Der Frankreichaufenthalt Berninis im Jahr 1665 soll aus einer biographischen, kunstsoziologisch-historischen Perspektive betrachtet werden, das heißt nicht die Kunstwerke und die Architektur Berninis in Frankreich selbst, sondern die realhistorischen Kontexte und Rahmenbedingungen der Reise sollen im Vordergrund stehen. Die Leitfragen sollen dabei sein, welche Erkenntnisse
uns dazu die Hauptquelle dieser Arbeit, nämlich das Tagebuch Chantelous, liefert und zweitens welche charakteristischen Rahmenbedingungen und individuellen Konfliktebenen die Parisreise Berninis aus der biographisch-historischen Perspektive
aufweist. Chronologisch gesehen wird in dieser Arbeit auch die Vorgeschichte der Frankreichreise behandelt. Ende des behandelten Zeitraums markiert die Abreise Berninis aus Paris am 20. Oktober 1665.
Bernini traf am 2.Juni 1665 in Paris ein und reiste am 20.Oktober 1665 ab. Doch die Berufung Berninis nach Frankreich fällt nicht vom Himmel, sie muss vor dem Hintergrund einer längeren historischen Vorgeschichte gesehen werden. Diese ist bestimmt von drei Grundlinien: Zum Einen durch die frühen Verbindungen Berninis zu Frankreich, zweitens durch die diplomatische Krise zwischen Rom und Paris zwischen 1662-1664 und drittens durch eine Krise im Umbau des Louvre.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung
2. Das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609-1694) als Quelle
3. Die Vorgeschichte der Frankreichreise
4. Berninis Reise in der Tradition der Künstlerrekrutierung von italienischen Künstlern nach Frankreich
5. Berninis Reise im allgemeinen Kontext frühneuzeitlicher Reisen von Künstlern
6. Der Prestige- und Symbolwert von Berninis Präsenz in Frankreich im Kontext der Rivalität Rom/Paris
7. Bernini im Konflikt mit dem französischen Hof
7.1 Bernini als fremder Künstlertypus
7.2 Bernini im Konflikt mit den französischen Hofstrukturen
8. Fazit und Ausblick
9. Quellen- und Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Frankreichaufenthalt des Künstlers Gianlorenzo Bernini im Jahr 1665 unter einer biographisch-kunstsoziologisch-historischen Perspektive, wobei insbesondere die realhistorischen Kontexte und Rahmenbedingungen der Reise sowie die Bedeutung des Tagebuchs von Paul Fréart de Chantelou als Hauptquelle im Vordergrund stehen.
- Analyse des Tagebuchs von Paul Fréart de Chantelou als biographisch-historische Quelle.
- Untersuchung der diplomatischen und kulturpolitischen Vorgeschichte der Frankreichreise.
- Einordnung der Reise in die Tradition der Künstlerrekrutierung und frühneuzeitlicher Mobilität.
- Analyse des Prestige- und Symbolwerts von Berninis Präsenz im Kontext der Rivalität zwischen Rom und Paris.
- Untersuchung von Konfliktebenen zwischen Bernini als Künstlertypus und den französischen Hofstrukturen.
Auszug aus dem Buch
Bernini im Konflikt mit dem französischen Hof
Berninis Frankreichepisode 1665 war von Anfang an bis zur Abreise Gegenstand von verschiedenen Konflikten. Bei der Abreise versuchten zwar beide Parteien, Bernini und der Hof, das Gesicht zu wahren, doch hatten beide Parteien hinter den Fassaden voneinander genug. Im Hinblick auf die Realisierung seiner drei Hauptaufgaben (Louvre, Reiterstandbild und Büste) erscheint Berninis Aufenthalt als katastrophales Scheitern. Von seinem Entwurf für den Louvre konnten sich nicht mal Details durchsetzen. Die Porträtbüste wurde in Versailles nicht nur an einer ungünstigen Raumposition angebracht, sondern auch noch durch das Werk seines französischen Konkurrenten Jean Varin um seine eigentlich logische Position gebracht. Das Reiterbildnis wurde umgearbeitet und im Schlosspark von Versailles an unwichtiger Stelle aufgestellt.
Der Theorie, dass Berninis Scheitern in Paris von Anfang an geplant oder vorherzusehen war, ist so nicht zuzustimmen. Denn es war von Anfang an im Interesse des Königs gewesen, nicht nur Bernini zu ehren, sondern auch keine Kosten und Mühen zu scheuen, um Bernini langfristig für die Repräsentation Frankreichs zu gewinnen. Auf der anderen Seite kommt etwa Daniela Del Pesco in ihrem umfassenden Forschungsbericht zu Berninis Reise durchaus zu der starken These, dass der Bruch, der in Berninis Aufenthalt zwischen einem glamourösen Empfang und einer enttäuschenden Ablehnung seiner Ideen stattfand, vor allem als bewusste Herabsetzung Roms und des Papstes verstanden werden muss. Auch Pablo Schneider, Autor der neuesten Publikationen zu Bernini, zeigt, dass man sich am französischen Hof zunehmend bewusst von Bernini als Künstler eines veralteten Stils und eines untergehenden Machtzentrums Rom abgrenzte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung, theoretische und methodische Einführung: Die Einleitung legt das Ziel der Arbeit fest, den Aufenthalt Berninis im Jahr 1665 aus einer biographisch-historischen Perspektive zu beleuchten und dabei das Tagebuch Chantelous als zentrale Quelle zu nutzen.
2. Das Tagebuch des Paul Fréart de Chantelou (1609-1694) als Quelle: Dieses Kapitel diskutiert die Rolle von Paul Fréart de Chantelou als Berninis Begleiter und bewertet sein Tagebuch als eine wertvolle, wenn auch parteiische biographisch-historische Quelle.
3. Die Vorgeschichte der Frankreichreise: Hier werden die politischen und diplomatischen Hintergründe, wie die frühere Korrespondenz und die Krise zwischen Rom und Paris (Korsenaffäre), als Grundlagen für Berninis Berufung analysiert.
4. Berninis Reise in der Tradition der Künstlerrekrutierung von italienischen Künstlern nach Frankreich: Das Kapitel ordnet Berninis Berufung in die langjährige Tradition der Anwerbung italienischer Künstler durch französische Herrscher ein.
5. Berninis Reise im allgemeinen Kontext frühneuzeitlicher Reisen von Künstlern: Hier wird die Reise vor dem Hintergrund der allgemeinen, berufsbedingten Mobilität von Künstlern in der Frühen Neuzeit betrachtet.
6. Der Prestige- und Symbolwert von Berninis Präsenz in Frankreich im Kontext der Rivalität Rom/Paris: Es wird untersucht, wie Berninis Präsenz als Mittel zur Repräsentation der französischen Macht im Wettbewerb mit dem Papsttum instrumentalisiert wurde.
7. Bernini im Konflikt mit dem französischen Hof: Dieses Kapitel analysiert Bernini als fremden Künstlertypus und seine Konflikte mit den spezifischen, elitären französischen Hofstrukturen.
8. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass Berninis Aufenthalt als vielschichtige Konfrontation zu verstehen ist.
9. Quellen- und Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel enthält die bibliographischen Angaben zu den verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Gianlorenzo Bernini, Frankreichreise 1665, Paul Fréart de Chantelou, Hofkunst, Ludwig XIV., Rom-Paris Rivalität, Korsenaffäre, Louvre-Umbau, Künstlerrekrutierung, Absolutismus, Hofzeremoniell, Biographie, Kunsttheorie, Kulturtransfer, Frühneuzeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den fünfmonatigen Aufenthalt des italienischen Künstlers Gianlorenzo Bernini am französischen Hof im Jahr 1665 unter Einbeziehung biographischer, historischer und kunstsoziologischer Aspekte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung des Tagebuchs von Paul Fréart de Chantelou als Quelle, die politische und diplomatische Vorgeschichte der Reise sowie die Konflikte zwischen dem italienischen Künstler und den französischen Hofstrukturen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die realhistorischen Kontexte und die individuellen Konfliktebenen der Parisreise Berninis aufzuzeigen und dabei über eine reine Betrachtung seiner Kunstwerke hinauszugehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine systematische Quellenkritik (insbesondere des Tagebuchs von Chantelou) sowie auf die Analyse historischer Kontexte und fachspezifischer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Vorgeschichte, die Tradition der Künstlerrekrutierung, den Prestigewert der Präsenz Berninis sowie die kulturellen und sozialen Konflikte während seines Aufenthalts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind unter anderem Bernini, Frankreichreise 1665, Chantelou-Tagebuch, Hofkunst, Machtpolitik Ludwigs XIV. und der Konflikt zwischen römischer und französischer Kunstauffassung.
Welche Rolle spielt die "Korsenaffäre" in der Arbeit?
Die Korsenaffäre von 1662 wird als ein entscheidender diplomatischer Konflikt identifiziert, der die politischen Spannungen zwischen Rom und Frankreich verschärfte und Berninis Reise in einen machtpolitischen Kontext stellt.
Warum wird der Aufenthalt Berninis als "Scheitern" betrachtet?
Der Aufenthalt gilt hinsichtlich der Realisierung der konkreten Bau- und Bildhaueraufträge (Louvre, Reiterstandbild, Büste) als gescheitert, da Berninis Entwürfe nicht wie gewünscht umgesetzt oder gar abgelehnt wurden.
- Quote paper
- Laurian Kanzleiter (Author), 2020, Berninis Reise an den französischen Hof 1665. Biographische Kontexte und historische Rahmenbedingungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541078