Berninis Reise an den französischen Hof 1665. Biographische Kontexte und historische Rahmenbedingungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

40 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung

2. Das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609-1694) als Quelle

3. Die Vorgeschichte der Frankreichreise

4. Berninis Reise in der Tradition der Künstlerrekrutierung von italienischen Künstlern nach Frankreich

5. Berninis Reise im allgemeinen Kontext frühneuzeitlicher Reisen von Künstlern

6. Der Prestige- und Symbolwert von Berninis Präsenz in Frankreich im Kontext der Rivalität Rom/Paris

7. Bernini im Konflikt mit dem französischen Hof
7.1 Bernini als fremder Künstlertypus
7.2 Bernini im Konflikt mit den französischen Hofstrukturen

8. Fazit und Ausblick

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung

Gegen Ende des Monats Mai 1665, als der König in Saint-Germain-en-Layer residierte, verbreitete sich die Neuigkeit, der Cavaliere Bernini sei in Frank reich angekommen und es ging das Gerücht, daß Seine Majestät ihm nicht nur vor der Abreise aus Rom 3 000 Pistolen habe vorauszahlen lassen, sondern auch ein Troß ausgeschickt worden sei […] und der Befehl ergangen sei, ihn auf allen Stationen seiner Reise öffentlich zu empfangen und zu logieren.“1

Mit diesem Zitat als Einstieg aus dem Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609 -1694) will die vorliegende Arbeit den Frankreichaufenthalt Gianlorenzo Berninis, auf dessen besondere Bedeutung das Zitat bereits verweist, im Rahmen des Masterseminars „Frankreich und Italien. Politischer Paragone und künstlerische Translatio“ untersuchen.

Ziel der Arbeit ist dabei Folgendes: Der Frankreichaufenthalt Berninis im Jahr 1665 soll aus einer biographischen, kunstsoziologisch-historischen Perspektive betrachtet werden, das heißt nicht die Kunstwerke und die Architektur Berninis in Frankreich selbst, sondern die realhistorischen Kontexte und Rahmenbedingungen der Reise sollen im Vordergrund stehen. Die Leitfragen sollen dabei sein, welche Erkenntnisse uns dazu die Hauptquelle dieser Arbeit, nämlich das Tagebuch Chantelous liefert und zweitens welche charakteristischen Rahmenbedingungen und individuellen Konfliktebenen die Parisreise Berninis aus der biographisch-historischen Perspektive aufweist. Chronologisch gesehen wird in dieser Arbeit auch die Vorgeschichte der Frankreichreise behandelt. Ende des behandelten Zeitraums markiert die Abreise Berninis aus Paris am 20. Oktober 1665.

Teil dieser Einleitung soll auch eine kurze theoretische Reflexion zum Sinn einer solch biographischen Forschung bzw. Erforschung eines Einzelfalls im übergeordneten Zusammenhang des Masterseminars „Frankreich und Italien. Politischer Paragone und künstlerische Translatio“ sein: Was macht es für einen Sinn sich mit dem Aufenthalt eines einzelnen italienischen Künstlers in Frankreich gegenüber einer Gesamtanalyse der jahrhundertelangen Austauschprozesse und Konkurrenzmodelle zwischen Frankreich und Italien zu beschäftigen? Die Antwort liegt in der Individualität des Subjekts „Mensch“ und den Chancen des Einzelfalls begründet. Genauso wichtig wie eine Theorie über alle italienischen Künstler am französischen Hof im 17. Jahrhundert oder der gesamten Frühen Neuzeit, ist auch die Darstellung von Einzelfällen, die den einzelnen Künstler mit seiner Vorgeschichte, seinen Charaktereigentümlichkeiten und Kontexten betrachtet. Für die Wissenschaft erfüllen Einzelstudien eine wichtige Funktion, da sie die Theorien davor bewahren in allzu abstrakten Prozessen und Strukturen hängen zu bleiben und sich nicht zu weit von der tatsächlichen Praxis, den einzelnen Quellen zu entfernen.2 Das bedeutet, dass eine Einzelstudie wie die Vorliegende auch immer eine Chance ist, Ungewöhnliches, eben Individuelles zu entdecken und übergeordnete Theorien, wie z.B. die der Kulturbegegnung Gallità/Italianità oder des Translatiogedankens zu erweitern. Am Ende soll es das Ziel einer solchen Arbeit sein, eine einzelne historische Person mit den größeren Kontexten in Beziehung zu setzen und letztlich im besten Fall zu einer Wechselwirkung zwischen Individuum und Strukturen, zwischen Einzelfall und Theorie zu gelangen.3

Im Hinblick auf die verwendete Forschungsliteratur geht es ihr inhaltlich vor allem darum, kritische Werke zur Biografie Berninis4 und seiner Frankreichreise5 mit Werken zu kombinieren, die übergeordnete Kontexte, politische und sozio-kulturelle Bedingungen für Berninis Aufenthalt und den Künstler im 17. Jahrhundert allgemein6, und vor allem für die damalige Beziehung zwischen französischem Hof und dem päpstlichen Rom7 erläutern. Sprachlich gesehen versucht die Arbeit die wichtigsten französischen8, italienischen9, deutschen10 und englischen11 Forschungsbeiträge auszubalancieren, die sich mit Berninis Reise befasst haben. Zu den Grundproblemen der Forschungsliteratur zu Berninis Reise zählen vor allem zwei Aspekte: Zum Einen macht es die Fülle von unterschiedlichen Standpunkten und Parteinahmen in den Quellen zu Berninis Reise schwer, der historischen Wahrheit auf die Spur zu kommen, sodass man gründliche, vergleichende Quellenkritik üben muss, um die Darstellungen auszubalancieren.12 Berninis Aufenthalt war eine spannungsreiche, konflikthafte Reise, was sich daher auch in den unterschiedlichen Sichtweisen der Quellen widerspiegelt. Das zweite Problem ist, dass weite Teile der Sekundärliteratur stark von einer anekdotischen und ereignisgeschichtlichen Darstellungsform geprägt sind.13 Daher versucht diese Arbeit genau hier anzusetzen und einen systematischen, thematisch-sortierten Zugang zur Frankreichreise zu wählen.

Im Hinblick auf die verwendeten Quellen liegt der Schwerpunkt der Arbeit auf dem Tagebuch des Haushofmeisters Paul Fréart de Chantelou14. Daher wird diese Quelle in einem eigenen Kapitel im Anschluss an die Einleitung diskutiert. Es gibt aber auch zahlreiche andere Briefe und Memoiren von Personen, die zeitgenössische Beobachter oder Teil der Reise Berninis und deren Konflikte waren.15 Außerdem gibt es auch zwei Berniniviten von Filippo Baldinucci16 und Berninis Sohn Domenico Bernini17 die allerdings im Nachhinein über Berninis Aufenthalt berichten. Dabei ist zu erwähnen, dass Baldinuccis Werk abgesehen von wenigen ergänzenden Quellen, auch wenn es früher publiziert wurde, auf der Lebensbeschreibung des jüngeren Bernini beruht.18 Auch diese beiden genannten Viten werden in der Arbeit als Ergänzung zu Chantelou berücksichtigt und in Kapitel 2 im Vergleich zu Chantelou diskutiert.

Die Arbeit möchte den beiden Leitfragen nach der Quelle „Chantelou“ und den wichtigsten historisch-biographischen Kontexten der Reise Berninis in folgender Weise nachgehen:

Zunächst soll das Tagebuch von Chantelou in Kapitel 2 als Quelle vorgestellt und diskutiert werden. Im Anschluss wird dann die diplomatische und kulturpolitische Vorgeschichte von Berninis Berufung nach Frankreich in Kapitel 3 beleuchtet. In den folgenden beiden Kapiteln 4 und 5 wird Berninis Berufung im Kontext der Tradition von italienischer Künstlerrekrutierung nach Frankreich, sowie im Kontext der allgemeinen, berufsbedingten Mobilität von Künstlern der Frühen Neuzeit betrachtet.

Der besondere Prestige- und Symbolwert von Berninis Präsenz in Frankreich wird im Kontext des Translatiogedankens und der Rivalität zwischen Ludwig XIV. und Papst im darauffolgenden Kapitel 6 genauer untersucht. Die Fremdheit des Künstlertyps Bernini und seine Probleme mit der französischen Hofstruktur werden zuletzt in Kapitel 7 als zwei grundlegende Konfliktebenen von Berninis Aufenthalt in Paris nachvollzogen.

2. Das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609-1694) als Quelle

Der 5-monatige Aufenthalt von Gianlorenzo Bernini am französischen Hof im Sommer des Jahres 1665 ist von diversen Beobachtern überliefert. Das ausführlichste und anschaulichste Dokument19 ist dabei aber das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609-1694), das seit 2006 in einer deutschen, sorgfältig kommentierten Neuedition mit Begleitaufsätzen erschienen ist.20

Wieso schrieb jener Chantelou über diesen Aufenthalt? Im Tagebuch steht geschrieben, dass man am 1. Juni 1665, kurz vor Berninis Ankunft, den Haushofmeister Paul Frèart de Chantelou dazu anwies, Bernini entgegenzureisen und ihn auf seiner Anreise möglichst ehrenvoll zu empfangen.21 Chantelou wurde nämlich mit dem Auftrag versehen, dem 66 jährigen Künstler als Fremdenführer, Dolmetscher und ständige Begleitung zur Seite zu stehen.22

Wie kam man gerade auf Chantelou? Für Chantelou sprachen mehrere Aspekte. Seine exzellenten Italienischkenntnisse23, dass er sich als Kunstsammler und Kenner vor allem im italienischen Raum ausweisen konnte24 und dass er schon vor Berninis Zeit in Paris mit wichtigen diplomatischen Missionen Italien betreffend unterwegs gewesen war.25 Schon zwischen 1640 und 1642 wurde Chantelou mehrmals mit diplomatischen Briefen nach Rom zu Papst Urban VIII. gesandt, und sollte für die königlichen Bauten Kunstwerke, Kopien, aber auch potentielle Künstler auskundschaften.26 Zudem hatte Chantelou mit Nicolas Poussin, einem anderen französischen Maler, der in Rom lebte, auch einen wichtigen Kontakt nach Italien aufgebaut27, der als Vermittler in der späteren Louvre-Krise fungieren sollte28.

Persönlich noch stärker hervortreten konnte er im Sommer 1664. Ein Jahr vor Berninis Reise begleitete Chantelou den päpstlichen Legaten bei der Lösung der diplomatischen Krise zwischen Rom und Paris, auf die in Kapitel 3 eingegangen wird.29 Auch damals verfasste Chantelou bereits über jene Reise Memoiren, die Teil der offiziellen Annalen Frankreichs unter Ludwig XIV. wurden.30 Als ein Jahr später mit der „Mission Bernini“ ein Auftrag mit ähnlicher staatspolitischer Relevanz ansteht, kommt der König auf Chantelou wegen seiner Sprachkenntnisse und seiner Vertrautheit mit der Kultur Roms zurück, und bestimmt ihn zum persönlichen Begleiter Berninis.31

Zum Inhalt des Tagebuchs ist Folgendes zu bemerken: Chantelou verfasste, da er sich in seiner Funktion als Begleiter Berninis der besonderen Bedeutung der Reise bewusst war, über die 5 Monate ein Tagebuch in französischer Sprache. Dieses reicht vom 1.Juni 1665 bis zur Abreise Berninis am 20.Oktober 1665 und umfasst auch die Beschreibung einiger Nachwirkungen und der Korrespondenz mit Bernini bis Dezember 1678, die aber nicht Teil dieser Arbeit sind.32

Im Tagebuch schilderte er hauptsächlich Berninis Arbeit an Architekturprojekten und bildhauerischen Aufträgen, erzählt von dessen Konflikten am französischen Hof und von dessen künstlerischem Selbstverständnis.33 Durch die nahezu tägliche Schilderung der Ereignisse gewinnt das Tagebuch als biographisch-historische Quelle einen unschätzbaren Wert, da es viele Details über sein alltägliches Benehmen, Aktivitäten, Gewohnheiten, Wutausbrüche und soziales Verhalten während des Aufenthalts verrät.34 Gleichzeitig nimmt die Quelle aber im Gegensatz zu den Berniniviten nicht nur Bernini in den Blick, sondern spricht auch über Hofstrukturen, Institutionen und andere französische Künstler, womit wichtige Kontexte geliefert werden.35 Das Tagebuch ist allerdings auch als einzigartige Quelle für die Kunstgeschichte anzuerkennen, da viele kunsttheoretische Reflexionen der Zeit und vor allem Berninis aufgegriffen werden.36 In seiner Verbindung ist es dann eine Quelle, die historische Wissenschaften wie Kunstwissenschaften gleichermaßen interessiert. Sowohl Kunsttheoretische Diskussionen wie auch biographische Informationen zu Bernini werden besonders vor dem Hintergrund des politischen Hegemonialstrebens und künstlerisch-wissenschaftlichen Emanzipationsprozesses von Frankreich unter Ludwig XIV interessant.37 Das Tagebuch liefert inhaltlich somit nicht nur die Beschreibung von Bernini als Künstler, sondern auch die Beschreibung eines Künstlers im Rahmen des Wettstreits zwischen Rom und Paris.

Hinsichtlich der Intention muss nach Meinung der Forschung das Tagebuch weniger als privat sondern vielmehr als eine Chronik zur Veröffentlichung gedacht werden, da Bernini vor allem als offizieller Gast und vom Papst kommender Repräsentant Roms gesehen wurde.38 So wie auch schon die Memoiren der vorherigen diplomatischen Missionen Chantelous, berichtet auch dieses Tagebuch über ein Ereignis von staatspolitischer, kunsttheoretischer und außenpolitischer Bedeutung.39 Kunsttheoretische Reflexionen waren durch den politischen Hintergrund der Rivalität zwischen Frankreich und Italien auch für einen breiten Kreis interessant.40

Zuletzt ist zum Stil und der speziellen Perspektive Chantelous im Vergleich zu anderen Quellen Folgendes erwähnenswert:

Im Einleitungstext wurde bereits von den Berniniviten gesprochen, und natürlich kann man auch Chantelous Tagebuch als eine Art Künstlerbiographie sehen. Allerdings sollte man sich des klaren Unterschieds zum eher hagiographischen Charakter der beiden Berniniviten bewusst sein, die im Gegensatz zu Chantelous zwar bewunderndem, aber protokollhaften Stil durchaus das feste Ziel verfolgen, Bernini möglichst glanzvoll darzustellen.41 Außerdem gibt es bei Chantelou kein stringentes literarisches Konzept von Aufstieg, Glanz und Verfall Berninis in Paris, wie etwa in den Künstlerviten Vasaris.42 Es geht Chantelou vorrangig darum, in direkter Weise seine Sicht der Dinge durch Ereignisse und Gespräche am Hof zu schildern.43 Grundeigenschaft des Textes ist dabei ein prosaischer Nachrichtenstil in indirekter Rede, im Stil eines diplomatischen Journals, also eines Gebrauchstextes ohne literarische Stilistik.44 Dadurch entwickelt sich im Kontrast zu den hoch stilisierten Briefen jener Zeit, eine etwas authentischere Annäherung an die Realität.45 Von der in der Forschung oft zitierten Unmittelbarkeit der Quelle zeugen auch die in original italienischer Sprache notierten Aussprüche Berninis im Tagebuch.46 Dies bedeutet allerdings nicht, dass alle Anekdoten, die das Tagebuch erzählt, wahr sind, gerade Rückblenden Berninis in seine Zeit in Rom, müssen immer je nach Einzelfall genauso wie in den anderen Berniniviten unter dem Aspekt der „automitografia“ kritisch beleuchtet werden.47 Genauso ist davon auszugehen, dass Chantelous Bericht, der sich nicht immer mit den Berniniviten deckt, gerade was Berninis Kommentare zu anderen Kunstwerken und Künstlern anbelangt, nur als eine Auswahl zu sehen ist.48

Außerdem sollte man betonen, dass das Tagebuch Chantelous die Gattungsgrenzen einer typischen Chronik, wie etwa jene zur diplomatischen Mission 1664 sprengt.49 Die eigenen Meinungen und Kommentare zu Architektur und Kunst, sowie Urteile zu Personen bringen eindeutig eine individuelle Note in die Quelle und dienen Chantelou auch dazu, sich selbst als Kunstkenner am Hof auszuweisen.50 Gerade in Zeiten des Umbruchs in der Kunstproduktion am Hof (siehe dazu Kapitel 7.1) konnte ein Text wie Chantelous Journal wertvoll werden und ihm Ruhm einbringen.51 In den 1670er Jahren editierte und ergänzte Chantelou dann nochmals das Tagebuch, um seine Stellung bei Hofe zu verbessern, was diese öffentliche Funktion des Werks nochmal unterstreicht.52 Gerade diese individuelle Note wurde in der Forschungsgeschichte zu Chantelous Tagebuch lange vernachlässigt, da der Fokus immer nur auf Bernini lag.53

Gegenseitige Hochschätzung zwischen Bernini und Chantelou, aber vor allem die Hochschätzung Chantelous für Bernini ist weiterhin eines der Charakteristika des Tagebuchs. Im Kreis der Beobachter von Berninis Reise, die uns heute die Quellen liefern, gibt es auf der einen Seite die Biographen, Mitarbeiter und römischen Vertrauten Berninis, die Bernini stark wohlwollend darstellen und auf der anderen Seite die französischen Funktionsträger unter König Ludwig XIV. und Bauminister Jean-Baptiste Colbert, die eher kritisch auf Bernini blicken.54 In Der Forschung wird daher auch von Pro- und Antibiographien Berninis gesprochen.55 Tendenziell ist zwar hervorzuheben, dass Chantelou sich im Gegensatz zu den anderen französischen Quellen sehr loyal und wertschätzend gegenüber Bernini zeigt.56 Die Tatsache, dass Chantelou aber keiner der beiden Gruppen fest zuzuordnen ist, kennzeichnet die neutralere Perspektive seines Tagebuchs.57

Das Manuskript des Tagebuchs gibt es heute als Original-Handschrift nicht mehr, aber man weiß von seiner Existenz durch Perraults Memoiren, der darauf Bezug nimmt.58 Abschriften in Pariser Bibliotheken und ein redigiertes Manuskript aus den 1670er Jahren waren schließlich die Basis für spätere Neuauflegungen.59

3. Die Vorgeschichte der Frankreichreise

Bernini traf am 2.Juni 1665 in Paris ein und reiste am 20.Oktober 1665 ab. Doch die Berufung Berninis nach Frankreich fällt nicht vom Himmel, sie muss vor dem Hintergrund einer längeren historischen Vorgeschichte gesehen werden. Diese ist bestimmt von drei Grundlinien: Zum Einen durch die frühen Verbindungen Berninis zu Frankreich, zweitens durch die diplomatische Krise zwischen Rom und Paris zwischen 1662-1664 und drittens durch eine Krise im Umbau des Louvre. Auf diese Grundlinien soll nun näher eingegangen werden.

Erstens gab schon lange vor der Reise ein wachsendes Interesse an Bernini von Seiten Frankreichs, und mehr oder weniger starke Beziehungen zwischen Bernini in Rom und dem französischen Hof in Paris.60 Immer wieder kontaktierten schon seit 1623 franz. Botschafter Bernini für eine Einladung nach Frankreich.61 Schon Ludwig XIII., also der Vorgänger des Königs, der Bernini an den französischen Hof rief, ließ sich, wie belegt, über die Technik von Berninis Theaterkulissen informieren.62 Erste Aufträge aus Paris gab es für Bernini 1637/1638: 1637 bestellte Kardinal Richelieu bei Bernini eine Marmorbüste und ein Standbild63, 1638 wurde Bernini mit dem Entwurf einer Festdekoration in Rom anlässlich der Geburt von Ludwig XIV. beauftragt.64 Von seiner Geburt an war also Ludwig XIV. mit Bernini schon verbunden. Weiter geht die Geschichte der Beziehungen mit Mazarin65, der nach dem Tod von Papst Urban VIII. eine briefliche Einladung an Bernini verschickte. Bernini diente im Laufe seines Lebens 8 Päpsten66, aber wir müssen uns natürlich klar darüber sein, dass jeder dieser Päpste unterschiedlich war, jeder Pontifikatswechsel eine völlig neue Situation bedeuten konnte und Bernini sich auf einen neuen Arbeitgeber und neue Konkurrenz einstellen musste.67 Diese Lage versuchte Frankreich zu diesem Zeitpunkt auszunutzen, doch Bernini zog damals die Präsenz in Rom vor, um seine Auftragschancen dort zu festigen.68 In den folgenden Jahrzehnten kam es ebenfalls nicht zu einer Einigung. Aber der Kardinalminister suchte oft den Rat Berninis oder machte ihm Offerten.69 Die Verbindungslinie zwischen Bernini und den Hofkreisen brach also auch nach der Ablehnung nicht ab. Als Beispiel dafür herauszuheben ist etwa das Jahr 1661, also 4 Jahre vor der Reise, in dem Bernini wie damals für Ludwig XIV. nun auch für die Feierlichkeiten des neuen französischen Dauphin die Dekorationen entwarf.70

Einen wichtigen Bruch stellten allerdings dann die Jahre 1662 bis 1664 dar: Damit soll die zweite Grundlinie der Vorgeschichte angesprochen werden, die zunehmend politische Bedeutung Berninis und die diplomatische Krise zwischen Rom und Paris. Die Päpste, für die Bernini in Rom arbeitete, achteten streng darauf, dass der Künstler seine Arbeitskraft ausschließlich für sie einsetzte. Dies stand in zunehmendem Konflikt zum Interesse Frankreichs an Bernini. Berninis Kunstschaffen gewann somit immer mehr aufgrund des politischen Hegemonialstreben Frankreichs in Europa, das von einem künstlerisch und wissenschaftlichen Emanzipationsprozess von Italien unter einem jungen, ehrgeizigen Ludwig XIV. begleitet wurde71, eine politische Dimension.

[...]


1 Schneider, Pablo/ Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Bernini in Paris: das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou über den Aufenthalt Gianlorenzo Berninis am Hof Ludwigs XIV., Berlin 2006, S. 9 (Chantelous Vorwort).

2 Vgl. zu diesen Ausführungen etwa Ulrich, Volker: Biografie. Die schwierige Königsdisziplin, auf: https://www.zeit.de/2007/15/P-Biografie [9. April 2007] (Stand 17.03.2020).

3 Vgl. etwa Freytag, Nils/Piereth, Wolfgang: Kursbuch Geschichte, 5. Aktualisierte Auflage, Paderborn 2011, S. 113 ff.; sowie auch Jordan, Stefan: Theorien und Methoden der Geschichtswissenschaft, 2.aktualisierte Auflage, Paderborn 2013, S. 154f.

4 Besonders wichtig sind die kritischen Reflexionen zur Quelle Chantelou im Vergleich zu anderen Quellen bei Delbeke, Maarten/Levy, Evonne/Ostrow, Steven (Hrsg.): Bernini´s Biographies. Critical Essays, Pennsylvania State College 2006, S. 111-143; sowie auch Del Pesco, Daniela: Bernini in Francia. Paul de Chantelou e il journal de voyage du cavalier bernini en france, Neapel 2007, S. 185-202; und letztlich auch Stanic, Milovan: Wer war Paul Fréart de Chantelou?, in: Schneider, Pablo/ Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Bernini in Paris: das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou über den Aufenthalt Gianlorenzo Berninis am Hof Ludwigs XIV, Berlin 2006, S. 273-290.

5 Etwa Karsten, Arne: Bernini. Der Schöpfer des barocken Rom, München 2006; und auch Mormando, Franco: Bernini. His Life and His Rome, Chicago 2011 .

6 Etwa Warnke, Martin: Hofkünstler. Zur Vorgeschichte des modernen Künstlers, Köln 1985; und auch Reinhardt, Volker: Rom, Paris/Versailles – ein Hofvergleich, in: Schneider, Pablo/ Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Bernini in Paris: das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou über den Aufenthalt Gianlorenzo Berninis am Hof Ludwigs XIV, Berlin 2006, S. 291-303.

7 Etwa Erben, Dietrich: Paris und Rom. Die staatlich gelenkten Kunstbeziehungen unter Ludwig XIV, Berlin 2004; aber auch Karsten, Arne: Kunst der Diplomatie. Gianlorenzo Berninis Frankreichreise vor dem Hintergrund der Korsenaffäre 1662/1664, in: Schneider, Pablo/ Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Bernini in Paris: das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou über den Aufenthalt Gianlorenzo Berninis am Hof Ludwigs XIV, Berlin 2006, S. 304-312.

8 Als Beispiel hierfür Dandrieu, Laurent: Le roi et l'architecte: Louis XIV, le Bernin et la fabrique de la gloire, Paris 2015.

9 Etwa Fagiolo dell´Arco, Maurizio: L´immagine del potere. Vita di Giovan Lorenzo Bernini, Bari 2001; und auch Del Pesco: Bernini in Francia.

10 Vor allem alle Aufsätze aus Schneider/ Zitzlsperger: Bernini, S.273-456; aber auch Erben: Paris und Rom.

11 Etwa Delbeke et al. (Hrsg.): Bernini´s Biographies ; aber auch Mormando: Bernini.

12 Auch wenn dem Historiker Arne Karsten zufolge Bernini einer der bestdokumentiertesten Künstler des 17. Jahrhunderts ist, ist die Dokumentation des Frankreich-Aufenthaltes durch die vielen Parteinahmen der Quellen erschwert, vg.l dazu Karsten: Bernini, S.12ff. und Erben: Paris und Rom, S. 51.

13 Als Beispiel sei hierfür vor allem genannt: Gould, Cecil: Bernini in France. An episode in 17th-century history, Princeton NJ 1982; aber auch Fagiolo dell´Arco: Imagine del potere; vgl. zur Problematik auch Erben: Paris und Rom, S.51.

14 Die Arbeit verwendet die 2006 erschienene Neuedition von Schneider/Zitzlsperger: Bernini in Paris; wird in dieser Arbeit aus dem Tagebuchtext belegt, so ist die Fußnote immer auch um das genaue Datum des Tagebucheintrags zusätzlich erweitert.

15 Darunter etwa die Memoiren von Perrault, Charles: Mémoires de ma vie (Neudruck der Edition von Paul Bonnefon, Paris 1909), Paris 1993, S. 147- 182; oder auch Colbert, Jean-Baptiste: Lettres, instructions et mémoires de Colbert, Paris 1861-1882,(Repr. Nendeln 1979), Bd. 5, S. 245-265; und auch die Berichte des Nuntius in Paris bei Schiavo, Armando: Il viaggio del Bernini in Francia nei documenti dell´archivio segreto vaticano, Rom 1957.

16 Baldinucci, Filippo: Vita di Gian Lorenzo Bernini, Rom 1682 (Ed. Sergio Samek Ludovici, Repr. Mailand 1948).

17 Bernini, Domenico: Vita del Cavalier Giovanni Lorenzo Bernini, Rom 1713 (Repr. München 1988).

18 Vgl. Karsten: Bernini, S. 13.

19 Vgl. Erben: Paris und Rom, S. 51.

20 Schneider/Zitzlsperger: Bernini.

21 Vgl. ebd., S. 9. -11. (Chantelou 1. Juni 1665).

22 Vgl. ebd., S.1 (Vorwort).

23 Am 2. Juni 1665 schreibt Chantelou: „ Begrüßte ich ihn und trug ihm mein Kompliment auf Französisch vor. Er verstand offenbar kein Wort, und so fing ich auf Italienisch an.“ (Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 11); vgl. zu Chantelous Italienischkenntnissen auch Zarucchi, Jean Morgan: Bernini and Louis XIV. A Duel of Egos, in: Source. Notes in the History of Art, Vol. 25 (2), Januar 2006, S.32.

24 Vgl. Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 2.

25 Vgl. Stanic: Chantelou, S. 273-290.

26 Vgl. ebd., S. 279.

27 Vgl. ebd., S. 279f.

28 Poussin war auch im Vorfeld von Berninis Berufung zwecks einer Lösung der Louvre-Frage kontaktiert worden, vgl. dazu Erben: Paris und Rom, S. 60.

29 Vgl. Stanic: Chantelou, S. 287.

30 Vgl. Del Pesco: Bernini, S. 186.

31 Vgl. Stanic: Chantelou, S. 288; sowie Gould: Bernini in France, S.26.

32 Vgl. dazu das Inhaltsverzeichnis von Schneider/Zitzlsperger: Bernini.

33 Vgl ebd., S. 2 (Vorwort).

34 Vgl. Karsten: Bernini, S.14.

35 Vgl. Del Pesco: Bernini in Francia., S. 9 und 187.

36 Vgl. ebd., S. 185-187; sowie Karsten: Bernini, S.14.

37 Vgl. Dandrieu: Le roi, S.13f.

38 Vgl. Del Pesco: Bernini in Francia, S. 186 sowie auch Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 2 (Vorwort).

39 Vgl. Del Pesco: Bernini in Francia, S. 186.

40 Vgl. Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 2 (Vorwort).

41 Vgl. dazu Karsten: Bernini, S.14.

42 Vgl. dazu etwa Bock, Julia: Die stille Macht vertrauter Motive. Bewusste und unbewusste Adaption, Zitation und Wahrnehmung von Kunst in der Populärkultur und ihr möglicher Nutzen für die Museumspädagogik, Göttingen 2013, S. 95-108; und auch Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S.2.

43 Vgl. ebd., S.2 (Vorwort).

44 Vgl. ebd., S. 3 (Vorwort).

45 Vgl. Karsten: Bernini, S.14.

46 Vgl. Delbeke et al. (Hrsg.): Bernini´s Biographies, S. 122.

47 Vgl. ebd.

48 So ist es etwa unwahrscheinlich, dass Bernini bei seinem zweimaligen Besuch im Palais du Luxembourg nicht Rubens berühmten Medici-Zyklus kommentierte, vgl. ebd., S. 131.

49 Vgl. Del Pesco: Bernini in Francia, S. 187.

50 Vgl. ebd.

51 Vgl. ebd.

52 Vgl Delbeke et al. (Hrsg.): Bernini´s Biographies, S. 121; sowie auch. Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 2.

53 Vgl. die Betonung dieses Forschungsdesiderates bei Del Pesco: Bernini in Francia, S.11.

54 Vgl, Erben, Dietrich: Erfahrung und Erwartung. Bernini und seine Auftraggeber in Paris, in: Schneider, Pablo/ Zitzlsperger, Philipp (Hrsg.): Bernini in Paris: das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou über den Aufenthalt Gianlorenzo Berninis am Hof Ludwigs XIV, Berlin 2006, S. 358; sowie Gould: Bernini in France, S. 141.

55 Vgl. ebd., S. 143.

56 Vgl. Erben: Erfahrung und Erwartung, S. 358; sowie auch Mormando: Bernini, S. 262f.

57 Vgl. Erben: Erfahrung und Erwartung, S. 358; sowie auch Gould: Bernini in France, S. 143.

58 Vgl. dazu das Vorwort bei Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 3.

59 Vgl. Stanic, Milovan (Hrsg.): Journal de Voyage du Cavalier Bernin en France, Paris 2001, S. 27-28.

60 Vgl. Erben: Paris und Rom, S. 52-62.

61 Folgt man dem Tagebuch Chantelous riet Bernini damals aber der spätere Papst Urban VIII. das Angebot auszuschlagen, da er in seiner Zeit als Nuntius am Pariser Hof gelernt habe, dass von Franzosen nur Intrigen und leere Worte zu erwarten seien, vgl. Chantelou am 22. Juli 1665 in Schneider/Zitzlsperger: Bernini, S. 55f.

62 Gould: Bernini in France, S.7.

63 Vgl. Zitzlsperger,Philipp: Gianlorenzo Bernini. Die Papst- und Herrscherporträts. Zum Verhältnis von Bildnis und Macht, München 2002, S.69-71 sowie S.100-102.

64 Vgl. Erben: Paris und Rom, S. 53.

65 Mazarin arbeitete zuvor als Kunstagent für Richelieu und hatte daher wichtige Kenntnisse, vgl. ebd..

66 Vgl. Zeittafel bei Karsten: Bernini, S. 253-258; sowie Dandrieu: Le roi, S.26.

67 Vgl. Erben: Paris und Rom, S. 54; sowie Mormando: Bernini, S. 247; und auch die Ausführungen bei D. Bernini, 1713, S. 71f; und auch Baldinucci,1682, S. 92f.

68 Vgl. Erben: Paris und Rom, S. 54; sowie auch Gould: Bernini in France, S. 7.

69 Vgl. Erben: Paris und Rom, S.54.

70 Vgl. dazu den Festbericht Archives du Ministère des Affaires Etrangères (Paris), Mémoires et documents: Rome 33, fol. 120-123v; sowie auch Erben: Paris und Rom, S. 54.

71 Vgl. Karsten: Bernini, S. 181.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Berninis Reise an den französischen Hof 1665. Biographische Kontexte und historische Rahmenbedingungen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für italienische Philologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
40
Katalognummer
V541078
ISBN (eBook)
9783346168511
ISBN (Buch)
9783346168528
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berninis, biographische, kontexte, rahmenbedingungen, reise
Arbeit zitieren
Laurian Kanzleiter (Autor), 2020, Berninis Reise an den französischen Hof 1665. Biographische Kontexte und historische Rahmenbedingungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541078

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