Die Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks "Rear Window"

Eine Sequenzanalyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Analyse der Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks REAR WINDOWS
1.2. Aufbau der Sequenz und Einführung des Blickwinkels
2.2. Bildsprache der Sequenz
3.2. Informationsvermittlung durch Bilder
4.2. Tongestaltung der Sequenz

3. Fazit

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In seiner Karriere hat der Regisseur Alfred Hitchcock über 50 Spielfilme gedreht.1

Dabei ist er als der "Master of Suspense" besonders für seine Kriminalfilme berühmt geworden. Nicht nur der Name "Alfred Hitchcock" selbst, sondern auch einige seiner Werke erreichten im Laufe seiner über 60 Jahre andauernden Karriere Kultstatus. Einer dieser Filme ist mit Sicherheit REAR WINDOW (1954), in dem Hitchcock die Geschichte eines an den Rollstuhl gebundenen Fotografen erzählt, der glaubt, in seiner Nachbarschaft einen Mord beobachtet zu haben.

Ebenso so simpel und genial wie die Prämisse des Films gelang auch Hitchcocks Umsetzung: Diese gilt seither in vielen Auflistungen zu den Besten 100 Filmen der Filmgeschichte.2

Doch wie kommt es, dass Alfred Hitchcock einer der weniger Filmemacher ist, der seit jeher sowohl vom Publikum als auch von Kritikern überschwänglich gelobt wurde? Alfred Hitchcock war ein Meister seines Fachs, und vor allem Verstand er die Grundlagen des Filmemachens wie kaum ein Anderer. Vom Drehbuch bis zum Schnitt hatte er stets die volle Kontrolle über den künstlerischen und technischen Prozess: Er verstand sein Handwerk bis ins kleinste Detail. Besonders bei REAR WINDOW, einem Film voller narrativer Restriktionen, wird dieser meisterhafte Umgang mit dem Medium ersichtlich. Hitchcock plant präzise, wann der Zuschauer welche Informationen über Zeit, Ort, Handlung und Charaktere erhält.3

In dieser Arbeit soll die Eröffnungssequenz von REAR WINDOW analysiert werden. Der Film entstand im Jahr 1954 und wurde von Hitchcock auch für Paramount produziert. Das Drehbuch schrieb John Michael Hayes nach der Kurzgeschichte It had to be murder von Cornell Woolrich. Für die Kamera war Robert Burks verantwortlich, den Schnitt übernahm George Tomasini.

Im folgenden Kapitel soll eine Analyse im technischen Bezug auf die Bild- und Tonsprache stattfinden. Vor allem aber soll untersucht werden, wie es Hitchcock gelingt dem Zuschauer auf filmische Art und Weise ohne Dialog stets die benötigten Informationen zu vermitteln. Dieser Analyse liegt dabei die restaurierte DVD-Version des Werkes im Universal Re-Release zugrunde, die am 04.09.2012 veröffentlicht wurde.

2. Analyse der Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks REAR WINDOW

Alfred Hitchcock beschreibt REAR WINDOW als einen vollkommen filmischen Film. Dabei bezieht er sich auf die Anwendung eines Effekts, den Lew Kuleschow in einem Experiment in den 1910er Jahren demonstrierte. Das Experiment zeigte auf, dass ein Zuschauer in die Abfolge von zwei oder mehr Einstellungen mehr hineininterpretiert als in die einzelnen isolierten Shots. In Kuleschows Experiment veränderte sich vor allem die Emotion, die der Zuschauer in ein emotionsloses Gesicht interpretiert, je nachdem welche Einstellung nach dem Gesicht gezeigt wird.4

Eine solche Abfolge von Einstellungen verwendet Hitchcock in REAR WINDOW mit James Steward als voyeuristischem Beobachter und dem Geschehen im Hinterhof. All die Bedeutung der Geschehnisse werden vom Zuschauer in die Abfolge der Einstellungen hineingelesen. Hitchcock macht seinen Film somit unterhaltsam und anspruchsvoll, denn die Rolle des Zuschauers wird zu der des Protagonisten. Um dies zu erreichen, benötig der Zuschauer eine Reihe an Informationen.

Die Eröffnungssequenz soll deshalb besonders als Exposition betrachtet und eingehend darauf untersucht werden, welche Informationen Hitchcock dem Zuschauer wie mitteilt. Hierbei ist besonders die Bildsprache und der eingeschränkte Blickwinkel von REAR WINDOW wichtig, welche bereits in der Eröffnungssequenz etabliert werden.

2.1. Aufbau der Sequenz und Einführung des Blickwinkels

"Da war der unbeweglicher Mann, der nach draußen schaut. Das ist das erste Stück des Films." 5

- Alfred Hitchcock, über REAR WINDOW zu François Truffaut

Die Eröffnungssequenz von REAR WINDOW bis zur ersten Abblende des Films hat inklusive des Vorspanns eine Dauer von 3 Minuten 40 Sekunden und besteht aus nur vier dementsprechend sehr langen Einstellungen.

In diesen vier Einstellungen wird der Grundstein für ein zentrales und wichtiges Element des Films gelegt: Alles passiert in L. B. Jefferies Apartment oder aus der Sicht seines Fensters, dem "Rear Window". Da er mit einem gebrochenen Bein im Rollstuhl sitzt, kann L. B. Jefferies genau wie der Zuschauer im Kino seinen Blickwinkel nicht ändern oder das Apartment verlassen.6

In der ersten Einstellung (Dauer: 1:20 Minuten) sehen wir zunächst ein dreigliedriges Fenster, dessen Jalousien sich nacheinander langsam öffnen während die Titelkarten des Vorspanns eingeblendet werden. Wie ein Vorhang von der Bühne öffnet sich der Blick auf den Hinterhof, welcher Handlungsort des Films sein wird.7

Nachdem die Titelsequenz vorüber ist, betont Hitchcock die Wichtigkeit des Hinterhofes mit einer kurzen Dolly-Zufahrt auf das geöffnete mittlere Fenster. Dem Blick nach Draußen wird somit noch mehr Gewicht gegeben. Gleichzeitig kennt der Zuschauer nun bereits das titelgebende "Rear Window" und dessen räumliche Beziehung zum Hinterhof. Das Apartment selbst bleibt zunächst zweitrangig.

In der zweiten Einstellung (Dauer: 40 Sekunden) wird in einem Schwenk von rechts nach links der Hinterhof gezeigt. Der Blickwinkel ist der selbe, wie in der ersten Einstellung, deshalb entsteht sofort das Gefühl, dass das Geschehen aus dem Fenster heraus betrachtet wird. Die Einstellung wurde in Normal-Brennweite gefilmt und beginnt mit einer Katze, die durch den Hof streunt und die Kamerabewegung motiviert. Die gesamte Räumlichkeit des Hinterhofs wird in der zweiten Einstellung klar und deutlich gezeigt, da der Bildausschnitt groß genug ist und entsprechend viel zeigt. Der Schwenk geht schließlich durch das geöffnete Fenster und bleibt auf James Stewards schweißnasser Stirn ruhen. Der Fokus liegt hierbei klar auf Stewards bildfüllender Stirn, der schlafende Protagonist L. B. Jefferies ist nicht sonderlich zu erkennen.8

In der dritten Einstellung (Dauer: 14 Sekunden) liefert Hitchcock die Antwort auf die Frage, warum Stewards Charakter schwitzt: Die Einstellung beginnt mit einer Detailaufnahme auf ein Thermometer, das ca. 95° Fahrenheit (35°C) anzeigt. Danach fährt die Kamera nach links und man erkennt durch die Fensterfront das Wohnzimmer eines Mannes, des Pianisten, der sich rasiert und ein Radiogerät laufen lässt. Als ein Werbespot ertönt, wechselt er den Kanal. 9

Die vierte und längste Einstellung der Sequenz (Dauer: 1:26 Minuten) stellt einige der Nachbarn sowie den Protagonisten L. B. Jefferies vor. Sie kann als direkte Fortsetzung der dritten Einstellung gelesen werden, da sie den Schwenk über den Hof fortsetzt. Die Verwendung eines Teleobjektivs bei unverändertem Blickwinkel aus dem Fenster macht die Menschen im Hinterhof für den Zuschauer identifizierbar. Ebenso erhascht man erste Einblicke in deren Wohnungen. Spätestens an dieser Stelle werden Hitchcocks voyeuristischen Absichten in REAR WINDOW ersichtlich, da die Nachbarn bei banalen aber überaus persönlichen Alltagshandlungen observiert werden. Die Kamera schwenkt weiter nach links durch das geöffnete Fenster zurück, wo L. B. Jefferies noch immer schläft. Diesmal erkennen wir, dass er mit eingegipstem Bein im Rollstuhl sitzt.

Zählt man die dritte und vierte Einstellung zusammen, handelt es sich bei der Sequenz im Prinzip um drei Establishing-Shots. Die erste Einstellung etabliert das Fenster selbst, die zweite Einstellung den Hinterhof und die dritte/vierte Einstellung die Nachbarn und den Protagonisten L. B. Jefferies.

2.2. Bildsprache der Sequenz

Da die gesamten Eröffnungssequenz keinen Dialog enthält, ist die Bildsprache von besonderer Bedeutung. Das gesamt Blocking der Sequenz besteht aus den Bewegungen der Kamera und den wenigen Vorgängen im morgendlichen Hinterhof, da der Protagonist L. B. Jefferies noch schläft und sich ohnehin wenig bewegt.

Dennoch ist jede Bewegung in der Sequenz motiviert und sinnig. Die erste Dolly- Zufahrt in der ersten Einstellung eröffnet dem Zuschauer die Welt des Hinterhofs als Totale.10 Danach lenkt die Bewegung einer Katze die Kamera in der zweiten Einstellung in den Hof, woraufhin man in einer Normalbrennweite langsam mit dem Hof selbst und schließlich mit der Anwesenheit des schlafenden L. B. Jefferies konfrontiert wird. Um in die nähere Einstellungsgröße zu wechseln bedient sich Hitchcock eines Detail-Shots auf das Thermometer, welches die Hitze erklärt, um mit einer seitlichen Fahrt aus dem Fenster hinaus den Blick auf das Apartment des Musikers freizugeben, der sich gerade rasiert. In der vierten Einstellung, die mit einem weinwinkligeren Objektiv gefilmt wurde, lernen wir durch eine simple aber geniale Aneinanderreihung von Bildern durch einen Kamera-Schwenk die Nachbarn und schließlich L. B. Jefferies selbst kennen.11

Alle Schnitte in der Eröffnungssequenz sind entweder inhaltlich, wie der Schnitt vom Schweiß auf das Thermometer, oder durch eine Bewegung motiviert, wie der Schnitt auf die streunende Katze. Man merkt der Sequenz an, dass sie bereits in Hinblick auf eine entsprechende Montage gefilmt wurde.12

[...]


1 Vgl. IMDb: Alfred Hitchcock. https://www.imdb.com/name/nm0000033/ (abgerufen am 29.03.2019)

2 Vgl. American Film Institute: http://www.afi.com/100years/movies.aspx (abgerufen am 29.03.2019)

3 Vgl. Beier; Seeßlen; 'Alfred Hitchcock' (Berlin: Dieter Berta Verlag, 1999), S. 164 ff.

4 Vgl. François Truffaut, 'Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?', 8. Auflage (München: Wilhelm Heyne Verlag, 2003), S. 211.

5 Truffaut, S. 211.

6 Vgl. Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. (Auszug S. 42 - 155, Stuttgart/Weimar, 2. überarbeitete Auflage., 1996) S. 86 f.

7 Vgl. Beier; Seeßlen; S. 364.

8 Vgl. Gustavo Mercado: The Filmmakers Eye (London: Taylor & Francis Ltd., 2010), S. 131.

9 Vgl. Mercado, S. 13.

10 Vgl. Mercado, S.143.

11 Vgl. Mercado, S.12 u. S. 131

12 Vgl. https://spached.wordpress.com/2012/02/16/hitchcocks-rear-window-adaptation-of- woolrichs-it-had-to-be-murder-an-adaptation-of-words-to-visuals-review/

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Details

Titel
Die Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks "Rear Window"
Untertitel
Eine Sequenzanalyse
Hochschule
Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V541398
ISBN (eBook)
9783346175571
ISBN (Buch)
9783346175588
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sequenzanalyse, Eröffnung, Eröffnungssequenz, Rear Window, Das Fenster zum Hof, Alfred Hitchcock, Hitchcock, Master of Suspense, Hausarbeit, Filmanalyse, Analyse, Filmische Mittel, opening, opening sequence, best films of all time, it had to be murder
Arbeit zitieren
Julian Haisch (Autor:in), 2019, Die Eröffnungssequenz von Alfred Hitchcocks "Rear Window", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/541398

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