dynamische Welt, die im Verhältnis zu anderen persönlichen Erfahrungen beeindruckend war und zur Referenz wurde. Prager behauptete, dass der österreichische Patriotismus dem Herrscherhaus näher war und die drei Begriffe Heimat, Vaterland und Reich dem österreichischen Patriotismus viele Spannungen brachte. Prager beschränkte die Heimat auf das Kronland und sah das Vaterland als das Land, in dem deutsch gesprochen und empfunden wurde. Aus diesem Grund müsse der Deutschösterreicher zwischen dem engeren Heimatgefühl und dem vagen Patriotismus hin- und herpendeln. Prager wies darauf hin, dass sich auch der neue Österreicher mit einer anderen Kulturwelt auseinandersetzen müsse, die über seine Grenzen hinausreiche, und forderte die Heimat in der deutschen Kultur, denn sonst könnte der Österreicher nicht existieren. Prager porträtierte die Russen als Menschen am Rande des Wahnsinns und die Briten als das gesunde Modell. In diesem Schema stellt Prager die Österreicher in die Mitte und beschrieb die Österreicher als geistig und nervös in einer allgegenwärtigen Fluktuation und darauf bedacht, die Irritation zu überwinden. Prager beschrieb den Deutschösterreicher als nicht ganz zuversichtlich in sein Nationalbewusstsein, so wie etwa die Franzosen oder Briten. Laut Prager am wichtigsten war, dass das Volk sich immer mit anderen verbunden sehe und nicht schwach sei. Es könne sich auch lebhaft auf die besondere Eigenart beziehen und darin kreativ sein. Prager stellte diese Form von Flucht als ein Wesen an sich dar und als eine Rückkehr zu sich selbst, nicht etwa als Ausgang. Auf diese Arten verbundene Personen seien immer auf der Suche nach ihrer Heimat. Prager warf die Frage auf, warum der Österreicher eine so unverständliche charakteristische Stimmung habe; er erwiderte, dass der Österreicher nie wirklich in seiner Heimat sei, nicht in sich selbst und nicht in der Welt und er habe daher keine Macht, im autarken Besitz seines Wesens zu bleiben. Prager fügte hinzu, dass der Österreicher die Welt nicht mit einem starken und glücklichen Glauben aufbauen könne. Natürlich stellte Prager den Österreicher aber nicht als Sklavennatur dar. Laut Prager fehlte dem Österreicher zugleich auch die Fähigkeit zu grenzenloser Demut, die etwa in der russischen Seele wohne, und all dies erwecke den Eindruck, dass der Österreicher sehr wenig Selbstachtung habe. Prager wies darauf hin, dass es das österreichische Schicksal sei, immer den guten Willen der Großmächte gewinnen zu müssen, weil die Angst vor Naturkatastrophen unbewusst und bewusst das politische Leben beherrsche. Laut Prager drang diese Sorge auch in die Seele des Menschen der Landschaft ein und der Mensch dieser Art wünschte sich das Wohl Anderer aus Angst, dass er an seiner Strenge scheitern könnte. Prager behauptete, dass die österreichische Güte aus dem Akt des Auslebens aller Instinkte entspringe, die das eigene Leben erleichtern und das Leben anderer nicht beeinträchtigen könnten. Laut Prager hat diese Güte das Reich lange am Leben erhalten und durch dies habe die Politik eine unbewusste österreichische Natur geschaffen. Prager wies darauf hin, dass alles, was erarbeitet wird, an einem Tag zusammenbrechen wird.29

Neben Prager beschreibt Rudolf Kassner den Unterschied zwischen Russen und Österreichern ganz anders. Kassner vergleicht den Eigensinn Österreichs und Russlands: Laut Kassner sei der österreichische Eigensinn konservativ, während der russische Eigensinn üblich wie ein Aufstand sei.30

Prager stellte die Frage, was man unter der österreichischen Trauer versteht und er stellte einen Vergleich an mit der russischen Trauer. Prager wies darauf hin, dass die russische Trauer tragischer als die österreichische sei, weil es zu der unendlichen Steppe gehöre, in der er lebe, und die Trauer sei immer in seiner Nähe und in seiner Heimat, während die österreichische Trauer nicht aus der Landschaft stamme, weil sie fröhlich und hervorragend sei. Prager behauptete, dass die Österreicher ihr Leiden durch Selbstachtung fühlten und die österreichische Bitterkeit schwach und immer wütend auf sich selbst sei. Prager wies darauf hin, dass dies der Grund sei, warum die Österreicher leiden.31

Prager verglich die Österreicher auch mit dem Deutschen Reich. Prager stellte die schöpferischen Kräfte, die dem schwebenden Menschen verliehen würden, als unendlich und vielfältig dar, ohne definitive Gewissheit, reich und zirkulär. Prager wies darauf hin, dass die gesamte Luft, die eine Person in dieser Art umgibt, mit Energie gefüllt sei, die immer zu Entladung bereit sei, immer in Bewegung, aber niemals dicht genug sei, um sichtbar zu werden. Prager behauptete, dass von dieser undefinierbaren Natur das gesamte österreichische geistige Eigentum stamme. Prager stellte die Österreicher als Lebewesen nicht nur an der Grenze im geopolitischen Sinne dar, sondern auch als bürgerlich und künstlerisch ungeordnet. Prager betrachtete die österreichische Natur und das Talent als bedeutungslos und betonte daher, dass es am besten sei, sie allgemein als künstlerisch zu bezeichnen. Prager stellte die Österreicher als Menschen dar, die mit Musik leben, und stellte die Musik als Symbol dar, das den Menschen mehr Wissen über die Möglichkeit aller Dinge und weniger über diese oder jene Wirklichkeit vermittelte, die daraus entstanden ist. Laut Prager ist der Österreicher deshalb hinsichtlich konkreter Existenzbedürfnisse so schlecht begabt, weil in dieser Hinsicht sein Realitätssinn überwältigt ist von seiner Fähigkeit, viele mögliche Dinge zu versuchen und zu verstehen.32 Prager wies darauf hin, dass das Barock den österreichischen Stil darstelle. Prager definierte das Barock als eine Bewegung, die zu sich selbst zurückkehrt sei. Das Barock behandelte die Höhe, Tiefe und Breite zugleich und keine Dimension stand über der anderen. Prager erstellte am Ende seines Aufsatzes „Der Österreicher“ ein Schema, in dem der den Österreicher wie folgt beschrieb:33

[...]


1 William M. Johnston, Der österreichische Mensch. Kulturgeschichte der Eigenart Österreichs (=Studien zu Politik und Verwaltung, Wien u.a. 2010), S. 145f.

2 Ebda., S. 189

3 Ebda.

4 Ebda., S. 203f.

5 Hugo von Hofmannsthal, Die Bedeutung unseres Kunstgewerbes für den Wiederaufbau. Ansprache an die Mitglieder des österreichischen Werkbundes, in: Reden und Aufsätze 2 (1979), S. 55-68, hier S. 57ff.

6 Ebda., S. 62ff.

7 Ebda., S. 67.

8 Johnston, Der österreichische Mensch, S. 152.

9 Hofmannsthal, Die Bedeutung, S. 67f.

10 Johnston, Der österreichische Mensch, S. 152.

11 Otto Neurath, Menschheit, in: Rudolf Haller und Heiner Rutte (Hg.), Gesammelte philosophische und methodologische Schriften (Wien 1981), S. 197-201, S. 197.

12 Ebda.

13 Johnston, Der österreichische Mensch, S. 153.

14 Ebda.

15 Neurath, Menschheit, S. 198.

16 Robert Musil, Der deutsche Mensch als Symptom. Reden und Aufsätze zur Politik (Wien 2014), S. 28ff.

17 Ebda. S. 28.

18 Ebda.

19 Ebda.

20 Ebda.

21 Ebda., S. 29.

22 Ebda.

23 Ebda.

24 Ebda. S. 30.

25 Friedrich Torberg, Selbstgericht in der Literatur. Versuche von Grillparzer bis Karl Kraus, in: Otto Schulmeister (Hg.), Spectrum Austriae (Wien 1957), S. 614-645, hier S. 617.

26 Hans Prager, Der Österreicher, in: Erwin Rieger (Hg.), Ewiges Österreich. Ein Spiegel seiner Kultur (Wien 1928), S. 211-239, hier S. 211ff

27 Ebda., S. 216.

28 Ebda., S. 216f.

29 Ebda., S. 219ff.

30 Rudolf Kassner, Die innere Struktur Oesterreichs, in: Sämtliche Werke 10 (1991), S. 517-522, hier S. 519.

31 Prager, Der Österreicher., S. 224ff.

32 Ebda., S. 228ff.

33 Ebda., S. 230ff.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der "österreichische Mensch" und die "österreichische Kultur" als politisches Programm
Jahr
2020
Seiten
20
Katalognummer
V541046
ISBN (eBook)
9783346177537
ISBN (Buch)
9783346177544
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kultur, mensch, programm, österreich, Hugo von Hofmannsthal, Robert Musil, Oskar Schmitz, Hugo Hassinger, Ernst Lisauer, Felix Braun, Hans Prager, Österreichertum
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Der "österreichische Mensch" und die "österreichische Kultur" als politisches Programm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541046

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