Der Trittbrettfahrer. Wie und warum unsere Gesellschaft falsche Anreize setzt


Essay, 2020

12 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der Trittbrettfahrer-Begriff

2 Der Trittbrettfahrer-Effekt

3 Die Trittbrett-Kritiker

4 Die Trittbrettfahrer-Logik

5 Die Idee des Trittbrettfahrens

6 Die Tischlerei der Trittbrettfahrer

7 Europa als Trittbrettfahrertischlereikombinat

8 Demographisches Trittbrettfahren

9 Der Generationenvertrag ein Abkommen zum Trittbrettfahren?

10 Import von Trittbretterfahrern?

11 Trittbretter als Migrationsmagneten

12 Trittbrettproduzenten oder Trittbrettfahrer?

13 Energiewende als Trittbrettfahrproblem

14 Der Trittbrettfahrergeist, der stets das Gute will und stets das Böse schafft

15 E-Trittbretter zur Decarbonisierung des Trittbretts

16 Bildungspolitik: Die Einübung des Trittbrettfahrens

17 Ursachen für die Trittbrettfahrermentalität

18 Nullsummenspiel als Trittbrettfahrerdenktheorem

19 Umkehrung des Ausbeutungsverhältnisses

1 Der Trittbrettfahrer-Begriff

Ein Trittbrettfahrer, belehrt der Duden, ist „jemand, der an Unternehmungen anderer Anteil hat, davon zu profitieren versucht, ohne selbst etwas dafür zu tun“.[1] Dieses Sprachbild geht zurück auf die Zeit, als öffentliche und private Verkehrsmittel mit Trittbrettern ausgestattet waren, die es Unberechtigten erlaubten, sich ohne Fahrschein oder Einverständnis des Eigentümers kostenlos befördern zu lassen.

In den europäischen Wohlfahrtsdemokratien ist das Trittbrettfahren so die hier vertretene These zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden, über dessen Ursachen und Folgen sich die Trittbrettfahrer selbst gar nicht mehr bewusst sind. Ganze Bevölkerungsteile stehen mittlerweile auf den Trittbrettern und lassen sich von einer immer kleiner werdenden Anzahl von Fahrern an die erwünschte Haltstelle chauffieren. Im Folgenden soll ein kleiner Werkstattrundgang Idee, Fertigung, Folgen dieses unerwünschten Phänomens erhellen.

2 Der Trittbrettfahrer-Effekt

Ökonomen verstehen unter dem Trittbrettfahrer-Effekt (im Englischen: Free Rider) ein menschliches Verhalten, das darauf abzielt, seinen Nutzen auf Kosten Dritter zu maximieren. Landläufig ist dieser Effekt in der Redewendung „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“ verbreitet. Die Ökonomik erklärt das Phänomen in dem ihr eigenen Jargon etwas abstrakter: So könne bei öffentlichen Gütern „das einzelne Wirtschaftssubjekt aufgrund ökonomischer oder technischer Gründen nicht oder nicht oder nicht vollständig von der Nutzung einmal bereitgestellter Güter ausgeschlossen werden. [...] Es wird bei der Entscheidung seine wahren Präferenzen verschleiern, um nicht zur Finanzierung herangezogen zu werden, wenn es davon ausgehen kann, dass die Güter auch ohne seinen Beitrag bereitgestellt werden. Das Free-Rider-Verhalten ist somit eine Ursache für eine suboptimale Allokation der betreffenden Güter und kann sogar zu einer pareto-ineffizienten Nicht-Bereitstellung führen.“[2]

Viele volkswirtschaftliche Lehrbücher benutzen das Beispiel von Konzerten oder Feuerwerken, um die abstrakte Definition Laien verständlich zu machen: Bei Konzerten oder Feuerwerken kann beispielsweise der Veranstalter, der in der Regel auch die Kosten trägt und Eintrittskarten verkauft, Zuhörer oder Zuschauer nicht vom kostenlosen Mitkonsum ausschließen, weil sich der Schall in der freien Natur oder die explodierende Feuerwerksrakete am Himmel vom unerlaubten Genuss abschirmen lässt. Freilich verursachen die Gratis-Nutzer keine weiteren Kosten, aber das Dilemma besteht darin, dass sie aus physischen Gründen nicht ausgeschlossen werden können. Da die Gratisnutzer aber nicht als Zechpreller dastehen wollen, täuschen sie ihre Mitwelt über ihre unedle Absicht.

3 Die Trittbrett-Kritiker

Nun darf man nicht den Fehler begehen, auf moralischer Ebene den Stab über Trittbrettfahrer zu brechen. Das Feld der Ökonomik ist deskriptiv-analytisch zu bestellen und überlässt es anderen Disziplinen, ethische Tretminen im Sinne der wissenschaftlichen Wertfreiheit unterzupflügen. Das Problem besteht in dem Ensemble falscher Verhaltensanreize bei der Bereitstellung öffentlicher Güter.

Der falsch angereizte Konsument verhält sich im Rahmen seiner zweifelsfrei beschränkten Vernunft durchaus rational, indem er sich keine Eintrittskarte für das Feuerwerk oder das Open-Air-Konzert kauft, es sich stattdessen mit Liegestuhl und Cuba Libre außerhalb bequem macht und die Früchte erntet, die ohne sein Zutun vom Baum fallen. Über die Trittbrettfahrer soll das möge an dieser Stelle nochmals explizit ausgesprochen sein kein Gericht gehalten, keine Anklage formuliert und kein Urteilsspruch gefällt werden. Tribunale werfen stets den größten Schatten auf den Ankläger.

4 Die Trittbrettfahrer-Logik

Fakt ist: Menschen verfolgen Ziele und um diese zu erlangen, wählen sie die Mittel, die ihnen am wenigsten Aufwand abverlangen, wenn sie sich rational verhalten. Verhalten sie sich hingegen irrational, entziehen sie sich einer wissenschaftlichen Analyse. Irrationalität lässt sich aus Gründen der Widerspruchsfreiheit kaum rational, d. h. durch Folge-Ursachen-Beziehungen fassen. Rationales Handeln kann als das Bestreben nach subjektiver Nutzenmehrung beschreiben oder als Austausch eines schlechteren durch einen besseren Zustand.[3]

Auch der Trittbrettfahrer versucht seine Lage zu bessern, nur eben nicht durch Beteiligung an den Kosten des Konsums. Es kommt dabei nicht auf die Frage an, ob es legal oder illegal ist, Trittbrett zu fahren, sich beispielsweise Beförderungsleistungen im öffentlichen Personennahverkehr zu erschleichen oder einem Orgelspieler durch das Belauschen seines Konzerts um den verdienten Eintritt zu bringen. Die gesetzliche Verbotsnorm ist hier nicht entscheidend, da sie lediglich Auskunft darüber gibt, ob dem Gesetzgeber der Free-Rider-Effekt bekannt ist und inwiefern er Nachahmer abschrecken will.

Beim Trittbrettfahren zählt allein das institutionelle Arrangement. Dort, wo Menschen Gelegenheiten für ein „Freelunch“ auf Kosten anderer wittern, werden die meisten von ihnen es auch wahrnehmen, Verbote hin oder her. Dies lässt sich anhand verschiedener gesellschaftlicher Subsysteme illustrieren.

5 Die Idee des Trittbrettfahrens

Die Termitenhaufen der Trittbrettfahrer sind die Sozialstaaten. Gespeist aus dem sozialdemokratischen Gerechtigkeitsideal haben sich die zunächst militanten europäischen Nationalstaaten nach den blutigen Kriegen des 20. Jahrhunderts zu zivilen Umverteilungsmaschinen transformiert. Aus den Ordnungsstaaten sind Sozialstaaten geworden, die zusehends Mühe haben, ihr Sozialhaushalte in Ordnung zu halten. Die kontinentaleuropäischen Staatsquoten konvergieren auf 50 Prozent oder haben diese Hürde wie in Frankreich oder einigen Ländern Skandinaviens bereits überschritten.[4] Aufgrund der Ausweitung der Leistungskataloge sprudeln die Füllhörner des Sozialstaates mittlerweile so üppig, dass die Transfereinkommen der kinderreichen, niedrig qualifizierten Geringverdiener schon längst die Arbeitseinkommen der kinderarmen, höher qualifizierten Industriearbeiter übersteigen.

Für sie lohnt es sich gar nicht, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und die Hälfte der gesammelten Früchte über Steuern, Quasisteuern, Abgaben, Gebühren und Beiträge wieder an andere Menschen auszureichen. Insbesondere die Übernahme der Mieten für Menschen in der Grundsicherung und Beziehern von ALG-II stellt die Frage der sozialen Gerechtigkeit neu, wenn der Geringverdiener mit Transferleistungsbeziehern in den Ballungszentren auf dem Wohnungsmarkt um die günstigen Wohnraum, Sitzplätzen in Arztpraxen oder U-Bahnen konkurrieren muss. Lohnergänzungsleistungen wie Wohngeld, die hier ansetzen, verfehlen ihren Adressatenkreis häufig und laden wiederum zu Mitnahmeeffekten ein.

6 Die Tischlerei der Trittbrettfahrer

Die Finanzpolitik könnte man mit Fug und Recht als Tischlerei der Trittbrettfahrer bezeichnen. In Deutschland hat der Gedanke, dass stärkere Schultern mehr tragen sollen als schwächere, zu einem komplizierten finanziellen Ausgleichssystem auf Ebene der Kommunen und der Bundesländer geführt. Das Solidaritätsprinzip hat das Subsidiaritätsprinzip dabei vollkommen verdrängt. Seit der Gründung der Europäischen Union droht dieses System auch die Mitgliedsstaaten zu überwölben.

Die Logik des Finanzausgleichs, wonach starke Gebietskörperschaften schwache unterstützen sollen, pervertiert immer dann, wenn Finanzpolitiker im Wissen um die Hebelwirkung des Ausgleichssystems auf mehr Finanzkraft verzichtet, weil eventuelle Mehreinnahmen zum schwächeren Nachbarn abfließen. Im Länderfinanzausgleich zahlen finanzstärkere Länder wie Bayern Milliardenbeträge beispielsweise für die kostenfreien Kitas in Berlin, während die eigenen Landeskinder hohe Kita-Gebühren schultern müssen.

7 Europa als Trittbrettfahrertischlereikombinat

Mittlerweile haben die Rettungsmaßnahmen infolge der Eurokrise das Trittbrettfahren auf europäischer Ebene erzwungenermaßen institutionalisiert. Die 1992 im Vertrag von Maastricht vereinbarte Wirtschafts- und Währungsunion verschaffte den südeuropäischen Teilnehmerländern sinkende Zinsen, die viele südeuropäische Politiker verführt haben soziale Versprechungen auf Kredit zu finanzieren.

Nachdem die Finanzmärkte das wachsende Ausfallrisiko Südeuropas 2010 mit steigenden Zinsen eingepreist hatten, musste die Euroländer Rettungsschirme aufspannen und von dem ursprünglich vereinbarten Schuldenvergemeinschaftsverbot[5] Abstand nehmen. Entstanden ist mit dem Europäischen Stabilitätsmechanismus und der Dauerniedrigzins- und Staatsschuldenaufkaufpolitik der EZB eine faktische Transferunion, die es Schuldnerländern ermöglicht, Haftungsrisiken auf Gläubigerländer abzuwälzen.[6]

[...]


[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Trittbrettfahrer (letzter Zugriff: 18.8.2019).

[2] https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/free-rider-verhalten-33255/version-256782 (letzter Zugriff: 18.8.2019).

[3] Vgl. Mises, L. v. 1940: Nationalökonomie. Theorie des Handels und Wirtschaftens, Genf, S. 180, unter: http://docs.mises.de/Mises/Mises_Nationaloekonomie.pdf (letzter Zugriff: 23.3.2020).

[4] Vgl. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/6769/umfrage/staatsquoten-der-eu-laender/ (letzter Zugriff: 23.3.2020)

[5] Siehe Art. 125 AEUV

[6] Vgl. Schwießelmann, C. 2015: Das dritte Griechenlandrettungspaket. Eine politökonomische Analyse einer weiteren Eurorettungsmaßnahme, Norderstedt, hier insb. S. 60ff.

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Details

Titel
Der Trittbrettfahrer. Wie und warum unsere Gesellschaft falsche Anreize setzt
Autor
Jahr
2020
Seiten
12
Katalognummer
V541156
ISBN (eBook)
9783346146663
ISBN (Buch)
9783346146670
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trittbrettfahrer, gesellschaft, anreize
Arbeit zitieren
Christian Schwießelmann (Autor), 2020, Der Trittbrettfahrer. Wie und warum unsere Gesellschaft falsche Anreize setzt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541156

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